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Archive for the ‘Gesellschaftskritik’ Category

(c) Audiobuch

Sprecherin: Nicole Jäger

Dauer: 7 h 56 min

Als Nicole Jäger meint, einen Herzinfarkt zu haben, hat sie keine Ahnung, wie viel sie wiegt. Beim letzten Wiegen vor Ewigkeiten waren es 140 Kilo. Und jetzt bekommt sie offenbar die Quittung. Nicole verspricht ihrem Körper, dass jetzt alles anders wird, wenn er nur jetzt nicht aufgibt. Als sie mithilfe zweiter Waagen ihr tatsächliches Gewicht ermittelt, kann sie es nicht fassen: über 340 Kilo…

Ernährungs- und Abnehmcoach Nicole Jäger erzählt in ihrem ersten Buch von ihrem eigenen langen und steinigen Weg zur Halbierung ihres Gewichts. Sie bringt immer noch ca. 160 kg auf die Waage, aber 170 Kilo Gewichtsverlust? Ohne Magen-OP, sei vermerkt. Davor habe ich auf jeden Fall Respekt.

Einige zweifeln Jägers hohes Ausgangsgewicht und ihre Fachkenntnisse bzw. Wissenschaftlichkeit an. Ich habe selbst zu wenig Ahnung, um dies beurteilen zu können, und will mir daher auch nicht anmaßen, darüber zu urteilen. Was eine Empfehlung des Buches angeht, möchte ich schon mal vorwegnehmen: Das Buch ist unterhaltsam, sympathisch und lustig geschrieben und ganz sicher auch sehr interessant. Ich würde jedoch davon abraten, allein auf der Grundlage dieses Buches abnehmen zu wollen und stattdessen auch andere Ratgeber zur Hand zu nehmen. In einigen Dingen unterscheiden sich Jägers Aussagen stark von denen der anderen Autorin, die zurzeit von sich reden macht und deren Buch „Fettlogik überwinden“ ich ebenfalls kürzlich gelesen und rezensiert habe, nämlich Dr. Nadja Hermann. Beispiel „Hungerstoffwechsel“. Dr. Hermann legt in ihrem Buch plausibel dar, dass es so etwas schlicht nicht gibt. Jäger hingegen warnt ausdrücklich und ausführlich davor. In diesem und anderen Punkten, in denen die Meinungen abweichen, tendiere ich dann doch dazu, Dr. Hermann zu folgen.

In anderen Punkten sind die beiden sich hingegen einig, etwa bei der einfachen Tatsache, dass Diäten wie die „Ananasdiät“ totaler Quatsch sind und dass abnimmt, wer weniger zu sich nimmt, als er verbraucht. Das Kalorienzählen lehnt Jäger jedoch im Unterschied zu Dr. Hermann ab, was ich nicht ganz verstehe. Ich kann mir zumindest für mich selbst nicht vorstellen, ohne Kalorienzählen erfolgreich zu sein.

Nicole Jäger klärt in ihrem Buch auch einige Mythen bezüglich Fettleibigkeit auf und stellt frappierende Vergleiche an. Dicke Frauen freuen sich beispielsweise keineswegs, wenn Männer ihre Vorliebe für Übergewichtige bekunden. Stellen Sie sich vor, ein Mann würde zu einer schlanken Frau sagen: „Ich finde dich ja so schön dünn, da steh ich voll drauf!“ Wie hört sich das an? Genau.

Gefallen hat mir auch Jägers Verteidigung der Kohlenhydrate, ich bin nämlich selbst auch gar kein Fan strenger Kohlehydratdiäten. Klar, Nudelportionen verkleinern und zu Vollkorn greifen, aber gänzlich  verteufeln und darauf verzichten? Nö, nicht für mich, denn der Körper braucht Kohlehydrate.

Gestört hat mich die Repetitivität in dem Buch: Einige Dinge bekommen wir immer wieder zu lesen bzw. zu hören, die 170 Kilo und einige Ratschläge werden mehrfach erwähnt, mit der Zeit erscheinen die Ratschläge auch ein wenig gönnerhaft.

Mein Fazit lautet: Wenn es euch interessiert, dann lest das Buch, oder besser, hört es euch an, denn Nicole Jäger liest genauso sympathisch, wie sie schreibt. Sicher macht das Buch Übergewichtigen auch Mut und motiviert sie (auch wenn Jäger das Wort nicht leiden kann ;-)), abzunehmen und auch bei Rückschlägen am Ball zu bleiben. Wenn ihr selbst abnehmen wollt, greift aber unbedingt auch zu Nadja Hermanns Buch „Fettlogik überwinden„, das überzeugender und seriöser ist.

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rtl5245

(c) Whole Story Audiobooks

Deutscher Titel: Sein blutiges Projekt

Sprecher: Crawford Logan, Cameron Mowat

Dauer: 10 h

Zu Beginn seines für den Man Booker Prize 2016 nominierten Buches erklärt uns der Autor selbst, seine Geschichte basiere auf alten Schriftstücken, die den Fall seines Vorfahren dokumentieren, unter anderem einem von diesem selbst verfassten Bericht über sein Leben und die von ihm verübten Morde. Ergänzt würde diese Darstellung durch Augenzeugenberichten, Prozessakten und Einschätzungen von Psychologen. Die Biografie stellt den größten Teil des Buches dar und wird von Cameron Mowat mit schottischem Akzent, jedoch klarer Aussprache gelesen. Die voranstehenden Aussagen der Dorfbewohner, die den Mörder Roderick Macrae kannten, sind in ihrer Wertung seines Charakters sehr unterschiedlich, sodass der Leser gespannt darauf ist, welches Bild seine Eigendarstellung bieten wird. Dies ist auch unter dem Aspekt besonders interessant, dass wir zu diesem Zeitpunkt bereits wissen, dass Roderick Macraes Verteidiger auf Unzurechnungsfähigkeit plädierte.

Der Leser lernt Roddy Macrae als empfindsamen, intelligenten Jungen kennen, dem man ein grausames Verbrechen eigentlich nicht zutrauen kann. Bereits bei der Darstellung seiner Kindheit tritt das spätere primäre Mordopfer Lachlan Mackenzie als Bösewicht auf, der Roddys Familie bei jeder Gelegenheit schikaniert. Am Ende von Roddys Bericht steht schließlich der Dreifachmord, der so eindringlich geschildert wird, dass es mir beim Zuhören tatsächlich ein wenig den Hals zuschnürte. Diese Schilderung ist wirklich meisterhaft.

Auf Roddys Bericht folgen schließlich der Bericht des Psychologen, der von Roddys Anwalt hinzugezogen wurde, sowie das Prozessprotokoll.

Macrae Burnet baut sein ganzes Buch auf, als handele es sich um „True Crime“, als sei all dies wirklich geschehen, was einen raffinierten Schachzug darstellt. Einzig der Zusatz „A Novel“ deutet darauf hin, dass das ganze Werk tatsächlich ein fiktives ist. Ich war während der Lektüre bis zuletzt unsicher, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt, und musste erst recherchieren. Sowohl die ungewöhnliche Erzählweise auf Grundlage verschiedener Dokumente sowie die besonders lebhafte Darstellung des Täters und der Morde machen Macraes Roman zu einem Werk, das (vor allem für Nicht-Krimi-Leser wie mich) ganz eindeutig als Perle des Crime-Genres betrachtet werden kann, sofern man den Roman überhaupt in dieses Genre und nicht als genrefreie Literatur oder als historischen Roman einordnen möchte.

Die Zusammensetzung des Buches aus verschiedenen Schriftstücken wird im Hörbuch durch verschiedene Sprecher (u. a. den Autor selbst) hervorragend umgesetzt, vor allem die Besetzung Cameron Mowats als Sprecher für den Bericht Roderick Macraes ist perfekt, seine jugendliche Stimme passt zu dem erst 17-jährigen Roddy und er spricht wie bereits erwähnt im schottischen Akzent. Deutsche Leser, die nicht sehr vertraut mit dem schottischen Tonfall sind, könnten eventuell ein wenig Schwierigkeiten mit dem Verständnis haben, zumal auch einige schottische Wörter verwendet werden und das Glossar erst nach Ende des Berichts vorgelesen wird. Wer unsicher ist, sollte sich eine Hörprobe anhören.

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(c) Ullstein

Dr. Nadja Hermann hat selbst eine lange Diät- und Abnehm- und Zunehmkarriere hinter sich, als sie schließlich 150 auf die Waage bringt – morbide Adipositas – und beginnt, all die Theorien hinter den verschiedensten Diäten und deren Scheitern auf den Prüfstand zu stellen. Das Ergebnis überrascht sie: Praktisch alle dieser Theorien können widerlegt werden.

Ob Stoffwechselunterschiede, Schilddrüsenerkrankungen, Hungermodus und Jojo-Effekt – letztlich kann keiner dieser vermeintlichen Hinderungsgründe aufrecht erhalten werden, wenn konsequent eine Vorgehensweise gewählt wird: Es muss einfach weniger verzehrt werden, als verbraucht wird.

Das ist Dr. Nadja Hermanns Schlussfolgerung aus ihrer jahrelangen intensiven Beschäftigung mit dem Thema und ihrer eigenen Abnahme, von 150 auf unglaubliche 63 kg bei einer Größe von 1,75 m. Hermann räumt in ihrem Buch mit diesen „Fettlogiken“ auf, jede dieser Logiken entspricht einem Kapitel. Sie erklärt, wo der Denkfehler in der jeweiligen Logik liegt, teilweise untermalt mit Comics, die den Unsinn der entsprechenden Theorie auf frappierende Weise deutlich machen und den Leser zum Schmunzeln bringen.

Der Erfolg des Buches kommt nicht von ungefähr: Ich kenne persönlich mehrere Personen, die nach seiner Lektüre abgenommen haben, und zwar viel!

Hermann setzt sich aber auch mit den Kritikern ihrer starken Abnahme auseinander, zeigt, dass keineswegs heute ein viel schlankeres Schönheitsideal herrscht als beispielsweise in den 50er und 60er Jahren. Ein wenig erschreckend sind die Kapitel, in denen Hermann die ganzen Gesundheitsrisiken bespricht, die Übergewicht mit sich bringt und die teilweise bereits bei einem etwas höher liegenden Normalgewicht beginnen. Da musste ich das ein oder andere Mal schlucken. Für die eigene Motivation sind das besonders lohnende Passagen!

Hermann kritisiert außerdem die Fat-Acceptance-Bewegung, betont, dass Übergewichtige selbstverständlich nicht beleidigt oder diskriminiert werden dürfen, dass es aber aufgrund der Gesundheitsrisiken nicht vertretbar ist, anderen das Abnehmen zu verleiden oder sie daran hindern zu wollen.

Viel zu kritisieren habe ich an dem Buch nicht, man könnte höchstens überlegen, ob Hermanns radikale Vorgehensweise bei der eigenen Abnahme (sie aß über Monate nur 500 Kalorien täglich) 1:1 auf eine weniger drastische Kalorienreduzierung übertragbar ist, aber Praxisbeispiele und pure Logik deuten darauf hin, dass es auch dann funktioniert, nur eben nicht ganz so schnell. Auch das umfangreiche Literaturverzeichnis ist ein Hinweis auf die Validität von Hermanns Aussagen.

Nicht so gelungen fand ich die Bilder, anhand deren Hermann ihre eigene Abnahme dokumentiert, ihre Qualität ist nicht sehr gut, worunter die Aussagekraft ein wenig leidet, aber Hermanns Abnahme steht wohl außer Frage, sodass sie ihren Zweck durchaus erfüllen.

„Fettlogik überwinden“ hat mir in mancherlei Hinsicht die Augen geöffnet und mich gründlich motiviert, mein eigenes Gewicht zu reduzieren. Seit Beginn der Lektüre des Buchs habe ich schon einmal 2 Kilo abgenommen. Ich empfehle es unbedingt allen, die abnehmen und fitter und gesünder werden wollen.

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(c) Ullstein

(c) Ullstein

Ein Paar fährt gemeinsam mit der Cousine der Frau in ein Jagdhaus in den Bergen. Das Paar möchte am Anreisetag noch ins Dorf und lässt die Cousine, unsere namenlose Protagonistin, allein mit dem Jagdhund Luchs zurück. Seltsamerweise kehrt das Paar abends nicht zurück. Am nächsten Morgen macht sich die Protagonistin auf den Weg ins Dorf, um zu erfahren, was passiert ist. Da stößt sie plötzlich gegen eine unsichtbare Barriere. Die Frau ist verwirrt, was ist denn das? Die wenigen Menschen, die sie auf der anderen Seite der unsichtbaren Wand erkennen kann, sind völlig bewegungslos, mitten in der Bewegung erstarrt. Die Wand scheint den Berg weitläufig abzusperren. Die Frau muss sich nun darauf einstellen, allein mit dem Hund zurechtzukommen.

Die Prämisse ist faszinierend. Woher kommt diese Wand, was ist passiert, sind die Menschen auf der anderen Seite wirklich tot? Handelt es sich um ein regionales Phänomen oder gibt es überhaupt noch Leben außerhalb der Wand? Und auf der Seite der Protagonistin? Die meisten dieser Fragen werden für die Leserin ebenso im Dunkeln bleiben wie für die Protagonistin.

Diese rechnet zunächst zwar noch mit Rettung, akzeptiert jedoch erstaunlich schnell, dass sie vorerst isoliert ist. Schnell beginnt sie, sich im Jagdhaus einzurichten. Mit Bewunderung verfolgt die Leserin, wie gut sie klarkommt – es sind zwar noch viele Vorräte im Haus vorhanden, doch die sind endlich. Ein Kartoffelacker und ein Bohnenfeld werden angelegt – und die Protagonistin geht gezwungenermaßen auf die Jagd. Sie tötet die Tiere nicht gern, akzeptiert jedoch, dass ihr keine andere Wahl bleibt. Sie muss ja außerdem den Hund versorgen. Bald gesellen sich noch eine Katze und eine Kuh zu der Protagonistin, die ebenfalls auf ihrer Seite der Wand gestrandet sind. Zu den Tieren entwickelt sie eine enge emotionale Bindung, gerade zwischen ihr und Luchs entsteht eine ursprünglich wirkende Symbiose, beide sind voneinander abhängig. Man gewinnt den Eindruck, dass die Protagonistin gar nicht so unglücklich mit der Situation ist. Auch an ihren Gedankengängen ist zu erkennen, dass das naturverbundene Leben ihr viel echter erscheint, die schnelllebige Zivilisation wird immer unwirklicher für sie und bald akzeptiert sie auch, dass sie nicht mehr existiert. Sie denkt zwar manchmal an ihre Töchter, scheint jedoch nicht wirklich andere Menschen zu brauchen, die Tiere genügen ihr. Ich fühlte mich der Protagonistin bei der Lektüre sehr nahe. Ich will nicht andeuten, dass auch ich gut auf andere Menschen verzichten könnte, doch als Introvertierte, die sich oft wünscht, nur den Kater um sich herum zu haben, und Abende allein mit einem Buch unendlich genießt, kann ich ihre Haltung zumindest nachvollziehen. Gerade ihre Liebe zu den Tieren ist für mich absolut verständlich.

Keinesfalls sollte jedoch der Eindruck entstehen, dass das einfache Leben ohne die Errungenschaften der Zivilisation hier verklärt oder gar glorifiziert wird. Es passieren immer wieder schlimme Dinge, gegen die die Protagonistin gar nichts ausrichten kann, etwa der Tod einiger Nachkommen der Katze oder Krankheiten, die sie niederwerfen und die sie nur mit Not übersteht. Es wird ganz deutlich, dass ein solches Leben zeitlich begrenzt ist.

Auch eine feministische Lesart ist möglich und hinter der Wand wird das Geschlecht der Überlebenden irrelevant:

„Mein Körper, gescheiter als ich, hatte sich angepaßt und die Beschwerden meiner Weiblichkeit auf ein Mindestmaß eingeschränkt. Ich konnte ruhig vergessen, daß ich eine Frau war. Manchmal war ich ein Kind, das Erdbeeren suchte, dann wieder ein junger Mann, der Holz zersägte, …, ein sehr altes, geschlechtsloses Wesen.“ (Seite 82)

Marlen Haushofer hat mit ihrem bekanntesten Roman eine reizvolle Dystopie erschaffen, die viel Interpretationsspielraum lässt und die Leserin nachdenklich zurücklässt. Ein Werk, das lange nachhallt.

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(c) Little, Brown Books

(c) Little, Brown Books

Deutscher Titel: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers

Junior ist 14, wurde mit einem Hydrocephalus geboren, ist dünn, trägt Brille und stottert, daher hat er es im Spokane-Reservat mit seinen rauen Umgangsformen ohnehin schon nicht leicht. Glücklicherweise gibt es seinen besten Freund Rowdy, der ihm immer beisteht und ansonsten seinem Namen alle Ehre macht. Doch als ein Lehrer Junior davon überzeugt, dass er auf eine Schule außerhalb des Reservats gehen soll, ja muss, ist Junior erst recht der Buhmann und selbst Rowdy wendet sich von ihm ab.

Sherman Alexies semibiografischer Jugendroman ist gleichzeitig saukomisch und tieftraurig. Junior zeichnet Comics, dementsprechend ist sein Tagebuch mit witzigen Zeichnungen mit einer guten Portion Selbstironie ausgestattet, die im Buch durch Illustrationen von Ellen Forney wiedergegeben werden. Auch liegt es ihm fern, über die Mobbing-Attacken durch andere Reservatsbewohner zu jammern, er ist die Auge-um-Auge-Mentalität im Reservat gewohnt. Wie krass das Leben im Reservat die Chancen der Menschen verschlechtert, wird Junior so richtig bewusst, als er in die privilegierte „weiße“ Schule im benachbarten Reardan wechselt. Wie Leseratte Junior feststellt:

„I was the only kid, white or Indian, who knew that Charles Dickens wrote A Tale of Two Cities. And let me tell you, we Indians were the worst of times and those Reardan kids were the best of times.“ (Seite 50)

Der Tod ist alltäglich im Reservat und sehr oft mit Alkohol verbunden, die Indianer saufen sich förmlich zu Tode oder sterben bei Unfällen im Zusammenhang mit Alkohol. Auch Junior verzeichnet im Laufe des Buches mehrere Verluste, die den Leser fassungslos zurücklassen:

„But I was crying for my tribe, too. I was crying because I knew five or ten or fifteen more Spokanes would die during the next year, and that most of them would die because of booze. I cried because so many of my fellow tribal members were slowly killing themselves and I wanted them to live.“ (Seite 216)

Die Hoffnungslosigkeit der Reservatsbewohner ist herzzereißend und greifbar, die Indianer haben sich aufgegeben, mit ihrer Situation abgefunden. Mit der offenen Darstellung der Zustände im Reservat, des Alkoholismus und der Gewalt und der Erwähnung von Masturbation haben manche amerikanische Schülereltern wohl ein Problem, das Buch wurde an zahlreichen Schulen in den USA verboten. Dabei halte ich es für gerade besonders gut geeignet für Schüler – wie soll man Jugendliche zu verantwortungsvollen, handlungsbereiten Erwachsenen erziehen, wenn sie nichts über die Missstände und Ungerechtigkeiten in ihrem Land erfahren?

The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian ist ein wichtiges Buch mit viel Witz und Charme, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte.

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Da das Buch leider nur noch antiquarisch erhältlich ist, habe ich leider keine Coverabbildung für euch. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.

„INSANE ASYLUM“. A place where insanity is made.“ (S. 123) So lakonisch umschreibt eine der Patientinnen, die in diesem Sachbuch zu Worte kommen, die Einrichtungen in den USA, in denen sie Monate, manchmal auch viele Jahre, verbringen mussten, häufig ohne echte medizinische Diagnose. Um ein ausgewogenes Bild zu bieten, enthält das Buch auch Berichte von Frauen, denen tatsächlich geholfen wurde. Doch die überwältigende Mehrheit der Patientinnen wurde in der jeweiligen Einrichtung der Willkür der Aufsichtspersonen ausgesetzt, sie wurden menschenunwürdig behandelt, mitunter gequält. Häufig reichten nichtige Gründe, etwa eine unliebsame Meinung, die sich nach der Meinung des Vaters oder des Ehemannes der Frau nicht für eine solche gehörte, um sie für verrückt zu erklären, manchmal wollte der Mann die Frau auch einfach nur loswerden. Es ist schier unerträglich zu lesen, wie ausgeliefert Frauen Männern in vergangenen Zeiten waren. Entsprechend wütend und aufgebracht war ich bei der Lektüre über weite Strecken dieses Buches.

Das Buch beginnt mit einem sehr interessanten Vorwort der amerikanischen Psychologin Phyllis Chesler gefolgt von einer nicht minder interessanten Einführung der Autoren in das Thema. Daraufhin folgen die Augenzeugenberichte der betroffenen Frauen, die zeitlich in vier Abschnitte gegliedert wurden, um das sich in Laufe der Zeit verändernden Frauenbild widerzuspiegeln. Den Berichten aus den verschiedenen Zeitabschnitten sind Erläuterungen eben dieses Frauenbildes sowie Beschreibungen der allgemeinen Zustände in Einrichtungen für Geisteskranke und der jeweilige Stand der Psychologie vorangestellt.

Die Augenzeugenbericht stammen von vielen verschiedenen Frauen, entsprechend unterschiedlich lesen sie sich auch. Die meisten von ihnen stimmen jedoch darin überein, dass der Aufenthalt eine Qual war und es im Grunde ein Wunder ist, dass die Frauen ihren ja häufig völlig gesunden Geisteszustand über lange Zeiträume hinweg bewahren konnten. Die Frauen wurden nach Aussage einer Patientin schlimmer behandelt als Verbrecher:

„Most criminals have some sort of a trial before they are punished; but here, all that is required, is the misrepresentation of an angry attendant, who thus secures to her helpless victim the punishment, which her own conduct justly merits upon herself…“ (Seite 62)

Die Beschreibungen der teilweise gänzlich unwissenschaftlichen Behandlungsmethoden sind kaum zu ertragen:

„Based on the unfounded assumptions that psychiatric illness resulted from gynecological disease, these treatments were directed at women’s reproductive organs… Other women were subject to electrical charges applied to the uterus…“ (Seite 100-101)

Es wird noch schlimmer, aber das möchte ich euch an dieser Stelle ersparen.

Das aufschlussreiche Buch endet mit einem Epilog, in dem die Autoren feststellen, dass die Zustände in psychiatrischen Kliniken heute keineswegs bestens sind und geben entsprechende Beispiele. So schließen die Autoren mit einem Appell an die Gesellschaft, die Stimmen der Betroffenen stärker wahrzunehmen.

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(c) Audible Studios

(c) Audible Studios

Sprecher: Peter Firth

Dauer: 14 h 23 min

England im 19. Jahrhundert. Die junge Tess ist die älteste Tochter einer in lange vergangenen Zeiten wohlsituierten, heute aber verarmten Familie. Ohne eigenes Verschulden verliert sie ihre Unschuld und ist damit eine gefallene Frau. Dass der Akt nichts anderes als eine Vergewaltigung war, wird nicht gewertet. Thomas Hardy erzählt in einem seiner bekanntesten Wessex-Romane ein Frauenschicksal, das geprägt ist von der himmelschreienden Ungerechtigkeit, mit der insbesondere Frauen aus der armen Bevölkerungsschicht behandelt wurden.

Mein Verhältnis zum Werk Thomas Hardys Werk ist gespalten. Einerseits bin ich begeistert davon, wie er soziale Themen anspricht und die rigide Sexualmoral des viktorianischen Zeitalters anprangert, andererseits sind mir seine Geschichten oft einfach zu dramatisch, die Figuren häufig etwas überzeichnet. Bei Dickens komme ich damit besser klar, denn seine Figuren sind satirisch überzeichnet. Aber Tess – sie ist trotz der verlorenen Jungfräulichkeit so rein, so gut, dass sie geradezu ein Idealbild darstellt. Dennoch verliert sie aufgrund ihrer Behandlung durch die Gesellschaft den Glauben an Gott und die Menschen, was sie den den Roman durchziehenden heidnischen Bildern näherbringt. Bei Wikipedia ist zu lesen, dass Tess eine Art Naturgöttin und ein Opfer personifiziert – das leuchtet mir ein und passt sehr gut zu Hardys eindringlichen und ausführlichen Naturbeschreibungen. Der Opferaspekt wird vor allem gegen Ende des Buches durch einen bekannten Schauplatz verdeutlicht.

„Tess of the D’Urbervilles“ ist ein hervorragend geschriebener, gesellschaftskritischer Roman, der mich jedoch ebenso wie andere Hardy-Romane nicht durchgängig fesseln konnte, die Handlung hätte für mein Dafürhalten etwas gerafft werden können. Ich vergebe daher 3,5 Sterne.

Peter Firth, der mir als Hörbuchsprecher bisher nicht bekannt war, liest sehr ansprechend und zeichnet sich durch eine besonders klare Aussprache auch bei der Wiedergabe von Dialekten aus.

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