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Archive for the ‘Gegenwartsliteratur’ Category

(c) Roof Music

Sprecher: Thomas Melle

Dauer: 9 h 36 min

Der Schriftsteller Thomas Melle dokumentiert in seiner Autobiografie die Erkrankung, an der er seit vielen Jahren leidet: Er ist bipolar. Früher nannte man das „manisch-depressiv“, und das ist, so Melle, der besser passende Ausdruck, auch wenn er den Versuch, die Krankheit mithilfe des neuen Begriffes zu entstigmatisieren, anerkennt. Bipolar, manisch depressiv, wie vielen anderen sicher auch war mir die Krankheit ein Begriff, ich wusste auch ungefähr, wie das Krankheitsbild aussieht, manische und depressive Phasen wechseln sich ab. Ich wusste, Carrie Fisher war bipolar und Stephen Fry ist es auch. Doch was die Manie wirklich bedeutet, das war mir nicht klar. Ich dachte, es handelt sich um eine Art euphorischen Zustand, doch tatsächlich sieht die Manie ganz anders aus, ist geprägt von Wahn, Paranoidität und einer Wesensveränderung der betroffenen Person.

Thomas Melle leidet an einer besonders schweren Form der Bipolarität, die mit einem stark erhöhten Suizidrisiko verbunden ist. Seine Schilderungen seiner manischen Phasen machen betroffen, schockieren angesichts des Ausmaßes, in dem die Krankheit sein Leben zerstörte. Melles Sprache ist kraftvoll und ausdrucksstark, sehr literarisch und dabei klar, was mir ausgezeichnet gefallen hat. Melle konzentriert sich auf die drei Schübe der Manie, die er bisher durchgemacht hat und die sich in ihrer Schwere und Dauer jeweils steigerten. Er glaubt in diesen Phasen, dass sich die ganze Welt um ihn dreht, dass er jeden kennt und jeder ihn kennt, dass alles, Songtexte, Zeitungsartikel, Kinofilme, sich auf ihn beziehen. Die Krankheit zerstört seine zwischenmenschlichen Beziehungen, bedroht seine schriftstellerische Tätigkeit, lässt ihn in den finanziellen Abgrund stürzen.

Mitleidhascherei ist mit Sicherheit das letzte, was Thomas Melle mit seiner Autobiografie erreichen will. Der empathische Leser kann jedoch nicht anders, als sich in ihn hineinzuversetzen und sich zu wünschen, die Krankheit möge ihn zukünftig in Ruhe lassen. Was Thomas Melle sicher eher beabsichtigte, ist, Aufklärung über die Krankheit zu betreiben und Verständnis für Betroffene allgemein zu generieren. Ich denke, dass er auch persönlich seinen Mitmenschen seine Verhaltensweisen erklären wollte. All dies gelingt ihm überzeugend in besonders lesenswerter Sprache.

Zum Hörbuch: Man merkt Thomas Melle an, dass er kein geübter Sprecher ist, sein Vortrag klingt schon recht vorgelesen, dennoch finde ich es grundsätzlich gut, wenn ein Autor seine Biografie selber liest, es bringt den Text dem Leser automatisch näher. Darum kann ich das Hörbuch definitiv empfehlen.

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(c) Ullstein

(c) Ullstein

Ein Paar fährt gemeinsam mit der Cousine der Frau in ein Jagdhaus in den Bergen. Das Paar möchte am Anreisetag noch ins Dorf und lässt die Cousine, unsere namenlose Protagonistin, allein mit dem Jagdhund Luchs zurück. Seltsamerweise kehrt das Paar abends nicht zurück. Am nächsten Morgen macht sich die Protagonistin auf den Weg ins Dorf, um zu erfahren, was passiert ist. Da stößt sie plötzlich gegen eine unsichtbare Barriere. Die Frau ist verwirrt, was ist denn das? Die wenigen Menschen, die sie auf der anderen Seite der unsichtbaren Wand erkennen kann, sind völlig bewegungslos, mitten in der Bewegung erstarrt. Die Wand scheint den Berg weitläufig abzusperren. Die Frau muss sich nun darauf einstellen, allein mit dem Hund zurechtzukommen.

Die Prämisse ist faszinierend. Woher kommt diese Wand, was ist passiert, sind die Menschen auf der anderen Seite wirklich tot? Handelt es sich um ein regionales Phänomen oder gibt es überhaupt noch Leben außerhalb der Wand? Und auf der Seite der Protagonistin? Die meisten dieser Fragen werden für die Leserin ebenso im Dunkeln bleiben wie für die Protagonistin.

Diese rechnet zunächst zwar noch mit Rettung, akzeptiert jedoch erstaunlich schnell, dass sie vorerst isoliert ist. Schnell beginnt sie, sich im Jagdhaus einzurichten. Mit Bewunderung verfolgt die Leserin, wie gut sie klarkommt – es sind zwar noch viele Vorräte im Haus vorhanden, doch die sind endlich. Ein Kartoffelacker und ein Bohnenfeld werden angelegt – und die Protagonistin geht gezwungenermaßen auf die Jagd. Sie tötet die Tiere nicht gern, akzeptiert jedoch, dass ihr keine andere Wahl bleibt. Sie muss ja außerdem den Hund versorgen. Bald gesellen sich noch eine Katze und eine Kuh zu der Protagonistin, die ebenfalls auf ihrer Seite der Wand gestrandet sind. Zu den Tieren entwickelt sie eine enge emotionale Bindung, gerade zwischen ihr und Luchs entsteht eine ursprünglich wirkende Symbiose, beide sind voneinander abhängig. Man gewinnt den Eindruck, dass die Protagonistin gar nicht so unglücklich mit der Situation ist. Auch an ihren Gedankengängen ist zu erkennen, dass das naturverbundene Leben ihr viel echter erscheint, die schnelllebige Zivilisation wird immer unwirklicher für sie und bald akzeptiert sie auch, dass sie nicht mehr existiert. Sie denkt zwar manchmal an ihre Töchter, scheint jedoch nicht wirklich andere Menschen zu brauchen, die Tiere genügen ihr. Ich fühlte mich der Protagonistin bei der Lektüre sehr nahe. Ich will nicht andeuten, dass auch ich gut auf andere Menschen verzichten könnte, doch als Introvertierte, die sich oft wünscht, nur den Kater um sich herum zu haben, und Abende allein mit einem Buch unendlich genießt, kann ich ihre Haltung zumindest nachvollziehen. Gerade ihre Liebe zu den Tieren ist für mich absolut verständlich.

Keinesfalls sollte jedoch der Eindruck entstehen, dass das einfache Leben ohne die Errungenschaften der Zivilisation hier verklärt oder gar glorifiziert wird. Es passieren immer wieder schlimme Dinge, gegen die die Protagonistin gar nichts ausrichten kann, etwa der Tod einiger Nachkommen der Katze oder Krankheiten, die sie niederwerfen und die sie nur mit Not übersteht. Es wird ganz deutlich, dass ein solches Leben zeitlich begrenzt ist.

Auch eine feministische Lesart ist möglich und hinter der Wand wird das Geschlecht der Überlebenden irrelevant:

„Mein Körper, gescheiter als ich, hatte sich angepaßt und die Beschwerden meiner Weiblichkeit auf ein Mindestmaß eingeschränkt. Ich konnte ruhig vergessen, daß ich eine Frau war. Manchmal war ich ein Kind, das Erdbeeren suchte, dann wieder ein junger Mann, der Holz zersägte, …, ein sehr altes, geschlechtsloses Wesen.“ (Seite 82)

Marlen Haushofer hat mit ihrem bekanntesten Roman eine reizvolle Dystopie erschaffen, die viel Interpretationsspielraum lässt und die Leserin nachdenklich zurücklässt. Ein Werk, das lange nachhallt.

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(c) Little, Brown Books

(c) Little, Brown Books

Deutscher Titel: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers

Junior ist 14, wurde mit einem Hydrocephalus geboren, ist dünn, trägt Brille und stottert, daher hat er es im Spokane-Reservat mit seinen rauen Umgangsformen ohnehin schon nicht leicht. Glücklicherweise gibt es seinen besten Freund Rowdy, der ihm immer beisteht und ansonsten seinem Namen alle Ehre macht. Doch als ein Lehrer Junior davon überzeugt, dass er auf eine Schule außerhalb des Reservats gehen soll, ja muss, ist Junior erst recht der Buhmann und selbst Rowdy wendet sich von ihm ab.

Sherman Alexies semibiografischer Jugendroman ist gleichzeitig saukomisch und tieftraurig. Junior zeichnet Comics, dementsprechend ist sein Tagebuch mit witzigen Zeichnungen mit einer guten Portion Selbstironie ausgestattet, die im Buch durch Illustrationen von Ellen Forney wiedergegeben werden. Auch liegt es ihm fern, über die Mobbing-Attacken durch andere Reservatsbewohner zu jammern, er ist die Auge-um-Auge-Mentalität im Reservat gewohnt. Wie krass das Leben im Reservat die Chancen der Menschen verschlechtert, wird Junior so richtig bewusst, als er in die privilegierte „weiße“ Schule im benachbarten Reardan wechselt. Wie Leseratte Junior feststellt:

„I was the only kid, white or Indian, who knew that Charles Dickens wrote A Tale of Two Cities. And let me tell you, we Indians were the worst of times and those Reardan kids were the best of times.“ (Seite 50)

Der Tod ist alltäglich im Reservat und sehr oft mit Alkohol verbunden, die Indianer saufen sich förmlich zu Tode oder sterben bei Unfällen im Zusammenhang mit Alkohol. Auch Junior verzeichnet im Laufe des Buches mehrere Verluste, die den Leser fassungslos zurücklassen:

„But I was crying for my tribe, too. I was crying because I knew five or ten or fifteen more Spokanes would die during the next year, and that most of them would die because of booze. I cried because so many of my fellow tribal members were slowly killing themselves and I wanted them to live.“ (Seite 216)

Die Hoffnungslosigkeit der Reservatsbewohner ist herzzereißend und greifbar, die Indianer haben sich aufgegeben, mit ihrer Situation abgefunden. Mit der offenen Darstellung der Zustände im Reservat, des Alkoholismus und der Gewalt und der Erwähnung von Masturbation haben manche amerikanische Schülereltern wohl ein Problem, das Buch wurde an zahlreichen Schulen in den USA verboten. Dabei halte ich es für gerade besonders gut geeignet für Schüler – wie soll man Jugendliche zu verantwortungsvollen, handlungsbereiten Erwachsenen erziehen, wenn sie nichts über die Missstände und Ungerechtigkeiten in ihrem Land erfahren?

The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian ist ein wichtiges Buch mit viel Witz und Charme, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte.

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(c) Audible Studios

Sprecher: Oliver Wyman

Dauer: 32 h 51 min

4 junge Universitätsabsolventen, die auf dem Campus zusammenwohnten, sind enge Freunde geblieben und versuchen ihr Glück in New York. JB möchte als Künstler groß herauskommen, Malcolm arbeitet als Architekt, Willem will Schauspieler werden, muss sich aber vorerst als Kellner verdingen, und Jude ist Jurist. Willem und Jude haben sich gemeinsam ein billiges Appartement gemietet und stehen sich besonders nahe. Der unbekannte Faktor ist Jude. Wie Willem ist er Waise, doch niemand weiß etwas über seine Herkunft, und er leidet unter sogenannten Episoden, starken Schmerzanfällen, aufgrund einer dubiosen Verletzung aus Teenagerjahren kann er außerdem nicht gut laufen. Wir werden die vier Freunde bis in ihre Fünfziger begleiten.

Der Fokus von Hanya Yanagiharas vielgepriesenem und für mehrere Preise nominierten Romans liegt also eindeutig auf Jude, der ganz offensichtlich eine schwierige und von Gewalt und Missbrauch geprägte Kindheit hatte. Im Laufe des Romans erfährt der Leser stückchenweise, was ihm widerfahren ist. Bei der Länge des Buchs bedeutet das, dass lange Unklarheit herrscht, wohl um Spannung zu erzeugen, aber soviel kann ich sagen: Judes Schicksal ist grausam und Triggerwarnungen für körperliche Gewalt, Missbrauch und Selbstverletzung sind angebracht.

Judes Freunde ahnen natürlich wage, dass Jude wohl misshandelt wurde, wissen jedoch nichts Genaues. Im Laufe der Zeit nehmen Judes körperliche Beschwerden zu und auch andere Folgeerscheinungen seines Traumas äußern sich aufgrund bestimmter Geschehnisse immer stärker.

Die Frage ist, ob Jude jemals ein nicht nur nach außen hin normales Leben führen können wird.

Ich wusste bereits vor der Lektüre bzw. dem Anhören des Hörbuchs aus verschiedenen Quellen, dass die Autorin in einem Interview zugegeben hat, dass sie den Leser mit einer möglichst qualvollen Geschichte manipulieren wollte. Ich war jedoch durchaus offen und die erste Hälfte oder das erste Dreiviertel des Buches hätte von mir durchaus eine Vier-Sterne-Wertung erhalten können. Die Charaktere sind sympathisch und einnehmend und aufgrund Judes unbekannter Geschichte bleibt die Spannung stets erhalten. Ich habe mit Jude mitgelitten und auch mit seinen Freunden. Die Darstellung der Folgen von körperlichem und seelischem Missbrauch fand ich glaubhaft, es wird sehr gut nachvollziehbar beschrieben, wie es dazu kommen kann, dass ein Mensch sich selbst hasst und verletzt. Die Sprache ist dabei sehr gefällig, wirklich gut zu lesen und teilweise ein Genuss.

Im späteren Verlauf des Buches geschehen jedoch Dinge, die einfach zu viel des Guten sind. Tatsächlich wurde immer offensichtlicher, was Hanya Yanagihara da vorhatte, das war in meinen Augen auch ohne Kenntnis ihrer Aussage zur Lesermanipulation abzusehen. Ich habe gemerkt, wie ich emotional abgeschaltet habe, nur noch auf die nächste und die darauf folgende Katastrophe wartete, ich konnte die Geschehnisse und Judes Leiden nicht mehr ernst nehmen. Diese leichte Gleichgültigkeit steigerte sich aufgrund der Länge des Buchs immer mehr zu Ärger – und das Buch begann, mich zu langweilen. Ich konnte den Ausdruck „I’m so sorry“ irgendwann nicht mehr hören. Zuletzt war ich nur noch froh, als das Buch endlich zu Ende war und ich es abhaken konnte, wie es enden würde, war ohnehin klar.

Ich vergebe knappe 2,5 Sterne für die zunächst eindringliche Charakterisierung eines Missbrauchsopfers, für die Darstellung von Freundschaft und schöne Sprache.

Der Sprecher Oliver Wyman liest sehr pointiert, differenziert, da habe ich wenig zu kritisieren, außer, dass er es gegen Ende auch ein wenig übertreibt.

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(c) Roof Music

Sprecher: Heinz Strunk

Dauer: 6 h 19 min

Hamburg in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: In der Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ trinken Menschen vom Rand der Gesellschaft, oft bis zur Besinnungslosigkeit: Das Lokal hat 24 Stunden täglich geöffnet. Unter ihnen der Werftarbeiter Fritz Honka, genannt Fiete – immer auf der Suche nach Frauen, jedoch leicht entstellt, lassen sich nur alte, obdachlose Prostituierte mit dem Alkoholiker ein. Er nimmt sie in seine Wohnung mit, beherbergt sie eine Weile, dafür will er Sex und die totale Macht über die Frauen, die seine Brutalität nur aus purer Not erdulden. Irgendwann überschreitet er jedoch eine Grenze, als eine Frau nicht spurt, wie er das will, er schlägt jetzt nicht mehr nur zu, sondern tötet in einem Wahn aus Hass.

Ich war vorgewarnt, als ich dieses Hörbuch gekauft habe, wusste, es ist zeitweise widerlich, schwer zu ertragen. Dennoch war ich neugierig – und bereue nicht, das Buch gehört zu haben. Ja, es ist wirklich widerlich, ekelhaft, Heinz Strunk zeigt uns schonungslos, wie verwahrlost und verkommen der Mensch sein kann, sowohl im physischen als auch im seelischen Sinne. Beim Essen sollte man dieses Buch nicht lesen. Fritz Honka wurde Gewalt angetan und er übt sie irgendwann selbst aus, scheitert immer wieder an Versuchen, ein „ordentliches“ Leben zu führen, was ihn immer tiefer in die Spirale aus Suff, Hass und Gewalt treibt. Ebenso roh und gewaltgeladen ist die Sprache, die Sprache der untersten Hamburger Gesellschaftsschichten, was jedoch nicht bedeutet, dass das Buch gänzlich ohne sprachliche Brillanz auskommt – die Fäkalsprache ist gekonnt durchsetzt mit Stilmitteln wie Alliterationen, was einen faszinierenden Effekt hat. Der Frauenmörder Fritz Honka ist der Anti-Held des Romans, doch immer wieder springt Strunk auch in eine ganz andere Gesellschaftsschicht, die der fiktiven Reederfamilie von Dohren. Während uns Strunk also vor Augen führt, wie aus einem Menschen ein regelrechtes Monster wird, zeigt er uns anhand der Mitglieder dieser wohlhabenden Familie, dass Verzweiflung und Verkommenheit keinesfalls auf einen niedrigen sozialen Status beschränkt sind. So wird das Buch zu einem Meisterwerk, zwingt uns, die Welt aus den Augen dieser Verkommenheit zu sehen und das Verbrechen nicht zu entschuldigen, aber zu verstehen.

Das macht den Roman zu einem wirklich lesenswerten Buch, das im Leser lange nachwirkt.

Zum Hörbuch: Heinz Strunk liest sein Buch selbst, mit offensichtlicher, nun, „Begeisterung“ ist wohl das falsche Wort, aber er lebt sein Buch. Ein wenig muss man sich an seine Sprechweise gewöhnen, doch dann wird man von ihr mitgerissen. Verschiedenen Personen gibt er ganz individuelle, sehr zum Milieu passende Stimmen, den Dialekt setzt er perfekt um.

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(c) McClelland & Stewart

Info zu deutschen Ausgaben: Ich habe keine Übersetzung dieses speziellen Bandes gefunden, die gesammelten Kurzgeschichten von Alistair MacLeod sind jedoch unter dem Titel „Die Insel: Erzählungen“ erhältlich.

Auf Cape Breton Island in der kanadischen Provinz Novia Scotia leben vorwiegend Nachfahren schottischer Auswanderer, die während der Highland Clearances aus dem schottischen Hochland vertrieben wurden. Dieses Erbe prägte die Kultur der Insel entscheidend, man sprach lange noch Gälisch, was sich heute vor allem noch in der reichen Musiktradition widerspiegelt. Der 2014 leider verstorbene Autor Alistair MacLeod, der auf Cape Breton Island aufwuchs, lässt die Traditionen und die Lebensweise der Insel in seinen Werken aufleben.

Es kommt nicht häufig vor, dass ich gleich auf der allerersten Seite eines Buches zum Bleistift greife, um schöne Sätze zu unterstreichen. Dieses Buch ist so eines. Die Naturbeschreibungen von Alistair MacLeod kommen mit einer Wucht, einer unbändigen Kraft, die nahezu atemberaubend ist. Etwa die Beschreibung der Forellen in den fast ausgetrockneten Flüssen im Sommer:

„They are very unlike the leaping, spirited trout of spring, battling and alive in the rushing, clear, cold water; so electrically filled with movement that it seems no parasite could ever lodge within their flesh.“ (Seite 7)

Die kraftvolle Sprache ist jedoch keinesfalls auf Naturbeobachtungen beschränkt, sie tritt überall in Erscheinung, zieht sich durch das ganze Buch:

„The music causes the hair to bristle on the backs of our necks and brings out the wildness of our grief and dredges the depths of our dense dark sorrow.“ (Seite 14)

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt eine so eindrückliche Sprache genießen durfte. Thematisch beschäftigen sich die sieben Kurzgeschichten mit dem einfachen Leben auf der Insel, das durch Naturgewalten und den Kreislauf der Jahreszeiten geprägt ist, sowie den Traditionen, die weit in die Vergangenheit in Schottland zurückreichen. Die Geschichten sind dabei vor allem durch zwei zentrale Aspekte gekennzeichnet: Naturgewalten und Sterblichkeit bzw. Tod, letzterer auch im übertragenen Sinne bezogen auf das Aussterben der Traditionen, begleitet von einer wunderbaren Melancholie, die nie wehleidig wirkt, sondern nur bedauernd zur Kenntnis nimmt, dass die Zeiten sich ändern.

In der sprachlich besonders eindrucksvollen ersten Geschichte, „The Closing Down of Summer“, geht es beispielsweise um die Männer, die in der traditionellen Bergbauindustrie der Insel arbeiten und jederzeit mit Tod oder zumindest Verletzungen rechnen müssen, ein Fakt, der die Mentalität der Familien prägt:

„Yet we are not surprised or critical of each other, for she too is from a mining family and grew up largely on funds sent home by an absentee father. Perhaps we are but becoming our previous generation.“ (Seite 18)

Doch auch diese Tradition stirbt aus, auch weil die Väter nicht anders können, als ihren Söhnen von einer solchen Karriere abzuraten:

„And yet because it seems they will follow our advice instead of our lives, we will experience, in any future that is ours, only an increased sense of anguished isolation and an ironic feeling of confused bereavement.“ (Seite 23)

Die Kurzgeschichten von Alistair MacLeod sind ein wunderschönes sprachliches Juwel, das ich euch wärmstens ans Herz legen möchte. Noch nie hat ein Werk dieses Genres mich so beeindruckt zurückgelassen.

 

 

 

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(c) Knaus

Während eines Forschungsaufenthalts an der US-amerikanischen Ostküste begegnet die Molekularbiologin Johanna Mawet einem offenbar verwirrten Mann, der in ihr den Leibhaftigen zu erkennen scheint. Der Zufall sorgt dafür, dass sie ihm wieder begegnet – da behauptet der Kerl doch, Johann Wilhelm Ritter zu heißen, Physiker und 1766 geboren zu sein. Zunächst glaubt Johanna ihm natürlich nicht, doch immer mehr spricht dafür, dass der Mann die Wahrheit sagt und somit für Johanna das ideale Forschungsobjekt darstellt. Johanna möchte nämlich nichts Geringeres erreichen als die Unsterblichkeit des Menschen.

Thea Dorns Roman hat mich von Beginn an mit seiner Originalität und seinem Humor überrascht, den ich aus irgendwelchen Gründen nicht erwartet hatte. Die moderne Variante des Faust-Themas ist vor allem sprachlich ein Genuss. Es gibt drei Erzählperspektiven, einmal Johannas, die in moderner Sprache gehalten ist, dann Ritters, dessen Sprache blumig-altertümlich ist, und schließlich die des Teufels, der in ebenfalls altertümlicher Sprache mit viel Schalk das Geschehen rund um Johanna und Ritter kommentiert. Dies macht das Buch einzigartig und sorgt dafür, dass das Lesen richtig Spaß macht. Dazu kommen Einsprengsel anderer Natur, die überraschen und für weiteren Humor sorgen.

Gelegentlich stößt der Leser auf Verweise auf Goethes Faust, für mich am deutlichsten in Johannas Aussage:

Wenn es so bleiben muss wie bisher“, fügte sie leise hinzu, „wäre es vielleicht besser, wenn gar kein Leben entstanden wäre.“ (Seite 210)

Auch ein Pudel kommt gelegentlich vor… Ich habe mir bei der Lektüre immer wieder gewünscht, ich hätte den Faust noch einmal gelesen, denn ich befürchte, einige weitere solcher Stellen könnten mir entgangen sein.

Während Johann Ritter sich trotz seiner Unsterblichkeit durch Demut vor Gott und der Natur auszeichnet, ist Johannas Charakter von der Hybris geprägt:

Trotzdem zeigen wir der Schöpfung zum ersten Mal ernsthaft, dass wir es besser können als sie.

Man ahnt, dass Johanna von ihrem Sockel gestoßen werden wird, ihre Hybris zu Wahn werden wird. Die Geschichte um Johanna und Ritter liest sich flüssig und spannend, durchsetzt mit ein paar Längen, bis zum für mich nicht vorhersehbaren Ende.

Ein Roman, der mir sowohl inhaltlich als auch formal und sprachlich viel Vergnügen bereitet hat und zum Nachdenken über die Natur des Menschen und der Grenzen der Wissenschaft anregt.

Ich bedanke mich herzlich beim Random House-Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

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