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Archive for the ‘Ethnologie’ Category

© Before They Pass Away von Jimmy Nelson, erschienen bei teNeues, € 128 – auch als Collector’s Edition oder kleine Ausgabe erhältlich, www.teneues.com

© Before They Pass Away von Jimmy Nelson, erschienen bei teNeues, € 128 – auch als Collector’s Edition oder kleine Ausgabe erhältlich, http://www.teneues.com

Jimmy Nelsons prachtvollen Bildband habe ich nach seinen Erscheinen auf der Frankfurter Buchmesse durchgeblättert – und ich war begeistert. Leider war das Buch damals aber zu kostspielig für mich. Nun gibt es jedoch eine sogenannte „kleine Ausgabe“ (die weder klein noch leicht ist ;-)) für deutlich weniger Geld, da habe ich natürlich zugeschlagen.

Jimmy Nelson ist durch die ganze Welt gereist, um Aufnahmen der letzten Stammeskulturen zu machen, bevor diese unwiederbringlich durch den Einzug der Modernität erlöschen. Die Begleittexte sind zweisprachig – englisch und deutsch – und geben einen kurzen Überblick über Ursprünge, Brauchtum, Glaube, Lebensweise und Ernährung der jeweiligen Kultur.

Natürlich sind die gezeigten Kulturen teilweise auch schon westlich beeinflusst, was Jimmy Nelson auch gar nicht zu verstecken versucht. So lugt unter manchem Gewand der ein oder andere Turnschuh hervor, ein bisschen verstörend ist, dass einige Männer verschiedener Kulturen sich mit Maschinengewehren zeigen. Jimmy Nelsons Anliegen ist: „… Bilder erschaffen, die uns und die nachfolgenden Generationen an die Schönheit des unverfälschten und authentischen Lebens erinnern, an das Wesentliche, das uns dieses Leben lehrt und das uns in der sogenannten zivilisierten Welt offenbar abhanden gekommen ist.“ (Seite 290)

Und weiter kann ich nicht mehr viel zu dem Buch sagen, außer: „Es ist großartig“. Die Fotos sind ausnahmslos von allerhöchster Qualität und wunderschön. Ein außerordentlicher Schatz und ein wichtiges Dokument der Menschheit.

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(c) Knaur

West-Papua, Indonesien, 1980. Sabines Eltern sind Sprachwissenschaftler und Missionare, die Mutter außerdem gelernte Krankenschwester. Als der Vater einen neuen Stamm ohne jeden Kontakt zur modernen Welt entdeckt, folgt der Rest der Familie, neben der Mutter Sabines ältere Schwester Judith und ihr jüngerer Bruder Christian, ihm in das Stammesgebiet der kriegerischen Fayu. Deren vier Stämme stecken in einem unendlichen Kreislauf der Gewalt, angetrieben vom Recht der Blutrache. Wie wird die Familie mit ihnen leben? Kann sie den Fayu Frieden bringen? Werden die Kinder im Dschungel bleiben, und wenn nicht, wie werden sie später mit den „Errungenschaften“ der Zivilisation zurechtkommen?

Ich wollte Sabine Kueglers Autobiografie schon lange lesen, nachdem ich den gleichnamigen Film gesehen hatte. An Anfang meiner Lektüre stellte ich mir die Frage, die sich wohl jeder stellt: wie Sabines Eltern sich überwinden konnten, ihre Kinder im Umfeld eines vermeintlich so gefährlichen Stammes aufzuziehen. Sabine Kuegler beantwortet diese Frage damit, dass Kinder in der westlichen Welt doch ebenfalls vielen Gefahren ausgesetzt seien, in Form von Straßenverkehr, Kriminalität und sozialem Abstieg.

Für mich birgt diese Zivilisation mehr Risiken als das Leben im Dschungel. Man ist so abhängig hier im Westen, abhängig von Umständen wie dem Arbeitsmarkt, vom Einkommen, der richtigen Altersvorsorge, um nur einige zu nennen. Man lebt so selbstverständlich in Zwängen, dass man es meistens für sich selbst gar nicht realisiert.“ (Seite 51)

Zu Beginn des Buches stellt Sabine Kuegler dem Leser den Schauplatz West-Papua vor und legt die Umstände der Entdeckung des Volkes der Fayu durch ihren Vater dar. Deren Bräuche sind gelinde ausgedrückt für westliches Empfinden sehr gewöhnungsbedürftig, man muss als Leser also auf einiges gefasst sein, Kuegler betreibt jedoch keine Effekthascherei, die Ausführungen sind auf wenige Episoden beschränkt und nüchtern, stellenweise auch humorvoll abgefasst.

Der weitaus größte Teil des Buches befasst sich natürlich wie der Titel schon sagt mit Sabine Kueglers Kindheit bei den Fayu. Sie erzählt episodenhaft von „tierischen“ Begegnungen, der Schulbildung per Korrespondenz, ihren vielen Freunden unter den Fayu und den gemeinsamen Erlebnissen, von Spielen und Gefahren wie der Malaria und den schrecklichen Auseinandersetzungen der Fayu-Stämme. Sabine ist ein absolut offenes Kind und kennt keine Scheu gegenüber den Fayu, ebenso ihr Bruder Christian, lediglich die etwas ältere Judith kommt nicht immer ganz so gut mit dem Dschungelalltag zurecht wie ihre Geschwister. Es sind lustige, aber auch dramatische Geschichten, liebevoll erzählt.

Im dritten Teil schließlich schildert Kuegler, wie es ihr nach ihrer Rückkehr nach Europa erging. Den fürchterlichen Kulturschock kann sich jeder vorstellen. Sie hat es nicht leicht in Europa, gibt aber nicht auf. Den Fayu und dem Dschungel von West-Papua wird sie immer verbunden bleiben. Ihre Kindheit im Dschungel betrachtet sie als Geschenk.

Der Text wird ergänzt durch zahlreiche Abbildungen und Fotos aus dem Dschungel, die Sabine Kueglers Geschichte umso lebendiger werden lassen. Der Schreibstil ist einfach, sehr gut zu lesen, wenn auch nicht stilistisch ausgereift. Darauf kommt es in diesem Buch aber auch nicht an.

Wichtig scheint mir auch zu betonen, dass die Familie Kuegler bei den Fayu wirklich sehr viel Gutes bewirkt und dazu beigetragen hat, den Teufelskreis der Blutrache zu durchbrechen. Ohne ihre behutsame Einflussnahme hätte das Volk sich wohl selbst ausgerottet. Ein solches Einschreiten halte ich für absolut vertretbar, es ging hier in keiner Weise um religiöse Missionierung oder die Eingliederung des Stammes in die moderne Welt, Bräuche und Künste bleiben erhalten, lediglich die Gewalt hat ein Ende gefunden.

Ein wirklich lesenswertes, spannendes Buch, das mich sehr gefesselt hat.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Droemer-Knaur für das Rezensionsexemplar!

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(c) Fischer

Übersetzung aus dem Indonesischen: Peter Sternagel

Indonesien in den 1970ern. Der kleine Ikal lebt auf der kleinen Insel Belitung. Die Insel ist reich an Bodenschätzen, doch der gesamte Erlös geht an die Bergbaugesellschaft. Kinder von einfachen Fischern oder Arbeitern, wie Ikal, haben kaum eine Chance auf Bildung. Doch eine junge, idealistische Lehrerin kämpft ums Überleben der kleinen Dorfschule, in die Ikal nun eingeschult werden soll. Mit Bangen warten die Lehrerin und ihre Schützlinge am ersten Schultag darauf, dass ein zehnter ABC-Schütze erscheint. Sonst wird die Schule geschlossen. Und siehe da, Nummer 10 findet sich! Die zehn Schüler, neun Jungs und ein Mädchen, werden von ihrer Lehrerin bald die „Regenbogentruppe“ genannt. Sie alle werden auch in den folgenden Jahren für ihre Schulbildung kämpfen müssen.

Bekanntermaßen war Indonesien das Gastland der letztjährigen Frankfurter Buchmesse. Daher wollte ich natürlich auch ein Buch von einem indonesischen Autor mitnehmen. Von den Büchern, die das Gastland vorstellte, interessierte mich Andrea Hiratas autobiografischer Roman über eine Dorfjugend in Indonesien am meisten.

Es ist eine Freude, Hiratas episodenhafte Geschichte zu lesen. Sein Sprachstil ist sehr schön, mitunter fast blumig, gelegentlich aber auch bissig. Die Kinder werden anhand der verschiedenen Episoden alle wunderbar charakterisiert, sodass der Leser eine echte Verbindung zu den Charakteren herstellen kann. Andrea Hirata erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Entschlossenheit und Mut und zeigt, was  man mit diesen Eigenschaften erreichen kann. Wir erfahren, wie Kinder in Entwicklungsländern um ein Recht kämpfen müssen, das für reiche Länder eine Selbstverständlichkeit ist: Bildung. Trotz der wirklich bemerkenswerten Leistungen der Lehrer und Schüler bietet der Roman keine reine Wohlfühlgeschichte: Nicht alles gelingt, das Schicksal spielt mit, tragische Ereignisse vernichten manche Zukunftshoffnung. Stark ist Hiratas mutige Kritik an der Politik, die es zulässt, dass eine eigentlich reiche Insel in keiner Weise von ihrem Reichtum profitiert, und die Armut aufrechterhält, während die Mitarbeiter der staatlichen Bergbaugesellschaft in Saus und Braus leben:

„Das Gedong (hier: Siedlung der Bergbaugesellschaft, Anmerkung der Rezensentin) war das Wahrzeichen Belitungs, gebaut, um den kolonialen Albtraum fortzusetzen. Ziel der Regierung war es, einer Handvoll Leuten Macht und Bildung zu verschaffen und eine Mehrheit zu unterdrücken, sie fügsam zu machen, indem man ihnen das Recht auf Bildung verweigerte.“ (Seite 25)

Wir begleiten die Regenbogentruppe während ihrer gesamten Schulzeit und erfahren auch, was aus den Schülern wurde. Gegen Ende des Buchs schildert Hirata schließlich noch seinen eigenen, bemerkenswerten Werdegang nach dem Ende der Schulzeit. Ein sehr lesenswertes, schön geschriebenes Buch, das ich euch sehr empfehle.

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(c) dtv

Übersetzung aus dem Englischen: Ulrich Enderwitz

Als junger Ethnologe unterrichtet Nigel Barley an einer britischen Universität, bis ihm ein Kollege die entscheidende Frage stellt: „Warum machst Du dann nicht Feldforschung“? Schließlich sind die Feldforscher doch die Obergurus der Ethnologie! Kaum ist die Entscheidung gefällt und das zu untersuchende Volk, die Dowayo im nördlichen Kamerun, ausgewählt, holt die Bürokratie Barley wieder auf den Boden der Tatsachen und jegliche Ethnologenromantik ist schnell dahin. Wie wird es ihm in Afrika ergehen?

Bei der Lektüre dieses humorvollen Buches stellte ich mir schon des Öfteren die Frage, ob Nigel Barley sich damit nicht unter manchen Kollegen unbeliebt gemacht hat. Sein grundehrlicher Bericht entzaubert die Vorstellungen, die Fachfremde von der Feldforschung haben mögen – und sorgt beim Leser für viele Lacher. Etwa bei der Schilderung seines Abschieds von den Dorfbewohnern:

„Es war mir eine gewisse Genugtuung, daß, als ich von den Dowayos wieder Abschied nahm, der Häuptling des Dorfes, in dem ich mich aufgehalten hatte, erklärte, er würde mich liebend gern zu meinem Dorf in England zurückbegleiten, wenn er nicht Angst vor einem Land hätte, in dem es immer kalt sei, in dem reißende Tiere von der Art der europäischen Hunde in der Missionsstation lebten und in dem es, wie bekannt, Menschenfresser gebe.“ (Seite 20)

Auch Sprachschwierigkeiten sorgen für viele komische Situationen.

Barley schildert episodenhaft – mit offensichtlichem Erzähltalent – seinen ersten Aufenthalt bei den Dowayos, samt aller haarsträubenden Erlebnisse. Dabei geht er jedoch gegenüber allen Beteiligten auch sehr fair vor, so räumt er bei aller Kritik an der Missionstätigkeit der Kirchen beispielsweise ein, dass viele auch wirklich Gutes leisten, das nichts mit dem Versuch einer religiösen Bekehrung zu tun hat.

Aufgefallen ist mir, dass dem Lektorat ein paar Fehler entgangen sind, einen davon erkannte ich als typischen „Satzumbaufehler“, der häufig beim Übersetzen entsteht. Es sind jedoch wirklich nur ganz wenige Vorkommnisse, die man verschmerzen kann.

Eine vergnügliche, ansprechende Lektüre, die ich gerne weiterempfehle.

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