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Archive for the ‘Englisches Original’ Category

(c) Penguin

Eine deutsche Übersetzung liegt leider nicht vor.

Was fasziniert uns so an den Jahren 1837 bis 1901, den Jahren der Herrschaft von Viktoria I. im Vereinigten Königreich? Niemand, der sich für England und seine Kultur interessiert, kommt an dieser Epoche vorbei. Ich persönlich muss feststellen, dass ich viel mehr über Großbritannien während dieser Zeit weiß als über Deutschland im gleichen Zeitraum. Wie kommt das? Vielleicht liegt es daran, dass Großbritannien, das damalige Britische Weltreich, unter Viktoria auf dem Höhepunkt seines Einflusses war, untrennbar verbunden mit dem Imperialismus und dem exotischen Flair der Kolonien. Vielleicht bietet aber auch die Tatsache Diskussionsstoff, dass der Kontrast zwischen Arm und Reich während der industriellen Revolution deutlicher wurde als je zuvor: fantastischer Reichtum und dekadenter Lebensstil der Oberklasse, entsetzliche Arbeitsbedingungen und Hunger am unteren Ende der Gesellschaft. Gleichzeitig ist es das Zeitalter der großen Literaten: Charles Dickens, Elizabeth Gaskell, Thomas Hardy, Anthony Trollope, die Bronte-Schwestern, das Viktorianische Zeitalter hat uns einige der wunderbarsten Werke der Literatur geschenkt, einer Literatur, die sich nicht auf das Leben der oberen Zehntausend konzentrierte, sondern vielmehr begann, die sozialen Strukturen ihres Landes infrage zu stellen.

Geschichte und Geschichtsforschung bedeutet heute nicht mehr nur Beschäftigung mit der Politik eines Landes in einem bestimmten Zeitraum und das Auswendiglernen von Daten. Vor allem im populärwissenschaftlichen Bereich befasst man sich inzwischen viel mehr damit, wie das tatsächliche Alltagsleben von Menschen verschiedener gesellschaftlicher Ebenen aussah. Erfolgreiche Fernsehformate wie „Schwarzwaldhaus 1902“ belegen dies. Auch die Autorin des vorwiegenden Buchs, Ruth Goodman, war Teilnehmerin mehrerer solcher TV-Reihen der BBC, die das Leben beispielsweise auf einem viktorianischen Bauernhof nachstellten.

Die Historikerin wurde so zur Expertin für das Alltagsleben der Menschen in Großbritannien in vergangenen Zeiten. In „How to be a Victorian“ schildert sie detailliert, wie ein Tag im Leben der Menschen verschiedener Schichten aussah, und zwar chronologisch, vom Frühstück bis zum Zubettgehen. Dabei deckt sie alle möglichen Lebensbereiche ab: Kleidung, Hygiene, Sport, Mahlzeiten, Arbeit und Schule, Freizeit (für die unteren Schichten freilich kaum vorhanden) und Sexualität. Sie räumt dabei mit so manchem Vorurteil auf, etwa dass man bei Menschen aus der Vergangenheit grundsätzlich die Nase über mangelnde Körperpflege rümpfen müsste: Es gab funktionierende Alternativen zum Waschen mit Wasser, wie wir es heute kennen. Der Löser stößt auf Überraschendes, etwa den vergessenen Beruf des Aufweckers, der morgens von Haus zu Haus ging, um seine Kunden rechtzeitig vor Arbeitsbeginn zu wecken (einen mechanischen Wecker konnten sich die wenigsten leisten!) Diesen Beruf gab es bis in das 20. Jahrhundert hinein. Ein wenig kurz kommt das Thema Religion – der Tag, von dem die Autorin ausgeht, ist nun mal nicht der Sonntag.

Viele Lebens- und Arbeitsbedingungen lassen uns heute erschaudern: 10 Grad Raumtemperatur im Winter, einseitige Ernährung, Krankheiten, eine schrecklich lange Wochenarbeitszeit, Kinderarbeit. Trotzdem gab es Raum für Dinge wie Sport und Spiel, die Ruth Goodall in ihrem Buch keineswegs vernachlässigt.

„How to be a Victorian“ ist ein unterhaltsames und informatives Geschichtsbuch, das allen Spaß machen wird, die sich für das Leben der einfachen Menschen interessieren. Rundum gelungen.

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(c) Audible Studios

Deutscher Titel: Farbenblind, erschienen im Karl Blessing Verlag

Sprecher: Trevor Noah

Dauer: 8 h 50 min

Trevor Noah wird 1984 in Johannesburg geboren. Seine Geburt und seine bloße Existenz sind ein Verbrechen, denn im Südafrika unter der Apartheid sind sexuelle Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen natürlich verboten. Trevors Mutter setzt sich bewusst darüber hinweg, wie sie auch das Verbot für Schwarze, in Johannesburg zu leben, ignoriert. Trevors Vater ist Schweizer und schert sich überhaupt nicht um Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß. Trevors Leben und seine Persönlichkeit wird geprägt davon sein, dass er nirgends wirklich dazugehörte: Er sah aus wie ein Farbiger („Coloureds“ mit weißen und schwarzen Vorfahren, die in Südafrika einen Zwischenstatus haben), gehörte dieser Gruppe aber nicht an, war natürlich auch kein Weißer, aber auch mit seinem Aussehen kein Schwarzer. Entschieden hat er sich für die Gruppe der Schwarzen. Doch Trevors Besonderheit barg nicht nur Gefahren, sondern auch Möglichkeiten und Ideen, vor allem nach dem Ende der Apartheid. Noah spricht beispielsweise verschiedene Sprachen, sodass er sich überall durchschlagen konnte.

Trevor Noah ist inzwischen ein bekannter Comedian in den USA und moderiert die „Daily Show“. Er hat sich nach oben gekämpft, woran seine Mutter mit ihrer ebenfalls kämpferischen Natur einen großen Anteil hat. Deshalb ist Noahs Autobiografie auch eine Hommage an diese großartige Frau. Noah erzählt episodenhaft von seiner Kindheit, die er teilweise bei seiner Großmutter in Soweto verbrachte, und seiner Jugend sowie seinen ersten Schritten in Richtung Erfolg. Es sind haarsträubende Geschichten dabei, etwa, als seine Mutter ihn aus einem fahrenden Auto stieß, weil der Fahrer sich als Angehöriger eines anderen Stammes entpuppte und Mordabsichten gegenüber Trevor und seiner Mutter zu haben schien. Manche Geschichten sind aber auch wirklich sehr komisch, ich habe sehr viel gelacht beim Hören des Buchs. Noah schafft es, selbst die erwähnten haarsträubenden Geschichten mit einem humorvollen Unterton zu versehen. Er ist ja nicht umsonst ein Comedian. Nichtsdestotrotz spürt man an manchen Stellen, an denen die Gefährlichkeit der puren Existenz, die Gewalt und die Ungerechtigkeit im damaligen Südafrika besonders deutlich wird, einen Kloß im Hals.

Die meisten Anekdoten fand ich absolut interessant. Ich gehöre zu einer Generation, die sich noch an die Apartheid in Südafrika, die Entlassung Nelson Mandelas aus der Haft und das Ende der Apartheid erinnern kann, doch Noahs Geschichten hielten mir vor Augen, wie wenig ich doch über die Apartheid, die Townships und das Leben unter dem Regime wusste. Sehr frustrierend auch zu hören, wie ineffektiv in den rein schwarzen Schulen unterrichtet wurde und wie wenig auch heute die Apartheid in den Schulen aufgearbeitet wird. Noah verweist hier unter anderem auf die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, wobei es da meiner Meinung nach langsam auch einiges zu bemängeln gibt. Vergangenheitsbewältigung findet in Südafrika jedenfalls offenbar nicht statt oder nur sehr eingeschränkt.

Die einzigen Passagen des Buchs, die ich nicht mochte, waren die um die Haustiere der Familie. Ich bin ja bekanntermaßen sehr empfindlich, wenn es um Tiere geht.

Trevor Noahs Buch ist gleichzeitig eine wunderbare Quelle, um mehr über das vergangene und auch das heutige Südafrika zu erfahren, gleichzeitig bietet Noah beste Unterhaltung und eine große Portion Humor, sodass ich das Buch unbedingt weiterempfehle. Das englische Hörbuch liest Noah sehr gekonnt selbst, wer des Englischen mächtig ist, sollte unbedingt zu dieser Version greifen. Viele mit Enthusiasmus gelesene Passagen kommen in Printform sicher weniger mitreißend rüber.

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(c) Vintage

Deutscher Titel: Der Report der Magd

Amerika in unmittelbarer Zukunft: Das Land hat sich drastisch verändert, Teile davon wurden in der neuen Nation „Gilead“ zusammengefasst. Das alte Rechts- und Regierungssystem wurde überworfen, die Regeln des täglichen Lebens werden von einer neuen Staatskirche bestimmt. Die Gesellschaft ist geprägt durch quasistalinistischen Terror, jeder ist angehalten, jeden Funken von Auflehnung gegen das Regime zu melden. Frauen sind unter diesem Regime völlig entrechtet. Es gibt Ehefrauen, Marthas (die Bediensteten) und eben Handmaids, deren einzige Funktion es ist, für die aufgrund der schlechten Umweltbedingungen unfruchtbar gewordenen Ehefrauen Kinder zu gebären. In einer grotesken Zeremonie versuchen die Ehemänner unter Beteiligung ihrer Frauen, die Handmaids zu schwängern. Und dann gibt es noch die „Unwomen“, Frauen, die es wagten, sich zu wehren, und daher in die „Kolonien“ verbannt wurden, wo sie aufgrund harter Arbeit keine lange Lebenserwartung haben.

Eine dieser Handmaids ist Offred, ihr früheres Leben, ihr Mann und ihre Tochter und sogar ihr Name wurde ihr genommen, sie darf sich nur noch über den Herren identifizieren, dem sie zugewiesen wurde: Fred. Offred gehört zur ersten Generation der Handmaids, sie hatte also vor der Entstehung Gileads ein Leben, „umerzogen“ wurde sie in einer Einrichtung, die von sogenannten „Tanten“ (Aunts) geleitet wurde. Nach außen hin gibt sich Offred unterwürfig, doch in ihr rebelliert es, sie will einen Ausweg aus diesem Leben, das kein Leben ist.

„We are two-legged wombs, that’s all: sacred vessels, ambulatory chalices“. (Seite 146)

Eine ihrer Handmaid-Kolleginnen scheint etwas zu wissen und Offred ist bereit, jeden Strohhalm zu ergreifen.

Margaret Atwoods bekanntestes Buch ist bereits jetzt zu einem modernen Klassiker geboren. Dass das Buch in den Achtzigerjahren geschrieben wurde, ändert rein gar nichts an seiner Aktualität, ich würde gar behaupten: Der Roman ist heute relevanter denn je. Beinahe prophetisch erscheint mir Atwoods Zukunftsvision angesichts aktueller populistischer Entwicklungen in den USA und leider auch in Europa. Man denke an die Debatte und die neuen Gesetze zu Schwangerschaftsabbrüchen in den USA. Dies ist nur ein Beispiel für die Rückschritte, die in der Gesellschaft zu beobachten sind.

Und dann diese Sätze, die mich umgehauen haben:

„It was after the catastrophe, when they shot the president and machine-gunned the Congress and the army declared a state of emergency. The blamed it on the Islamic fanatics, at the time“ (Seite 183)

Unglaublich, dass Atwood dies in den Achtzigern geschrieben hat. Angesichts von Meldungen wie jener, dass in Deutschland Angriffe auf türkische Geschäfte zunehmen, lassen mich diese Zeilen erschaudern.

Entsetzlich auch die Vorstellung, NICHTS mehr lesen zu dürfen, wie es für Frauen in Gilead gilt, sich in keiner Weise bilden zu dürfen und den Wissensdurst in keiner Form mehr stillen zu können. Das wäre eine Situation, in der auch ich nicht mehr leben wollte.

Diese starke Geschichte wird in Atwoods großartiger Sprache geschildert, die für mich die kraftvollste literarische Stimme eines derzeit lebenden Autoren ist.

Das i-Tüpfelchen des Romans sind schließlich die Historical Notes am Ende, die mich überraschten und mich endgültig für das Buch begeisterten. Ich wollte zunächst hier schildern, was es mit diesen auf sich hat, habe aber entschieden, dass dies ein Spoiler wäre.

Wenn ich gefragt würde, welches Buch sich auch künftig als Klassiker etablieren, wird, stünde Margaret Atwoods Meisterwerk an erster Stelle. Relevant wie nie zuvor, sollte jeder das Buch lesen und die darin liegende Warnung ernst nehmen.

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Heute Nacht um 0 Uhr britischer Zeit pünktlich zum Weltfrauentag wurde sie bekanntgegeben, die Longlist für den diesjährigen Women’s Prize  for Fiction. Es sind einige Bekannte von der Longlist des Man Booker Prize 2017 sowie der Siegertitel des National Book Award in den USA dabei, nur wenige Titel sind mir gänzlich unbekannt. Einen der Titel, Elmet von Fiona Mozley, habe ich gelesen und für gut befunden, einige weitere Titel befinden sich auf meiner Wunschliste. Hier nun also die Longlist:

Blau steht dabei für „habe ich gelesen“, grün für „auf meiner Wunschliste“

Happy von Nicola Barker

The Idiot von Elif Batuman

Three Things about Elsie von Joanna Cannon

Miss Burma von Charmaine Craig

Manhattan Beach von Jennifer Egan

The Mermaid and Mrs Hancock von Imogen Hermes Gowar

Sight von Jessie Greengrass

Eleanor Oliphant is Completely Fine von Gail Honeyman

When I Hit You: Or, A Portrait of the Writer as a Young Wife von Meena Kandasamy

Elmet von Fiona Mozley

The Ministry of Utmost Happiness von Arundhati Roy

See What I Have Done von Sarah Schmidt

A Boy in Winter von Rachel Seiffert

Home Fire von Kamila Shamsie

The Trick to Time von Kit de Waal

Sing, Unburied, Sing von Jesmyn Ward

Von den Büchern, die mir bisher unbekannt waren, könnten eventuell noch „Happy“, „A Boy in Winter“ und „Miss Burma“ auf meiner Wunschliste landen, da muss ich noch genauer forschen.

Wie gefällt euch die Longlist? Habt ihr schon welche der Bücher gelesen oder wollt ihr sie lesen?

 

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(c) Vintage

Deutscher Titel: Der Lärm der Zeit

Leningrad, 1936: In einem Wohngebäude steht mitten in der Nacht ein Mann mit Koffer vor dem Fahrstuhl. Er will der Obrigkeit zuvorkommen, denn er rechnet damit, dass jeden Moment Männer aus dem Fahrstuhl treten werden, um ihn zu verhaften. Der Mann heißt Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch und ist ein weltweit gefeierter Komponist. Doch er hat einen entscheidenden Fehler begangen: Er hat eine Oper namens „Lady Macbeth von Mzensk“ geschrieben und mit ihr Stalins Missfallen erregt. Der betrachtet Schostakowitchs Musik als „formalistisch“ und wer dem „Formalismus“ angehört, ist ein Volksfeind.

Julian Barnes‘ Roman „The Noise of Time“ gliedert sich in drei Teile, die verschiedenen Phasen seines Lebens und Schaffens des Komponisten zuzuordnen sind. Der erste Teil beschreibt die Zeit, in der Schostakowitsch beim Regime in Ungnade fiel und stets um sein Leben fürchten musste. Der zweite Teil eröffnet mit einer USA-Reise des Komponisten, während der er sich demonstrativ dem Regime unterordnet und die eigentlich hochgeschätzten Kollegen Strawinsky und Prokofjew öffentlich verurteilt. Schostakowitsch wird rehabilitiert und darf weiter komponieren – unter der Voraussetzung, dass er wieder „wahre“, sowjettaugliche Musik produziert.

Im dritten Teil schließlich ist Stalin tot und an seiner Stelle regiert Nikita Chruschtschow. Die Zeit des Terrors ist vorbei, doch Schostakowitsch empfindet die neue Ära keineswegs positiv. Denn linientreu muss er auch unter Chruschtschow sein und auf Druck von oben Mitglied der Partei werden, was für ihn einen unverzeihlichen Verrat darstellt, den er als schlimmer empfindet als die Todesangst unter Stalin:

„And now, finally, after the great fear was over, they had come for his soul.“ (Seite 152)

Ich habe „The Noise of Time“ gerne gelesen, auch wenn das Buch schwere Kost ist. Barnes hat es komponiert wie sein Subjekt seine Symphonien, und zwar in einer klaren, schnörkellosen Sprache, die mir zusagte. Sätze wie „Art is the whisper of history, heard above the noise of time.“ (Seite 91) fand ich ganz wunderbar. Am besten gefallen hat mir der zweite Teil, der sehr viele Ansatzstellen zur Analyse bot, zentrales Thema dieses Teils ist die paradoxe Natur des russischen Sowjetbürgers, denn:

„To be Russian was to be pessimistic, to be Soviet was to be optimistic. That was why the words Soviet Russia were a contradiction in terms.“ (Seite 71)

Schostakowitsch wird zum Sinnbild des Sojwetbürgers, denn er ist selbst so ein Paradoxon, er ist ein unentschlossener Mensch, außer wenn er entschlossen ist: „‚An optimistic Shostakovich‘. Another contradiction in terms.“ (Seite 152) Seine Unentschlossenheit spiegelt sich unter anderem auch in seinen Beziehungen zu Frauen wider. Mir gefiel dieser rote Faden, dieser Dualismus, ich meinte gar, darin die Quantentheorie wiederzuerkennen, denn Schostakowitsch hat zwei entgegengesetzte Eigenschaften, die jeweils nur in der konkreten Situation zutage treten.

Den dritten Teil, in dem noch einmal in Schostakowitschs Innenleben eingedrungen wird, fand ich am mühsamsten zu lesen, wenn er auch inhaltlich und formal stark ist. Insgesamt stelle ich fest: „The Noise of Time“ ist kein einfaches, leicht zu lesendes Buch, gibt jedoch den Terror unter Stalin und die Stimmung in der Sowjetunion eindrücklich wieder und ist für Leser geeignet, die sich für die Auswirkungen von Macht auf Kunst interessieren.

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(c) HarperCollins

Deutscher Titel: Der Fluss – Deine letzte Hoffnung

Sprecherin: Cassandra Campbell

Dauer: 9 h 8 min

USA zur Jetztzeit. Seit vier Jahren hat Malorie das Grundstück, auf dem sie mit ihren beiden kleinen Kindern lebt, nicht mehr verlassen. Alle Fenster sind verhängt, sie und die Kinder müssen bei den seltenen Aufenthalten im Freien Augenbinden tragen. Die Kinder haben ein geschultes Gehör, wie man es von Sehbehinderten kennt. Warum? Vor vier Jahren gab es erste Fälle von plötzlich auftretendem Wahnsinn bei beliebigen Personen, der immer innerhalb kürzester Zeit mit dem Selbstmord der Menschen endete. Bald stellte sich heraus, dass der Wahnsinn von etwas ausgelöst wurde, das die Personen gesehen haben. Innerhalb weniger Wochen bricht die gesamte Gesellschaft zusammen. Nur vereinzelt überleben Menschen allein oder in kleinen Gruppen. Auch Malorie hat einmal einer solchen Gruppe angehört. In Rückblenden erinnert sie sich an die Geschehnisse der letzten vier Jahre, während sie einen Fluchtversuch mithilfe eines Bootes auf dem Fluss vorbereitet, der hinter dem Grundstück verläuft.

Von einigen Booktubern hatte ich erfahren, dass dieses Buch absolut furchteinflößend und gruselig sei. Außerdem sollte die Hörbuchversion gut sein. Das kam mir gelegen, denn Hörbücher bieten eine gute Möglichkeit, neuere Bücher zu konsumieren, ohne den SuB zu belasten. Die Prämisse des Buchs ist wirklich originell, es handelt sich um eine ganz andere Art von Grusel, die ich sehr interessant und erfrischend fand. Es ist ein subtiler Grusel, jedoch nicht im traditionellen Sinne, es geht nicht direkt um etwas Übersinnliches. Wir erfahren, dass der Wahnsinn von Kreaturen ausgelöst wird, doch da jeder, der diese sieht, augenblicklich durchdreht und sich umbringt, haben wir nicht die geringste Vorstellung von ihnen. Und genau das macht den Horror aus, den das Buch bietet. Abwechselnd schildert der Autor das Voranschreiten von Malories Fluchtversuch (wir wissen zunächst nicht, was sie vorhat und was ihr Ziel ist) und die Ereignisse seit dem erstmaligen Auftreten des Phänomens. Dieser ständige Wechsel erzeugt zusätzliche Spannung, außerdem ist das Buch im Präsens geschrieben, was ich prinzipiell nicht unbedingt bevorzuge, bei einem Spannungsroman jedoch durchaus sinnvoll ist.

Das Buch ist also gut geschrieben, spannend und wirklich gruselig, lediglich mit der Glaubwürdigkeit hapert es ein bisschen. Kaum vorstellbar scheint es, dass Menschen eine solche Situation wirklich durchhalten, die Augenbinde immer Schlimmeres verhindert und vor allem, dass Menschen, die sich bisher ganz auf ihren Augensinn verlassen haben, eine Orientierung ohne diesen möglich sein soll. Klug ist hierbei die Hinzunahme der Kinder, die Monate nach dem Beginn der Katastrophe geboren wurden und deren Hörvermögen von ihrer Mutter trainiert wurde.

Ein solides und originelles Werk der Spannungsliteratur mit kleinen Schwächen, aber absolut lesenswert.

 

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(c) David Fickling Books

Deutscher Titel: Über den wilden Fluss

Der elfjährige Malcolm wohnt in Oxford direkt am Fluss in dem von seinen Eltern betriebenen Pub. Er ist stolz auf sein Paddelboot, die Belle Sauvage, mit der er auf der Themse unterwegs ist, wenn er nicht im Pub helfen muss oder am gegenüberliegenden Ufer den freundlichen Nonnen in ihrem Kloster hilft. Malcolm beobachtet einige merkwürdige Neuankömmlinge in Oxford, im Pub treffen sich Männer, die Politiker zu schein scheinen, und ein seltsamer Mann mit einer dreibeinigen Hyäne als Daemon schleicht um die Mauern des Klosters. Sie alle scheinen sich für das kleine Baby zu interessieren, um das sich die Nonnen seit Kurzem kümmern und das Malcolm schon liebgewonnen hat. Das Baby namens Lyra.

Beim Tippen des letzten Satzes kamen mir die Tränen. Philip Pullmans „His Dark Materials“-Trilogie zählt zu meinen absoluten Lieblingsbüchern und dass jetzt nach 20 Jahren weitere Bücher erscheinen, die in der wunderbaren Welt (bzw. den Welten) von Lyra spielen, ist für mich wirklich ein emotionales Ereignis.

Und so war es von der ersten Seite an wie Heimkommen. Die Vorgeschichte zu „Der goldene Kompass“ ist weniger komplex als die ursprüngliche Trilogie und führt wenig Neues ein, doch dies bewirkt eben diese Vertrautheit, diese besondere Stimmung. Die Seiten des Buches atmen Lyras Oxford.

Die allgemeine Erwartungshaltung an das Prequel war so hoch, dass ich bewusst versucht habe, meine eigenen Erwartungen niedrig zu halten, das Staunen, das Philip Pullmans Fantasie in His Dark Materials immer wieder auslöste, und die Faszination für die Rolle, die Lyra im Universum spielt, würde ausbleiben, das war mir klar. Und so konnte ich Malcolms Geschichte einfach genießen, mir Zeit lassen, ich musste das Buch nicht verschlingen und das war gut so.

Pullman erschafft erneut liebenswürdige Charaktere, die man im Verlauf des Buches wirklich kennenzulernen scheint. Hannah erinnert definitiv an Mary, doch die übrigen Personen sind völlig eigenständige Figuren. Natürlich kommen auch einige Charaktere aus His Dark Materials vor, etwa Lord Asriel.

Sehr niedlich fand ich Baby-Pantalaimon, der entsprechend seinem Alter genausowenig sprechen kann wie Lyra und Tierbaby-Gestalten annimmt.

Im Buch finden sich zahlreiche Verweise auf Mythen und Märchen, diesen Aspekt fand ich im Prequel sogar stärker betont, insbesondere während Malcoms Reise mit der La Belle Sauvage auf der Themse.

Mir fällt gerade auf, dass ich es mir sehr schwer fällt, hier eine ordentliche Rezension zu schreiben, His Dark Materials hat bei mir eben einen Stellenwert nicht allzu weit unterhalb vom Herr der Ringe 😉

Daher sage ich nur noch: Erwartet kein zweites His Dark Materials, sondern eine Gelegenheit, wieder in Lyras Welt abzutauchen. Für die beiden weiteren Bücher der Trilogie würde ich mir noch Ausflüge in die anderen Parallelwelten erhoffen.

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