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Archive for the ‘Englisches Original’ Category

(c) HarperCollins

Deutscher Titel: Der Fluss – Deine letzte Hoffnung

Sprecherin: Cassandra Campbell

Dauer: 9 h 8 min

USA zur Jetztzeit. Seit vier Jahren hat Malorie das Grundstück, auf dem sie mit ihren beiden kleinen Kindern lebt, nicht mehr verlassen. Alle Fenster sind verhängt, sie und die Kinder müssen bei den seltenen Aufenthalten im Freien Augenbinden tragen. Die Kinder haben ein geschultes Gehör, wie man es von Sehbehinderten kennt. Warum? Vor vier Jahren gab es erste Fälle von plötzlich auftretendem Wahnsinn bei beliebigen Personen, der immer innerhalb kürzester Zeit mit dem Selbstmord der Menschen endete. Bald stellte sich heraus, dass der Wahnsinn von etwas ausgelöst wurde, das die Personen gesehen haben. Innerhalb weniger Wochen bricht die gesamte Gesellschaft zusammen. Nur vereinzelt überleben Menschen allein oder in kleinen Gruppen. Auch Malorie hat einmal einer solchen Gruppe angehört. In Rückblenden erinnert sie sich an die Geschehnisse der letzten vier Jahre, während sie einen Fluchtversuch mithilfe eines Bootes auf dem Fluss vorbereitet, der hinter dem Grundstück verläuft.

Von einigen Booktubern hatte ich erfahren, dass dieses Buch absolut furchteinflößend und gruselig sei. Außerdem sollte die Hörbuchversion gut sein. Das kam mir gelegen, denn Hörbücher bieten eine gute Möglichkeit, neuere Bücher zu konsumieren, ohne den SuB zu belasten. Die Prämisse des Buchs ist wirklich originell, es handelt sich um eine ganz andere Art von Grusel, die ich sehr interessant und erfrischend fand. Es ist ein subtiler Grusel, jedoch nicht im traditionellen Sinne, es geht nicht direkt um etwas Übersinnliches. Wir erfahren, dass der Wahnsinn von Kreaturen ausgelöst wird, doch da jeder, der diese sieht, augenblicklich durchdreht und sich umbringt, haben wir nicht die geringste Vorstellung von ihnen. Und genau das macht den Horror aus, den das Buch bietet. Abwechselnd schildert der Autor das Voranschreiten von Malories Fluchtversuch (wir wissen zunächst nicht, was sie vorhat und was ihr Ziel ist) und die Ereignisse seit dem erstmaligen Auftreten des Phänomens. Dieser ständige Wechsel erzeugt zusätzliche Spannung, außerdem ist das Buch im Präsens geschrieben, was ich prinzipiell nicht unbedingt bevorzuge, bei einem Spannungsroman jedoch durchaus sinnvoll ist.

Das Buch ist also gut geschrieben, spannend und wirklich gruselig, lediglich mit der Glaubwürdigkeit hapert es ein bisschen. Kaum vorstellbar scheint es, dass Menschen eine solche Situation wirklich durchhalten, die Augenbinde immer Schlimmeres verhindert und vor allem, dass Menschen, die sich bisher ganz auf ihren Augensinn verlassen haben, eine Orientierung ohne diesen möglich sein soll. Klug ist hierbei die Hinzunahme der Kinder, die Monate nach dem Beginn der Katastrophe geboren wurden und deren Hörvermögen von ihrer Mutter trainiert wurde.

Ein solides und originelles Werk der Spannungsliteratur mit kleinen Schwächen, aber absolut lesenswert.

 

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(c) David Fickling Books

Deutscher Titel: Über den wilden Fluss

Der elfjährige Malcolm wohnt in Oxford direkt am Fluss in dem von seinen Eltern betriebenen Pub. Er ist stolz auf sein Paddelboot, die Belle Sauvage, mit der er auf der Themse unterwegs ist, wenn er nicht im Pub helfen muss oder am gegenüberliegenden Ufer den freundlichen Nonnen in ihrem Kloster hilft. Malcolm beobachtet einige merkwürdige Neuankömmlinge in Oxford, im Pub treffen sich Männer, die Politiker zu schein scheinen, und ein seltsamer Mann mit einer dreibeinigen Hyäne als Daemon schleicht um die Mauern des Klosters. Sie alle scheinen sich für das kleine Baby zu interessieren, um das sich die Nonnen seit Kurzem kümmern und das Malcolm schon liebgewonnen hat. Das Baby namens Lyra.

Beim Tippen des letzten Satzes kamen mir die Tränen. Philip Pullmans „His Dark Materials“-Trilogie zählt zu meinen absoluten Lieblingsbüchern und dass jetzt nach 20 Jahren weitere Bücher erscheinen, die in der wunderbaren Welt (bzw. den Welten) von Lyra spielen, ist für mich wirklich ein emotionales Ereignis.

Und so war es von der ersten Seite an wie Heimkommen. Die Vorgeschichte zu „Der goldene Kompass“ ist weniger komplex als die ursprüngliche Trilogie und führt wenig Neues ein, doch dies bewirkt eben diese Vertrautheit, diese besondere Stimmung. Die Seiten des Buches atmen Lyras Oxford.

Die allgemeine Erwartungshaltung an das Prequel war so hoch, dass ich bewusst versucht habe, meine eigenen Erwartungen niedrig zu halten, das Staunen, das Philip Pullmans Fantasie in His Dark Materials immer wieder auslöste, und die Faszination für die Rolle, die Lyra im Universum spielt, würde ausbleiben, das war mir klar. Und so konnte ich Malcolms Geschichte einfach genießen, mir Zeit lassen, ich musste das Buch nicht verschlingen und das war gut so.

Pullman erschafft erneut liebenswürdige Charaktere, die man im Verlauf des Buches wirklich kennenzulernen scheint. Hannah erinnert definitiv an Mary, doch die übrigen Personen sind völlig eigenständige Figuren. Natürlich kommen auch einige Charaktere aus His Dark Materials vor, etwa Lord Asriel.

Sehr niedlich fand ich Baby-Pantalaimon, der entsprechend seinem Alter genausowenig sprechen kann wie Lyra und Tierbaby-Gestalten annimmt.

Im Buch finden sich zahlreiche Verweise auf Mythen und Märchen, diesen Aspekt fand ich im Prequel sogar stärker betont, insbesondere während Malcoms Reise mit der La Belle Sauvage auf der Themse.

Mir fällt gerade auf, dass ich es mir sehr schwer fällt, hier eine ordentliche Rezension zu schreiben, His Dark Materials hat bei mir eben einen Stellenwert nicht allzu weit unterhalb vom Herr der Ringe 😉

Daher sage ich nur noch: Erwartet kein zweites His Dark Materials, sondern eine Gelegenheit, wieder in Lyras Welt abzutauchen. Für die beiden weiteren Bücher der Trilogie würde ich mir noch Ausflüge in die anderen Parallelwelten erhoffen.

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(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Damals in Nagasaki

Großbritannien in den Achtzigern. Seitdem die Japanerin Etsuko Japan mit ihrem inzwischen verstorbenen britischen Ehemann verlassen hat, lebt sie in England. Sie bekommt Besuch von ihrer gemeinsamen jüngeren Tochter Niki. Die ältere Tochter Keiko, die aus einer früheren Beziehung mit einem Japaner stammt, hat sich kürzlich das Leben genommen. Vor dem Eindruck ihres Todes und des Besuchs ihrer Schwester beginnt Etsuko, sich an ihre Zeit in Japan zu erinnern.

Damals kam das von der Atombombe erschütterte Nachkriegs-Nagasaki wieder auf die Beine, Etsuko war schwanger, ihr japanischer Mann versuchte, seine Karriere voranzutreiben und ihr Schwiegervater war zu einem längeren Besuch da, als in ein Häuschen gegenüber die rätselhafte Sachiko mit ihrer Tochter Mariko einzieht. Sachiko ist keine Mutter aus dem Bilderbuch, sie lässt Mariko häufig unbeaufsichtigt, um in der Stadt mit ihrem Freund, einem amerikanischen Soldaten, um die Häuser zu ziehen. Etsuko freundet sich mit Sachiko an und achtet auch ein wenig auf Mariko.

Von den drei Büchern, die ich bisher von Kazuo Ishiguro gelesen habe, beeindruckte mich dieses – sein Debütroman – am meisten. Das liegt einmal daran, dass es um ein bevorzugtes Thema von mir geht, die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, andererseits an der meisterhaften Komposition des Romans. Für mich schreibt so ein echter Könner. Es ist sehr schwierig, dieses Buch ohne Spoiler zu besprechen, deshalb folgt unten ein Spoiler-Abschnitt. Der Plot-Twist verbirgt sich tatsächlich hinter einem einzigen Wort, weshalb ich empfehle, das Buch vor allem in der zweiten Hälfte sehr aufmerksam zu lesen. Deshalb muss aber niemand das Buch scheuen, denn es ist, wie es sich für Ishiguro gehört, sehr gut lesbar und angenehm geschrieben. Lasst euch diesen kleinen Geniestreich von Ishiguro nicht entgehen! So bin ich kurz vor Jahresende noch auf ein weiteres Highlight in meinem Lesejahr gestoßen 🙂

 

SPOILER!!!

 

 

Es geht also um die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen. Diese machen Etsuko zu einer unzuverlässigen Erzählerin, die ihre eigenen Erinnerungen daran, wie schlecht sie sich selbst als Mutter ihrer älteren Tochter verhalten hat, verdrängt und auf andere Personen überträgt. Denn Mariko ist niemand anderes als Keiko und Sachiko ist eine Figur, auf die Etsuko sich selbst und ihr Verhalten projiziert. Dies erschließt sich in der letzten in der Vergangenheit in Nagasaki spielenden Szene, als Etsuko Mariko nachläuft und sie besänftigen will:

„In any case,“ I went on, „if you don’t like it over there, we’ll come straight back. But we have to try it and see if we like it there. I’m sure we will.“ (Seite 173)

Die plötzliche Verwendung des Pronomens „we“ statt „you“ ist ein entscheidender Hinweis. Ein so feinsinniger und raffinierter Plottwist ist mir noch nicht untergekommen und hat in mir große Begeisterung für das Buch ausgelöst. Ich muss darauf hinweisen, dass es noch eine andere Interpretation gibt, nämlich dass Etsuko eine Kindsmörderin ist, die Mädchen erhängt, was Marikos Entsetzen über das in Etsukos Sandale verfangene Seil erklären würde. Meine erste und bevorzugte Theorie ist die gängigere und ich habe mich entschieden, dabei zu bleiben, es spricht mehr dafür. Aber vielleicht bietet uns Ishiguro, der sich wohl nicht über die richtige Interpretation geäußert hat, seinen Lesern auch beide Interpretationen ermöglichen? In jedem Fall handelt es sich um einen meisterhaft gestalteten Roman.

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(c) Free Press

Deutscher Titel: Feuer im Kopf – Meine Zeit des Wahnsinns

Susannah Cahalan ist mit erst 23 eine vielversprechende Reporterin bei der New York Post, als sie beginnt, merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Sie ist geradezu besessen von der Vorstellung, ihre Wohnung sei von Bettwanzen befallen, wühlt in den Schubladen ihres Freundes, um Hinweise auf einen Betrug zu finden, erscheint unvorbereitet zu Besprechungen mit dem Chef. In Händen und Füßen hat sie Taubheitsgefühle. Verschiedene Theorien entstehen, Hormonstörung durch die Empfängnisverhütung, Pfeiffer’sches Drüsenfieber usw., doch nichts davon bestätigt sich. Als Susannah schließlich einen heftigen epileptischen Anfall erleidet, ist klar: Sie muss zunächst einmal im Krankenhaus bleiben. Der Beginn eines Martyriums für die junge Frau, ihren Freund und ihre Eltern.

Denn auch die zahlreichen möglichen Diagnosen, auf die die Symptome und Befunde hinweisen, erweisen sich als falsch und Susannahs Zustand verschlimmert sich dramatisch. Sie ist inzwischen völlig paranoid, schlägt um sich. Man erwägt eine biopolare Störung oder dissoziative Identitätsstörung (früher als „multiple Persönlichkeitsstörung“ bekannt). Sie ist offenbar geisteskrank. Erst nach Wochen voller Angst und dem Tod nahe erkennt ein Neurologe, was wirklich mit Susannah los ist: Sie leidet an einer sehr seltenen Krankheit, einer Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

Dass Susannah Cahalan Journalistin ist, merkt man recht schnell. Sie schildert ihren Krankheitsverlauf so gekonnt und spannend, dass ich das Buch wie selten ein Sachbuch verschlungen habe. Normalerweise gehört Medizin gar nicht zu meinen Interessensgebieten, aber gut geschriebene Tatsachenberichte wie dieser machen einen medizinischen Fall spannend wie einen Thriller.

Ich habe wenig auszusetzen an dem Buch. Die Verweise auf die Popkultur waren für mich eher uninteressant, da Cahalan einiges jünger ist als ich und ganz andere Musik hört.

Ein Gedanke, der bei mir recht früh aufkam, bezieht sich auf die privilegierte Stellung der jungen Frau aus wohlhabendem, gut vernetztem New Yorker Haus: Wie wäre es einem Mitglied einer niedrigeren sozialen Schicht ergangen, gerade in den USA, wo eine ordentliche Krankenversicherung ja wie wir wissen keine Selbstverständlichkeit ist. Susannah Cahalan wirft diese Frage selbst auf:

„If it took so long for one of the best hospitals in the world to get tot this step, how many other people were going untreated, diagnosed with a mental illness or condemned to a life in a nursing home or a psychiatric ward?“ (Seite 151)

Eine dramatische Vorstellung. Auch sind die Symptome von solcher Natur, dass man an Fälle von Exorzismen denken muss, wie etwa der der Anneliese Michel. So schildert Cahalan folgende Verhaltensweisen:

„Afflicted sons and daughters suddenly became posessed, demonic, like creatures out of our most appalling nightmares. Imagine a young girl who, after several days of full-bodied convulsions that sent her flying into the air and off her bed – and after speaking in a strange, deep baritone – contorted her body and crab-walked down the stair-case, hissing like a snake and spewing blood.“ (Seite 222)

Mit ihrem Buch hilft Susannah Cahalan hoffentlich vielen Menschen mit Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Allein sein Bekanntheitsgrad sollte dazu beitragen, dass die Krankheit in Zukunft schneller (oder überhaupt!) diagnostiziert werden kann, und zwar nicht nur bei Wohlhabenden.

Ein spannendes, lesenswertes Sachbuch.

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(c) Vintage

Deutscher Titel: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Ich habe mich selten auf ein Sachbuch so sehr gefreut wie auf dieses, denn ich wusste aufgrund zahlreicher Rezensionen: Dieses Werk des Historikers Yuval Noah Harari, der derzeit mit der  Quasi-Fortsetzung von „Sapiens“ (Homo Deus) Furore macht, ist genau mein Ding. Ihr wisst alle, dass ich mich für Geschichte begeistere, was ihr vielleicht noch nicht wisst: Geschichte interessiert mich umso mehr, je länger in der Vergangenheit sie liegt und am meisten dort, wo es sich noch um Vor- und Frühgeschichte und Paläoanthropologie handelt.

So verschlang ich die ersten Kapitel von „Sapiens“ geradezu. Was dieses Buch von anderen Geschichtsbüchern unterscheidet? Yuval Noah Harari stellt nicht nur wesentliche Aspekte der Menschwerdung heraus, die mir so bisher nicht bewusst waren, sondern setzt sie in einen direkten Bezug zu unserer Gegenwart. Dass die Beherrschung des Feuers von zentraler Bedeutung für die Frühmenschen war, ist klar. Dass das unter anderem daran liegt, dass das Feuer Keime und Parasiten in der Nahrung abtötete, ist logisch, aber ich habe noch nie daran gedacht.

Ganz besonders spannend finde ich Hararis These, dass die Fähigkeit des Menschen, nicht nur Sprache zu entwickeln (er verweist darauf, wie viele Tierarten auf irgendeine Weise miteinander kommunizieren können), sondern damit FIKTION auszudrücken, einen entscheidenden Einfluss darauf hatte, dass der Mensch sich so unglaublich entwickeln konnte. Denn erst hierdurch konnten sich Religionen entwickeln, große Menschenmengen konnten an gemeinsame Werte glauben:

„Large numbers of strangers can cooperate successfully by believing in common myths“ (Seite 30)

Und der Zusammenhang mit unserer Gegenwart? Kurz gesagt: In einer Zeit, in der die klassische Religiosität immer mehr abnimmt, gibt es Ersatzmythen, die viele Menschen miteinander verbindet und die ohne ihre Kooperation unmöglich wären: Unternehmen (die in Zeiten des Raubtierkapitalismus immer mächtiger werden und unser Leben in zunehmendem Maße bestimmen).

„People easily understand that ‚primitives‘ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.“ (Seite 31)

So liefert Harari faszinierende Thesen, die mich beim Lesen wirklich begeistern konnten und mir viele Denkanstöße  boten. So stellt Harari klar, dass die neolithische Revolution keineswegs eine Verbesserung der Lebensqualität darstellte, sondern lediglich mehr Menschen ernähren konnte. Rückgängigmachen war nicht, denn wenn erst einmal mehr Menschen da sind, müssen sie auch ernährt werden. Dabei kam mir der Gedanke: Wie wäre die kulturelle Entwicklung des Menschen ausgefallen, wenn die neolithische und später die industrielle Revolution nie stattgefunden hätten?

Ich bin jedoch nicht mit allem einverstanden, was Harari schreibt. Dass er die Massentierhaltung verurteilt, ist mir sehr wichtig. Was mir jedoch nicht gefällt, ist eine Aussage bzw. eine Spekulation im Zusammenhang mit der Verurteilung des Imperialismus von Seite 422:

„What if it turns out that the subjects of large empires are generally happier than the cititzens of independent states and that, for examples, Ghanians were happier under British colonial rule than under their own homegrown dictators? What would that say about the process of decolonisation and the value of national self-determination?“

Dass die Nachfolgeregierungen der ehemaligen Kolonien oft eine Verschlechterung der Landesentwicklung mitbrachten, war meiner Meinung nach eine Folge des Kolonialismus und kann nicht herangezogen werden, um diesen zu rechtfertigen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Harari das so meinte, aber es ist eine unglückliche Formulierung.

Schließlich gelangt der Autor bis zur Gegenwart und stellt einige Thesen zur Zukunft des Menschen vor. Und diese behagen mir nicht. Er argumentiert, dass der Mensch sich weiterentwickeln wird und dass es sich bei den Personen, die einmal mit Raumschiffen unterwegs sein werden, nicht mehr um den Homo Sapiens handeln wird. Ja, das ist unbequem und ehrlich gesagt, das möchte ich nicht. Denn entbehrt das Wesen, das Harari hier beschreibt, nicht seiner Menschlichkeit? Entwicklung ja, gerne, aber werden wir diese wirklich nicht steuern können? Aus diesem Grund bin ich nicht sicher, ob mir das neuere Werk des Autors, „Homo Deus“, zusagen wird. Ich möchte glauben, dass wir eine solche Entwicklung vermeiden können. Vielleicht ist das zu blauäugig, aber ich höre derzeit ein weiteres Buch, das sich mit der Zukunft befasst („Nächste Ausfahrt Zukunft“ von Ranga Yogeshwar) und auch dieses enthält unbequeme Wahrheiten, aber die Prognosen darin erscheinen mir plausibler. Fortsetzung folgt.

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(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Alles, was wir geben mussten

England, ja, wann? Offenbar in den frühen Achtzigern. Im Internet Hailsham wachsen zahlreiche elternlose Kinder auf. Wir erfahren zunächst viel über unsere drei Protagonisten Kathy, Ruth und Tommy, die bald eine Art Beste-Freunde-Trio bilden. Von Anfang an ist klar, dass es mit dem Schicksal der Internatsschüler irgendwas Besonderes auf sich hat. Unterschwellig wissen dies auch die Kinder, doch sie schütteln es immer gleich wieder ab, es scheint, sie wollen gar nicht wissen, was die Zukunft für sie bereithält. Bis eine engagierte Lehrerin es nicht mehr aushält und die inzwischen zu Jugendlichen gewordenen Schüler aufklärt.

Als im Oktober Kazuo Ishiguro zum Nobelpreisträger für Literatur 2017 gekürt wurde, reagierten viele mit dem Kommentar „Endlich mal ein Nobelpreisträger, von dem ich etwas gelesen habe“! So war es auch bei  mir, ich hatte schon Ishiguros Meisterwerk „The Remains of the Day“ (Was vom Tage übrig blieb) als Hörbuch gehört und sehr genossen. Dass „Never Let Me Go“ ein ganz anderes Buch sein würde, war mir klar. Es handelt sich um einen Roman, der viel, ja sehr viel Diskussionsstoff bietet und bei dem die Sprache weniger bemerkenswert ist als in The Remains of the Day. Es gibt also sehr viel zu sagen über das Buch, gleichzeitig ist es sehr schwer, dies ohne Spoilern zu tun (wobei es von Anfang an viele Hinweise auf den wichtigsten Plot-Point gibt). Da ich durch einen Trailer für den Film (den ich aber noch nicht gesehen habe) gespoilert wurde, möchte ich das an dieser Stelle vermeiden. Ich werde jedoch einen nicht spoilerfreien Abschnitt hinzufügen, den ich entsprechend kennzeichnen werde.

Dass das Buch in der ersten Person verfasst ist (aus Kathys Sicht) ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Erzählerin vielleicht ein wenig unglücklich, doch meiner Ansicht nach gezielt gewählt, um den Leser ganz in die Situation der Protagonisten zu versetzen. Wir wissen im Verlauf des Buches stets genauso viel, wie diese wissen und das halte ich für wichtig, um das Handeln und die Einstellung der drei und ihrer Schulkameraden zu verstehen. Denn dieses könnte durchaus Verständnislosigkeit hervorrufen. Natürlich wird hiermit auch Spannung erzeugt, aber der Punkt ist, dass es dem Leser genauso geht, wie den Protagonisten. Es steckt viel Psychologie in dem Roman, was macht das Halbwissen um ihr Schicksal mit den Schülern und was die Erkenntnis darüber? Inwiefern befindet sich der Leser vielleicht in einer ähnlichen Situation. Es ist ungemein spannend, hierüber und über die moralischen Implikationen zu reflektieren. Allein deswegen ist das Buch schon lesenswert. Ich empfehle es allen und besonders Lesegruppen, denn es gibt viel zu bereden.

 

 

SPOILER-ALARM!

 

 

Im Grunde denke ich, dass die meisten wissen, worin es in dem Buch geht. Die Schüler sind Klone, die einzig erzeugt wurden, um im Erwachsenenalter ihre Organe nacheinander zu spenden bis zum Tod, der mit dem Euphemismus „Completen“ umschrieben wird. Es gibt mehrere Lesarten des Romans. Zunächst einmal kann man da sicher eine Kritik am Klonen, am „Gottspielen“ sehen. Die moralischen Fragen, die durch die Kombination des Klonens von Menschen mit Organspende aufgeworfen werden, sind höchstinteressant: So äußert Ruth an einer Stelle, dass sie wahrscheinlich alle Klone von schlechten Menschen sind, denn gute, erfolgreiche Menschen lassen sich doch nicht klonen! Dies führt zu einer weiteren Frage: Hat man vielleicht tatsächlich Kriminelle geklont, weil dies vielleicht für ein weniger schlechtes Gewissen in der Gesellschaft verursacht? Wie steht die Gesellschaft überhaupt zu dieser schrecklichen Praktik? Dies lässt Ishiguro größtenteils offen. Nur die Existenz und ein Gespräch mit einigen Lehrerinnen, die durch Sammeln der von den Klonen angefertigten Kunststücke auf die Menschlichkeit dieser hinweisen will, zeigt uns, dass die Sache nicht so ganz unumstritten ist. Doch bisher wurde den Klonen wohl jeglicher Wert als Mensch abgesprochen. Warum fügen sich die Schüler in ihr Schicksal, als sie die Wahrheit erfahren? Außer der Hoffnung, dass Paare vielleicht erreichen könnten, ein bisschen länger zu leben, gibt es keine Versuche, gegen die Ungerechtigkeit ihres Schicksals zu rebellieren. Und da kommt dann die zweite Lesart des Romans ins Spiel: Ist die ganze Konstellation möglicherweise eine Metapher für den Menschen im kapitalistischen Zeitalter? Erfüllen nicht die meisten von uns auch widerstandslos die Erwartungen, die bezüglich Bildung und Karriere gestellt werden? Hierzu passt die zunächst etwas merkwürdig erscheinende zeitliche Einordnung in die Achtziger -und Neunzigerjahre, die den Roman offenbar weniger zu einer Dystopie als zu einem Roman mit alternativer Geschichte machen. Oder eben zu einem Roman über unsere eigene Geschichte.

Hierin liegt die Bedeutung des Romans: Er liefert zahlreiche Denkanstöße und fordert uns auf, nichts, das wir nicht gut finden, uns aber normal erscheint, ohne Hinterfragen zu akzeptieren.

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(c) Orion

Deutscher Titel: Die dreizehnte Geschichte

England, schätzungsweise in den Neunzigern. Margaret Lea betreibt zusammen mit ihrem Vater eine antiquarische Buchhandlung. Und auch sonst ist ihr ganzes Leben an Büchern und am Lesen ausgerichtet. Gelegentlich betätigt sich Margaret außerdem als Autorin von Biografien, bevorzugt von Zwillingen. Denn sie ist selbst ein Zwilling, nur dass ihre Zwillingsschwester kurz nach der Geburt starb. Als die berühmte, aber auch sehr enigmatische alte Schriftstellerin Vida Winter sie bittet, ihre Biografie zu schreiben, und sie erfährt dass diese eigentlich Adeline heißt und ebenfalls ein Zwilling ist, kann sie nicht widerstehen. Vida Winters Leben ist geradezu umgeben von Geheimnissen.

Ich muss vorwegnehmen, dass ich falsche Erwartungen an Diane Setterfields Roman hatte. Er wird oft als „Ghost Story“ deklariert und auf irgendeinem Blog oder bei irgendeinem Booktuber wurde das Buch als sehr gruselig beschrieben. Das ist es nicht! Es gibt ein paar Momente, die an Geister denken lassen, und das Buch ist durchaus atmosphärisch, aber es ist für mein Dafürhalten keineswegs gruselig. Nun gut, dafür kann das Buch zunächst einmal ja nichts. Dennoch befürchte ich, dass meine falschen Erwartungen mich etwas davon abhielten, das Buch richtig zu genießen. Was dieses Buch ist, ist ein durchaus gelungener, jedoch klassischer Familiengeheimnisroman mit bibliophilem Element. Ich musste schmunzeln, als ich auf Seite 27 den Satz las:

„For at eight o‘ clock the world came to an end. It was reading time.“

Diese Regel gilt nämlich auch bei mir zu Hause. Wehe, es ruft nach 8 Uhr jemand an, der kann sich drauf einstellen, abgewürgt zu werden!

Da Margaret also ein Büchermensch ist, kann man sich recht gut mit ihr identifizieren. Ihr Studienobjekt Vida Winter ist hingegen, freundlich ausgedrückt, schwierig. Und hört man ihre Erinnerungen an ihre Kinder- und Jugendzeit mit ihrer Zwillingsschwester Emmeline, kann man sich kaum vorstellen, wie aus der widerspenstigen, wilden Adeline, die nur mit ihrer Schwester in einer Art Zwillingssprache kommunizierte, eine erfolgreiche Autorin werden konnte. Die Auflösung des Rätsels ist gelungen, ich hatte mit der verwendeten Lösung nicht gerechnet, doch nachdem der erste Teil dieser Auflösung bekannt ist, kann man sich auch den Rest ziemlich gut denken. Stilistisch ist das Buch nichts Besonderes. Die ganze Lebenskonstellation rund um die Zwillinge ist originell, ich kann mich nicht erinnern, etwas Ähnliches schon einmal gelesen zu haben, und bietet ein paar psychologisch recht interessante Ansätze.

Ein solider Roman um ein Familiengeheimnis, der klassisch in zwei Zeiten angesiedelt ist, eine überraschende Auflösung bietet und (ausgenommen ein paar Andeutungen am Ende) erfrischenderweise auf eine Liebesgeschichte verzichtet. Lesenswerte Unterhaltungsliteratur also, aber auch nicht mehr.

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