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Archive for the ‘Familienroman’ Category

(c) Dumont

In einem Dorf im Westerwald, in den achtziger Jahren. Die Oma der kleinen Luise, Selma, hat von einem Okapi geträumt. Scheint zunächst kein Albtraumpotenzial zu haben, doch: Immer, wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand. Die verschrobenen Bewohner des Westerwalddorfes stellen sich auf ihr mögliches Ableben ein. Wird wirklich jemand sterben? Und wann wird Selma das nächste Mal von einem Okapi träumen?

Kann man einen vergnüglichen Roman über Tod und Trauer schreiben? Mariana Leky kann. Natürlich kommt auch noch eine Portion Liebe dazu, auf gänzlich unkitschige und ebenso vergnügliche Weise. Wir erleben mit, wie Louise ihren ersten großen Verlust bewältigt, wie sie erwachsen wird, wie sie sich verliebt. Begleitet wird sie nicht nur von ihrer Oma Selma, sondern natürlich auch von ihren Eltern (zumindest zum Teil) und einigen der nicht weniger verschrobenen Nachbarn, der abergläubischen Elsbeth, der Misanthropin Marlies und dem Optiker, der seit Jahrzehnten heimlich Selma liebt.

Es ist eine Geschichte aus dem Leben, die Mariana Leky uns erzählt, in dem kleinen Dorf im Westerwald geschieht Weltbewegendes, nicht für die Menschheit, aber eben für Luise und ihre Mitmenschen, die helfen, aus ihr eine Frau zu machen, die weiß, was sie will.

Der Humor des Buches ist herrlich, lässt die Leserin laut lachen, nie bösartig, aber immer skurril.

So mancher Satz brachte mich zum Nachdenken:

„Jetzt, als er die Tür öffnete, erschien in seinem Kopf eine Frage, nämlich ob man, wenn man ein altes Haus betritt, auch von dem alten Haus betreten wird.“ (Seite 304).

Selmas baufälliges altes Haus spielt eine wichtige Rolle in dem Buch, es scheint eine Erweiterung Selmas zu sein, an dem nichts verändert werden darf, solange sie lebt. Der Roman hält uns vor Augen, dass es nicht nur eine Lösung gibt im Leben, dass die Alternative manchmal die klügere Wahl ist, mit der man zufrieden sein darf.

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(c) Der Hörverlag

Übersetzung aus dem Französischen: Amelie Thoma

Sprecherin: Constanze Becker

Dauer: 5 h 25 min

Das Baby ist tot. Mit diesem grausamen Satz beginnt Leila Slimanis preisgekrönter Roman, der vergangenes Jahr pünktlich zur Frankfurter Buchmesse mit dem Ehrengast Frankreich auf Deutsch erschien. Das Ende des Buches wird also vorweggenommen, und nicht nur das Baby ist tot, sondern auch die vierjährige Mila ist von ihrer Nanny, die doch eigentlich so perfekt und liebevoll war, getötet worden. Wie konnte es zu der unfassbaren Tat kommen?

Rückblende. Myriam will nach der Geburt ihres zweiten Kindes wieder an ihrer Karriere arbeiten und erhält ein tolles Jobangebot von einem Studienkollegen. Doch Paul und Myriam gehören zu den Eltern, die zu viel verdienen, um ihre Kinder auf Staatskosten versorgen zu lassen, aber zu wenig, um sich eine Nanny leisten zu können. Oder können sie vielleicht doch? Eine Kandidatin sticht heraus: die adrette, fürsorgliche und verantwortungsbewusste Louise. Und kaum beginnt sie mit ihrer Arbeit im Haushalt von Paul und Myriam, ist sie auch schon unentbehrlich für die Familie. Sie kümmert sich nicht nur aufopfernd um die Kinder, sondern übernimmt die gesamte Hausarbeit und kocht täglich – und zwar hervorragend. Schon bald ist es für das Paar undenkbar, wieder ohne Louise auskommen zu können. Sogar mit in den Urlaub nehmen sie sie.

Was den jungen Yuppies, die nun beide extrem viel arbeiten und wenig zu Hause sind, entgeht, ist Louises Seelenleben. Dass sie mit dem Geld, das sie verdient, kaum überleben kann. Dass sie zermürbt wird von Existenzängsten und der Gedankenlosigkeit ihrer Arbeitgeber. Und so entsteht langsam ein Groll in der perfekten Nanny, der sich schließlich in ihrer schrecklichen Tat entlädt.

Slimanis Geschichte ist trotz des bekannten Endes durchweg spannend. Dies liegt unter anderem daran, dass eine Erklärung für die Tötung der Kinder so unvorstellbar scheint, es ist hochinteressant, zu verfolgen, wie Louise immer mehr an den Abgrund gedrängt wird, ohne dass die Eltern der Kinder irgendetwas ahnen. Im Verlauf der Geschichte mehren sich langsam die Konflikte zwischen der Nanny und den Eltern und dennoch sind diese weit entfernt davon, zu ahnen, wie sich die Perle Louise fühlt.

Was mich gestört hat an dem Buch ist die häufige Verwendung des Perfekts, um von der Vergangenheit zu berichten. Das störte mich wesentlich mehr als das ebenfalls häufig gebrauchte Präsens. Ich weiß nicht, ob dies eine Idee der Übersetzerin war oder ob es im französischen Original auch so ist. Eine Erklärung könnte im letzteren Fall sein, dass die Autorin eine möglichst große Nähe zur Gegenwart erzeugen wollte. Dieser Effekt hätte jedoch auch mit dem Einsatz des Präsens erzielt werden können, was ja auch teilweise der Fall ist. Doch beim Perfekt zuckte ich jedesmal ein bisschen zusammen, jedenfalls am Anfang. Das Perfekt gehört für mich nicht in die Schriftsprache, sondern in die gesprochene Sprache. Dieser Effekt wurde möglicherweise durch das Hörbuchformat noch verstärkt.

Abgesehen von dieser Schwäche empfand ich „Dann schlaf auch du“ als gelungene und interessante Charakterstudie. Ein definitiv lesenswertes Buch.

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(c) Orion

Deutscher Titel: Die dreizehnte Geschichte

England, schätzungsweise in den Neunzigern. Margaret Lea betreibt zusammen mit ihrem Vater eine antiquarische Buchhandlung. Und auch sonst ist ihr ganzes Leben an Büchern und am Lesen ausgerichtet. Gelegentlich betätigt sich Margaret außerdem als Autorin von Biografien, bevorzugt von Zwillingen. Denn sie ist selbst ein Zwilling, nur dass ihre Zwillingsschwester kurz nach der Geburt starb. Als die berühmte, aber auch sehr enigmatische alte Schriftstellerin Vida Winter sie bittet, ihre Biografie zu schreiben, und sie erfährt dass diese eigentlich Adeline heißt und ebenfalls ein Zwilling ist, kann sie nicht widerstehen. Vida Winters Leben ist geradezu umgeben von Geheimnissen.

Ich muss vorwegnehmen, dass ich falsche Erwartungen an Diane Setterfields Roman hatte. Er wird oft als „Ghost Story“ deklariert und auf irgendeinem Blog oder bei irgendeinem Booktuber wurde das Buch als sehr gruselig beschrieben. Das ist es nicht! Es gibt ein paar Momente, die an Geister denken lassen, und das Buch ist durchaus atmosphärisch, aber es ist für mein Dafürhalten keineswegs gruselig. Nun gut, dafür kann das Buch zunächst einmal ja nichts. Dennoch befürchte ich, dass meine falschen Erwartungen mich etwas davon abhielten, das Buch richtig zu genießen. Was dieses Buch ist, ist ein durchaus gelungener, jedoch klassischer Familiengeheimnisroman mit bibliophilem Element. Ich musste schmunzeln, als ich auf Seite 27 den Satz las:

„For at eight o‘ clock the world came to an end. It was reading time.“

Diese Regel gilt nämlich auch bei mir zu Hause. Wehe, es ruft nach 8 Uhr jemand an, der kann sich drauf einstellen, abgewürgt zu werden!

Da Margaret also ein Büchermensch ist, kann man sich recht gut mit ihr identifizieren. Ihr Studienobjekt Vida Winter ist hingegen, freundlich ausgedrückt, schwierig. Und hört man ihre Erinnerungen an ihre Kinder- und Jugendzeit mit ihrer Zwillingsschwester Emmeline, kann man sich kaum vorstellen, wie aus der widerspenstigen, wilden Adeline, die nur mit ihrer Schwester in einer Art Zwillingssprache kommunizierte, eine erfolgreiche Autorin werden konnte. Die Auflösung des Rätsels ist gelungen, ich hatte mit der verwendeten Lösung nicht gerechnet, doch nachdem der erste Teil dieser Auflösung bekannt ist, kann man sich auch den Rest ziemlich gut denken. Stilistisch ist das Buch nichts Besonderes. Die ganze Lebenskonstellation rund um die Zwillinge ist originell, ich kann mich nicht erinnern, etwas Ähnliches schon einmal gelesen zu haben, und bietet ein paar psychologisch recht interessante Ansätze.

Ein solider Roman um ein Familiengeheimnis, der klassisch in zwei Zeiten angesiedelt ist, eine überraschende Auflösung bietet und (ausgenommen ein paar Andeutungen am Ende) erfrischenderweise auf eine Liebesgeschichte verzichtet. Lesenswerte Unterhaltungsliteratur also, aber auch nicht mehr.

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Ich habe noch keine Informationen zu einer deutschen Ausgabe gefunden.

Nordengland in der Jetztzeit. Die Teenager Daniel und Cathy leben mit ihrem Vater in einer selbstgebauten Hütte auf dem Land. Sie haben nur wenige Nachbarn, haben die Einsamkeit und Zurückgezogenheit gezielt gesucht. Sie sind zufrieden, bis der größte Grundbesitzer der Region Rechte an ihrem Grundstück bekundet und die Vergangenheit und die Gegebenheiten der Region beginnen, die Familie einzuholen.

Mehr als einmal kam mir bei der Lektüre von Fiona Mozleys Debütroman der Gedanke, dass die Gegend, in der er angesiedelt ist, und die rauen Sitten, die dort herrschen, mich an die Ozarks und an Daniel Woodrells „Winter’s Bone“ erinnern. Das Gesetz, die Staatsgewalt scheinen nicht vorhanden, niemand bemängelt, dass Daniel, der Ich-Erzähler des Romans, und seine Schwester nicht mehr zur Schule gehen. Stattdessen schickt der Vater sie zu einer etwas besser gebildeten Nachbarin, um ihnen eine Art Unterricht zukommen zu lassen. Und Grundbesitzer Price nimmt die Rolle eines Königs ein, der das Sagen hat und gegen den niemand ankommt, die Polizei hinzuzuziehen, ist nicht denkbar oder die Polizisten stehen ebenfalls unter seiner Fuchtel. Daniel ist das Gegenstück seines grobschlächtigen Vaters, der früher als Boxer sein Geld verdient hat, er ist zierlich, feminin und scheint sich auch so zu fühlen. In seiner Familie und seinem Umfeld ist dies überhaupt kein Thema, er ist jedoch auf den Schutz seines Vaters und auch seiner nur wenig älteren Schwester angewiesen. Diese ist eher burschikos und trägt stark fatalistische Züge, sie nimmt vieles, was man ihr angetan hat, als gegeben hin, kann sich jedoch durchaus wehren. Umgehauen hat mich dieser Satz aus ihrem Mund:

„We all grow into our coffins, Danny. And I saw myself growing into mine.“

Für mich war es schwer erträglich, mitzuerleben, wie die Ungerechtigkeit und die Selbstjustiz sich in Mozleys Geschichte ihren Weg bahnen. Man möchte eine Polizeitruppe hinschicken, erkennt aber, das dies aus der Sicht der Charaktere unsinnig ist. Was den Leser wiederum ohnmächtig, verzweifelt hinterlässt. Es ist kaum vorstellbar, dass herrisches Gebaren wie das von Price heute noch durchgeht, doch, halt, wie lautet der Titel des Buchs? „Elmet“: eine Gegend in Nordengland, die im frühen Mittelalter, in den „Dark Ages“, ein eigenständiges keltisches Königreich war. Und so scheinen die alten Kräfte, die totalitären Strukturen in Elmet weiterzubestehen, unbeirrt von der modernen Zeit.

Elmet ist ein erstaunliches Debüt, ein kraftvolles, aufwühlendes und sprachlich starkes Buch, das ich durchaus gern als Gewinner des Booker Prize sehen würde, auch wenn ich wie die meisten vermute, dass „Autumn“ von Ali Smith gewinnen wird.

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(c) Bastei Lübbe

England im Jahre 1360: Der zwölfjährige Robin von Waringham wird in einem Kloster erzogen. Die Nachricht vom Tod seines Vaters trifft ihn besonders hart, da dieser Verrat begangen und sich danach selbst gerichtet haben soll. Der Verrat geht mit dem Verlust des Adelstitels und des Besitzes der Familie einher. Obwohl Robins Mutter schon lange verstorben ist und seine Schwester in einem Kloster an der Grenze zu Wales lebt, kehrt Robin nach Waringham zurück, um sich als Stallbursche zu verdingen. Der neue Earl of Waringham ist ihm gegenüber freundlich gesinnt, ganz anders als sein Sohn Mortimer…

Rebecca Gablés erster Roman in der Waringham-Saga ist inzwischen 20 Jahre alt, ich bin also ziemlich spät auf den Zug aufgesprungen. Das Setting des ersten Bandes interessiert mich sehr: England unter der Herrschaft der Plantagenets, während des Hundertjährigen Krieges. Auch wie das Buch angelegt ist, ist genau mein Ding: fiktive Figuren in Interaktion mit historischen. Dementsprechend war ich zuversichtlich, dass mir das Buch gefallen wird. Und tatsächlich gefielen mir sowohl die fiktiven Charaktere, besonders Robins Schwester Agnes, als auch die Darstellung der historischen Persönlichkeiten, von denen John of Gaunt, der Sohn des Königs Edward III. und Duke of Lancaster, der wichtigste ist. Er wird häufig negativ dargestellt, in Gablés Roman ist er in eingeschränkter Form ein Sympathieträger. Mortimer, der Bösewicht des Romans, ist eine dieser Figuren, die man mit Vergnügen hasst, ich musste des Öfteren an Joffrey aus The Song of Ice and Fire aka Game of Thrones denken. Doch Gablés Charaktere sind erfreulicherweise nicht eindimensional, wir lernen auch Mortimers verletzliche Seite kennen.

Wie bereits erwähnt, gefällt mir die lebendige Darstellung der historischen Charaktere und Ereignisse sehr gut, der Leser erfährt viel über englisch-europäische Geschichte und Politik, Gablés Recherche ist tadellos.

Was mich dazu veranlasst, dem Buch nur 3 von 5 Sternen zu geben, ist der Plot, der vor allem auf Spannung und die Feindschaft zwischen Robin und Mortimer angelegt ist. Hierdurch wird leider vieles auch sehr vorhersehbar und klischeehaft, was vor allem für die wichtigste Liebesgeschichte gilt. Als sich diese andeutete, dachte ich nur: „stöhn, bitte nicht“. Da ich nicht spoilern will, äußere ich mich hier nicht näher dazu, aber es handelt sich um ein gängiges Plot-Device, das mich wirklich sehr genervt hat. Auch die Feindschaft zwischen Robin und Mortimer ist so ein Plot-Device, ein Klischee, das in dem Buch etwas zu stark strapaziert wird. Und leider auch etliche Längen in dem 1300-Seiten-Wälzer erzeugt.

Nichtsdestotrotz werde ich auch den zweiten Teil der Saga lesen, denn Gablés Werke sind wegen ihrer guten historischen Darstellung definitiv lesenswert. Vielleicht gelingt es Rebecca Gablé im nächsten Band besser, mich zu überraschen.

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(c) btb

Übersetzung aus dem Norwegischen: Ursel Allenstein

England, 1852: William hat zu Gunsten seiner großen Familie auf eine große Karriere als Biologe verzichtet und verkauft stattdessen Saatgut. Als sein Mentor ihm sein eigenes Versagen vorführt, verfällt er in Lethargie. Bis er eine Idee hat, die ihn wieder aus dem Bett holt: ein neuartiger Bienenstock.

Ohio, USA, 2007: Georges Familie betätigt sich seit Generationen hauptberuflich als Imker und diese Tradition soll nach seinem Willen fortgeführt werden. Doch sein Sohn Tom scheint andere Interessen verfolgen zu wollen. Derweilen erreichen den Bienenfarmer immer mehr Gerüchte von der seltsamen Erscheinung „Colony Collapse Disorder“: Farmer weiter südlich in den USA finden ihre Bienenstöcke plötzlich fast leer vor – frei sowohl von lebenden als auch von toten Bienen.

Sichuan, China, 2098:

Tao ist eine von unzähligen Bestäuberinnen, die in mühevoller Handarbeit die Arbeit der ausgestorbenen Bienen verrichten. Dennoch reicht die Ernte jährlich kaum zum Überleben. In anderen Regionen wie Europa ist die Lage noch schlimmer. Tao hat mit ihren Mann einen dreijährigen Sohn und erhofft sich für ihn eine weiterführende Ausbildung, damit er nicht wie die anderen Kinder mit acht Jahren mit der Arbeit als Bestäuber beginnen muss. Doch dann stößt der Familie ein Unglück zu, das ihr Leben über den Haufen wirft.

Maja Lundes Roman erzählt jeweils einen entscheidenden Abschnitt im Leben dieser drei Familien, deren Leben sich mehr oder weniger um Bienen dreht – oder eben um deren Fehlen. Lunde wechselt dabei in mit dem Namen des jeweiligen Protagonisten betitelten Kapiteln zwischen den drei Schauplätzen bzw. Zeitstellungen. Der Sprachstil ist recht einfach, was in Kombination mit den kurz gehaltenen Kapiteln für hohe Spannung und ein hohes Lesetempo sorgt.

In einigen Rezensionen wurde geäußert, dass Maja Lunde sich stärker auf die Geschichte der Familien konzentriere als erwartet. Das habe ich nicht so empfunden, ich behaupte, die Bienen sind vielmehr der eigentliche Protagonist des Romans, auch wenn es scheinbar nur indirekt um sie geht. Ich konnte keine Seite des dystopischen Zukunftsszenarios ohne Bienen, das für mich den stärksten der Handlungsstränge darstellt, lesen, ohne daran denken zu müssen, wie wahrscheinlich es ist, dass der Kollaps der Bienenpopulationen tatsächlich eintritt. Und darin liegt auch die eigentliche Motivation, die ich hinter diesem Buch sehe: uns wachzurütteln und vor Augen zu führen, wie es der Welt ergehen kann, wenn wir es nicht schaffen, das Insektensterben aufzuhalten, und die Bienenhaltung in der traditionellen Form infrage zu stellen. Jeder hat wohl schon einmal etwas vom Bienensterben gehört, aber wie viele (außer Imkern und anderen Experten) haben sich deshalb ernsthafte Gedanken gemacht oder sogar etwas dagegen getan? Auch ich war mir des Problems bewusst, wir hatten sogar einen Fall von Colony Collapse Disorder (CCD) in der Familie, die Stieftochter meiner Schwester ist Gärtnerin und hatte im Garten meiner Schwester einen Stock aufgestellt. Eines Tages war er leer. Richtig aufgerüttelt hat mich erst dieses schöne Buch, dem ich möglichst viele Leser wünsche. Ich weiß nicht, ob wir das Bienensterben noch aufhalten können. Ich für meinen Teil habe vor, zum nächsten geeigneten Zeitpunkt bei Wildbiene + Partner ein Beehome zu bestellen und einen kleinen Beitrag zur Verbreitung der Mauerbiene zu leisten.

Ich bedanke mich beim Random House-Bloggerportal für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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(c) Penguin

Deutscher Titel: Heimkehren

Erscheinungstermin: 22.08.2017 bei DuMont

Ghana im 18. Jahrhundert. Die Asante-Frau Mamee wurde von den Fante entführt, schafft es jedoch, nach der Geburt ihrer Tochter Effia zu fliehen – ohne diese. Effia wächst im Glauben auf, eine andere, kaltherzige Frau sei ihre Mutter. Diese schafft es, Effia mit dem britischen Gouverneur von Cape Coast zu verheiraten. Sie lebt mit ihm im Cape Coast Castle, in dessen Kellern auch die vielen entführten Menschen untergebracht sind, die als Sklaven nach Amerika verkauft werden sollen. Unterdessen hat die in ihr Dorf zurückgekehrte Mamee den Dorfobersten geheiratet und mit ihm eine Tochter, Esi bekommen. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihr – sie wird ebenfalls entführt und wartet im Kerker des Cape Coast Castle unter unerträglichen Umständen auf die Überfahrt nach Amerika.

Yaa Gyasis Debütroman wurde im Vorfeld extrem gehypt, gehört aber zu den Büchern, bei denen der Hype absolut gerechtfertigt ist. Sie widmet den Schwestern Effia und Esi, deren Schicksal so unterschiedlich ist und die sich nicht einmal kennen, und jeweils einem Nachkommen über sieben Generationen hinweg je ein Kapitel. Nun ist das Buch nur knappe 300 Seiten lang, sodass man mit jedem der Charaktere jeweils nur etwa 20 Seiten verbringt. Doch diese 20 Seiten sind so intensiv, dass dennoch eine große Nähe des Lesers zum jeweiligen Charakter entsteht. Gyasi schafft es, mit wenigen Worten die Geschichte von zwei Zweigen einer Familie eindringlich zu schildern. Die Kapitel, die in Amerika spielen, sind schwer zu ertragen angesichts der Grausamkeit der Sklaverei und der himmelschreienden Ungerechtigkeit gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die sich auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei fortsetzt. Die Autorin zeigt anhand ihrer Charaktere darüber hinaus, wie es dazu kam, dass Afroamerikaner auch heute noch stark benachteiligt sind und den Großteil der Gefängnisbevölkerung der USA darstellen. Gyasis Sprache steht der inhaltlichen Stärke des Buchs in nichts nach:

„Once they were inside, Willie’s eyes met those of the store clerk, and she felt a cold wind travel that sight line, from his eyes to hers, then all the way down to the coalpit of her stomach.“ (S. 206)

Dieser Satz ist auch ein gutes Beispiel für den das Buch durchziehenden Symbolismus, repräsentiert vor allem durch die Elemente (Feuer, Wasser) und die Kohlengruben, in denen viele Schwarze nach ihrer „Befreiung“ als Häftlinge arbeiten mussten.

Der afrikanische Zweig der Familie lebt indessen in Freiheit und privilegiert, jedoch nicht frei von seiner Geschichte, seiner Abstammung von einem britischen Sklavenhändler und in der Folge dem König der Asante, die sich vielfältig auf die Nachfahren von Effia auswirken. In diesen Kapiteln erhalten wir außerdem einen Blick in das afrikanische Leben und die ghanaische Geschichte, die Kriege zwischen den Asante und den Briten sowie die Streitigkeiten zwischen den Stämmen. Ich fühlte mich an die Schauplätze versetzt, meine Entdeckungslust wurde geweckt.

Am Ende läuft alles zusammen – frei von jeglichem Kitsch.

Ein großartiges Buch, mein bisheriges Jahreshighlight, ein für mich persönlich perfektes, wie für mich gemachtes Buch, das aber verdientermaßen allgemein viel Anklang findet und das auch ihr unbedingt lesen solltet.

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