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Archive for the ‘Dystopie’ Category

(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Alles, was wir geben mussten

England, ja, wann? Offenbar in den frühen Achtzigern. Im Internet Hailsham wachsen zahlreiche elternlose Kinder auf. Wir erfahren zunächst viel über unsere drei Protagonisten Kathy, Ruth und Tommy, die bald eine Art Beste-Freunde-Trio bilden. Von Anfang an ist klar, dass es mit dem Schicksal der Internatsschüler irgendwas Besonderes auf sich hat. Unterschwellig wissen dies auch die Kinder, doch sie schütteln es immer gleich wieder ab, es scheint, sie wollen gar nicht wissen, was die Zukunft für sie bereithält. Bis eine engagierte Lehrerin es nicht mehr aushält und die inzwischen zu Jugendlichen gewordenen Schüler aufklärt.

Als im Oktober Kazuo Ishiguro zum Nobelpreisträger für Literatur 2017 gekürt wurde, reagierten viele mit dem Kommentar „Endlich mal ein Nobelpreisträger, von dem ich etwas gelesen habe“! So war es auch bei  mir, ich hatte schon Ishiguros Meisterwerk „The Remains of the Day“ (Was vom Tage übrig blieb) als Hörbuch gehört und sehr genossen. Dass „Never Let Me Go“ ein ganz anderes Buch sein würde, war mir klar. Es handelt sich um einen Roman, der viel, ja sehr viel Diskussionsstoff bietet und bei dem die Sprache weniger bemerkenswert ist als in The Remains of the Day. Es gibt also sehr viel zu sagen über das Buch, gleichzeitig ist es sehr schwer, dies ohne Spoilern zu tun (wobei es von Anfang an viele Hinweise auf den wichtigsten Plot-Point gibt). Da ich durch einen Trailer für den Film (den ich aber noch nicht gesehen habe) gespoilert wurde, möchte ich das an dieser Stelle vermeiden. Ich werde jedoch einen nicht spoilerfreien Abschnitt hinzufügen, den ich entsprechend kennzeichnen werde.

Dass das Buch in der ersten Person verfasst ist (aus Kathys Sicht) ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Erzählerin vielleicht ein wenig unglücklich, doch meiner Ansicht nach gezielt gewählt, um den Leser ganz in die Situation der Protagonisten zu versetzen. Wir wissen im Verlauf des Buches stets genauso viel, wie diese wissen und das halte ich für wichtig, um das Handeln und die Einstellung der drei und ihrer Schulkameraden zu verstehen. Denn dieses könnte durchaus Verständnislosigkeit hervorrufen. Natürlich wird hiermit auch Spannung erzeugt, aber der Punkt ist, dass es dem Leser genauso geht, wie den Protagonisten. Es steckt viel Psychologie in dem Roman, was macht das Halbwissen um ihr Schicksal mit den Schülern und was die Erkenntnis darüber? Inwiefern befindet sich der Leser vielleicht in einer ähnlichen Situation. Es ist ungemein spannend, hierüber und über die moralischen Implikationen zu reflektieren. Allein deswegen ist das Buch schon lesenswert. Ich empfehle es allen und besonders Lesegruppen, denn es gibt viel zu bereden.

 

 

SPOILER-ALARM!

 

 

Im Grunde denke ich, dass die meisten wissen, worin es in dem Buch geht. Die Schüler sind Klone, die einzig erzeugt wurden, um im Erwachsenenalter ihre Organe nacheinander zu spenden bis zum Tod, der mit dem Euphemismus „Completen“ umschrieben wird. Es gibt mehrere Lesarten des Romans. Zunächst einmal kann man da sicher eine Kritik am Klonen, am „Gottspielen“ sehen. Die moralischen Fragen, die durch die Kombination des Klonens von Menschen mit Organspende aufgeworfen werden, sind höchstinteressant: So äußert Ruth an einer Stelle, dass sie wahrscheinlich alle Klone von schlechten Menschen sind, denn gute, erfolgreiche Menschen lassen sich doch nicht klonen! Dies führt zu einer weiteren Frage: Hat man vielleicht tatsächlich Kriminelle geklont, weil dies vielleicht für ein weniger schlechtes Gewissen in der Gesellschaft verursacht? Wie steht die Gesellschaft überhaupt zu dieser schrecklichen Praktik? Dies lässt Ishiguro größtenteils offen. Nur die Existenz und ein Gespräch mit einigen Lehrerinnen, die durch Sammeln der von den Klonen angefertigten Kunststücke auf die Menschlichkeit dieser hinweisen will, zeigt uns, dass die Sache nicht so ganz unumstritten ist. Doch bisher wurde den Klonen wohl jeglicher Wert als Mensch abgesprochen. Warum fügen sich die Schüler in ihr Schicksal, als sie die Wahrheit erfahren? Außer der Hoffnung, dass Paare vielleicht erreichen könnten, ein bisschen länger zu leben, gibt es keine Versuche, gegen die Ungerechtigkeit ihres Schicksals zu rebellieren. Und da kommt dann die zweite Lesart des Romans ins Spiel: Ist die ganze Konstellation möglicherweise eine Metapher für den Menschen im kapitalistischen Zeitalter? Erfüllen nicht die meisten von uns auch widerstandslos die Erwartungen, die bezüglich Bildung und Karriere gestellt werden? Hierzu passt die zunächst etwas merkwürdig erscheinende zeitliche Einordnung in die Achtziger -und Neunzigerjahre, die den Roman offenbar weniger zu einer Dystopie als zu einem Roman mit alternativer Geschichte machen. Oder eben zu einem Roman über unsere eigene Geschichte.

Hierin liegt die Bedeutung des Romans: Er liefert zahlreiche Denkanstöße und fordert uns auf, nichts, das wir nicht gut finden, uns aber normal erscheint, ohne Hinterfragen zu akzeptieren.

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(c) Hörbuch Hamburg

Sprecher: Marc-Uwe Kling

Dauer: 8 h 26 min

In einer nahen Zukunft in einem Land, das in Qualityland umbenannt wurde, fristet Peter Arbeitsloser (die bisherigen Nachnamen wurden durch die Berufe der Eltern zum Zeitpunkt der Zeugung geändert) sein Leben als nicht erfolgreicher Maschinenverschrotter. Er hat gerade so Level 10 von 200 möglichen und droht damit, in die Kategorisierung als „Nutzloser“ abzurutschen. Dann ist auch noch Schluss mit seiner Freundin, der die Partnervermittlung Qualitypartner eine bessere Partie zugeteilt hat. Als ihm TheShop, der weltweit größte Versandhändler, bei dem man gar nicht mehr erst bestellen muss, sondern anhand des allmächtigen Algorithmus automatisch alles zugesandt bekommt, was man haben möchte, ihm einen pinken Delfinvibrator schickt, läuft das Fass über. Den will er überhaupt nicht! Doch das gute Stück zurückzugeben, erweist sich als schwieriger denn angenommen…

Die Frage „was kommt von Marc-Uwe Kling nach dem Känguru“ hing bis zum Erscheinen seines ersten tatsächlich als Roman angelegtem Buch einigermaßen groß im Raum. Die Angst vor Enttäuschung war bei vielen Fans sicher groß. „Qualityland“, das in einer hellen und einer dunklen Version erschienen ist (der Unterschied sind die immer am Kapitelanfang stehenden Nachrichtenmeldungen, Werbetexte etc.; die jeweils andere Version dieser kann im Internet nachgeschaut werden) kommt jedoch keineswegs als schwächelndes Stiefkind des Kängurus daher: Marc Uwe-Kling legt mit einer realitätsnahen, gleichzeitig beängstigenden und irre komischen Dystopie noch einen drauf. Man muss das Buch gar nicht mit der Känguru-Trilogie vergleichen, es kann prima alleine stehen (wobei für Känguru-Liebhaber da schon ein paar Stellen eingebaut wurden ;-)). Beim Lesen lacht man über die absurden gesellschaftlichen Entwicklungen, bis einem klar wird: Das ist alles andere als abwegig. Genau so oder so ähnlich kann es kommen. Das Leben eines jeden wird bestimmt von seinem Profil, das gleichzeitig für alles gilt in einem allumfassenden sozialen Netzwerk. Selbst, welche Partei man wählt, wird vorgeschlagen, und wenn man sich anders entscheidet, wird nachgefragt „möchtest du wirklich…“

Auch wenn das Werk völlig eigenständig ist, setzt Kling unter anderem auch auf bewährte Stilmittel: Hier sind es nicht die falsch zugeordneten Zitate, sondern wie oben bereits erwähnt Nachrichtenmeldungen und Werbebotschaften, die den Kapiteln vorausgehen, und auch der ein oder andere Running Gag kommt vor, was wir Fans natürlich lieben. Der Loser Peter Arbeitsloser wird von einer Reihe von defekten Robotern unterstützt, darunter ein Kampfroboter und ein Sexroboter sowie eine Drohne mit Flugangst.

Bei allem Humor – und dieses Buch ist wirklich, wirklich sehr komisch und hat mich oft laut lachen lassen – hier hält Marc-Uwe Kling unserer Gesellschaft einen Spiegel vor und fragt uns: Wollen wir das wirklich? Denn das ist, worauf es hinausläuft in unserer vernetzten, personalisierten und eben auch zunehmend gläsernen Welt. Das ist Satire, und zwar vom Feinsten. Eine hundertprozentige Empfehlung für alle, nicht nur Känguru-Fans! 10 Sterne!

Wie auch beim Känguru gilt: Marc-Uwe Kling ist live am besten zu genießen. Daher sei das Hörbuch, ein Live-Mitschnitt, unbedingt empfohlen. Wobei ich mir wahrscheinlich die dunkle Edition als Printexemplar gönnen werde. 😉

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(c) btb

Übersetzung aus dem Norwegischen: Ursel Allenstein

England, 1852: William hat zu Gunsten seiner großen Familie auf eine große Karriere als Biologe verzichtet und verkauft stattdessen Saatgut. Als sein Mentor ihm sein eigenes Versagen vorführt, verfällt er in Lethargie. Bis er eine Idee hat, die ihn wieder aus dem Bett holt: ein neuartiger Bienenstock.

Ohio, USA, 2007: Georges Familie betätigt sich seit Generationen hauptberuflich als Imker und diese Tradition soll nach seinem Willen fortgeführt werden. Doch sein Sohn Tom scheint andere Interessen verfolgen zu wollen. Derweilen erreichen den Bienenfarmer immer mehr Gerüchte von der seltsamen Erscheinung „Colony Collapse Disorder“: Farmer weiter südlich in den USA finden ihre Bienenstöcke plötzlich fast leer vor – frei sowohl von lebenden als auch von toten Bienen.

Sichuan, China, 2098:

Tao ist eine von unzähligen Bestäuberinnen, die in mühevoller Handarbeit die Arbeit der ausgestorbenen Bienen verrichten. Dennoch reicht die Ernte jährlich kaum zum Überleben. In anderen Regionen wie Europa ist die Lage noch schlimmer. Tao hat mit ihren Mann einen dreijährigen Sohn und erhofft sich für ihn eine weiterführende Ausbildung, damit er nicht wie die anderen Kinder mit acht Jahren mit der Arbeit als Bestäuber beginnen muss. Doch dann stößt der Familie ein Unglück zu, das ihr Leben über den Haufen wirft.

Maja Lundes Roman erzählt jeweils einen entscheidenden Abschnitt im Leben dieser drei Familien, deren Leben sich mehr oder weniger um Bienen dreht – oder eben um deren Fehlen. Lunde wechselt dabei in mit dem Namen des jeweiligen Protagonisten betitelten Kapiteln zwischen den drei Schauplätzen bzw. Zeitstellungen. Der Sprachstil ist recht einfach, was in Kombination mit den kurz gehaltenen Kapiteln für hohe Spannung und ein hohes Lesetempo sorgt.

In einigen Rezensionen wurde geäußert, dass Maja Lunde sich stärker auf die Geschichte der Familien konzentriere als erwartet. Das habe ich nicht so empfunden, ich behaupte, die Bienen sind vielmehr der eigentliche Protagonist des Romans, auch wenn es scheinbar nur indirekt um sie geht. Ich konnte keine Seite des dystopischen Zukunftsszenarios ohne Bienen, das für mich den stärksten der Handlungsstränge darstellt, lesen, ohne daran denken zu müssen, wie wahrscheinlich es ist, dass der Kollaps der Bienenpopulationen tatsächlich eintritt. Und darin liegt auch die eigentliche Motivation, die ich hinter diesem Buch sehe: uns wachzurütteln und vor Augen zu führen, wie es der Welt ergehen kann, wenn wir es nicht schaffen, das Insektensterben aufzuhalten, und die Bienenhaltung in der traditionellen Form infrage zu stellen. Jeder hat wohl schon einmal etwas vom Bienensterben gehört, aber wie viele (außer Imkern und anderen Experten) haben sich deshalb ernsthafte Gedanken gemacht oder sogar etwas dagegen getan? Auch ich war mir des Problems bewusst, wir hatten sogar einen Fall von Colony Collapse Disorder (CCD) in der Familie, die Stieftochter meiner Schwester ist Gärtnerin und hatte im Garten meiner Schwester einen Stock aufgestellt. Eines Tages war er leer. Richtig aufgerüttelt hat mich erst dieses schöne Buch, dem ich möglichst viele Leser wünsche. Ich weiß nicht, ob wir das Bienensterben noch aufhalten können. Ich für meinen Teil habe vor, zum nächsten geeigneten Zeitpunkt bei Wildbiene + Partner ein Beehome zu bestellen und einen kleinen Beitrag zur Verbreitung der Mauerbiene zu leisten.

Ich bedanke mich beim Random House-Bloggerportal für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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(c) Penguin

Deutscher Titel: Die Gabe, erscheint am 12.03.2018 im Heyne-Verlag

Großbritannien, Jetztzeit. Teenager Roxy ist die Tochter eines Gangsterbosses. Als eine verfeindete Bande ihre Mutter überfällt, verpasst sie einem der Angreifer einen Elektroschock – einfach so, mit der Hand. Sie ist eine der ersten, die diese Fähigkeit aufweist, denn Roxy hat eine „Skein“, ein neues Organ, ein Strang entlang des Schlüsselbeins, der Elektrizität produziert.

Die Vorfälle mit jungen Frauen, die Elektroschocks verabreichen können, nehmen zu, und bald stellen auch viele ältere Frauen fest, dass sie die Fähigkeit haben. Die meisten Männer reagieren alarmiert, denn bald deutet sich an, dass diese neue Fähigkeit und die sich aus ihr ergebende Überlegenheit der Frauen die immer noch stark durch das Patriarchat geprägte Gesellschaft revolutionieren könnte.

Dystopien sind mein Ding, mit einer gut ausgearbeiteten, düsteren Zukunftsvision kommt bei mir schnell Gänsehautfeeling auf. Naomi Aldermans preisgekrönter Roman (er wurde kürzlich völlig zu Recht mit dem Bailey’s Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet wurde) schafft dies von der ersten Seite an. Denn Alderman leitet ihr Buch mit einem Geniegriff ein, der bereits andeutet, dass hier aus einer fernen Zukunft heraus rückblickend berichtet wird. Ergänzt wird der Text durch Abbildungen „archäologischer“ Artefakte sowie fiktive Einträge aus Internetforen und Akten.

Der Gänsehautfaktor ist jedoch bei Weitem nicht der einzige Faktor, der dieses Buch zu einem großartigen macht, schließlich ist die Genderdiskussion in aller Munde, es gibt viele Bemühungen, alte Gendernormen aufzubrechen und Chancengleichheit herzustellen, gleichzeitig gibt es Gegenbewegungen, die die Differenzierung der Geschlechter aufrecht erhalten wollen. Es gibt in der feministischen Bewegung auch Behauptungen, die Fragen aufwerfen, etwa, ob eine von Frauen beherrschte Welt wirklich friedlicher und gerechter wäre. Alderman greift diese Frage auf und gibt eine höchstinteressante Antwort.

Naomi Aldermans Geschichte ist großartig konstruiert und liest sich als echter Pageturner. Das Buch hat das Potenzial, mein Buch des Jahres zu werden, ähnlich wie Yaa Gyasis „Homegoing“ ist es wie für mich geschaffen. Aldermans Aussage ist eindeutig: Nur ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern kann eine wünschenswerte, friedliche Weltordnung schaffen. Sobald ein Geschlecht dominiert, kommt es zu Aggression und Unterdrückung. Offen bleibt die Frage, ob die Menschheit überhaupt in der Lage ist, eine solche Weltordnung herzustellen. Die Tendenz ist eher pessimistisch.

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(c) Ullstein

(c) Ullstein

Ein Paar fährt gemeinsam mit der Cousine der Frau in ein Jagdhaus in den Bergen. Das Paar möchte am Anreisetag noch ins Dorf und lässt die Cousine, unsere namenlose Protagonistin, allein mit dem Jagdhund Luchs zurück. Seltsamerweise kehrt das Paar abends nicht zurück. Am nächsten Morgen macht sich die Protagonistin auf den Weg ins Dorf, um zu erfahren, was passiert ist. Da stößt sie plötzlich gegen eine unsichtbare Barriere. Die Frau ist verwirrt, was ist denn das? Die wenigen Menschen, die sie auf der anderen Seite der unsichtbaren Wand erkennen kann, sind völlig bewegungslos, mitten in der Bewegung erstarrt. Die Wand scheint den Berg weitläufig abzusperren. Die Frau muss sich nun darauf einstellen, allein mit dem Hund zurechtzukommen.

Die Prämisse ist faszinierend. Woher kommt diese Wand, was ist passiert, sind die Menschen auf der anderen Seite wirklich tot? Handelt es sich um ein regionales Phänomen oder gibt es überhaupt noch Leben außerhalb der Wand? Und auf der Seite der Protagonistin? Die meisten dieser Fragen werden für die Leserin ebenso im Dunkeln bleiben wie für die Protagonistin.

Diese rechnet zunächst zwar noch mit Rettung, akzeptiert jedoch erstaunlich schnell, dass sie vorerst isoliert ist. Schnell beginnt sie, sich im Jagdhaus einzurichten. Mit Bewunderung verfolgt die Leserin, wie gut sie klarkommt – es sind zwar noch viele Vorräte im Haus vorhanden, doch die sind endlich. Ein Kartoffelacker und ein Bohnenfeld werden angelegt – und die Protagonistin geht gezwungenermaßen auf die Jagd. Sie tötet die Tiere nicht gern, akzeptiert jedoch, dass ihr keine andere Wahl bleibt. Sie muss ja außerdem den Hund versorgen. Bald gesellen sich noch eine Katze und eine Kuh zu der Protagonistin, die ebenfalls auf ihrer Seite der Wand gestrandet sind. Zu den Tieren entwickelt sie eine enge emotionale Bindung, gerade zwischen ihr und Luchs entsteht eine ursprünglich wirkende Symbiose, beide sind voneinander abhängig. Man gewinnt den Eindruck, dass die Protagonistin gar nicht so unglücklich mit der Situation ist. Auch an ihren Gedankengängen ist zu erkennen, dass das naturverbundene Leben ihr viel echter erscheint, die schnelllebige Zivilisation wird immer unwirklicher für sie und bald akzeptiert sie auch, dass sie nicht mehr existiert. Sie denkt zwar manchmal an ihre Töchter, scheint jedoch nicht wirklich andere Menschen zu brauchen, die Tiere genügen ihr. Ich fühlte mich der Protagonistin bei der Lektüre sehr nahe. Ich will nicht andeuten, dass auch ich gut auf andere Menschen verzichten könnte, doch als Introvertierte, die sich oft wünscht, nur den Kater um sich herum zu haben, und Abende allein mit einem Buch unendlich genießt, kann ich ihre Haltung zumindest nachvollziehen. Gerade ihre Liebe zu den Tieren ist für mich absolut verständlich.

Keinesfalls sollte jedoch der Eindruck entstehen, dass das einfache Leben ohne die Errungenschaften der Zivilisation hier verklärt oder gar glorifiziert wird. Es passieren immer wieder schlimme Dinge, gegen die die Protagonistin gar nichts ausrichten kann, etwa der Tod einiger Nachkommen der Katze oder Krankheiten, die sie niederwerfen und die sie nur mit Not übersteht. Es wird ganz deutlich, dass ein solches Leben zeitlich begrenzt ist.

Auch eine feministische Lesart ist möglich und hinter der Wand wird das Geschlecht der Überlebenden irrelevant:

„Mein Körper, gescheiter als ich, hatte sich angepaßt und die Beschwerden meiner Weiblichkeit auf ein Mindestmaß eingeschränkt. Ich konnte ruhig vergessen, daß ich eine Frau war. Manchmal war ich ein Kind, das Erdbeeren suchte, dann wieder ein junger Mann, der Holz zersägte, …, ein sehr altes, geschlechtsloses Wesen.“ (Seite 82)

Marlen Haushofer hat mit ihrem bekanntesten Roman eine reizvolle Dystopie erschaffen, die viel Interpretationsspielraum lässt und die Leserin nachdenklich zurücklässt. Ein Werk, das lange nachhallt.

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(c) argon hörbuch

(c) argon hörbuch

Sprecher: Stefan Kaminski

Dauer: 5h 44 min, ungekürzt

Der Arzt Garin strandet auf dem Weg in das Dorf Dolgoje in einer Kutschenstation, denn dort gibt es angesichts des wütenden Schneesturms keine Pferde zum Wechseln. Garin reagiert wütend, wird er doch dringend in Dolgoje erwartet, wo eine seltsame „Pest“ ausgebrochen ist und der Impfstoff, den er mit sich führt, dringend benötigt wird. In seiner Not wendet er sich an den Brotkutscher Kosma, genannt „der Krächz“. Dieser willigt ein, ihn mit seinem von 50 Kleinpferden gezogenes Schneemobil in das Dorf zu bringen.

Während der ersten Lese- bzw. Hörminuten wähnt sich der Leser bzw. Hörer in einer Szenerie aus dem Russland des 19. Jahrhunderts. Spätestens, als von winzigen Pferden die Rede ist, die ein Schneemobil ziehen, und von weiteren seltsamen Kreaturen und Technologien, wird jedoch klar: Wir befinden uns in einer Dystopie. Welchen Zeitraum wir uns vorzustellen haben und wie es zu dem offensichtlichen Rückschritt der Menschheit kam, wird nicht erklärt, doch der Autor wartet im Verlauf des Buchs immer wieder mit wirklich originellen Ideen für die Entwicklung alternativer Technologien auf, die für mich angesichts der erzeugten Atmosphäre gleichzeitig den größten Unterhaltungswert und die größte Stärke des Romans darstellen. Das Buch liest bzw. hört sich kurzweilig, die Sprache ist gehoben, sehr angenehm. Spannung wird durch die ganze Situation erzeugt: Wird es dem Doktor und dem Krächz gelingen, nach Dolgoje zu gelangen? Welchen Seltsamheiten werden die unterwegs noch begegnen? Und was ist das für eine geheimnisvolle Krankheit, die etwas Merkwürdiges mit den Menschen zu machen scheint?

Die Hauptprotagonisten sind sehr unterschiedliche Typen, der Doktor pflichtbewusst, aber leicht auffahrend, Kosma aka Krächz bemüht, bescheiden und vor allem auf das Wohlergehen seiner Pferdchen bedacht, was ihn zu der sympathischeren der beiden Figuren macht. Wir erfahren über beide verschiedene Einzelheiten aus ihrer Vergangenheit, ohne dabei über ihren gesamten Lebensweg informiert zu werden.

Das Ende empfand ich als etwas unbefriedigend, ich hätte gerne noch mehr erfahren, mehr Auflösungen für Aspekte der Geschichte erhalten, es ist jedoch absolut stimmig.

Ich habe russische Literatur bisher sträflich vernachlässigt in meinem Leseleben, dieses originelle Buch mit seiner schönen Sprache hat mir sehr viel Lust auf mehr gemacht.

Ich brauche kaum zu erwähnen, dass Stefan Kaminski seinen Job großartig macht, er ist der talentierteste Hörbuchsprecher, den ich kenne.

 

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(c) Berlin Verlag

England im September 1571. Mary Grey, die kleinwüchsige Schwester der geköpften Neuntagekönigin Jane Grey, steht unter Hausarrest, da sie es gewagt hat, ohne Erlaubnis der nicht ganz so lieben Cousine Elizabeth I. zu heiraten. Schließlich bestünde die Gefahr, dass sie einen Thronanwärter gebären würde. Sie hofft auf Besserung ihrer Situation, doch wer kann ihr helfen?

Zentrales Thema dieses Romans sind die Willkür der Monarchie, der Opportunismus seiner Lakeien (zu denen auch Marys eigene Familienmitglieder gehören) und die Ohnmacht einer Frau am Hofe.

Im Tagebuchstil lässt Inger-Maria Mahlke ihre Heldin von ihrer aktuellen, unbefriedigenden Situation erzählen, unterbrochen durch Aufzeichnungen, die sie über den Aufstieg und den Fall der Familie Grey macht. Die Autorin bedient sich dabei einer Sprache, die einfach nur Spaß macht!

Beispiel von Seite 9 (über die Sätze, die sie schreibt): „Dachte, die Sätze würden aufhören, einander zu jagen, während Ellen am Fußende des Bettes so tief und gleichmäßig atmete, als gäbe es keine Sätze. Die sich auf die vorherigen stürzen, sich ineinander verknäueln, bis ich sie sortiert habe, dann hielten sie still, ordentlich aufgereiht. Nach jedem zerwarteten Tag, wenn Ellen sich nicht mehr regte, wurden sie wieder wild. Jagten einander erneut, und ich musste jeden so lange denken, bis er recht war.“

Wer jetzt denkt, das Buch sei deshalb vielleicht schwer zu lesen, irrt: Die Sprache ist zwar, kreativ, ja innovativ, aber immer problemlos verständlich. Lediglich der Verzicht auf die reguläre direkte Rede mit Anführungszeichen verwirrt ein wenig, aber nicht sehr. Dies passt einfach gut zum Tagebuchstil des Romans.

Auf die Gefahr hin, überschwänglich zu werden: Ich hatte meine pure Freude an diesem Buch. Nicht nur der Sprachstil, auch die wunderbare Hauptperson Mary ist besonders. Und das nicht, weil sie kleinwüchsig ist, sie hat zwar die Nase voll von ihrem Schicksal, nimmt es aber mit einer tüchtigen Portion Galgenhumor, das Buch ist wirklich witzig!

Das Thema und die Hauptperson des Buchs lassen an andere preisgekrönte oder zumindest nominierte Werke denken, nämlich die Cromwell-Trilogie von Hilary Mantel und „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche. Inger-Maria Mahlkes Buch ist aber ein absolut originelles Werk, das den Vergleich mit diesen Titeln nicht scheuen muss. Es steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und ich würde es sehr gern als Siegertitel sehen (wenn ich auch momentan auf ein anderes Buch tippen würde).

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