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Archive for the ‘HIstorischer Roman’ Category

(c) Audible

Dauer: 28 h

Sprecher: Detlef Bierstedt

Italien, 951: Die jung verwitwete Königin von Italien, Adelheid, wird von Berengar von Ivrea, der die Krone für sich gewinnen will, in Garda gefangengehalten. Er verlangt, dass sie seinen halbwüchsigen Sohn heiratet. Doch es naht Hilfe von ungeahnter Seite: Der junge Panzerreiter Gaidemar, ein hochrangiger Bastard in den Diensten König Ottos, verhilft ihr zur Flucht. Dummerweise verliebt er sich in die schöne Königin, auch wenn diese für ihn natürlich unerreichbar ist. Tatsächlich heiratet sie kurz darauf König Otto des ostfränkischen Reichs selbst, denn auch dieser ist seit mehreren Jahren verwitwet. Gaidemar wird zu einem Vertrauten der Königin, bis er von keinem geringeren als Ottos berühmt-berüchtigten Bruder Henning verleumdet wird.

Rebecca Gablé siedelt ihren zweiten Roman um den ostfränkischen König und späteren Kaiser des Heiligen Römischen Reiches einige Jahre nach den Ereignissen von Das Haupt der Welt an. Otto ist inzwischen verwitwet und sein unehelicher Sohn Wilhelm sowie seine Kinder aus der Ehe mit Editha, Liudolf und Liutgard, sind erwachsen. Diese historischen Persönlichkeiten spielen neben dem Protagonisten Gaidemar die Hauptrolle in dem umfangreichen Roman. Anders als in „Das Haupt der Welt“ ist der Protagonist hier eine fiktive Figur (Tugomir ist historisch, wenn auch stark fiktionalisiert), dessen Geschichte Gablé jedoch gewohnt geschickt mit der der historischen Figuren verwebt. Das Ganze ist, vor allem für Geschichtsfreaks, höchst unterhaltsam und geschichtstreu. Anders als dies häufig bei zweiten Teilen ist, hat man hier keineswegs den Eindruck, dass sich dieselbe Geschichte nur mit anderen Personen wiederholt, Gablé hat es geschafft, mich mit einigen Wendungen wirklich zu überraschen. Otto ist dem Leser nicht ganz so sympathisch wie im ersten Teil – zu starrköpfig hält er seinem Bruder Henning bei, der auch hier wieder ein echtes Scheusal ist, – zum Schaden unseres Helden Gaidemar, der allerdings gelegentlich auch einen Hang zu Starrsinn hat.

Was die Geschichte angeht, erleben wir hier einige Höhepunkte mit Gänsehautgarantie, allem voran die Schlacht auf dem Lechfeld. Die Darstellung Adelheids hat mir gefallen, es wird deutlich, wie gebildet und klug sie war und wie groß ihr Einfluss auf Otto war, ohne sie jedoch zu überzeichnen.

Wer sich auf ein Wiedersehen mit den Figuren aus „Das Haupt der Welt“ gefreut hat, wird nicht enttäuscht, im Laufe des Buches kommen sie alle wieder vor, auch wenn neben Otto nur dessen Bastard Wilhelm und Liudolf noch eine größere Rolle spielen.

So macht Geschichte Spaß, wie Teil eins ist Gablés zweiter Otto-Roman gut recherchierte und gelungene Unterhaltungsliteratur mit tollem Informationsgehalt.

Detlef Bierstedts Stimme ist markant, für mich keine typische Sprecherstimme, was keinesfalls negativ gemeint ist. Er gibt den Figuren wie bereits in „Das Haupt der Welt“ unterschiedliche Färbungen und liest in angenehmem Tempo.

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(c) Vintage

Deutscher Titel: Der Lärm der Zeit

Leningrad, 1936: In einem Wohngebäude steht mitten in der Nacht ein Mann mit Koffer vor dem Fahrstuhl. Er will der Obrigkeit zuvorkommen, denn er rechnet damit, dass jeden Moment Männer aus dem Fahrstuhl treten werden, um ihn zu verhaften. Der Mann heißt Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch und ist ein weltweit gefeierter Komponist. Doch er hat einen entscheidenden Fehler begangen: Er hat eine Oper namens „Lady Macbeth von Mzensk“ geschrieben und mit ihr Stalins Missfallen erregt. Der betrachtet Schostakowitchs Musik als „formalistisch“ und wer dem „Formalismus“ angehört, ist ein Volksfeind.

Julian Barnes‘ Roman „The Noise of Time“ gliedert sich in drei Teile, die verschiedenen Phasen seines Lebens und Schaffens des Komponisten zuzuordnen sind. Der erste Teil beschreibt die Zeit, in der Schostakowitsch beim Regime in Ungnade fiel und stets um sein Leben fürchten musste. Der zweite Teil eröffnet mit einer USA-Reise des Komponisten, während der er sich demonstrativ dem Regime unterordnet und die eigentlich hochgeschätzten Kollegen Strawinsky und Prokofjew öffentlich verurteilt. Schostakowitsch wird rehabilitiert und darf weiter komponieren – unter der Voraussetzung, dass er wieder „wahre“, sowjettaugliche Musik produziert.

Im dritten Teil schließlich ist Stalin tot und an seiner Stelle regiert Nikita Chruschtschow. Die Zeit des Terrors ist vorbei, doch Schostakowitsch empfindet die neue Ära keineswegs positiv. Denn linientreu muss er auch unter Chruschtschow sein und auf Druck von oben Mitglied der Partei werden, was für ihn einen unverzeihlichen Verrat darstellt, den er als schlimmer empfindet als die Todesangst unter Stalin:

„And now, finally, after the great fear was over, they had come for his soul.“ (Seite 152)

Ich habe „The Noise of Time“ gerne gelesen, auch wenn das Buch schwere Kost ist. Barnes hat es komponiert wie sein Subjekt seine Symphonien, und zwar in einer klaren, schnörkellosen Sprache, die mir zusagte. Sätze wie „Art is the whisper of history, heard above the noise of time.“ (Seite 91) fand ich ganz wunderbar. Am besten gefallen hat mir der zweite Teil, der sehr viele Ansatzstellen zur Analyse bot, zentrales Thema dieses Teils ist die paradoxe Natur des russischen Sowjetbürgers, denn:

„To be Russian was to be pessimistic, to be Soviet was to be optimistic. That was why the words Soviet Russia were a contradiction in terms.“ (Seite 71)

Schostakowitsch wird zum Sinnbild des Sojwetbürgers, denn er ist selbst so ein Paradoxon, er ist ein unentschlossener Mensch, außer wenn er entschlossen ist: „‚An optimistic Shostakovich‘. Another contradiction in terms.“ (Seite 152) Seine Unentschlossenheit spiegelt sich unter anderem auch in seinen Beziehungen zu Frauen wider. Mir gefiel dieser rote Faden, dieser Dualismus, ich meinte gar, darin die Quantentheorie wiederzuerkennen, denn Schostakowitsch hat zwei entgegengesetzte Eigenschaften, die jeweils nur in der konkreten Situation zutage treten.

Den dritten Teil, in dem noch einmal in Schostakowitschs Innenleben eingedrungen wird, fand ich am mühsamsten zu lesen, wenn er auch inhaltlich und formal stark ist. Insgesamt stelle ich fest: „The Noise of Time“ ist kein einfaches, leicht zu lesendes Buch, gibt jedoch den Terror unter Stalin und die Stimmung in der Sowjetunion eindrücklich wieder und ist für Leser geeignet, die sich für die Auswirkungen von Macht auf Kunst interessieren.

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(c) Droemer-Knaur

Kassel 1821: Die ehemalige Mätresse des alten Kurfürsten wird grausam ermordet aufgefunden. Der Mord hat eine Besonderheit: Die alte Dame wurde auf eine ungewöhnliche Weise (mit heißem Wachs) ermordet. Nicht nur, dass diese Vorgehensweise in einem von den Gebrüdern Grimm veröffentlichtem Märchen angewandt wird, bei der Ermordeten wird außerdem ein Zettel mit einem Zitat aus diesem Märchen gefunden. Jacob und Wilhelm Grimm geraten unter Verdacht. Als im Münsterland die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff und ihre Schwester Jenny davon erfahren, beschließen Sie, nach Kassel zu fahren, um die Grimms zu unterstützen. Denn ausgerechnet dieses Märchen haben die Schwestern zur Sammlung beigetragen.

Ich freue mich immer über neue Bücher von Tanja Kinkel, denn sie versteht es wie kaum eine andere, aus allen möglichen historischen Stoffen einen lesenswerten und zur weiterführenden Lektüre anregenden Roman zu machen. Bei „Grimms Morde“ war ich erstmals ein wenig skeptisch, gleich vier historische Figuren in der Hauptrolle und dann auch noch verbunden mit einem Kriminalfall? Positiver war ich gestimmt, nachdem ich Kinkel in einem Interview über das Buch reden hörte. Die Beziehung zwischen den Gebrüdern Grimm und den Droste-Hülshoff-Schwestern bestand tatsächlich, die beiden haben mehrere Märchen zur Sammlung beigesteuert, und zwischen Jenny und Wilhelm bestanden wohl sogar zarte Bande, sie haben sich lange geschrieben, ein Paar konnten sie aufgrund ihres unterschiedlichen Standes freilich nicht werden. Außerdem: Auch einer der Morde ist ebenfalls historisch.

Liest man das Buch, stellt sich bald heraus, dass der Kriminalfall zwar durchaus spannend ist und konsequent verfolgt wird, doch dass das Highlight des Buchs tatsächlich die Beziehungen der beiden Geschwisterpaare untereinander und der Schlagabtausch zwischen ihnen ist, insbesondere zwischen Annette und dem eingefleischten Junggesellen Jacob. Die Dialoge bieten den meisten Spaß an dem Buch. Annette muss ihre übliche Schlagfertigkeit nach einem Vorfall, über den wir zunächst nichts Genaueres erfahren, erst wieder zurückgewinnen, der geistreiche Austausch mit den Brüdern bietet ihr hierzu die perfekte Gelegenheit. Die Beziehung zwischen den Schwestern erinnerte mich wiederholt an die zwischen Jane und Elizabeth Bennet in Pride and Prejudice. Überhaupt haben die Begegnungen zwischen den Geschwistern etwas Austeneskes. Die Unmöglichkeit einer Beziehung zwischen Jenny und Wilhelm wird behandelt, doch die interessantere Gegenüberstellung ist auch in dieser Hinsicht die zwischen Annette und Jacob, nur angedeutet, aber wahrnehmbar knistert es zwischen den beiden und man stellt sich vor, was die beiden für ein fulminantes Paar gebildet hätten.

Erwähnenswert ist ferner, dass Tanja Kinkel es schafft, die Sprache des Buchs angemessen an seine Zeitsetzung anzupassen, vor allem in den Dialogen kommt sie zur Anwendung, jedoch keineswegs in dem Maße, dass die Lesbarkeit des Buchs beeinträchtigt wird. Die alten Ausdrücke haben ihre ganz eigene Bedeutung, etwa die Verwendung der Anrede „Er“ statt „Sie“ im Imperativ, womit der Sprecher ausdrücken kann, dass er über seinem Gegenüber steht. Dies kann durchaus auch für Belustigung sorgen, ist der Satz „Sprech Er mir nun von der Freifrau“ nicht nett?

Fazit: Sie hat es wieder getan. Es ist für mich nicht ihr bestes Buch, aber ich will jetzt ins Münsterland die Burg Hülshoff besichtigen und Moorspaziergänge im Nebel machen. Außerdem hat das Buch mich dazu gebracht, endlich mit meiner Lektüre der Gesamtausgabe von Annette von Droste-Hülshoff fortzufahren (und irgendwann womöglich auch mit der Gesamtausgabe von Grimms Märchen in der ursprünglichen Fassung).

Ein weiteres lesenswertes Buch der Königin des deutschen historischen Romans.

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(c) Rowohlt

Übersetzung aus dem Spanischen: Willi Zurbrüggen

London, Ende des 19. Jahrhunderts: Der junge Andrew Harrington will sich das Leben nehmen. Vor Jahren wurde seine Geliebte Marie Kelly Opfer des berüchtigten Jack the Ripper und er meint, nicht mehr damit leben zu können. Sein engster Freund hat jedoch eine Idee für ihn: Ein Unternehmer bietet Zeitreisen in das Jahr 2000 an, er hat selbst schon an einer solchen teilgenommen und wurde im verwüsteten London Zeuge des furiosen Kampfes des Helden Derek Shackleton gegen die herrschenden Maschinenmenschen. Wenn eine Reise ins Jahr 2000 möglich ist, warum dann nicht auch eine zurück in das Jahr, in dem Jack the Ripper sein Unwesen trieb? Es müsste möglich sein, Marie zu retten, schließlich wurde der Mörder gefasst und man müsste ihn nur rechtzeitig abfangen? Der Zeitreisenanbieter Murray verweist Andrew und seinen Freund an den Schriftsteller, der die Zeitmaschine auf Papier erfunden hat: H. G. Wells

Dass wir es hier mit einer alternativen Geschichte zu tun haben, wird bereits klar, als festgestellt wird, Jack the Ripper sei gefasst worden, denn dies ist, wie wir alle wissen, niemals passiert. Doch in welchem „Ausmaß“ Zeitreisen hier thematisiert werden, hatte ich keinesfalls geahnt. Man braucht etwas Geduld mit diesem Roman und darf keine Probleme mit vielen Figuren haben, die in unterschiedlichen Teilen des Buches im Vordergrund stehen. Es gibt folglich keinen klaren Protagonisten in „Die Landkarte der Zeit“ und der Plot ist, anders kann man es nicht sagen, chaotisch. Doch wer sich darauf einlässt und die Handlung einfach mal auf sich zukommen lässt, wird hier hervorragend unterhalten. Wenn man ordentlich gräbt, findet man sicher Logiklücken, Zeitreisen kommen nicht ohne Paradoxon aus. Doch dieser Herausforderung stellt sich Palma und meistert sie, wenn auch nicht unbedingt mit Bravour. Das unvermeidliche Paradoxon kommt zur Sprache und wird lässig und geschickt umgangen. Das hat mir gefallen.

Sprachlich ist anzumerken, dass es die eine oder andere schwülstige Stelle gibt („das Feuer seiner Geliebten“, „Glut einer unverdienten Leidenschaft“ usw.), aber auch ein paar ganz gefällige Metaphern und Vergleiche:

„… und schaute die Schriftsteller an mit einem Lächeln, das an den abblätternden Putz einer Wand erinnerte.“ (Seite 612)

Das kann ich mir richtig schön vorstellen, finde ich äußerst gelungen. Im Übrigen liest sich das Buch gut.

Gefallen hat mir auch, in diesem Roman wieder auf mein Lieblingssthema, die Unzuverlässigkeit der Erinnerung, zu stoßen, wobei das in einem Buch, in dem sich alles um die Zeit dreht, auch naheliegend ist.

Ich kann gut verstehen, dass manch einer sich von der Verworrenheit des Romans überwältigt fühlt, doch wer ihn so annimmt, wird seinen Spaß daran haben. Ich freue mich darauf, die beiden Fortsetzungen zu lesen und bin gespannt, was Palma uns da auftischt. Außerdem habe ich jetzt Lust, mal wieder H. G. Wells zu lesen.

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(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Damals in Nagasaki

Großbritannien in den Achtzigern. Seitdem die Japanerin Etsuko Japan mit ihrem inzwischen verstorbenen britischen Ehemann verlassen hat, lebt sie in England. Sie bekommt Besuch von ihrer gemeinsamen jüngeren Tochter Niki. Die ältere Tochter Keiko, die aus einer früheren Beziehung mit einem Japaner stammt, hat sich kürzlich das Leben genommen. Vor dem Eindruck ihres Todes und des Besuchs ihrer Schwester beginnt Etsuko, sich an ihre Zeit in Japan zu erinnern.

Damals kam das von der Atombombe erschütterte Nachkriegs-Nagasaki wieder auf die Beine, Etsuko war schwanger, ihr japanischer Mann versuchte, seine Karriere voranzutreiben und ihr Schwiegervater war zu einem längeren Besuch da, als in ein Häuschen gegenüber die rätselhafte Sachiko mit ihrer Tochter Mariko einzieht. Sachiko ist keine Mutter aus dem Bilderbuch, sie lässt Mariko häufig unbeaufsichtigt, um in der Stadt mit ihrem Freund, einem amerikanischen Soldaten, um die Häuser zu ziehen. Etsuko freundet sich mit Sachiko an und achtet auch ein wenig auf Mariko.

Von den drei Büchern, die ich bisher von Kazuo Ishiguro gelesen habe, beeindruckte mich dieses – sein Debütroman – am meisten. Das liegt einmal daran, dass es um ein bevorzugtes Thema von mir geht, die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, andererseits an der meisterhaften Komposition des Romans. Für mich schreibt so ein echter Könner. Es ist sehr schwierig, dieses Buch ohne Spoiler zu besprechen, deshalb folgt unten ein Spoiler-Abschnitt. Der Plot-Twist verbirgt sich tatsächlich hinter einem einzigen Wort, weshalb ich empfehle, das Buch vor allem in der zweiten Hälfte sehr aufmerksam zu lesen. Deshalb muss aber niemand das Buch scheuen, denn es ist, wie es sich für Ishiguro gehört, sehr gut lesbar und angenehm geschrieben. Lasst euch diesen kleinen Geniestreich von Ishiguro nicht entgehen! So bin ich kurz vor Jahresende noch auf ein weiteres Highlight in meinem Lesejahr gestoßen :-)

 

SPOILER!!!

 

 

Es geht also um die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen. Diese machen Etsuko zu einer unzuverlässigen Erzählerin, die ihre eigenen Erinnerungen daran, wie schlecht sie sich selbst als Mutter ihrer älteren Tochter verhalten hat, verdrängt und auf andere Personen überträgt. Denn Mariko ist niemand anderes als Keiko und Sachiko ist eine Figur, auf die Etsuko sich selbst und ihr Verhalten projiziert. Dies erschließt sich in der letzten in der Vergangenheit in Nagasaki spielenden Szene, als Etsuko Mariko nachläuft und sie besänftigen will:

„In any case,“ I went on, „if you don’t like it over there, we’ll come straight back. But we have to try it and see if we like it there. I’m sure we will.“ (Seite 173)

Die plötzliche Verwendung des Pronomens „we“ statt „you“ ist ein entscheidender Hinweis. Ein so feinsinniger und raffinierter Plottwist ist mir noch nicht untergekommen und hat in mir große Begeisterung für das Buch ausgelöst. Ich muss darauf hinweisen, dass es noch eine andere Interpretation gibt, nämlich dass Etsuko eine Kindsmörderin ist, die Mädchen erhängt, was Marikos Entsetzen über das in Etsukos Sandale verfangene Seil erklären würde. Meine erste und bevorzugte Theorie ist die gängigere und ich habe mich entschieden, dabei zu bleiben, es spricht mehr dafür. Aber vielleicht bietet uns Ishiguro, der sich wohl nicht über die richtige Interpretation geäußert hat, seinen Lesern auch beide Interpretationen ermöglichen? In jedem Fall handelt es sich um einen meisterhaft gestalteten Roman.

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(c) Orion

Deutscher Titel: Die dreizehnte Geschichte

England, schätzungsweise in den Neunzigern. Margaret Lea betreibt zusammen mit ihrem Vater eine antiquarische Buchhandlung. Und auch sonst ist ihr ganzes Leben an Büchern und am Lesen ausgerichtet. Gelegentlich betätigt sich Margaret außerdem als Autorin von Biografien, bevorzugt von Zwillingen. Denn sie ist selbst ein Zwilling, nur dass ihre Zwillingsschwester kurz nach der Geburt starb. Als die berühmte, aber auch sehr enigmatische alte Schriftstellerin Vida Winter sie bittet, ihre Biografie zu schreiben, und sie erfährt dass diese eigentlich Adeline heißt und ebenfalls ein Zwilling ist, kann sie nicht widerstehen. Vida Winters Leben ist geradezu umgeben von Geheimnissen.

Ich muss vorwegnehmen, dass ich falsche Erwartungen an Diane Setterfields Roman hatte. Er wird oft als „Ghost Story“ deklariert und auf irgendeinem Blog oder bei irgendeinem Booktuber wurde das Buch als sehr gruselig beschrieben. Das ist es nicht! Es gibt ein paar Momente, die an Geister denken lassen, und das Buch ist durchaus atmosphärisch, aber es ist für mein Dafürhalten keineswegs gruselig. Nun gut, dafür kann das Buch zunächst einmal ja nichts. Dennoch befürchte ich, dass meine falschen Erwartungen mich etwas davon abhielten, das Buch richtig zu genießen. Was dieses Buch ist, ist ein durchaus gelungener, jedoch klassischer Familiengeheimnisroman mit bibliophilem Element. Ich musste schmunzeln, als ich auf Seite 27 den Satz las:

„For at eight o‘ clock the world came to an end. It was reading time.“

Diese Regel gilt nämlich auch bei mir zu Hause. Wehe, es ruft nach 8 Uhr jemand an, der kann sich drauf einstellen, abgewürgt zu werden!

Da Margaret also ein Büchermensch ist, kann man sich recht gut mit ihr identifizieren. Ihr Studienobjekt Vida Winter ist hingegen, freundlich ausgedrückt, schwierig. Und hört man ihre Erinnerungen an ihre Kinder- und Jugendzeit mit ihrer Zwillingsschwester Emmeline, kann man sich kaum vorstellen, wie aus der widerspenstigen, wilden Adeline, die nur mit ihrer Schwester in einer Art Zwillingssprache kommunizierte, eine erfolgreiche Autorin werden konnte. Die Auflösung des Rätsels ist gelungen, ich hatte mit der verwendeten Lösung nicht gerechnet, doch nachdem der erste Teil dieser Auflösung bekannt ist, kann man sich auch den Rest ziemlich gut denken. Stilistisch ist das Buch nichts Besonderes. Die ganze Lebenskonstellation rund um die Zwillinge ist originell, ich kann mich nicht erinnern, etwas Ähnliches schon einmal gelesen zu haben, und bietet ein paar psychologisch recht interessante Ansätze.

Ein solider Roman um ein Familiengeheimnis, der klassisch in zwei Zeiten angesiedelt ist, eine überraschende Auflösung bietet und (ausgenommen ein paar Andeutungen am Ende) erfrischenderweise auf eine Liebesgeschichte verzichtet. Lesenswerte Unterhaltungsliteratur also, aber auch nicht mehr.

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(c) Penguin Random House

Auf Deutsch unter dem Titel „Underground Railroad“ bei Hanser erschienen

Georgia, Mitte des 19. Jahrhunderts: Cora ist eine Sklavin der dritten Generation und lebt auf einer Plantage mit einem besonders sadistischen Herren. Caesar, ein anderer Sklave, versucht mehrfach, Cora zur Flucht zu überreden, doch Cora musste schon mitansehen, was ihr Master mit geflüchteten und wieder eingefangenen Sklaven macht. Nur ihre eigene Mutter, die vor Jahren geflüchtet ist, konnte nicht wieder eingefangen werden. Als auf der Plantage eine neue Situation eintritt und Caesar von der Underground Railroad hört, einer unterirdischen Eisenbahn, die geflüchtete Sklaven in den Norden bringt, gelingt es ihm, Cora zur Flucht zu bewegen.

Colson Whiteheads mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Roman beruht auf der Annahme, dass es sich bei dem tatsächlich historischen Hilfsnetzwerk für geflüchtete Sklaven, der „Underground Railroad“, deren Name natürlich im übertragenen Sinne zu verstehen ist, wortwörtlich um eine unterirdisch fahrende Eisenbahn gehandelt hat. Ich muss gestehen, dass mich dies ein wenig abschreckte – warum ein solches „unmögliches“, magisches Element einbauen? Das Zeitalter der Sklaverei bietet doch auch ohne Verzerrungen der Geschichte genügend Material und Aufarbeitungsbedarf. Andererseits wurden und werden bereits zahlreiche andere Romane über ebendiese Geschichte geschrieben. Mir war vor Beginn der Lektüre nicht klar, was Colson Whitehead mit seiner alternativen Geschichtsfassung bezweckte, hat man das Buch gelesen, wird dies jedoch deutlich.

Cora landet bei ihrer langwierigen Flucht in die Freiheit an verschiedenen Stationen, South Carolina, North Carolina, Tennessee, Indiana, stets verfolgt von einem eingefleischten Sklavenjäger, dem sie mehrfach nur knapp entkommt. Auch in den anderen Staaten sieht die Situation etwas anders aus, als wir es aus der Geschichte kennen. In South Carolina etwa werden die Sklaven scheinbar wohlwollend aufgenommen, man gibt ihnen ein Bett (wenn auch in einem Schlafsaal) und eine gering bezahlte Arbeit, versorgt sie medizinisch. Wiegen sich die Geflüchteten dort erst einmal in Sicherheit, stellt sich bald heraus, dass die Weißen dort gar nicht primär am Wohlergehen der ehemaligen Sklaven interessiert sind, sondern diese vielmehr kontrollieren und für medizinische Versuche missbrauchen wollen. Der Gedanke an Zwangssterilisationen, Euthanasieprogramme und grausame Experimente durch Mengele und co. im 2. Weltkrieg liegt nicht fern.

Auch in den anderen Staaten findet Cora eine jeweils andere Situation vor – und eine andere Form von Rassismus. Colson Whiteheads Untergrundbahn fährt auf einer Reise durch die verschiedenen Ausprägungen des Rassismus:

„If you want to see what this nation is all about, you have to ride the rails. Look outside as you speed through, and you’ll find the true face of America.“ (Seite 262)

Deshalb die alternative Geschichte. So gesehen ist das eine ziemlich geniale Idee, die Colson Whitehead auch sprachlich ansprechend umgesetzt hat. Lediglich die letzte Begeisterung ist bei mir beim Lesen nicht aufgekommen. Nichtsdestotrotz ein faszinierendes Buch.

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