Der Roman erzählt die Geschichte von Siggi Jepsen, dessen Vater während des 2. Weltkriegs das Malverbot der Nazis für den Maler Max Ludwig Nansen (für den Emil Nolde als Vorbild diente) durchsetzen muss. Das große Thema des Buches ist die Frage, inwiefern Pflichterfüllung zu Schuld führt. Wo hört die auferlegte Pflicht auf und beginnt die Pflicht, gegen die Pflicht zu handeln?
Es fällt mir nicht leicht, eine Rezension für dieses Buch zu schreiben, denn ich bin nach seiner Lektüre etwas zwiegespalten. Einerseits handelt es sich ganz klar um gute, wichtige Literatur, an der mir auch Vieles gefallen hat, andererseits muss ich feststellen, dass ich mich im vor allem im letzten Drittel eher durchgequält habe. Und zwar vor allem dort, wo Bilder des Malers Max Ludwig Nansen oder expressionistische Malerei allgemein beschrieben werden. Diese Passagen erschließen sich mir einfach nicht. Gut gefällt mir hingegen der ironische Ton insbesondere zu Beginn des Buches. Häufig setzt Lenz als humoristisches Element Übertreibungen ein: „Sie hatten eine sehr große Wohnstube auf Bleekenwarf, einen nicht allzu hohen, aber breiten und vielfenstrigen Raum, in dem mindestens neunhundert Hochzeitsgäste Platz gehabt hätten, und wenn nicht die, dann aber doch sieben Schulklassen einschließlich ihrer Lehrer, …“ (Seite 25)
Die zentralen Themen des Buches, Pflicht und Schuld, ziehen sich durch das gesamte Buch. Siggis Vater, der mit dem Maler aufgewachsen und befreundet ist, setzt das Malverbot rigoros durch und verweist dabei stets auf seine Pflicht, so zu handeln. Er steigert sich regelrecht in diese Aufgabe hinein und setzt sie sogar nach Ende des Krieges noch fort. Die meisten der Mitläufer und Opportunisten und auch viele Täter versteckten sich damals hinter der Ausrede, sie hätten ja nur ihre Pflicht getan. Wichtig finde ich folgenden Satz: „So schnell, sagte der Maler, so schnell kommen sie aus ihren Löchern. Du denkst, sie werden sich verborgen halten für eine Weile, still sein, tot sein, mit ihrer Scham in der Dunkelheit, aber du hast kaum aufgeatmet, da sind sie auch schon wieder da.“ (Seite 357) Die Fragen, die sich dem Leser stellen, sind: „Wie hättest du gehandelt? Wie schuldig hättest du dich gemacht? Und wo endet die Rechtfertigung?“ Gegen Ende scheint dieser Aspekt etwas in den Hintergrund zu treten. Doch dem ist nicht so, denn die Kinder der Kriegsgeneration, wie Siggi, sind es, die für die Handlungen ihrer Eltern oft indirekt einstehen, die ihre Schuld erkennen und aufarbeiten.
Der Roman ist schwere Kost, aber man sollte ihn gelesen haben. Er gehört unbedingt zur deutschen Nachkriegsgeschichte.


