Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Flop’ Category

(c) Wallstein

Im Jahr 2007 wurden in der Nähe der italienischen Stadt Mantua zwei Skelette aus der Jungsteinzeit gefunden, die sich wie ein Paar zu umarmen schienen. Bekannt wurde dieser Fund als „Die Liebenden von Valdaro“. Der Schriftsteller Manu findet sich im erst 2012 von einem Erdbeben erschütterten Mantua ein, um Recherchen über die Liebenden anzustellen. Dort trifft er, welch Zufall, seinen alten Freund Raffa, der wiederum die Erdbeben und die Krisensituation in der Region erforscht. Die beiden verabreden ein weiteres Treffen, doch Manu erscheint nicht. Denn ein in der Nähe ansässiger Conte hat ihn entführen lassen, damit er ein Buch über die Liebenden schreibt, das als Grundlage für eine neue, auf Liebe basierende Religion, eine Liebesutopie dienen soll…

Wenn ich das Wort „Jungsteinzeit“ im Zusammenhang mit Büchern höre, setzt es bei mir aus und ich will das betreffende Buch haben. So auch bei diesem Roman, den ich auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis entdeckt hatte.

Trotz erster, negativer Besprechungen aus der Literaturbloggerszene ging ich offen an das Buch heran, aber es dauerte nicht lange, bis ich zum ersten Mal die Augen verdrehte. Etwas, das mich durch das gesamte Buch begleiten sollte. Der Grund: Ralph Dutli versucht ganz offensichtlich, mit möglichst anspruchsvollen, poetischen Formulierungen um sich zu werfen, zudem verweist er in geradzu angeberischer, selbstverliebter Manier ständig auf künstlerische, geschichtliche und philosophische Konzepte, mit denen nur hochgebildete Leser etwas anzufangen wissen dürften. Hätte ich das Buch nicht gemeinsam mit einem Mitglied einer Lesegruppe auf Goodreads gelesen, der mehr über Philosophie weiß als ich, ich hätte wohl nicht viel davon verstanden. Das soll nun aber nicht mein Hauptkritikpunkt sein, kluge Bücher haben sicher ihre Existenzberechtigung. Doch wie bereits erwähnt verrennt Dutli sich in völlig übertriebenen, poetisch ambitionierten Formulierungen und Wortspielereien, die – meiner Meinung nach – größtenteils misslingen. Das Buch enthält durchaus auch interessante Ansätze und wirklich gelungene, kluge Sätze („Nichts ist illusionsfroher als das Gedächtnis“), doch habe ich wirklich bei der Lektüre einen Satz nach dem anderen unterschlängelt und mich gefragt, ob der Autor das wirklich ernst meint. Beispiele: „Der wartende Mensch wird allmählich nervös, er geht rascher auf und ab, ein leichter Schweißfilm gleitet elegant auf seine Stirn… (S. 33). (O-Ton meines Vaters zu diesem Zitat auf gut Saarländisch: „Will der die Leid veraasche“, aber das nur am Rande). „Erst das Exil in Babylon hat auch sie verbannt. Baby Alone … in Babylone, denk an Gainsbourg.“ (S. 157) „Leere Theater sind so unheimlich wie Fingerhüte. Sie müssen voll sein, sonst sind sie eine lauernde Bedrohung“. Vor allem das letzte Beispiel ist meiner Ansicht nach schlicht totaler Quatsch.

Unterdessen wird die Handlung um Manu und seiner Entführung zu einer Art Dauerhalluzination, einer Art Fieberwahn, gespickt mit den erwähnten Sprachspielereien, während Raffa den Touristen gibt, statt nach seinem Freund zu suchen. Dialoge sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass man die Worte kaum einem jeweiligen Sprecher zuordnen kann, der Verzicht auf jegliche Anführungszeichen trägt natürlich auch dazu bei. Ich bin im Übrigen nicht der Meinung, dass das Weglassen von Anführungszeichen etwas Innovatives oder Intellektuelles ist. Es mag Werke geben, wo das seine Rechtfertigung hat, aber ich hoffe, dieser Trend in der Literatur legt sich bald wieder.

Obwohl ich die Lektüre des Romans als regelrecht quälend empfand, habe ich bis zum Ende durchgehalten, um erneut enttäuscht zu werden: Das Ende ist leider einfach banal, eine Auflösung, die jeder Fernsehkrimi toppen kann.

Ich habe glaube ich noch nie so einen Verriss geschrieben, ich mache das auch wirklich nicht gern, tue mich schwer mit der Rezension, aber ich habe lange kein Buch mehr so ungern gelesen.

Ich hatte überlegt, dem Buch zwei Sterne zu geben, da es ja durchaus auch Kluges und Schönes enthält, aber dieser Antiklimax am Ende hat den zweiten Stern versaut.

Ein kaum zugänglicher, in meinen Augen misslungener Roman, bei dem Dutli nach meinem Dafürhalten einfach zu viel wollte.

Read Full Post »