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Archive for the ‘Buchpreise’ Category

(c) Little, Brown Books

(c) Little, Brown Books

Deutscher Titel: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers

Junior ist 14, wurde mit einem Hydrocephalus geboren, ist dünn, trägt Brille und stottert, daher hat er es im Spokane-Reservat mit seinen rauen Umgangsformen ohnehin schon nicht leicht. Glücklicherweise gibt es seinen besten Freund Rowdy, der ihm immer beisteht und ansonsten seinem Namen alle Ehre macht. Doch als ein Lehrer Junior davon überzeugt, dass er auf eine Schule außerhalb des Reservats gehen soll, ja muss, ist Junior erst recht der Buhmann und selbst Rowdy wendet sich von ihm ab.

Sherman Alexies semibiografischer Jugendroman ist gleichzeitig saukomisch und tieftraurig. Junior zeichnet Comics, dementsprechend ist sein Tagebuch mit witzigen Zeichnungen mit einer guten Portion Selbstironie ausgestattet, die im Buch durch Illustrationen von Ellen Forney wiedergegeben werden. Auch liegt es ihm fern, über die Mobbing-Attacken durch andere Reservatsbewohner zu jammern, er ist die Auge-um-Auge-Mentalität im Reservat gewohnt. Wie krass das Leben im Reservat die Chancen der Menschen verschlechtert, wird Junior so richtig bewusst, als er in die privilegierte „weiße“ Schule im benachbarten Reardan wechselt. Wie Leseratte Junior feststellt:

„I was the only kid, white or Indian, who knew that Charles Dickens wrote A Tale of Two Cities. And let me tell you, we Indians were the worst of times and those Reardan kids were the best of times.“ (Seite 50)

Der Tod ist alltäglich im Reservat und sehr oft mit Alkohol verbunden, die Indianer saufen sich förmlich zu Tode oder sterben bei Unfällen im Zusammenhang mit Alkohol. Auch Junior verzeichnet im Laufe des Buches mehrere Verluste, die den Leser fassungslos zurücklassen:

„But I was crying for my tribe, too. I was crying because I knew five or ten or fifteen more Spokanes would die during the next year, and that most of them would die because of booze. I cried because so many of my fellow tribal members were slowly killing themselves and I wanted them to live.“ (Seite 216)

Die Hoffnungslosigkeit der Reservatsbewohner ist herzzereißend und greifbar, die Indianer haben sich aufgegeben, mit ihrer Situation abgefunden. Mit der offenen Darstellung der Zustände im Reservat, des Alkoholismus und der Gewalt und der Erwähnung von Masturbation haben manche amerikanische Schülereltern wohl ein Problem, das Buch wurde an zahlreichen Schulen in den USA verboten. Dabei halte ich es für gerade besonders gut geeignet für Schüler – wie soll man Jugendliche zu verantwortungsvollen, handlungsbereiten Erwachsenen erziehen, wenn sie nichts über die Missstände und Ungerechtigkeiten in ihrem Land erfahren?

The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian ist ein wichtiges Buch mit viel Witz und Charme, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte.

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(c) Serpent's Tail

(c) Serpent’s Tail

Eine deutsche Übersetzung liegt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels nicht vor.

London in den 1890ern. Cora Seaborne ist seit Kurzem verwitwet. Da sie von ihrem Mann unterdrückt wurde, hält sich die Trauer in Grenzen, vielmehr genießt Cora ihre wiedererlangte Freiheit. Als sie von einem Untier hört, das in der Nähe von Colchester sein Unwesen treiben soll, der sogenannten „Essex Serpent“, reist sie mit ihrem elfjährigen Sohn nach Essex, um der  Sache nachzugehen. Im Dorf Aldwinter, das von der Schlange heimgesucht werden soll, freundet sie sich mit der Pfarrersfamilie Ransome an.

Ich ging mit höchsten Erwartungen an dieses Buch heran, denn es ist inhaltlich genau mein Ding und zwei meiner Lieblings-Booktuber kürten den Roman zu ihrem Buch des Jahres 2016. Was mir nicht klar war, ist, wie stark das Buch von seinen Charakteren geprägt ist, die Handlung tritt hinter die Charakterentwicklung zurück. Da mir Bücher, die „plot-driven“ sind, eher liegen, war das Buch schließlich doch kein 5-Sterne-Buch für mich, hat mir aber gut genug gefallen, um 4 Sterne von mir zu erhalten.

Was mir sehr gut gefallen hat, war der das Buch durchziehende Symbolismus, am deutlichsten natürlich verkörpert durch die Essex Serpent, die Essex-Schlange, selbst. Das mysteriöse Wesen scheint das Unglück ins Dorf zu bringen, es steht für den Aberglauben, den dessen Pfarrer Will bekämpft, aber auch Cora Seaborne ist im übertragenen Sinne die Essex-Schlange, denn sie bringt ebenfalls Unruhe in das Dorf und stellt eine Versuchung für Will dar, der seine Frau doch eigentlich liebt, aber in Cora seinen intellektuellen Gegenpart findet.

Auch die Farbe Blau spielt eine wichtige Rolle, Sarah Perry weist im Nachwort darauf hin, dass ihr hierfür das Buch Bluets von Maggie Nelson als Inspiration diente (das werde ich dann wohl auch noch lesen).

Die Auflösung gefällt mir gut, sie ist relativ klar, lässt aber dennoch Raum für eigene Interpretationen.

Insofern handelt es sich um sehr gutes Buch, die Lektüre macht Spaß und wer Bücher liebt, die den Schwerpunkt auf die Charakterzeichnung legen, wird es großartig finden.

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Coverabbildung

(c) Kiepenheuer & Witsch

Wolf ist sechs Jahre alt, als sein Vater mit ihm 1939 vor den Nazis nach Istanbul flieht. Sie wohnen bei der Familie von Abdullah Bey, einem einflussreichen Bewohner des Siebentürmeviertels, in dem Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen leben. Wolf lebt sich schnell ein und obwohl viele ihn „Arier“ oder „Hitlersohn“ nennen, fühlt er sich dem Siebentürmeviertel bald stärker verbunden als seiner deutschen Heimat.

Nein, es war kein Coverkauf, auch wenn ich das Cover für mich persönlich zum schönsten des Jahres 2015 erkoren habe. Eine umgekehrte Migration, Deutsche, die in die Türkei auswandern, im Jahr 1939? Das klingt definitiv spannend. Und tatsächlich ist das Buch sehr interessant. Auf nahezu 800 Seiten entführt uns Feridun Zaimoglu in eine exotische Welt, geprägt von Konflikten bezüglich der Religion und Herkunft der Bewohner, Blutrache und Familienehre. Ich hatte Probleme, mich in diese Denkweise einzufinden, die auch der junge Wolf bald übernimmt. Daher viel mir die Lektüre des Buches nicht ganz leicht, sie war etwas mühsam. Es war auch etwas schwierig, den Überblick über die zahlreichen Nebencharaktere, ihre Eigenschaften,  ihre Herkunft und ihre Familienverhältnisse zu behalten, ohne das Personenverzeichnis am Ende wäre ich verloren gewesen, obwohl ich normalerweise selten Probleme mit einer großen Zahl von Charakteren habe. Die Erzählweise ist eher episodenhaft, es gibt zwar einen roten Faden, der jedoch relativ spät einsetzt und nicht sehr stark ausgeprägt ist. Die Sprache ist sehr variabel, trägt passagenweise Züge eines Prosagedichtes, da des Öfteren aus dem Werk eines fiktiven Dichters zitiert wird.  Dies erschwert die Lektüre insbesondere kombiniert mit dem Fehlen von Anführungszeichen, das es manchmal schwierig macht, den jeweiligen Sprecher zu identifizieren. (Können wir bitte wieder Anführungszeichen in der Hochliteratur einführen? Welchen Sinn soll das Weglassen eigentlich haben, entgeht mir da was?) Auch die ganze Thematik um Ehre und Rache prägt die Sprache des Buches, die Wortwahl der Charaktere. Mehr als einmal fand ich es schwer zu glauben, dass ein Kind sich wirklich so verschnörkelt ausdrücken würde, auch wenn die Sätze sprachlich sicherlich wunderschön sind. („Du bist kalt wie ein Grabstein im Regen“ (Seite 67), „… Soll ich mich in den Brunnenschacht stürzen, in die tiefe Grube, sollst du, Bruder, weil deine Schöne ungeküsst bleibt, sollst du also deshalb die Scherbe ergreifen, soll die Scherbe dich zehn Mal beißen, ich Deutschblut, du Türkenstolz, sind wir die Brut, die das Pack jagt, was fliehen wir vor den Hyänen… (Seite 379))

Trotz dieser Aspekte, die ich als störend empfand, bin ich froh das Buch gelesen zu haben, denn seine Stärke ist es, den Leser in das bunte Treiben im Siebentürmeviertel zu versetzen, dessen besondere Kultur sehr lebendig beschrieben wird.

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(c) Audible Studios

Sprecher: Oliver Wyman

Dauer: 32 h 51 min

4 junge Universitätsabsolventen, die auf dem Campus zusammenwohnten, sind enge Freunde geblieben und versuchen ihr Glück in New York. JB möchte als Künstler groß herauskommen, Malcolm arbeitet als Architekt, Willem will Schauspieler werden, muss sich aber vorerst als Kellner verdingen, und Jude ist Jurist. Willem und Jude haben sich gemeinsam ein billiges Appartement gemietet und stehen sich besonders nahe. Der unbekannte Faktor ist Jude. Wie Willem ist er Waise, doch niemand weiß etwas über seine Herkunft, und er leidet unter sogenannten Episoden, starken Schmerzanfällen, aufgrund einer dubiosen Verletzung aus Teenagerjahren kann er außerdem nicht gut laufen. Wir werden die vier Freunde bis in ihre Fünfziger begleiten.

Der Fokus von Hanya Yanagiharas vielgepriesenem und für mehrere Preise nominierten Romans liegt also eindeutig auf Jude, der ganz offensichtlich eine schwierige und von Gewalt und Missbrauch geprägte Kindheit hatte. Im Laufe des Romans erfährt der Leser stückchenweise, was ihm widerfahren ist. Bei der Länge des Buchs bedeutet das, dass lange Unklarheit herrscht, wohl um Spannung zu erzeugen, aber soviel kann ich sagen: Judes Schicksal ist grausam und Triggerwarnungen für körperliche Gewalt, Missbrauch und Selbstverletzung sind angebracht.

Judes Freunde ahnen natürlich wage, dass Jude wohl misshandelt wurde, wissen jedoch nichts Genaues. Im Laufe der Zeit nehmen Judes körperliche Beschwerden zu und auch andere Folgeerscheinungen seines Traumas äußern sich aufgrund bestimmter Geschehnisse immer stärker.

Die Frage ist, ob Jude jemals ein nicht nur nach außen hin normales Leben führen können wird.

Ich wusste bereits vor der Lektüre bzw. dem Anhören des Hörbuchs aus verschiedenen Quellen, dass die Autorin in einem Interview zugegeben hat, dass sie den Leser mit einer möglichst qualvollen Geschichte manipulieren wollte. Ich war jedoch durchaus offen und die erste Hälfte oder das erste Dreiviertel des Buches hätte von mir durchaus eine Vier-Sterne-Wertung erhalten können. Die Charaktere sind sympathisch und einnehmend und aufgrund Judes unbekannter Geschichte bleibt die Spannung stets erhalten. Ich habe mit Jude mitgelitten und auch mit seinen Freunden. Die Darstellung der Folgen von körperlichem und seelischem Missbrauch fand ich glaubhaft, es wird sehr gut nachvollziehbar beschrieben, wie es dazu kommen kann, dass ein Mensch sich selbst hasst und verletzt. Die Sprache ist dabei sehr gefällig, wirklich gut zu lesen und teilweise ein Genuss.

Im späteren Verlauf des Buches geschehen jedoch Dinge, die einfach zu viel des Guten sind. Tatsächlich wurde immer offensichtlicher, was Hanya Yanagihara da vorhatte, das war in meinen Augen auch ohne Kenntnis ihrer Aussage zur Lesermanipulation abzusehen. Ich habe gemerkt, wie ich emotional abgeschaltet habe, nur noch auf die nächste und die darauf folgende Katastrophe wartete, ich konnte die Geschehnisse und Judes Leiden nicht mehr ernst nehmen. Diese leichte Gleichgültigkeit steigerte sich aufgrund der Länge des Buchs immer mehr zu Ärger – und das Buch begann, mich zu langweilen. Ich konnte den Ausdruck „I’m so sorry“ irgendwann nicht mehr hören. Zuletzt war ich nur noch froh, als das Buch endlich zu Ende war und ich es abhaken konnte, wie es enden würde, war ohnehin klar.

Ich vergebe knappe 2,5 Sterne für die zunächst eindringliche Charakterisierung eines Missbrauchsopfers, für die Darstellung von Freundschaft und schöne Sprache.

Der Sprecher Oliver Wyman liest sehr pointiert, differenziert, da habe ich wenig zu kritisieren, außer, dass er es gegen Ende auch ein wenig übertreibt.

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(c) Roof Music

Sprecher: Heinz Strunk

Dauer: 6 h 19 min

Hamburg in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: In der Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ trinken Menschen vom Rand der Gesellschaft, oft bis zur Besinnungslosigkeit: Das Lokal hat 24 Stunden täglich geöffnet. Unter ihnen der Werftarbeiter Fritz Honka, genannt Fiete – immer auf der Suche nach Frauen, jedoch leicht entstellt, lassen sich nur alte, obdachlose Prostituierte mit dem Alkoholiker ein. Er nimmt sie in seine Wohnung mit, beherbergt sie eine Weile, dafür will er Sex und die totale Macht über die Frauen, die seine Brutalität nur aus purer Not erdulden. Irgendwann überschreitet er jedoch eine Grenze, als eine Frau nicht spurt, wie er das will, er schlägt jetzt nicht mehr nur zu, sondern tötet in einem Wahn aus Hass.

Ich war vorgewarnt, als ich dieses Hörbuch gekauft habe, wusste, es ist zeitweise widerlich, schwer zu ertragen. Dennoch war ich neugierig – und bereue nicht, das Buch gehört zu haben. Ja, es ist wirklich widerlich, ekelhaft, Heinz Strunk zeigt uns schonungslos, wie verwahrlost und verkommen der Mensch sein kann, sowohl im physischen als auch im seelischen Sinne. Beim Essen sollte man dieses Buch nicht lesen. Fritz Honka wurde Gewalt angetan und er übt sie irgendwann selbst aus, scheitert immer wieder an Versuchen, ein „ordentliches“ Leben zu führen, was ihn immer tiefer in die Spirale aus Suff, Hass und Gewalt treibt. Ebenso roh und gewaltgeladen ist die Sprache, die Sprache der untersten Hamburger Gesellschaftsschichten, was jedoch nicht bedeutet, dass das Buch gänzlich ohne sprachliche Brillanz auskommt – die Fäkalsprache ist gekonnt durchsetzt mit Stilmitteln wie Alliterationen, was einen faszinierenden Effekt hat. Der Frauenmörder Fritz Honka ist der Anti-Held des Romans, doch immer wieder springt Strunk auch in eine ganz andere Gesellschaftsschicht, die der fiktiven Reederfamilie von Dohren. Während uns Strunk also vor Augen führt, wie aus einem Menschen ein regelrechtes Monster wird, zeigt er uns anhand der Mitglieder dieser wohlhabenden Familie, dass Verzweiflung und Verkommenheit keinesfalls auf einen niedrigen sozialen Status beschränkt sind. So wird das Buch zu einem Meisterwerk, zwingt uns, die Welt aus den Augen dieser Verkommenheit zu sehen und das Verbrechen nicht zu entschuldigen, aber zu verstehen.

Das macht den Roman zu einem wirklich lesenswerten Buch, das im Leser lange nachwirkt.

Zum Hörbuch: Heinz Strunk liest sein Buch selbst, mit offensichtlicher, nun, „Begeisterung“ ist wohl das falsche Wort, aber er lebt sein Buch. Ein wenig muss man sich an seine Sprechweise gewöhnen, doch dann wird man von ihr mitgerissen. Verschiedenen Personen gibt er ganz individuelle, sehr zum Milieu passende Stimmen, den Dialekt setzt er perfekt um.

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(c) Vintage

Deutscher Titel: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Der junge tasmanische Arzt Dorrigo Evans gerät im 2. Weltkrieg in japanische Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit seinen Kameraden gehört er zu der Gruppe von Kriegsgefangenen, die beim Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn, die nicht umsonst auch „Todeseisenbahn“ genannt wird, eingesetzt wurden. Die Zustände dort sind unerträglich, die Kriegsgefangenen sterben wie die Fliegen. Dorrigo setzt alles daran, die ihm unterstellten Kameraden am Leben zu erhalten, doch ein zweites Thema beschäftigt ihn: die Erinnerung an seine Geliebte Amy – die Frau seines Onkels. Dorrigo wird die Todeseisenbahn überleben, wird zum gefeierten Kriegsheld, doch wirkliches Glück wird er nicht mehr finden.

Ich hatte sehr hohe Erwartungen an dieses Buch – die darf man bei einem Werk, das mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, auch haben. Stilistisch wurden diese Erwartungen absolut erfüllt, Flanagan schreibt poetisch, anspruchsvoll, ohne die Grenze zum schwer lesbaren Text zu überschreiten. Dorrigo selbst ist ein bibliophiler Charakter:

„At such times he had the sensation that there was only one book in the universe, and that all books were simply portals into this greater ongoing work – an inexhaustable, beautiful world that was not imaginary but the world as it truly was, a book without beginning or end.“ (Seite 63)

Die Schilderungen der Arbeit der Kriegsgefangenen und der Zustände im Camp sind schier unerträglich. Es ist jedoch wichtig, davon zu erfahren, darüber zu lesen, denn wir müssen erfahren, uns daran erinnern, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, wenn sie indoktriniert wurden – ein Thema, das wohl leider nie seine Aktualität verlieren wird. Besonders interessant ist hier der Blick auf die japanischen Befehlshabenden. Einige Kapitel sind aus der Sicht eines solchen geschrieben, sodass der Leser eine Vorstellung von deren Denkweise vermittelt bekommt. Dies wird bis in die Nachkriegszeit fortgeführt, ebenso wie Dorrigo Evans‘ Geschichte.

Dorrigos Charakter wird durch seine Liebe zu Amy und seine Erfahrungen als Kriegsgefangener geprägt. Im Grunde verlässt Dorrigo den Dschungel nie ganz. Ich würde hier gerne einen entscheidenden Satz zitieren, das kann ich aber nicht, da er einen Spoiler enthält.

Ich kann diesem Buch trotz allem keine Bestwertung geben, denn ein Problem hatte ich: Die Liebesgeschichte ist nicht „an mich herangegangen“. Sie verläuft für meine Begriffe zu steril, zu schnell, ich kann sie nicht ganz nachvollziehen. Die Erfahrungen der Kriegsgefangenen im Camp sind als Thema mächtig genug, ich hätte lieber ein Buch gelesen, das sich gänzlich darauf konzentriert. Ich habe überlegt, ob man die Liebesgeschichte nicht hätte weglassen können, doch sie spielt für Dorrigos weitere Entwicklung eine zu große Rolle. Es wäre ein anderes Buch geworden.

Daher gibt es von mir 4 von 5 Sternen und Richard Flanagans andere Bücher sind schon auf meiner Wunschliste gelandet.

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(c) Piper

Übersetzung aus dem Russischen: Ingeborg Kolinko

In der Nähe der nordukrainischen Städte Prypjat und Tschernobyl geschieht im April 1986 das Undenkbare, der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall: Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodiert nach einem misslungenen Experiment. Die Feuerwehrleute, die noch in der Unglücksnacht ohne jede Schutzkleidung auf dem Reaktordach arbeiteten, überlebten keine 2 Wochen – der Auftakt eines Jahre und Jahrzehnte andauernden Sterbens der Bewohner des Katastrophengebiets und der Helfer, der sogenannten Liquidatoren. 30 Jahre später ist der Sarkophag, der den Unglücksreaktor umhüllt, marode, ein neuer Sarkophag ist in Arbeit. Doch die Umgebung des Reaktors ist nach wie vor verseucht, Prypjat ist eine Geisterstadt.

Die weißrussische Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat sich darauf spezialisiert, ihren Lesern historische Katastrophen nahezubringen, indem sie Betroffene interviewt und ihre Berichte literarisch umsetzt. Die Erfahrungsberichte aus „Tschernobyl“ stammen aus dem Jahr 1996, als das Unglück erst 10 Jahre her war, aber die Langzeitfolgen schon deutlich sichtbar. Zunächst nennt die Autorin einige Fakten, mir war tatsächlich nicht bewusst, wie nahe Tschernobyl an der weißrussischen Grenze liegt und dass 70 % der verseuchten Gebiete auf weißrussischem Boden liegen. Dieser Teil des Buches ist jedoch kurz gehalten, es geht hier um die Menschen, und diese kommen nun zu Wort. Gleich der erste, lange Erfahrungsbericht hat mich, so schrecklich wie er ist, absolut gefesselt, ihn zu lesen, ist wie das Unglück und die unmittelbare Zeit danach hautnah mitzuerleben. Die Stimme gehört der Frau eines Feuerwehrmannes, die trotz Schwangerschaft bis zuletzt ihrem tödlich verstrahlten Mann beistand.

„Er veränderte sich. Jeden Tag traf ich auf einen anderen Mann … Die Verbrennungen traten zutage … Im Mund, auf der Zunge, auf den Wangen … Zuerst kleine Bläschen, die größer wurden … Die Schleimhaut löste sich in Schichten ab … in weißen Häutchen (S. 27/28)

„Er ist kein Mensch mehr, sondern ein Reaktor. Ihr verbrennt noch zusammen.“ (S. 31)

Es folgen weitere Erfahrungsberichte, die Alexijewitsch als „Monologe“, im Falle mehrerer Personen als „Chöre“ bezeichnet. Alle Typen von Betroffenen kommen zu Wort, Eltern verstrahlter, verstorbener Kinder, Liquidatoren, Politiker, Wissenschaftler, Kinder, Rückkehrer.

Die Schilderungen machen viel mehr als betroffen, sie sind unfassbar, etwa wenn man erfährt, dass das Unglück in Weißrussland von vielen Seiten vertuscht wurde, während in der Ukraine längst evakuiert wurde. Dass viele Liquidatoren ohne annähernd ausreichende Schutzkleidung ins Unglücksgebiet geschickt wurden. Wie fatalistisch deren Einstellung oft war, sich einerseits einer unheimlichen Gefahr bewusst, andererseits diese völlig ignorierend. Wie viele Rückkehrer der Meinung sind, bei ihnen sei alles in Ordnung. Man kann die Radioaktivität ja nicht sehen.

„Man kann nicht ständig in Angst leben, das hält der Mensch nicht aus, nach einer gewissen Zeit lebt er normal weiter.“

Wir erfahren, wie sehr der sowjetische Geist zur Vertuschung des Unglücks beitrug – sowjetische Technik war die beste der Welt, so ein Unglück durfte nicht geschehen sein! Wie sehr die Verhältnisse nach dem Unglück an Kriegszeiten erinnerten.

Das Reaktorunglück von Tschernobyl ist das beste Argument gegen die Nutzung der Atomkraft und darf nie in Vergessenheit geraten. Vor allem jüngere Menschen, die 1986 noch nicht geboren waren oder zu jung, können anhand dieses Buches erfahren, was damals mit den Menschen passierte, was nicht heißen soll, dass alle älteren es nicht lesen sollten!

Nie ist Geschichte so eindringlich, als wenn wir sie aus der Sicht des Einzelnen, des Betroffenen erleben. In Swetlana Alexijewitschs Worten:

„Schicksal ist das Leben des einzelnen, Geschichte – das Leben von uns allen. Ich möchte Geschichte so erzählen, daß dabei das Schicksal nicht aus dem Blickfeld gerät …  der einzelne …“ (Seite 50)

Das macht Swetlana Alexijewitschs Bücher so wertvoll. Es ist ihre Leistung, die verschiedenen Stimmen aus der Bevölkerung zusammenzubringen, sie zu formulieren und zusammenzusetzen wie eine Komposition, die beim Leser den größtmöglichen Eindruck erweckt. Ihr Werk hat es vollkommen verdient, durch den Literaturnobelpreis möglichst viel Aufmerksamkeit zu erfahren.

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