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Archive for the ‘Gesellschaftskritik’ Category

(c) Audible Studios

Eine deutsche Ausgabe liegt leider (noch) nicht vor.

Sprecherin: Olivia Caffrey

Dauer: 7 h 43 min

Emer O’Toole wurde beileibe nicht als Feministin geboren. Unter anderem in der Theatergruppe ihrer Schule lernte sie wie alle anderen Mädchen, wie ein Mädchen zu sein hat, dass es weiblich ist, hübsch und artig zu sein, und wie man es anstellt, dass man den Jungs gefällt. Im Pub, in dem sie jobbt, macht sie sich allgemein bei der männlichen Stammkundschaft beliebt, in dem sie herausflötet, wie sie sich darauf freut, zu heiraten und Mann und Kinder zu versorgen. Eine überstandene Anorexie später hat Emer jedoch ein Schlüsselerlebnis: Sie geht nicht verkleidet zu einer Halloweenparty, sondern als Mann. Wird von einigen anfangs nicht erkannt, dann doch. Sorgt dadurch für Aufsehen. Und beim Tanzen wird ihr klar: Was tut sie da eigentlich? Sie spielt die Rolle eines Mannes, der sich als Frau ausgibt. Sie braucht nur die Schminke wegzulassen, die Haare kurz zu tragen, sich „männlich“ zu kleiden und sich auf eine bestimmte Art und Weise zu benehmen und schwups – ist sie ein Mann. Schon damals deutet sich die Schlussfolgerung an, die Emer aus ihren Erfahrungen und später aus ihren Studien zieht: Das soziale Geschlecht, das „Gender“, ist eine Rolle, die wir spielen, die uns aufgedrückt wurde. Eine Performance.

Es ist das reine Vergnügen, Emer O’Tooles Worten zu lauschen. Denn sie ist nicht nur eine Akademikerin mit Doktortitel sondern hat auch den nötigen Humor, um ein solches Buch für alle (auch Männer!) äußerst unterhaltsam zu machen. Durchsetzt mit zahlreichen Anekdoten öffnet sie uns die Augen, zeigt uns, wie sexistisch unsere Gesellschaft tatsächlich immer noch ist, wie wir dazu gebracht werden uns so zu verhalten, wie das für Frauen und Männer als angemessen betrachtet wird. Man denke nur an gegenderte Überraschungseier. So müssen Frauen vor allem attraktiv sein. Wir ahnen ja nicht, wie stark der schnöde Mammon, die Schönheitsindustrie, daran beteiligt ist. Körperhaare müssen ab, weil „igitt“! Aber wieso? Vor, sagen wir mal 120, Jahren gab es noch keine Körperrasur für Frauen. Dann brachte eine bestimmte Firma plötzlich einen Damenrasierer auf den Markt. Und hat es über die Jahre hinweg geschafft, die gesamte Gesellschaft nach und nach davon zu überzeugen, dass Körperbehaarung bei Frauen nicht akzeptabel ist. Im Gegensatz zum Pelz der Männer, obwohl es die mittlerweile auch immer mehr erwischt, jedenfalls was Achselhaare angeht. Mir wäre es lieber, die die Scheißbärte würden wieder unmodern und kämen ab! Emer O’Toole hatte ihren bekanntesten Auftritt in der Öffentlichkeit eben zu diesem Thema. Sucht man per Bildersuche nach ihrem Namen, bekommt man gleich die Fotos serviert, die bei ihrem Besuch in einer Morgensendung des britischen Fernsehens entstanden sind. Als sie als Beweis, dass sie sich nicht mehr rasiert (was infrage gestellt wurde, offenbar unvorstellbar), ihre Achseln in die Kamera hielt und ausrief „get your pits out for the lads!“ Dies sei nur ein Beispiel für den Humor, der das Buch durchzieht, der richtig Spaß macht.

Emer O’Toole nennt uns zahlreiche Beispiele und Belege dafür, wie künstlich unsere Gendernormen sind. Wie die kategorische Zuordnung zu einem der beiden Pole Menschen, die eben nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, verzweifeln lassen kann. Dass das Gender nämlich nicht bipolar ist, man ist nicht 100 % Frau und 100 % Mann, sondern jeder birgt mehr oder weniger gegengeschlechtliche Merkmale. Gender ist ein Verlauf.

Ebenso ist es laut Emer O’Toole mit der Sexualität. Sie musste ihre eigene Bisexualität selbst erst entdecken. Auch hier gibt es ihrer Meinung nach keine hundertprozentige Zuordnung zu hetero- der homosexuell, auch hier unterliegen wir den Normen der Gesellschaft, in der wir leben. Als Beispiel führt sie die klassische altgriechische Gesellschaft an, in der eine (durchaus sexuelle) Beziehung eines reiferen zu einem jüngeren Mann als normal angesehen wurde. Was die Griechen jedoch keineswegs davon abhielt, Frauen zu heiraten und Kinder zu bekommen.

Emer O’Toole konnte mich mit fast allen ihren Aussagen und Theorien überzeugen. Lediglich bei der Aussage, die Bevorzugung des jeweils anderen Geschlechts sei auch ausschließlich gesellschaftlich bestimmt, bin ich mir nicht so sicher, da spielen meiner Meinung nach schon noch Veranlagung und Instinkte mit. Im Tierreich überwiegt ja schließlich auch die Hinwendung zum anderen Geschlecht (obwohl es im Tierreich selbstverständlich Homosexualität gibt!). Was aber selbstverständlich in keiner Weise heißen soll, dass an Homosexualität irgendetwas falsch ist.

Ein Augen öffnendes, großartiges Buch, das ich euch unbedingt empfehlen möchte, auch möchte ich euch besonders das Hörbuch ans Herz legen, Emer O’Toole liest es zwar nicht selbst, aber die Sprecherin Olivia Caffrey macht das vorzüglich.

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(c) Argon Hörbuch

Sprecher: Ranga Yogeshwar

Dauer: 12 h 17 min

Ranga Yogeshwar ist uns allen als Wissenschaftsjournalist und  -moderator bekannt, der Jung und Alt die Welt erklärt. Als Diplom-Physiker hat er den entsprechenden Hintergrund. Doch nicht nur seine Ausbildung macht ihn zu einem qualifizierten Autor: Als Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Kunsthistorikern ist er in zwei Welten aufgewachsen und bringt eine gehörige Portion Lebenserfahrung und Sachverstand mit. Seine Arbeit fürs Fernsehen und sein Ansehen sorgten dafür, dass er mit seinem Filmteam Zugang zu zahlreichen Einrichtungen erhält, so durfte sein Team als Erstes nach dem Reaktorunglück in Fukushima drehen. Die notwendige Ausrüstung für das Verfassen eines Buchs über die Zukunft bringt er also mit. Darüber hinaus hat Yogeshwar auch einen künstlerlischen Hintergrund: Er selbst und seine Töchter sind am Klavier ausgebildet, seine Frau ist Sopranistin.

In insgesamt elf Kapiteln mit jeweils drei oder vier Unterkapiteln befasst sich Ranga Yogeshwar mit zukunftsrelevanten Themen, etwa der Digitalisierung und gefährlichen Entwicklungen hinsichtlich des Datenschutzes, des Umweltschutzes, der Schulbildung, Energieversorgung, Frauenrechten, der Terrorangst oder der künstlichen Intelligenz. Die Kapitel sind episodenhaft erzählt, häufig beginnen sie mit Erfahrungen Yogeshwars in der Vergangenheit und schließen mit den Schlussfolgerungen und den Konsequenzen für die Zukunft. Manchmal dauert es ein bisschen, bis er zur Relevanz für die Zukunft kommt, dies bleibt jedoch nie aus. Dabei bietet er konkrete Vorschläge zur Verbesserung an, warnt vor Fehlentwicklungen und deren Auswirkungen. Die anekdotenhafte Gestaltung der Kapitel machen das Buch sehr gut lesbar und absolut zugänglich für ein breites Publikum. Ich fand alle angesprochenen Themen wirklich interessant, sehr aufschlussreich unter anderem das Kapitel über die Terrorangst oder das über (Schul-)bildung. Gut gefallen hat mir auch Yogeshwars Ausblick auf die Zukunft des Homo Sapiens. Hier hatte ich den Eindruck, dass seine Ausführungen teilweise auch eine Antwort auf das Buch „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari sind. Dieses habe ich zwar noch nicht gelesen, aber bereits am Ende von „Sapiens“ deutet sich an, wie Harari die Zukunft des Menschen sieht, er prognostiziert eine Verschmelzung von Mensch und Technik, die Entstehung des gottgleichen, unsterblichen Menschen. Yogeshwar relativiert diese Prognose, verweist auf negative Seiten der Unsterblichkeit. Ich muss sagen, dass seine Prognose mich ein wenig beruhigt hat, aber ich muss erst einmal Hararis Werk lesen, bevor ich mir eine umfassende Meinung bilden kann. Insgesamt bin ich sehr einverstanden mit so ziemlich allen Aussagen, die Yogeshwar macht, ganz besonders wichtig sind mir hierbei der Umweltschutz und die gefährliche Entwicklung der Weltwirtschaft. Ich kenne Herrn Yogeshwar natürlich nicht persönlich, aber die Lektüre des Buches hat ihn mir umso sympathischer gemacht. Dazu trägt natürlich auch bei, dass er das Hörbuch selbst liest, was er als Medienprofi hervorragend macht. Das Hörbuch ist also absolut empfehlenswert, wobei ich die Anschaffung eines Printexemplars erwäge, um Verschiedenes nachlesen zu können, denn dies ist ein Buch, das lange nachhallt und Augen öffnet. Für mich das Sachbuch des Jahres.

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(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Alles, was wir geben mussten

England, ja, wann? Offenbar in den frühen Achtzigern. Im Internet Hailsham wachsen zahlreiche elternlose Kinder auf. Wir erfahren zunächst viel über unsere drei Protagonisten Kathy, Ruth und Tommy, die bald eine Art Beste-Freunde-Trio bilden. Von Anfang an ist klar, dass es mit dem Schicksal der Internatsschüler irgendwas Besonderes auf sich hat. Unterschwellig wissen dies auch die Kinder, doch sie schütteln es immer gleich wieder ab, es scheint, sie wollen gar nicht wissen, was die Zukunft für sie bereithält. Bis eine engagierte Lehrerin es nicht mehr aushält und die inzwischen zu Jugendlichen gewordenen Schüler aufklärt.

Als im Oktober Kazuo Ishiguro zum Nobelpreisträger für Literatur 2017 gekürt wurde, reagierten viele mit dem Kommentar „Endlich mal ein Nobelpreisträger, von dem ich etwas gelesen habe“! So war es auch bei  mir, ich hatte schon Ishiguros Meisterwerk „The Remains of the Day“ (Was vom Tage übrig blieb) als Hörbuch gehört und sehr genossen. Dass „Never Let Me Go“ ein ganz anderes Buch sein würde, war mir klar. Es handelt sich um einen Roman, der viel, ja sehr viel Diskussionsstoff bietet und bei dem die Sprache weniger bemerkenswert ist als in The Remains of the Day. Es gibt also sehr viel zu sagen über das Buch, gleichzeitig ist es sehr schwer, dies ohne Spoilern zu tun (wobei es von Anfang an viele Hinweise auf den wichtigsten Plot-Point gibt). Da ich durch einen Trailer für den Film (den ich aber noch nicht gesehen habe) gespoilert wurde, möchte ich das an dieser Stelle vermeiden. Ich werde jedoch einen nicht spoilerfreien Abschnitt hinzufügen, den ich entsprechend kennzeichnen werde.

Dass das Buch in der ersten Person verfasst ist (aus Kathys Sicht) ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Erzählerin vielleicht ein wenig unglücklich, doch meiner Ansicht nach gezielt gewählt, um den Leser ganz in die Situation der Protagonisten zu versetzen. Wir wissen im Verlauf des Buches stets genauso viel, wie diese wissen und das halte ich für wichtig, um das Handeln und die Einstellung der drei und ihrer Schulkameraden zu verstehen. Denn dieses könnte durchaus Verständnislosigkeit hervorrufen. Natürlich wird hiermit auch Spannung erzeugt, aber der Punkt ist, dass es dem Leser genauso geht, wie den Protagonisten. Es steckt viel Psychologie in dem Roman, was macht das Halbwissen um ihr Schicksal mit den Schülern und was die Erkenntnis darüber? Inwiefern befindet sich der Leser vielleicht in einer ähnlichen Situation. Es ist ungemein spannend, hierüber und über die moralischen Implikationen zu reflektieren. Allein deswegen ist das Buch schon lesenswert. Ich empfehle es allen und besonders Lesegruppen, denn es gibt viel zu bereden.

 

 

SPOILER-ALARM!

 

 

Im Grunde denke ich, dass die meisten wissen, worin es in dem Buch geht. Die Schüler sind Klone, die einzig erzeugt wurden, um im Erwachsenenalter ihre Organe nacheinander zu spenden bis zum Tod, der mit dem Euphemismus „Completen“ umschrieben wird. Es gibt mehrere Lesarten des Romans. Zunächst einmal kann man da sicher eine Kritik am Klonen, am „Gottspielen“ sehen. Die moralischen Fragen, die durch die Kombination des Klonens von Menschen mit Organspende aufgeworfen werden, sind höchstinteressant: So äußert Ruth an einer Stelle, dass sie wahrscheinlich alle Klone von schlechten Menschen sind, denn gute, erfolgreiche Menschen lassen sich doch nicht klonen! Dies führt zu einer weiteren Frage: Hat man vielleicht tatsächlich Kriminelle geklont, weil dies vielleicht für ein weniger schlechtes Gewissen in der Gesellschaft verursacht? Wie steht die Gesellschaft überhaupt zu dieser schrecklichen Praktik? Dies lässt Ishiguro größtenteils offen. Nur die Existenz und ein Gespräch mit einigen Lehrerinnen, die durch Sammeln der von den Klonen angefertigten Kunststücke auf die Menschlichkeit dieser hinweisen will, zeigt uns, dass die Sache nicht so ganz unumstritten ist. Doch bisher wurde den Klonen wohl jeglicher Wert als Mensch abgesprochen. Warum fügen sich die Schüler in ihr Schicksal, als sie die Wahrheit erfahren? Außer der Hoffnung, dass Paare vielleicht erreichen könnten, ein bisschen länger zu leben, gibt es keine Versuche, gegen die Ungerechtigkeit ihres Schicksals zu rebellieren. Und da kommt dann die zweite Lesart des Romans ins Spiel: Ist die ganze Konstellation möglicherweise eine Metapher für den Menschen im kapitalistischen Zeitalter? Erfüllen nicht die meisten von uns auch widerstandslos die Erwartungen, die bezüglich Bildung und Karriere gestellt werden? Hierzu passt die zunächst etwas merkwürdig erscheinende zeitliche Einordnung in die Achtziger -und Neunzigerjahre, die den Roman offenbar weniger zu einer Dystopie als zu einem Roman mit alternativer Geschichte machen. Oder eben zu einem Roman über unsere eigene Geschichte.

Hierin liegt die Bedeutung des Romans: Er liefert zahlreiche Denkanstöße und fordert uns auf, nichts, das wir nicht gut finden, uns aber normal erscheint, ohne Hinterfragen zu akzeptieren.

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(c) Penguin

Deutscher Titel: Das Herz ist ein einsamer Jäger

Eine kleine Stadt in den amerikanischen Südstaaten in den 30er Jahren. In einer lokalen Kneipe treffen fünf sehr verschiedene Menschen aufeinander. Der Gastwirt Biff verliert unerwartet seine Frau. Sein Kunde und Neuankömmling in der Stadt, Jake Blount, ist überzeugter Kommunist und auf der vergeblichen Suche nach Mitstreitern. Dr. Copeland ist eine Seltenheit in der Stadt, ein schwarzer Intellektueller, der sich durch seine Härte und seine Erwartungshaltung gegenüber seiner Familie von dieser entfremdet hat. Mick ist die jüngste unter den Protagonisten, die Dreizehnjährige muss meistens ihre jüngeren Geschwister hüten, nutzt aber jede freie Minute, um sich ihrer heimlichen Leidenschaft zu widmen: der Musik. Und dann ist da noch John Singer, der Taubstumme, dessen ebenfalls taubstummer Mitbewohner kürzlich aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten in ein Sanatorium gebracht wurde. Sie alle eint ein wesentlicher Zustand: der der Einsamkeit.

Carson McCullers Debütroman aus dem Jahre 1940 beginnt langsam, träge, man meint, die Südstaatenhitze förmlich zu spüren. Sie lässt sich Zeit damit, ihre Hauptpersonen einzuführen, wofür der Leser jedoch mit vielschichtigen, interessanten Charakteren belohnt wird. Von allen diesen Charakteren wird die junge Mick vielleicht am stärksten herausgearbeitet. Die Beschreibung ihrer Sehnsucht nach Musik lässt echtes, großes Talent vermuten, sie bringt sich auf dem Schulklavier selbst das Spielen bei, versucht, sich selbst eine Gitarre zu bauen und scheut sich nicht davor, abends im Dunkeln im Vorgarten der Nachbarn Radiokonzerte, die diese sich anhören, mitzuhören. Carson McCullers bedient sich bei der Beschreibung ihrer Charaktere einer wirklich wunderbaren, mitreißenden Sprache.

Folgender Satz ist bezeichnend:

„Wonderful music like this was the worst hurt there could be. The whole world was this symphony, and there was not enough of her to listen.“ (S. 116/117)

Mick ist wohl der zugänglichste der Charaktere, vor allem für junge Leser. Die Aussichtslosigkeit ihrer Situation, das Wissen, dass sie niemals ihre Liebe zur Musik so ausleben können wird, wie sie sollte, hat mich ganz besonders berührt.

Alle weiteren vier Charaktere sind auf ihre eigene Weise einsam, ich fühlte mich ein bisschen an den Kurzgeschichtenband „Eleven Kinds of Loneliness“ von Richard Yates erinnert, der sich desselben Themas annimmt.

Mick, Biff, Dr. Copeland und Blount besuchen regelmäßig den fünften Protagonisten, Singer, der sich als Taubstummer als besonders guter Zuhörer erweist, bei dem alle auf Verständnis stoßen und der ihnen die Einsamkeit ein wenig nimmt. Dabei vergessen sie jedoch Singers eigenen Kummer, seine Einsamkeit und die Sehnsucht nach dem einen Freund, der wiederum ihn verstand und der ihm genommen wurde. So ist Singer am Ende die einsamste Figur von allen.

Nach dem etwas zähen Beginn habe ich die letzten 100 Seiten des etwa 350 Seiten umfassenden Werks in einem Rutsch heruntergelesen, die Dialoge wurden intensiver, mein persönliches Highlight ist ein Streitgespräch zwischen dem Kommunisten Jake Blount und dem für die Rechte der Schwarzen einstehenden Dr. Copeland. Wie McCullers dies im zarten Alter von 23 Jahren schreiben konnte, fabelhaft.

Nicht gänzlich unerwähnt lassen kann ich, dass es (wenige) Stellen in dem Buch gibt, die auf mich als Schwarzen gegenüber gönnerhaft oder sogar rassistisch gewirkt haben, mir ist jedoch klar, dass diese typisch für ihre Zeit sind und als solche rezipiert werden müssen.

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(c) Hörbuch Hamburg

Sprecher: Marc-Uwe Kling

Dauer: 8 h 26 min

In einer nahen Zukunft in einem Land, das in Qualityland umbenannt wurde, fristet Peter Arbeitsloser (die bisherigen Nachnamen wurden durch die Berufe der Eltern zum Zeitpunkt der Zeugung geändert) sein Leben als nicht erfolgreicher Maschinenverschrotter. Er hat gerade so Level 10 von 200 möglichen und droht damit, in die Kategorisierung als „Nutzloser“ abzurutschen. Dann ist auch noch Schluss mit seiner Freundin, der die Partnervermittlung Qualitypartner eine bessere Partie zugeteilt hat. Als ihm TheShop, der weltweit größte Versandhändler, bei dem man gar nicht mehr erst bestellen muss, sondern anhand des allmächtigen Algorithmus automatisch alles zugesandt bekommt, was man haben möchte, ihm einen pinken Delfinvibrator schickt, läuft das Fass über. Den will er überhaupt nicht! Doch das gute Stück zurückzugeben, erweist sich als schwieriger denn angenommen…

Die Frage „was kommt von Marc-Uwe Kling nach dem Känguru“ hing bis zum Erscheinen seines ersten tatsächlich als Roman angelegtem Buch einigermaßen groß im Raum. Die Angst vor Enttäuschung war bei vielen Fans sicher groß. „Qualityland“, das in einer hellen und einer dunklen Version erschienen ist (der Unterschied sind die immer am Kapitelanfang stehenden Nachrichtenmeldungen, Werbetexte etc.; die jeweils andere Version dieser kann im Internet nachgeschaut werden) kommt jedoch keineswegs als schwächelndes Stiefkind des Kängurus daher: Marc Uwe-Kling legt mit einer realitätsnahen, gleichzeitig beängstigenden und irre komischen Dystopie noch einen drauf. Man muss das Buch gar nicht mit der Känguru-Trilogie vergleichen, es kann prima alleine stehen (wobei für Känguru-Liebhaber da schon ein paar Stellen eingebaut wurden ;-)). Beim Lesen lacht man über die absurden gesellschaftlichen Entwicklungen, bis einem klar wird: Das ist alles andere als abwegig. Genau so oder so ähnlich kann es kommen. Das Leben eines jeden wird bestimmt von seinem Profil, das gleichzeitig für alles gilt in einem allumfassenden sozialen Netzwerk. Selbst, welche Partei man wählt, wird vorgeschlagen, und wenn man sich anders entscheidet, wird nachgefragt „möchtest du wirklich…“

Auch wenn das Werk völlig eigenständig ist, setzt Kling unter anderem auch auf bewährte Stilmittel: Hier sind es nicht die falsch zugeordneten Zitate, sondern wie oben bereits erwähnt Nachrichtenmeldungen und Werbebotschaften, die den Kapiteln vorausgehen, und auch der ein oder andere Running Gag kommt vor, was wir Fans natürlich lieben. Der Loser Peter Arbeitsloser wird von einer Reihe von defekten Robotern unterstützt, darunter ein Kampfroboter und ein Sexroboter sowie eine Drohne mit Flugangst.

Bei allem Humor – und dieses Buch ist wirklich, wirklich sehr komisch und hat mich oft laut lachen lassen – hier hält Marc-Uwe Kling unserer Gesellschaft einen Spiegel vor und fragt uns: Wollen wir das wirklich? Denn das ist, worauf es hinausläuft in unserer vernetzten, personalisierten und eben auch zunehmend gläsernen Welt. Das ist Satire, und zwar vom Feinsten. Eine hundertprozentige Empfehlung für alle, nicht nur Känguru-Fans! 10 Sterne!

Wie auch beim Känguru gilt: Marc-Uwe Kling ist live am besten zu genießen. Daher sei das Hörbuch, ein Live-Mitschnitt, unbedingt empfohlen. Wobei ich mir wahrscheinlich die dunkle Edition als Printexemplar gönnen werde. 😉

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Ich habe noch keine Informationen zu einer deutschen Ausgabe gefunden.

Nordengland in der Jetztzeit. Die Teenager Daniel und Cathy leben mit ihrem Vater in einer selbstgebauten Hütte auf dem Land. Sie haben nur wenige Nachbarn, haben die Einsamkeit und Zurückgezogenheit gezielt gesucht. Sie sind zufrieden, bis der größte Grundbesitzer der Region Rechte an ihrem Grundstück bekundet und die Vergangenheit und die Gegebenheiten der Region beginnen, die Familie einzuholen.

Mehr als einmal kam mir bei der Lektüre von Fiona Mozleys Debütroman der Gedanke, dass die Gegend, in der er angesiedelt ist, und die rauen Sitten, die dort herrschen, mich an die Ozarks und an Daniel Woodrells „Winter’s Bone“ erinnern. Das Gesetz, die Staatsgewalt scheinen nicht vorhanden, niemand bemängelt, dass Daniel, der Ich-Erzähler des Romans, und seine Schwester nicht mehr zur Schule gehen. Stattdessen schickt der Vater sie zu einer etwas besser gebildeten Nachbarin, um ihnen eine Art Unterricht zukommen zu lassen. Und Grundbesitzer Price nimmt die Rolle eines Königs ein, der das Sagen hat und gegen den niemand ankommt, die Polizei hinzuzuziehen, ist nicht denkbar oder die Polizisten stehen ebenfalls unter seiner Fuchtel. Daniel ist das Gegenstück seines grobschlächtigen Vaters, der früher als Boxer sein Geld verdient hat, er ist zierlich, feminin und scheint sich auch so zu fühlen. In seiner Familie und seinem Umfeld ist dies überhaupt kein Thema, er ist jedoch auf den Schutz seines Vaters und auch seiner nur wenig älteren Schwester angewiesen. Diese ist eher burschikos und trägt stark fatalistische Züge, sie nimmt vieles, was man ihr angetan hat, als gegeben hin, kann sich jedoch durchaus wehren. Umgehauen hat mich dieser Satz aus ihrem Mund:

„We all grow into our coffins, Danny. And I saw myself growing into mine.“

Für mich war es schwer erträglich, mitzuerleben, wie die Ungerechtigkeit und die Selbstjustiz sich in Mozleys Geschichte ihren Weg bahnen. Man möchte eine Polizeitruppe hinschicken, erkennt aber, das dies aus der Sicht der Charaktere unsinnig ist. Was den Leser wiederum ohnmächtig, verzweifelt hinterlässt. Es ist kaum vorstellbar, dass herrisches Gebaren wie das von Price heute noch durchgeht, doch, halt, wie lautet der Titel des Buchs? „Elmet“: eine Gegend in Nordengland, die im frühen Mittelalter, in den „Dark Ages“, ein eigenständiges keltisches Königreich war. Und so scheinen die alten Kräfte, die totalitären Strukturen in Elmet weiterzubestehen, unbeirrt von der modernen Zeit.

Elmet ist ein erstaunliches Debüt, ein kraftvolles, aufwühlendes und sprachlich starkes Buch, das ich durchaus gern als Gewinner des Booker Prize sehen würde, auch wenn ich wie die meisten vermute, dass „Autumn“ von Ali Smith gewinnen wird.

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(c) Penguin Random House Audio

Deutscher Titel: Exit West

Dauer: 4h 42 min

Sprecher: Mohsin Hamid

In einer nicht benannten Stadt in einem nicht benannten Land des Nahen Ostens begegnen sich Nadia und Saeed in der Abendschule. Die beiden verlieben sich, während die Situation in dem Land in einem schrecklichen Bürgerkrieg mündet. Nadia und Saeed erfahren von sogenannten „Türen“, die plötzlich an beliebigen Orten entstehen und zu verschiedenen wohlhabenden Ländern führen, und beschließen, zu flüchten.

Selten habe ich erlebt, dass ein für einen so wichtigen Preis wie den Man Booker Prize nominiertes Buch so unterschiedliche Reaktionen bei Menschen hervorruft, auf deren Literaturkenntnis ich vertraue. Die Meinungen gehen wirklich von furchtbar bis wunderbar. Ein häufiger Kritikpunkt ist, dass es keinerlei Erklärung hinsichtlich des Entstehens und der Funktionsweise der Türen zu den reichen Ländern gibt. Ich bin selbst nicht der allergrößte Fan von magischem Realismus, aber Hamid hat hier ein in meinen Augen plausibles Argument: Er wollte sich darauf konzentrieren, wie es dem Flüchtlingspaar in ihrem Zielland ergeht, und nicht auf die Fluchtgeschichte, die in der Realität ja ein eigenes Thema ist. Ich hatte keine Probleme, mich darauf einzulassen, dass diese Türen jetzt nun mal einfach existieren, tatsächlich sind sie ein ziemlich geniales Konstrukt, um die Schilderung der Fluchtproblematik zu umgehen.

Der zweite Kritikpunkt liegt bei Hamids Sprache, die einige Rezensenten als sehr schlecht und unbeholfen empfinden. Tatsächlich scheint Hamid den Lesern der Printausgabe schier unendlich lange Sätze zuzumuten. Zudem sind einige Metaphern, die der Autor wählt, meiner Meinung nach wirklich etwas misslungen. „…with the slow serenity of a masticating cow“? Ernsthaft? Da gibt es noch mehr Beispiele, andere Bilder haben mir aber durchaus gefallen. Ich möchte kein endgültiges Urteil über die Sprache abgeben, ich bin keine Muttersprachlerin und andere können das besser beurteilen. Ich muss jedenfalls festhalten, dass das Problem mit den langen Sätzen beim Hörbuch weniger zum Tragen kommt, da der Autor natürlich weiß, wie er seine eigenen Sätze betonen muss. Da fällt es nicht auf, dass im Print ewig lang kein Punkt kommt. Die Sprache ist ansonsten sehr klar und die misslungenen Metaphern wiegen nicht so schwer, dass ich insgesamt zu einem negativen Urteil käme.

Sehr gut gefallen hat mir die sehr realistische Schilderung der Liebesbeziehung zwischen Nadia und Saeed. Das ist keine Insta-Love-Happy-Ever-After-Geschichte. Vor allem die späteren Kapitel fand ich in dieser Beziehung sehr gelungen.

Nicht nur die Liebesgeschichte ist glaubwürdig und realistisch, auch die Szenarien, die Hamid für die Flüchtlingsmassen entwirft, die durch die Türen in die Industrieländer strömen, sind trotz des Elements des magischen Realismus durchaus plausibel und bieten interessante Denkanstöße.

Ergo: Ich zähle zu den Freunden dieses Romanes, wenn ich auch ich nicht restlos begeistert bin.

Dass der Autor sein Buch selber spricht, bringt neben dem oben genannten Aspekt auch den Vorteil, dass er selbst durch seine pakistanische Herkunft mit leichtem Akzent spricht, der gut zum Thema passt.

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