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Penguin Audio

Deutscher Titel: ebenfalls „Swing Time“

Sprecherin: Pippa Bennett-Warner

Dauer: 13 h 44 min

London in den 80ern. Unsere namenlose Protagonistin und ihre beste Freundin Tracey wachsen in einem ärmlichen Londoner Viertel auf, haben aber beide zwar arme, jedoch ganz unterschiedliche Familien. Die Mutter der Protagonistin ist ehrgeizig (sie bildet sich mithilfe der Open University weiter), marxistisch, betont ihre afrikanisch-exotische Schönheit ganz bewusst nicht und wirkt umso eindrucksvoller. Ihr Mann ist im Gegensatz dazu ein Familienmensch, der vor allem gerne für seine Tochter da ist. Traceys weiße Mutter ist liederlich, schmeißt nicht vorhandenes Geld hinaus und ist stolz auf ihre hübsche und talentierte Tochter, sieht in ihr die Chance auf Verwirklichung ihrer Träume. Traceys Vater kümmert sich die meiste Zeit nicht um die Familie und ist angeblich Background-Tänzer bei Michael Jackson. Die beiden Mädchen verbindet vor allem ihre Liebe zum Tanz und der Tanzschule, die sie gemeinsam besuchen. Doch während unsere Protagonistin im Laufe der Zeit erkennen muss, dass Tracey die talentiertere der beiden ist, entwickelt diese zugleich Verhaltensweisen, die ein ungutes Gefühl hinsichtlich ihrer Zukunft hinterlassen.

Mit dieser Inhaltsangabe habe ich mich schwer getan, was daran liegt, dass sie unvollständig ist. Denn während der ganze erste Teil des Romans sich ganz um die Freundschaft und die Entwicklung der Mädchen vor schwierigem sozialen Hintergrund dreht, kommt später plötzlich ein Cut: Die Protagonistin ist erwachsen, arbeitet für einen Madonna-verschnittigen Superstar und Tracey … ja, wo ist Tracey?

Die Geschichte um die beiden Mädchen sog mich problemlos in ihren Bann. Da war viel Potenzial für interessante Entwicklungen: die der Mädchen voneinander weg und der Einfluss ihrer familiären Hintergründe hierauf. Das, was die beiden vereint, der Tanz, hätte auch Möglichkeiten geboten. Leider schöpft Zadie Smith diese nicht aus, sondern baut einen zweiten Handlungsstrang um die Arbeit der Ich-Erzählerin für den Popstar Aimee auf. Und der ist, das muss ich so krass sagen, absolut langweilig, vor allem, solange er sich auf London und Amerika beschränkt. Als Aimee eine Mädchenschule in Afrika bauen lässt und die Ich-Erzählerin sich darum kümmern muss, wird es wieder etwas interessanter, doch auch hier werden Potenziale nicht ausgenutzt, können auch nicht richtig genutzt werden, denn der Leser fragt sich immer wieder, „Ja, aber wie ging das damals weiter mit Tracey?“ Nach einem ganzen Stück, das sich nur um Aimee dreht, springt Smith dann zwischendurch immer wieder zurück in die Jugend der Mädchen, um deren Entwicklung bis zum aktuellen Stand fertigzuerzählen. Ich habe keine Probleme mit Zeitsprüngen, wenn sie gut gemacht sind. Waren sie hier leider nicht. Mir ist klar, wieso Smith dieses Plot-Device einsetzt und was die ganze Afrika-Geschichte bezweckt, die Kritik an der sogenannten „Vanity Charity“ ist deutlich, hinterfragt die Motive der Stars und deckt auf, dass die Hilfsprojekte häufig wenig Effekt haben. Doch erzählerisch gut umgesetzt ist dies leider nicht. Zu stark hallen die guten ersten Kapitel nach, davon will man als Leser mehr, bekommt aber in der Folge nur noch Fetzen davon.

Zadie Smith kann schreiben, hat interessante Themen, doch sie hätte sich in diesem Buch auf eine Sache konzentrieren sollen. Sie wollte da wohl einfach zu viel. Auch das Ende des Buches wirkt eher frustrierend, da es eben mehr mit dem Aimee-Handlungsstrang zu tun hat als mit der Freundschaftsgeschichte.

Pippa-Bennett Warner hat eine angenehme Stimme und macht ihre Sache gut, zeichnet sich aber auch nicht durch irgendwelche Besonderheiten aus.

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(c) Penguin

Deutscher Titel: Heimkehren

Erscheinungstermin: 22.08.2017 bei DuMont

Ghana im 18. Jahrhundert. Die Asante-Frau Mamee wurde von den Fante entführt, schafft es jedoch, nach der Geburt ihrer Tochter Effia zu fliehen – ohne diese. Effia wächst im Glauben auf, eine andere, kaltherzige Frau sei ihre Mutter. Diese schafft es, Effia mit dem britischen Gouverneur von Cape Coast zu verheiraten. Sie lebt mit ihm im Cape Coast Castle, in dessen Kellern auch die vielen entführten Menschen untergebracht sind, die als Sklaven nach Amerika verkauft werden sollen. Unterdessen hat die in ihr Dorf zurückgekehrte Mamee den Dorfobersten geheiratet und mit ihm eine Tochter, Esi bekommen. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihr – sie wird ebenfalls entführt und wartet im Kerker des Cape Coast Castle unter unerträglichen Umständen auf die Überfahrt nach Amerika.

Yaa Gyasis Debütroman wurde im Vorfeld extrem gehypt, gehört aber zu den Büchern, bei denen der Hype absolut gerechtfertigt ist. Sie widmet den Schwestern Effia und Esi, deren Schicksal so unterschiedlich ist und die sich nicht einmal kennen, und jeweils einem Nachkommen über sieben Generationen hinweg je ein Kapitel. Nun ist das Buch nur knappe 300 Seiten lang, sodass man mit jedem der Charaktere jeweils nur etwa 20 Seiten verbringt. Doch diese 20 Seiten sind so intensiv, dass dennoch eine große Nähe des Lesers zum jeweiligen Charakter entsteht. Gyasi schafft es, mit wenigen Worten die Geschichte von zwei Zweigen einer Familie eindringlich zu schildern. Die Kapitel, die in Amerika spielen, sind schwer zu ertragen angesichts der Grausamkeit der Sklaverei und der himmelschreienden Ungerechtigkeit gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die sich auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei fortsetzt. Die Autorin zeigt anhand ihrer Charaktere darüber hinaus, wie es dazu kam, dass Afroamerikaner auch heute noch stark benachteiligt sind und den Großteil der Gefängnisbevölkerung der USA darstellen. Gyasis Sprache steht der inhaltlichen Stärke des Buchs in nichts nach:

„Once they were inside, Willie’s eyes met those of the store clerk, and she felt a cold wind travel that sight line, from his eyes to hers, then all the way down to the coalpit of her stomach.“ (S. 206)

Dieser Satz ist auch ein gutes Beispiel für den das Buch durchziehenden Symbolismus, repräsentiert vor allem durch die Elemente (Feuer, Wasser) und die Kohlengruben, in denen viele Schwarze nach ihrer „Befreiung“ als Häftlinge arbeiten mussten.

Der afrikanische Zweig der Familie lebt indessen in Freiheit und privilegiert, jedoch nicht frei von seiner Geschichte, seiner Abstammung von einem britischen Sklavenhändler und in der Folge dem König der Asante, die sich vielfältig auf die Nachfahren von Effia auswirken. In diesen Kapiteln erhalten wir außerdem einen Blick in das afrikanische Leben und die ghanaische Geschichte, die Kriege zwischen den Asante und den Briten sowie die Streitigkeiten zwischen den Stämmen. Ich fühlte mich an die Schauplätze versetzt, meine Entdeckungslust wurde geweckt.

Am Ende läuft alles zusammen – frei von jeglichem Kitsch.

Ein großartiges Buch, mein bisheriges Jahreshighlight, ein für mich persönlich perfektes, wie für mich gemachtes Buch, das aber verdientermaßen allgemein viel Anklang findet und das auch ihr unbedingt lesen solltet.

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