Romane, die auf realen Ereignissen oder Personen beruhen, faszinieren mich ganz besonders. So hatte ich auch an diesen historischen Roman hohe Erwartungen – die voll und ganz erfüllt wurden. Hauptfigur des Romans ist Maria Rampendahl, der im 17. Jahrhundert in Lemgo wegen Hexerei der Prozess gemacht wurde und die mit ihrer Stärke und Standhaftigkeit beeindruckte. Die Hexenverfolgung spielte sich insbesondere an bestimmten “Brennpunkten” ab, wovon Lemgo sicherlich einer war, wurden dort doch über 200 Frauen und Männer verurteilt und hingerichtet. Auch die anderen Figuren des Romans haben ihre Vorbilder in realen Persönlichkeiten, maßgeblich der namensgebende Henker von Lemgo, David Clauss d. Ä. und der “Hexenbürgermeister” Hermann Cothmann. Bettina Szrama weist gleich zu Beginn darauf hin, dass es sich um einen Roman mit einer fiktiven Handlung handelt, auch wenn die Charaktere tatsächlich gelebt haben. Rund um die historischen Eckdaten baut sie eine äußerst spannende Geschichte mit beeindruckenden Charakteren und einer guten Prise Romantik auf, die nicht nur hervorragend unterhält sondern auch zum Nachdenken anregt und betroffen macht. Wir wissen, wozu der Mensch fähig ist, welche Grausamkeiten er seinen Mitmenschen antun kann. Doch selbst in diesem Wissen erschüttert den Leser immer wieder, was die sogenannten Hexen damals völlig unschuldig erleiden mussten. Die Frage nach dem “Warum” steht dabei ganz groß im Raum. Die Lust an der Machtausübung scheint mir dabei die größte Rolle zu spielen. Unfassbarer-, nicht nachvollziehbarerweise. Die andere Frage, die der Roman aufwirft, lautet: “Welche Schuld trägt der Henker?” Was ist das für ein Mensch, der andere im Auftrag der Obrigkeit so quält und tötet? Wie kann er mit dem, was er tut, leben? Bettina Szrama stellt sehr schön dar, dass auch der Henker – der ja als “unrein” galt und regelrecht außerhalb der Gesellschaft stand – eine andere Seite, eine menschliche, verletzliche hat. So plagt auch den Henker David sein Gewissen. Die Kapitel werden mit Zitaten aus der Zeit eingeleitet, was dem Leser immer wieder eindrucksvoll vor Augen hält, dass hinter der fiktiven Geschichte reale Ereignisse stehen. Was ich mir noch gewünscht hätte, wäre ein Glossar gewesen, um ein paar nicht mehr gebräuchliche Begriffe zu erklären, ich wusste ehrlich gesagt nicht, was ein Deche oder ein Filler ist.
Dieses Buch war eines der Bücher, bei denen ich beim Lesen der letzten Sätze ein bisschen aufschluchzen musste. Was bedeutet, dass es mich wirklich berührt hat. Ich habe gerade noch ein wenig im Internet recherchiert und dabei unter anderem Bilder des “Hexenbürgermeisterhauses” gefunden. Am liebsten würde ich gleich selbst nach Lemgo fahren und mir den Schauplatz selbst ansehen.
Ein wirklich gelungener, hervorragend recherchierter Roman, den ich euch wärmstens empfehlen kann.
Ich bedanke mich noch einmal ganz herzlich bei Bettina Szrama und dem Emons Verlag für das Rezensionsexemplar!



Oh das klingt gut! Ich bin auch ein ganz großer Fan von authentischen historischen Romanen. Es ist wundervoll, wenn Autoren so viel wie möglich der Zeitgeschichte einfließen lassen und doch eine eigene fiktive Geschichte entwickeln. So habe ich historische Romane am liebsten.
Mit Hexenverbrennung habe ich mich bisher noch nicht so intensiv in der Literatur auseinander gesetzt, aber ich habe das Gefühl, dass es dazu einige Werke gibt. Deine Rezension macht auf jeden Fall Lust auf das Thema!
Liebe Grüße.
Ja, genau, solche historischen Romane mag ich auch am liebsten
So macht Geschichte besonders viel Spaß!
Das klingt ja richtig gut
Den Titel muss ich mir mal im Hinterkopf behalten. Meine Oma liest solche Bücher mit historischen Hintergründen sehr, sehr gerne und das wäre dann sicherlich was für ihren Geburtstag im Mai
Bestimmt! Dass es diesen Prozess wirklich gegeben hat, macht es besonders interessant
Gemeinhin wird Hexenverfolgung als katholisch und südeuropäisch assoziiert. Dass die Mehrheit der Hexentötungen in Mitteleuropa stattgefunden hat und das wiederum in protestantischen Umfeld, will sich nur zögerlich durchsetzen. Auch in diesem Fall waren es aufrichtige Protestanten, die sich gemäß ihrem lutherischen Verständnis “sola scriptura” auf die heilige Schrift zurück zogen. So heißt es in Ex 22,17 “Hexen sollst du nicht am Leben lassen”. Luther selbst hatte für diese Praxis nur Häme übrig: “Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an.”
Ja, ich habe schon durch andere Bücher erfahren, dass die Hexenverfolgung oft in protestantischen Gebieten stattgefunden hat, das hatte mich auch überrascht. Oft war es ja auch gar nicht die Kirche, die dahinter stand, sondern die Obrigkeit, in diesem Fall der Bürgermeister. Er hat sogar einen Pfarrer hinrichten lassen…