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Archive for August 2017

Faber & Faber

Die deutsche Ausgabe soll 2018 im Seidl-Verlag erscheinen.

Amerika um 1850: Thomas McNulty und John Cole sind noch Teenager, müssen sich jedoch schon allein durchs Leben schlagen. Sie sind nicht nur Freunde, sondern haben ineinander ihren Seelenpartner gefunden. Zunächst nutzen sie ihre Jugend und ihr gutes Aussehen, um im Saloon einer Bergarbeiterstadt in Frauenkleidern mit den Arbeitern zu tanzen, wofür sie vom Saloonbesitzer bezahlt werden. Später treten beide der Armee bei und kämpfen zunächst in den Indianerkriegen und dann im amerikanischen Bürgerkrieg.

Ich möchte zunächst auf den völlig irreführenden Klappentext des Buches eingehen. Dieser erwähnt mit keinem Wort, dass es sich bei diesem Roman um eine schwule Liebesgeschichte handelt, sondern lässt eher vermuten, dass den Leser ein Liebesdreieck erwartet. Ich habe bereits mehrere Videos von Booktubern gesehen, die diese Vermarktung des Romans monieren, was bezweckt der Verlag damit? Da kommt doch der Verdacht auf, dass man keine Leser verprellen will, die ein Problem mit der homosexuellen Ausrichtung des Buchs haben. Nun denn, ich wusste vorher, worum es in dem Buch geht, auch dass Sebastian Barry sein Buch seinem schwulen Sohn gewidmet hat, der wohl schon Erfahrungen mit Homophobie gemacht hat.

Sebastian Barrys wunderbaren Schreibstil hatte ich schon in The Secret Scripture kennengelernt, das mir lediglich inhaltlich nicht so sehr gefallen hat. Days Without End ist ein ganz anderes Buch. Thomas McNulty, der interessanterweise den gleichen Nachnamen wie die Protagonistin aus The Secret Scripture hat und wie diese aus Sligo stammt, ist der Ich-Erzähler, dessen Sprache seinen geringen Bildungsstand widerspiegelt. Dennoch schafft Barry es, ihm wunderschöne Sätze und Formulierungen in den Mund zu legen:

„The men hunched around, talking with the gaiety of souls about to eat plentifully, with the empty dark country about us, and the strange fabric of frost and frozen wind falling on our shoulders, and the great black sky of stars above us like a huge tray of gems and diamonds.“ (Seite 26)

Sprachlich ist das Buch ein Leckerbissen. Thematisch beschäftigt sich das Buch mit der Willkür und der Grausamkeit des Vorgehens der US-Armee gegen die Indianer sowie des Bürgerkriegs, mit der Unabhängigkeit von echter Liebe von Genderidentität und Abstammung. Thomas und John treffen nicht auf Homophobie, sodass Thomas, der irgendwann feststellt, dass er sich in weiblicher Kleidung wohler fühlt, völlig mühelos zwischen verschiedenen „Rollen“ wechselt. Während er in der Armee ist, trägt er ganz selbstverständlich Soldatenkleidung.

„I feel a woman more than I ever felt a man, though I were a fighting man most of my days.“ (Seite 273)

Ich habe Sebastian Barrys Roman auf goodreads 4 Sterne gegeben und frage mich gerade, warum eigentlich nicht 5? Stellenweise fand ich die Schlachtszenen offen gestanden ein bisschen langweilig, ein anderer Leser hat mich jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass sich Barrys Schlachtszenen im Gegensatz zu heroisierenden Schilderungen den Schwerpunkt ganz auf die Grausamkeit und die Ungerechtigkeit legen.

Days Without End ist poetisch, ohne kitschig zu werden, die erzählte Geschichte ist spannend und Thomas ist eine starke Identifikationsfigur für den Leser. Ich habe bisher nur 3 Bücher von der diesjährigen Longlist des Man Booker Prize gelesen, von diesen war es stärkste. Ich habe keine Kritikpunkte, die den Abzug eines ganzen Sternes rechtfertigen, es fehlte lediglich noch irgendetwas für absolute Begeisterung. Daher vergebe ich 4,5 Sterne für dieses schöne Buch, das ich auf jeden Fall auf der Shortlist sehe.

 

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Tempus Fugit #292

Es ist schwül wie sau und ich trinke heißen Tee. Muss halt.

Diese Woche (aus-)gelesen: 2

  • Sebastian Barry: Days Without End – 4 Sterne. Von meinen Man Booker Reads bisher der beste.
  • Barbara Kunrath: Schwestern bleiben wir immer. Ganz netter Familiengeheimnisroman, leider nichts Besonderes. 3 Sterne

Ich lese gerade:

  • Emily Fridlund: History of Wolves. Bin erst im 2. Kapitel und weiß noch nicht, was ich davon halte.

Neuzugänge: 0

Diese Woche (aus-)gehört: 1

  • Zadie Smith: Swing Time. Erst vielversprechend, dann … sorry … langweilig. 2,5 Sterne.

Ich höre gerade:

  • Mohsin Amid: Exit West. Hab noch nicht damit angefangen.

Hörbuchneuzugänge: 1

  • Mohsin Amid: Exit West

Geguckte Filme/DVDs:

  • Monsieur Claude und seine Töchter. Ganz netter französischer Spaß.

Gerichte der Woche:

Cremige Polenta mit gebratenen Pilzen

Oh! Hab gestern Hirse mit Paprika und Tomaten gemacht und nicht geknipst. Na ja, hab ich euch bestimmt schon mal gezeigt.

Nach den ersten herbstlichen Tagesbeginnen (was ist der Plural von Morgen? Morgen? Mörgen? Morgenen? Ok, Duden sagt „die Morgen“) ist es jetzt wieder schwülwarm. Aber wenigstens nicht mehr über 30 Grad. Trotzdem: Die Vorfreude auf den Herbst ist groß. Muss noch herbstliche Yankee Candles besorgen. Diese Woche war ich gleich zweimal Biergarten-Buch-Wandern (Bilder auf Instagram), ich hoffe, dass ich das die kommende Woche noch einmal so machen kann. Das ist etwas am Herbst, das ich mit Wehmut sehe, die Biergartensaison ist bald vorbei. Ach ja, meine Akkreditierung für die Frankfurter Buchmesse ist da! Ist aber nicht sicher, dass ich auch hin kann. Hab etwas Angst, das Programm zu studieren und später dann zu erfahren, dass die Planung vergebens war…

Mir wird der Laptop jetzt entschieden zu warm auf dem Schoß, also wünsche ich euch eine tolle Woche!

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(c) Penguin

(Eine deutsche Ausgabe scheint nicht zu existieren)

Bill Bryson hat sich als Autor zahlreicher Sachbücher über ein großes Spektrum hinweg einen Namen gemacht und wird von vielen besonders für sein Talent, die witzigsten Geschichten und Fakten ausfindig zu machen, sowie seinen trockenen Humor geliebt. Ich muss gestehen, dass ich bisher außer Notes From a Small Island nichts von ihm gelesen habe – was aber nicht an mangelndem Interesse liegt, sondern an der überwältigenden Anzahl von Büchern, die ich unbedingt bald lesen muss.

Der Titel des Buchs „Made in America“ kann ein wenig irreführen, ich hatte eigentlich ein Buch darüber erwartet, was es heißt, in Amerika geboren und aufgewachsen zu sein. Tatsächlich handelt es sich aber um die Geschichte der Entwicklung der englischen Sprache in Amerika seit der Besiedlung durch britische Auswanderer. Was mir durchaus recht ist, denn ich bin von Haus aus Sprachwissenschaftlerin und interessiere mich brennend vor allem für Sprachentwicklung. Das gilt insbesondere für die ganz frühe Entwicklung der Sprachen aus dem indoeuropäischen Sprachenkreis.

Und dann haut der Mann mich doch schon in der Einführung um, indem er erwähnt, dass der Aufzählreim „Eenie, meenie, minie, mo“ nicht nur älter ist als die römische Besatzung des alten Britanniens, sondern eventuell sogar aus vorkeltischer Zeit stammt. Damit hatte er mich. Gänsehaut pur. Die ersten Kapitel beschäftigen sich mit der Sprache der ersten Siedler, die natürlich noch britisch war. Hochinteressant daran finde ich, dass das damalige Englisch in der Aussprache eher dem heutigen amerikanischen Englisch ähnelt – das britische Englisch ist dasjenige, das sich weiter von der Ausgangssprache wegentwickelt hat. Bryson erklärt anhand zahlreicher Beispiele den damaligen Zustand der englischen Sprache und bleibt dabei immer unterhaltsam. Auch sein berühmter Humor blitzt immer wieder auf. Viele Fakten finde ich absolut faszinierend, so erklärt Bryson beispielsweise in einer Fußnote, dass „you“ ursprünglich die Pluralform von „ye“ („du“) war und dass dieser Plural in der Deklination mit „you are“ erhalten blieb, während es ja eigentlich „you is“ heißen müsste. Überhaupt hatte ich mehrfach den Eindruck, dass die alten Sprachformen häufig in Dialekten überleben, bei den Aussprachebeispielen dachte ich wiederholt „das hört sich ein bisschen an wie Cockney“. Ihr merkt, dieses Thema finde ich hochgradig spannend.

Bryson beschränkt sich allerdings nicht komplett auf die Linguistik, sondern beschäftigt sich auch mit einigen historischen Mythen und Fakten, etwa über die tatsächliche „Entdeckung“ Amerikas, die ja lange vor Kolumbus stattfand. Im weiteren Verlauf des Buches geht Bryson auf die Weiterentwicklung des amerikanischen Englisch in den folgenden Jahrhunderten ein. Stark geprägt ist die amerikanische Sprache natürlich von der Vielzahl der Herkunftsländer der Emigranten. Vor allem Ortsnamen sind vermehrt auf indianische Sprachen zurückzuführen, wobei der Einfluss der Sprachen der Urbevölkerung eher als gering einzustufen ist. Je mehr wir uns der Moderne nähern, umso mehr beeinflussen nichtlinguistische Entwicklungen und Erfindungen die Sprache. Dementsprechend gibt es Kapitel über die Küche, die Elektrifizierung, Baseball und andere Sportarten oder Werbung. Mich persönlich interessieren diese Themen weniger stark als die geschichtlich weiter zurückliegenden Aspekte, weshalb das Buch mich in seinem Verlauf nicht mehr ganz so stark fesseln konnte. Die Themen fächern sich außerdem immer mehr auf, sodass sie einen Hauch von Aufzählcharakter gewinnen.

Was in dem Buch noch fehlt, ist der Einfluss der Cyberwelt und der hochgradigen Vernetzung durch das Internet. Das kann man dem Buch jedoch nicht vorwerfen, denn es ist von 1994 und konnte diese Entwicklungen daher nicht erfassen. In dieser Hinsicht wäre eine Neuauflage mit einem ergänzenden Kapitel interessant.

Ein weiteres unterhaltsames und kompetent verfasstes Sachbuch von Bill Bryson.

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Tempus Fugit #291

So ein ganzes freies Wochenende ohne Verpflichtungen ist doch herrlich. Da habe ich auch für meine Verhältnisse relativ viel gelesen bekommen. Allerdings habe ich mal wieder Bücher gelesen, die viel Potenzial für weitergehende Recherchen bieten, weswegen ich zwischendurch viel Zeit bei Wikipedia verbringe… (ich musste gestern Abend einfach rausfinden, ob das in Days Without End vorkommende Massaker an Indianern eines von denen war, die Dee Brown beschrieben hat). Lasst ihr euch auch von solchen „Nebenrecherchen“ ablenken?

Diese Woche (aus-)gelesen: 1

  • Bill Bryson: Made in America. Ich muss gestehen, dass mich die späteren Kapitel nicht mehr ganz so gefesselt haben wie die ersten, in denen es direkt um die Entwicklung aus dem damaligen British English (das ja so ganz anders war als heute) ging. Trotzdem ein sehr interessantes und kurzweiliges Sachbuch. Rezension folgt.

Ich lese gerade:

  • Sebastian Barry: Days Without End. Ein ganz, ganz anderes Buch als The Secret Scripture, die Sprache ist allerdings auch hier umwerfend, obwohl die Hauptfigur ungebildet ist und Slang spricht.

Neuzugänge: *räusper* 6

  • Margaret Atwood: The Handmaid’s Tale. Damit ich endlich mal die Serie anschauen kann.
  • Kate Atkinson: Life After Life
  • Anya Seton: Katherine. Ein klassischer historischer Roman über die Mätresse und spätere Ehefrau von John of Gaunt (eine der Hauptfiguren aus Rebecca Gablés „Das Lächeln der Fortuna“)
  • Sofi Oksanen: Fegefeuer. Stand schon ewig auf meiner Wunschliste.
  • James Rebanks: The Shepherd’s Life. A Tale of the Lake District.
  • Clare Clark: The Nature of Monsters. Auch schon ewig auf meiner Wunschliste.

Ja, ich habe gemedimopst. Ab und zu brauch ich das einfach. Und ich habe für 3 Hardcover und 2 Paperbacks nur knapp 15 Euro bezahlt. Seufz. Sind schöne Bücher. Medimopsen läuft bei mir so: Meine Wunschliste bei goodreads ist 40 Seiten lang. Ich suche immer abwechselnd nach Titeln vom Anfang, vom Ende und der Mitte der Wunschliste. So werden auch Bücher berücksichtigt, die ich der Wunschliste schon vor langer Zeit hinzugefügt habe. War hier z. B. bei The Nature of Monsters so. In der Regel bestelle ich so viel, wie für den Mindestbetrag für eine Aktion nötig ist (waren hier 15 Euro für 10% Rabatt). Wie behaltet ihr eure Wunschliste im Überblick und vermeidet, dass ältere Hinzufügungen unberücksichtigt bleiben?

Diese Woche (aus-)gehört: 0

Ich höre gerade:

  • Zadie Smith: Swing Time. Gefällt mir wieder etwas besser als zwischenzeitlich, aber so gut wie am Anfang wird es wohl nicht mehr.

Hörbuchneuzugänge: 0

Geguckte Filme/DVDs:

  • Sherlock, Staffel 3, Folge 3. Bäääm! Das war ja wohl der Hammer! Mary!

Gerichte der Woche:

Risotto mit Tomaten und weißen Bohnen

Überbackene Auberginen und Tomaten

Frittata mit roten Zwiebeln und Tomatensalat. Das war mein Ausprobiergericht für diese Woche, sehr lecker!

So. Muss mich sputen. Werde meine Schwester aufsuchen. Und heute Abend dann wahrscheinlich wieder zu müde zum Lesen sein, weil wir Cremant trinken werden. Hmpf.

Ich wünsche euch einen schönen Restsonntag und eine gute Woche!

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Tempus Fugit #290

Ein Hauch von Herbst lässt mich aufatmen – ich brauche die Sommerhitze nicht. Der Herbst ist für introvertierte Bücherfans ja doch irgendwo die schönste Jahreszeit.

Diese Woche (aus-)gelesen: 1

  • George Saunders: Lincoln in the Bardo

Ich lese gerade:

  • Bill Bryson: Made in America. Ich hatte eigentlich ein Buch über das „Amerikanersein“ erwartet, tatsächlich geht es aber hauptsächlich um die Entwicklung der englischen Sprache in Amerika. Gemischt mit der Aufklärung einiger geschichtlicher Mythen. Vor allem die ersten Kapitel fand ich sehr spannend, bin etwa in der Hälfte.

Neuzugänge: 0

Diese Woche (aus-)gehört: 0

Ich höre gerade:

  • Zadie Smith: Swing Time. Fing sehr gut an, ist aber im Begriff, stark nachzulassen…

Hörbuchneuzugänge: 1

  • Zadie Smith: Swing Time

Geguckte Filme/DVDs:

  • nix

Gerichte der Woche:

Gurken-Kartoffel-Ragout mit Senf und Dill

Morgen habe ich mal wieder einen Angsttermin, mal sehen, was dabei herauskommt.

Euch wünsche ich eine schöne Lesewoche!

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(c) Bloomsbury

Ich konnte noch keine Informationen zu einer deutschsprachigen Veröffentlichung finden.

Washington im Februar 1862: Willie, der Sohn des Präsidenten der Vereinigten Staaten Abraham Lincoln verstirbt im Alter von 11 Jahren an Typhus. Der Präsident und seine Frau sind untröstlich. Mehrfach begibt Lincoln sich auf den Friedhof, um den kleinen Jungen noch einmal in den Armen zu halten. Doch er ist nicht allein auf dem Friedhof. Die Seelen zahlreicher Verstorbener bewohnen den Friedhof. Sie befinden sich im Bardo, der nach tibetisch-buddhistischer Vorstellung eine Zwischenexistenz zwischen Diesseits und Jenseits darstellt. Sie ahnen im Innersten, dass sie tot sind, weigern sich jedoch, dies anzuerkennen. Als die Seele des kleinen Willie im Bardo eintrifft, beratschlagen sie, was sie für ihn tun können.

Für mich war George Saunders‘ erster Roman auch die erste Lektüre dieses Autors, daher war ich nicht mit seinem experimentellen Stil vertraut. Ich hatte jedoch in einigen Rezensionen gelesen, dass es sich hier um ein höchst ungewöhnliches Werk handelt. Tatsächlich war ich gleich auf der ersten Seite verwirrt: Wer ist denn hier der Erzähler? Irgendwann taucht der Name „hans vollmann“ auf. Die Suchmaschine führte mich zu einem Artikel im New Yorker, in dem das Konzept des Buches erläutert wird. Nach der Lektüre dieses Artikels fand ich mich in dem Buch zurecht. Hans Vollmann ist einer der Verstorbenen, die auf dem Oak Hill Cemetery in Washington im Bardo verweilen. Diese Verstorbenen sind die Erzähler des Romans, ähnlich wie in einem Drama kommen sie abwechselnd zu Wort und wer gerade sprach, wird hinter der jeweiligen Passage angegeben. Diese Kapitel erinnern daher an ein Drama, ja, an ein altgriechisches Drama, denn die Stimmen ergeben zusammen einen Chor. (Von selbst bin ich darauf ehrlich gesagt nicht gekommen, bei diesem Buch lohnt es sich, im Netz ein wenig die Hintergründe zu recherchieren.)  Unterbrochen wird der Chor durch Kapitel, in denen Auszüge aus (fiktiven?) historischen Zeugnissen Lincoln und seine Familie sowie die Krankheit und den Tod des Kindes beschreiben. Erstaunt war ich, auch in diesem Buch wieder auf das Thema der unzuverlässigen Geschichtsschreibung zu stoßen. So wird die Mondphase in der Nacht von Willies Tod einmal als Halbmond, mal als Neumond, mal als Vollmond beschrieben. Auch die Aussagen zum Äußeren von Abraham Lincoln widersprechen sich drastisch, was zeigt, wie stark geschichtliche Zeugnisse von der individuellen Wahrnehmung abhängen.

Die Themen, die Lincolns Leben bestimmten, kommen durch den Chor zur Sprache: die sehr rührend beschriebene Trauer des Präsidenten, der Bürgerkrieg, die Tatsache, dass viele Bürger es Lincoln sehr übel nahmen, dass er ihre Söhne wegen Sklaven in den Tod schickte und natürlich auch die Sklaverei selbst. Interessant ist, dass einer der Schwarzen im Chor die eloquenteste Sprache aufweist.

Die Struktur des Romans macht ihn besonders interessant, die Sprache ist wunderbar und der immer wieder aufblitzende Humor von George Saunders, der sich vor allem in der Weigerung der Seelen äußert, ihren Tod zu akzeptieren, gefiel mir sehr. Nach einer Weile wurde das Lesen jedoch ermüdend für mich, die Begeisterung und der Lesegenuss ließen nach. Obwohl die Seiten nicht eng beschrieben und das Buch daher nicht sehr umfangreich ist, war ich froh, als ich das Ende erreicht hatte. Mein Fazit ist, dass das Buch wahnsinnig interessant gemacht und sprachlich meisterhaft geschrieben ist, jedoch nur begrenzt zugängig.

Aufgrund dieser mangelnden Zugänglichkeit sehe ich das Buch durchaus auf der Shortlist, aber nicht unbedingt als Sieger.

P.S.: Die Hörbuchadaptation des Romans scheint sehr interessant zu sein, da ein ganzes Ensemble von Schauspielern die Rolle des Chors übernimmt.

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(c) Bastei Lübbe

England im Jahre 1360: Der zwölfjährige Robin von Waringham wird in einem Kloster erzogen. Die Nachricht vom Tod seines Vaters trifft ihn besonders hart, da dieser Verrat begangen und sich danach selbst gerichtet haben soll. Der Verrat geht mit dem Verlust des Adelstitels und des Besitzes der Familie einher. Obwohl Robins Mutter schon lange verstorben ist und seine Schwester in einem Kloster an der Grenze zu Wales lebt, kehrt Robin nach Waringham zurück, um sich als Stallbursche zu verdingen. Der neue Earl of Waringham ist ihm gegenüber freundlich gesinnt, ganz anders als sein Sohn Mortimer…

Rebecca Gablés erster Roman in der Waringham-Saga ist inzwischen 20 Jahre alt, ich bin also ziemlich spät auf den Zug aufgesprungen. Das Setting des ersten Bandes interessiert mich sehr: England unter der Herrschaft der Plantagenets, während des Hundertjährigen Krieges. Auch wie das Buch angelegt ist, ist genau mein Ding: fiktive Figuren in Interaktion mit historischen. Dementsprechend war ich zuversichtlich, dass mir das Buch gefallen wird. Und tatsächlich gefielen mir sowohl die fiktiven Charaktere, besonders Robins Schwester Agnes, als auch die Darstellung der historischen Persönlichkeiten, von denen John of Gaunt, der Sohn des Königs Edward III. und Duke of Lancaster, der wichtigste ist. Er wird häufig negativ dargestellt, in Gablés Roman ist er in eingeschränkter Form ein Sympathieträger. Mortimer, der Bösewicht des Romans, ist eine dieser Figuren, die man mit Vergnügen hasst, ich musste des Öfteren an Joffrey aus The Song of Ice and Fire aka Game of Thrones denken. Doch Gablés Charaktere sind erfreulicherweise nicht eindimensional, wir lernen auch Mortimers verletzliche Seite kennen.

Wie bereits erwähnt, gefällt mir die lebendige Darstellung der historischen Charaktere und Ereignisse sehr gut, der Leser erfährt viel über englisch-europäische Geschichte und Politik, Gablés Recherche ist tadellos.

Was mich dazu veranlasst, dem Buch nur 3 von 5 Sternen zu geben, ist der Plot, der vor allem auf Spannung und die Feindschaft zwischen Robin und Mortimer angelegt ist. Hierdurch wird leider vieles auch sehr vorhersehbar und klischeehaft, was vor allem für die wichtigste Liebesgeschichte gilt. Als sich diese andeutete, dachte ich nur: „stöhn, bitte nicht“. Da ich nicht spoilern will, äußere ich mich hier nicht näher dazu, aber es handelt sich um ein gängiges Plot-Device, das mich wirklich sehr genervt hat. Auch die Feindschaft zwischen Robin und Mortimer ist so ein Plot-Device, ein Klischee, das in dem Buch etwas zu stark strapaziert wird. Und leider auch etliche Längen in dem 1300-Seiten-Wälzer erzeugt.

Nichtsdestotrotz werde ich auch den zweiten Teil der Saga lesen, denn Gablés Werke sind wegen ihrer guten historischen Darstellung definitiv lesenswert. Vielleicht gelingt es Rebecca Gablé im nächsten Band besser, mich zu überraschen.

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