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Archive for the ‘Buchpreise’ Category

(c) der Hörverlag

Sprecher: Christian Berkel

Dauer: 14 h 8 min

Ein Kommissar mit gesundheitlichen Problemen, ein Holocaust-Überlebender, der in ein Altenheim ziehen muss, ein Professor der Volkswirtschaft im Ruhestand, ein einflussreicher österreichischer Schweinebauer, etliche Beamte der EU-Kommission verschiedener Nationalität und unterschiedlichen Ranges und schließlich … ein Schwein. Robert Menasse bietet in seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman eine umfangreiche Besetzung auf. Nun könnte man angesichts dieses Casts (mit Ausnahme des Schweins) einen Roman erwarten, in dem es trocken und bürokratisch zugeht.

Zunächst ist auch erst einmal schwierig, dem Geschehen zu folgen. Menasse wirft den Leser ins kalte Wasser und eine Fülle von Charakteren her, als nämlich das besagte Schwein durch Brüssel rennt und von einigen unserer Protagonisten gesehen wird. Das Schwein (keineswegs ein Wild- sondern ein Hausschwein) soll später einen quasilegendären Status erringen. Hat man etwas Geduld mit dem Buch, steigt man irgendwann auch durch, wer wer ist in diesem Buch, nach einer Weile ergeben sich auch die Zusammenhänge, und die sind keineswegs trocken. Sogar einen Mordfall gibt es, der allerdings nicht auf konventionell-kriminalistische Art gelöst wird. Wer nicht viel darüber weiß, wie es in den Institutionen der EU tatsächlich zugeht, erhält in diesem Buch manchen Einblick, insbesondere in die Beschaffenheit und Abhängigkeiten in der Europäischen Kommission. Eine der Hauptfiguren des Romans, Fenia Xenopoulou, möchte gern das Ressort wechseln und sich mit einem erfolgreichen Projekt zur Feier des 50-jährigen Bestehens der Kommission profilieren, ein weiterer Hauptcharakter wird hierfür verpflichtet, der wiederum der Bruder des österreichischen Schweinebauers ist, der gegen Unstimmigkeiten in der EU bezüglich des Handels mit Schweinefleisch vorgehen will und stimmt, da war doch die Sache mit dem Schwein. Das Schwein stellt uns nicht nur verschiedene Charaktere vor, sondern rennt wie ein roter Faden durch das ganze Buch.

Robert Menasse schafft es, einen kritischen EU-Roman vorzulegen, der letztendlich jedoch eine Vision für Europa vertritt: Es ist bekannt, dass Menasse Befürworter eines Europas der Regionen ist. Entsprechend finden sich in dem Roman einige faszinierende Gedankenspiele, unter anderem eben für eine europäische Hauptstadt (und zwar nicht Brüssel), sodass der Titel des Romans zweideutig wird.

Nicht vergessen will ich, das der Roman auch in sprachlicher Hinsicht Spaß macht, Menasse schreibt auf hohem Niveau.

Als einzige Kritik fällt mir ein, dass die Passage von David de Vriend, dem Holocaustüberleben gegen Ende des Buches meiner Meinung nach etwas zu lang geraten ist. (Möglicherweise entsteht dieser Eindruck auch durch das Hörbuchformat.)

Ich war skeptisch, ob mich dieses Buch würde fesseln können, in diesem Fall ist es tatsächlich dem Deutschen Buchpreis zu verdanken, dass ich mich dafür entschieden habe, und ich bin froh es gelesen zu haben. Die Hörbuchform verhindert zwar das Notieren von Zitaten (und eventuell einer Liste der Charaktere…), ist aber ansonsten durchweg empfehlenswert, Berkel ist ein geübter Sprecher, der darüber hinaus die Aussprache von französischen, niederländischen und sonstigen fremdsprachigen Namen tadellos meistert.

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Heute Nacht um 0 Uhr britischer Zeit pünktlich zum Weltfrauentag wurde sie bekanntgegeben, die Longlist für den diesjährigen Women’s Prize  for Fiction. Es sind einige Bekannte von der Longlist des Man Booker Prize 2017 sowie der Siegertitel des National Book Award in den USA dabei, nur wenige Titel sind mir gänzlich unbekannt. Einen der Titel, Elmet von Fiona Mozley, habe ich gelesen und für gut befunden, einige weitere Titel befinden sich auf meiner Wunschliste. Hier nun also die Longlist:

Blau steht dabei für „habe ich gelesen“, grün für „auf meiner Wunschliste“

Happy von Nicola Barker

The Idiot von Elif Batuman

Three Things about Elsie von Joanna Cannon

Miss Burma von Charmaine Craig

Manhattan Beach von Jennifer Egan

The Mermaid and Mrs Hancock von Imogen Hermes Gowar

Sight von Jessie Greengrass

Eleanor Oliphant is Completely Fine von Gail Honeyman

When I Hit You: Or, A Portrait of the Writer as a Young Wife von Meena Kandasamy

Elmet von Fiona Mozley

The Ministry of Utmost Happiness von Arundhati Roy

See What I Have Done von Sarah Schmidt

A Boy in Winter von Rachel Seiffert

Home Fire von Kamila Shamsie

The Trick to Time von Kit de Waal

Sing, Unburied, Sing von Jesmyn Ward

Von den Büchern, die mir bisher unbekannt waren, könnten eventuell noch „Happy“, „A Boy in Winter“ und „Miss Burma“ auf meiner Wunschliste landen, da muss ich noch genauer forschen.

Wie gefällt euch die Longlist? Habt ihr schon welche der Bücher gelesen oder wollt ihr sie lesen?

 

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(c) Der Hörverlag

Übersetzung aus dem Französischen: Amelie Thoma

Sprecherin: Constanze Becker

Dauer: 5 h 25 min

Das Baby ist tot. Mit diesem grausamen Satz beginnt Leila Slimanis preisgekrönter Roman, der vergangenes Jahr pünktlich zur Frankfurter Buchmesse mit dem Ehrengast Frankreich auf Deutsch erschien. Das Ende des Buches wird also vorweggenommen, und nicht nur das Baby ist tot, sondern auch die vierjährige Mila ist von ihrer Nanny, die doch eigentlich so perfekt und liebevoll war, getötet worden. Wie konnte es zu der unfassbaren Tat kommen?

Rückblende. Myriam will nach der Geburt ihres zweiten Kindes wieder an ihrer Karriere arbeiten und erhält ein tolles Jobangebot von einem Studienkollegen. Doch Paul und Myriam gehören zu den Eltern, die zu viel verdienen, um ihre Kinder auf Staatskosten versorgen zu lassen, aber zu wenig, um sich eine Nanny leisten zu können. Oder können sie vielleicht doch? Eine Kandidatin sticht heraus: die adrette, fürsorgliche und verantwortungsbewusste Louise. Und kaum beginnt sie mit ihrer Arbeit im Haushalt von Paul und Myriam, ist sie auch schon unentbehrlich für die Familie. Sie kümmert sich nicht nur aufopfernd um die Kinder, sondern übernimmt die gesamte Hausarbeit und kocht täglich – und zwar hervorragend. Schon bald ist es für das Paar undenkbar, wieder ohne Louise auskommen zu können. Sogar mit in den Urlaub nehmen sie sie.

Was den jungen Yuppies, die nun beide extrem viel arbeiten und wenig zu Hause sind, entgeht, ist Louises Seelenleben. Dass sie mit dem Geld, das sie verdient, kaum überleben kann. Dass sie zermürbt wird von Existenzängsten und der Gedankenlosigkeit ihrer Arbeitgeber. Und so entsteht langsam ein Groll in der perfekten Nanny, der sich schließlich in ihrer schrecklichen Tat entlädt.

Slimanis Geschichte ist trotz des bekannten Endes durchweg spannend. Dies liegt unter anderem daran, dass eine Erklärung für die Tötung der Kinder so unvorstellbar scheint, es ist hochinteressant, zu verfolgen, wie Louise immer mehr an den Abgrund gedrängt wird, ohne dass die Eltern der Kinder irgendetwas ahnen. Im Verlauf der Geschichte mehren sich langsam die Konflikte zwischen der Nanny und den Eltern und dennoch sind diese weit entfernt davon, zu ahnen, wie sich die Perle Louise fühlt.

Was mich gestört hat an dem Buch ist die häufige Verwendung des Perfekts, um von der Vergangenheit zu berichten. Das störte mich wesentlich mehr als das ebenfalls häufig gebrauchte Präsens. Ich weiß nicht, ob dies eine Idee der Übersetzerin war oder ob es im französischen Original auch so ist. Eine Erklärung könnte im letzteren Fall sein, dass die Autorin eine möglichst große Nähe zur Gegenwart erzeugen wollte. Dieser Effekt hätte jedoch auch mit dem Einsatz des Präsens erzielt werden können, was ja auch teilweise der Fall ist. Doch beim Perfekt zuckte ich jedesmal ein bisschen zusammen, jedenfalls am Anfang. Das Perfekt gehört für mich nicht in die Schriftsprache, sondern in die gesprochene Sprache. Dieser Effekt wurde möglicherweise durch das Hörbuchformat noch verstärkt.

Abgesehen von dieser Schwäche empfand ich „Dann schlaf auch du“ als gelungene und interessante Charakterstudie. Ein definitiv lesenswertes Buch.

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(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Alles, was wir geben mussten

England, ja, wann? Offenbar in den frühen Achtzigern. Im Internet Hailsham wachsen zahlreiche elternlose Kinder auf. Wir erfahren zunächst viel über unsere drei Protagonisten Kathy, Ruth und Tommy, die bald eine Art Beste-Freunde-Trio bilden. Von Anfang an ist klar, dass es mit dem Schicksal der Internatsschüler irgendwas Besonderes auf sich hat. Unterschwellig wissen dies auch die Kinder, doch sie schütteln es immer gleich wieder ab, es scheint, sie wollen gar nicht wissen, was die Zukunft für sie bereithält. Bis eine engagierte Lehrerin es nicht mehr aushält und die inzwischen zu Jugendlichen gewordenen Schüler aufklärt.

Als im Oktober Kazuo Ishiguro zum Nobelpreisträger für Literatur 2017 gekürt wurde, reagierten viele mit dem Kommentar „Endlich mal ein Nobelpreisträger, von dem ich etwas gelesen habe“! So war es auch bei  mir, ich hatte schon Ishiguros Meisterwerk „The Remains of the Day“ (Was vom Tage übrig blieb) als Hörbuch gehört und sehr genossen. Dass „Never Let Me Go“ ein ganz anderes Buch sein würde, war mir klar. Es handelt sich um einen Roman, der viel, ja sehr viel Diskussionsstoff bietet und bei dem die Sprache weniger bemerkenswert ist als in The Remains of the Day. Es gibt also sehr viel zu sagen über das Buch, gleichzeitig ist es sehr schwer, dies ohne Spoilern zu tun (wobei es von Anfang an viele Hinweise auf den wichtigsten Plot-Point gibt). Da ich durch einen Trailer für den Film (den ich aber noch nicht gesehen habe) gespoilert wurde, möchte ich das an dieser Stelle vermeiden. Ich werde jedoch einen nicht spoilerfreien Abschnitt hinzufügen, den ich entsprechend kennzeichnen werde.

Dass das Buch in der ersten Person verfasst ist (aus Kathys Sicht) ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Erzählerin vielleicht ein wenig unglücklich, doch meiner Ansicht nach gezielt gewählt, um den Leser ganz in die Situation der Protagonisten zu versetzen. Wir wissen im Verlauf des Buches stets genauso viel, wie diese wissen und das halte ich für wichtig, um das Handeln und die Einstellung der drei und ihrer Schulkameraden zu verstehen. Denn dieses könnte durchaus Verständnislosigkeit hervorrufen. Natürlich wird hiermit auch Spannung erzeugt, aber der Punkt ist, dass es dem Leser genauso geht, wie den Protagonisten. Es steckt viel Psychologie in dem Roman, was macht das Halbwissen um ihr Schicksal mit den Schülern und was die Erkenntnis darüber? Inwiefern befindet sich der Leser vielleicht in einer ähnlichen Situation. Es ist ungemein spannend, hierüber und über die moralischen Implikationen zu reflektieren. Allein deswegen ist das Buch schon lesenswert. Ich empfehle es allen und besonders Lesegruppen, denn es gibt viel zu bereden.

 

 

SPOILER-ALARM!

 

 

Im Grunde denke ich, dass die meisten wissen, worin es in dem Buch geht. Die Schüler sind Klone, die einzig erzeugt wurden, um im Erwachsenenalter ihre Organe nacheinander zu spenden bis zum Tod, der mit dem Euphemismus „Completen“ umschrieben wird. Es gibt mehrere Lesarten des Romans. Zunächst einmal kann man da sicher eine Kritik am Klonen, am „Gottspielen“ sehen. Die moralischen Fragen, die durch die Kombination des Klonens von Menschen mit Organspende aufgeworfen werden, sind höchstinteressant: So äußert Ruth an einer Stelle, dass sie wahrscheinlich alle Klone von schlechten Menschen sind, denn gute, erfolgreiche Menschen lassen sich doch nicht klonen! Dies führt zu einer weiteren Frage: Hat man vielleicht tatsächlich Kriminelle geklont, weil dies vielleicht für ein weniger schlechtes Gewissen in der Gesellschaft verursacht? Wie steht die Gesellschaft überhaupt zu dieser schrecklichen Praktik? Dies lässt Ishiguro größtenteils offen. Nur die Existenz und ein Gespräch mit einigen Lehrerinnen, die durch Sammeln der von den Klonen angefertigten Kunststücke auf die Menschlichkeit dieser hinweisen will, zeigt uns, dass die Sache nicht so ganz unumstritten ist. Doch bisher wurde den Klonen wohl jeglicher Wert als Mensch abgesprochen. Warum fügen sich die Schüler in ihr Schicksal, als sie die Wahrheit erfahren? Außer der Hoffnung, dass Paare vielleicht erreichen könnten, ein bisschen länger zu leben, gibt es keine Versuche, gegen die Ungerechtigkeit ihres Schicksals zu rebellieren. Und da kommt dann die zweite Lesart des Romans ins Spiel: Ist die ganze Konstellation möglicherweise eine Metapher für den Menschen im kapitalistischen Zeitalter? Erfüllen nicht die meisten von uns auch widerstandslos die Erwartungen, die bezüglich Bildung und Karriere gestellt werden? Hierzu passt die zunächst etwas merkwürdig erscheinende zeitliche Einordnung in die Achtziger -und Neunzigerjahre, die den Roman offenbar weniger zu einer Dystopie als zu einem Roman mit alternativer Geschichte machen. Oder eben zu einem Roman über unsere eigene Geschichte.

Hierin liegt die Bedeutung des Romans: Er liefert zahlreiche Denkanstöße und fordert uns auf, nichts, das wir nicht gut finden, uns aber normal erscheint, ohne Hinterfragen zu akzeptieren.

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Ich habe noch keine Informationen zu einer deutschen Ausgabe gefunden.

Nordengland in der Jetztzeit. Die Teenager Daniel und Cathy leben mit ihrem Vater in einer selbstgebauten Hütte auf dem Land. Sie haben nur wenige Nachbarn, haben die Einsamkeit und Zurückgezogenheit gezielt gesucht. Sie sind zufrieden, bis der größte Grundbesitzer der Region Rechte an ihrem Grundstück bekundet und die Vergangenheit und die Gegebenheiten der Region beginnen, die Familie einzuholen.

Mehr als einmal kam mir bei der Lektüre von Fiona Mozleys Debütroman der Gedanke, dass die Gegend, in der er angesiedelt ist, und die rauen Sitten, die dort herrschen, mich an die Ozarks und an Daniel Woodrells „Winter’s Bone“ erinnern. Das Gesetz, die Staatsgewalt scheinen nicht vorhanden, niemand bemängelt, dass Daniel, der Ich-Erzähler des Romans, und seine Schwester nicht mehr zur Schule gehen. Stattdessen schickt der Vater sie zu einer etwas besser gebildeten Nachbarin, um ihnen eine Art Unterricht zukommen zu lassen. Und Grundbesitzer Price nimmt die Rolle eines Königs ein, der das Sagen hat und gegen den niemand ankommt, die Polizei hinzuzuziehen, ist nicht denkbar oder die Polizisten stehen ebenfalls unter seiner Fuchtel. Daniel ist das Gegenstück seines grobschlächtigen Vaters, der früher als Boxer sein Geld verdient hat, er ist zierlich, feminin und scheint sich auch so zu fühlen. In seiner Familie und seinem Umfeld ist dies überhaupt kein Thema, er ist jedoch auf den Schutz seines Vaters und auch seiner nur wenig älteren Schwester angewiesen. Diese ist eher burschikos und trägt stark fatalistische Züge, sie nimmt vieles, was man ihr angetan hat, als gegeben hin, kann sich jedoch durchaus wehren. Umgehauen hat mich dieser Satz aus ihrem Mund:

„We all grow into our coffins, Danny. And I saw myself growing into mine.“

Für mich war es schwer erträglich, mitzuerleben, wie die Ungerechtigkeit und die Selbstjustiz sich in Mozleys Geschichte ihren Weg bahnen. Man möchte eine Polizeitruppe hinschicken, erkennt aber, das dies aus der Sicht der Charaktere unsinnig ist. Was den Leser wiederum ohnmächtig, verzweifelt hinterlässt. Es ist kaum vorstellbar, dass herrisches Gebaren wie das von Price heute noch durchgeht, doch, halt, wie lautet der Titel des Buchs? „Elmet“: eine Gegend in Nordengland, die im frühen Mittelalter, in den „Dark Ages“, ein eigenständiges keltisches Königreich war. Und so scheinen die alten Kräfte, die totalitären Strukturen in Elmet weiterzubestehen, unbeirrt von der modernen Zeit.

Elmet ist ein erstaunliches Debüt, ein kraftvolles, aufwühlendes und sprachlich starkes Buch, das ich durchaus gern als Gewinner des Booker Prize sehen würde, auch wenn ich wie die meisten vermute, dass „Autumn“ von Ali Smith gewinnen wird.

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Gestern Morgen um 11 Uhr deutscher Zeit war es endlich so weit: Die diesjährige Shortlist für den Man Booker Prize wurde bekanntgegeben. Und nicht nur ich war überrascht 😉

Folgende Bücher wurden nominiert:

4 3 2 1 von Paul Auster

History of Wolves von Emily Fridlund – Rezension

Exit West von Mohsin Hamid – Rezension

Elmet von Fiona Mozley – inzwischen gelesen, Rezension

Lincoln in the Bardo von George Saunders – Rezension

Autumn von Ali Smith

Wie ihr seht, habe ich die Hälfte der Shortlist bereits gelesen, ginge es nur um diese 3 Bücher, würde ich Lincoln in the Bardo nun doch als Sieger sehen. Auf jeden Fall lesen möchte ich noch Elmet von Fiona Mozley, bei 4 3 2 1 bin ich aufgrund des Umfangs noch nicht sicher. Sehr viele wünschen sich, dass Ali Smith den Preis gewinnt, aber ich muss gestehen, dass mich das Buch inhaltlich wirklich gar nicht interessiert. Außerdem mag ich Bücher mit nur wenig Plot nicht. Ich glaube daher eher nicht, dass ich das Buch lesen werde, auch wenn ich damit den favorisierten Titel auslasse.

Sehr überrascht war ich, dass sowohl Emily Fridlund als auch Fiona Mozley als Debütantinnen auf der Shortlist gelandet sind. Zumal „History of Wolves“ von einigen als das schwächste der nominierten Bücher gesehen wurde. Das Buch hat mich nicht umgehauen, aber ich stelle fest, dass es mich von den bisher gelesenen nominierten Titeln im Nachhinein am meisten beschäftigt, die Psychologie der Protagonistin ist doch recht interessant. Ich freue mich daher für Emily Fridlund. Enttäuscht hingegen bin ich, dass Days Without End nicht berücksichtigt wurde. Die Sprache des Buchs ist so einmalig – gleichzeitig roh und wunderschön – meiner Meinung nach hätte es dafür auf die Liste gehört. Exit West mochte ich im Endeffekt lieber als The Underground Railroad, dessen Umsetzung nicht ganz so gelungen ist, daher bin ich mit dieser Nominierung auch einverstanden.

Wie gefällt euch die Shortlist? Habt ihr schon was davon gelesen oder plant ihr, die Titel zu lesen? Welches Buch seht ihr als Siegertitel?

Am 17.10. erfahren wir dann, wer es geschafft hat.

Noch ein Wort zum Deutschen Buchpreis

Vielleicht wundern sich einige von euch, dass ich mich so ausführlich mit dem Booker Prize beschäftige, aber kein Wort über den Deutschen Buchpreis verliere. Das liegt einfach daran, dass mir die diesjährige Longlist überhaupt nicht gefällt. Es standen gerade 3 Bücher darauf, die mich interessierten, Evangelio und Das Floß der Medusa wollte ich ohnehin lesen, Katie habe ich mir dann noch auf die Liste gesetzt. Auf der Shortlist steht somit nur ein Buch, das mich interessiert, und anders als beim Booker Prize ist es hier so, dass die übrigen Bücher mich wirklich üüüberhaupt nicht interessieren. Sorry 🙂

 

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(c) Penguin Random House Audio

Deutscher Titel: Exit West

Dauer: 4h 42 min

Sprecher: Mohsin Hamid

In einer nicht benannten Stadt in einem nicht benannten Land des Nahen Ostens begegnen sich Nadia und Saeed in der Abendschule. Die beiden verlieben sich, während die Situation in dem Land in einem schrecklichen Bürgerkrieg mündet. Nadia und Saeed erfahren von sogenannten „Türen“, die plötzlich an beliebigen Orten entstehen und zu verschiedenen wohlhabenden Ländern führen, und beschließen, zu flüchten.

Selten habe ich erlebt, dass ein für einen so wichtigen Preis wie den Man Booker Prize nominiertes Buch so unterschiedliche Reaktionen bei Menschen hervorruft, auf deren Literaturkenntnis ich vertraue. Die Meinungen gehen wirklich von furchtbar bis wunderbar. Ein häufiger Kritikpunkt ist, dass es keinerlei Erklärung hinsichtlich des Entstehens und der Funktionsweise der Türen zu den reichen Ländern gibt. Ich bin selbst nicht der allergrößte Fan von magischem Realismus, aber Hamid hat hier ein in meinen Augen plausibles Argument: Er wollte sich darauf konzentrieren, wie es dem Flüchtlingspaar in ihrem Zielland ergeht, und nicht auf die Fluchtgeschichte, die in der Realität ja ein eigenes Thema ist. Ich hatte keine Probleme, mich darauf einzulassen, dass diese Türen jetzt nun mal einfach existieren, tatsächlich sind sie ein ziemlich geniales Konstrukt, um die Schilderung der Fluchtproblematik zu umgehen.

Der zweite Kritikpunkt liegt bei Hamids Sprache, die einige Rezensenten als sehr schlecht und unbeholfen empfinden. Tatsächlich scheint Hamid den Lesern der Printausgabe schier unendlich lange Sätze zuzumuten. Zudem sind einige Metaphern, die der Autor wählt, meiner Meinung nach wirklich etwas misslungen. „…with the slow serenity of a masticating cow“? Ernsthaft? Da gibt es noch mehr Beispiele, andere Bilder haben mir aber durchaus gefallen. Ich möchte kein endgültiges Urteil über die Sprache abgeben, ich bin keine Muttersprachlerin und andere können das besser beurteilen. Ich muss jedenfalls festhalten, dass das Problem mit den langen Sätzen beim Hörbuch weniger zum Tragen kommt, da der Autor natürlich weiß, wie er seine eigenen Sätze betonen muss. Da fällt es nicht auf, dass im Print ewig lang kein Punkt kommt. Die Sprache ist ansonsten sehr klar und die misslungenen Metaphern wiegen nicht so schwer, dass ich insgesamt zu einem negativen Urteil käme.

Sehr gut gefallen hat mir die sehr realistische Schilderung der Liebesbeziehung zwischen Nadia und Saeed. Das ist keine Insta-Love-Happy-Ever-After-Geschichte. Vor allem die späteren Kapitel fand ich in dieser Beziehung sehr gelungen.

Nicht nur die Liebesgeschichte ist glaubwürdig und realistisch, auch die Szenarien, die Hamid für die Flüchtlingsmassen entwirft, die durch die Türen in die Industrieländer strömen, sind trotz des Elements des magischen Realismus durchaus plausibel und bieten interessante Denkanstöße.

Ergo: Ich zähle zu den Freunden dieses Romanes, wenn ich auch ich nicht restlos begeistert bin.

Dass der Autor sein Buch selber spricht, bringt neben dem oben genannten Aspekt auch den Vorteil, dass er selbst durch seine pakistanische Herkunft mit leichtem Akzent spricht, der gut zum Thema passt.

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