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Archive for the ‘Kurzgeschichten’ Category

(c) McClelland & Stewart

Info zu deutschen Ausgaben: Ich habe keine Übersetzung dieses speziellen Bandes gefunden, die gesammelten Kurzgeschichten von Alistair MacLeod sind jedoch unter dem Titel „Die Insel: Erzählungen“ erhältlich.

Auf Cape Breton Island in der kanadischen Provinz Novia Scotia leben vorwiegend Nachfahren schottischer Auswanderer, die während der Highland Clearances aus dem schottischen Hochland vertrieben wurden. Dieses Erbe prägte die Kultur der Insel entscheidend, man sprach lange noch Gälisch, was sich heute vor allem noch in der reichen Musiktradition widerspiegelt. Der 2014 leider verstorbene Autor Alistair MacLeod, der auf Cape Breton Island aufwuchs, lässt die Traditionen und die Lebensweise der Insel in seinen Werken aufleben.

Es kommt nicht häufig vor, dass ich gleich auf der allerersten Seite eines Buches zum Bleistift greife, um schöne Sätze zu unterstreichen. Dieses Buch ist so eines. Die Naturbeschreibungen von Alistair MacLeod kommen mit einer Wucht, einer unbändigen Kraft, die nahezu atemberaubend ist. Etwa die Beschreibung der Forellen in den fast ausgetrockneten Flüssen im Sommer:

„They are very unlike the leaping, spirited trout of spring, battling and alive in the rushing, clear, cold water; so electrically filled with movement that it seems no parasite could ever lodge within their flesh.“ (Seite 7)

Die kraftvolle Sprache ist jedoch keinesfalls auf Naturbeobachtungen beschränkt, sie tritt überall in Erscheinung, zieht sich durch das ganze Buch:

„The music causes the hair to bristle on the backs of our necks and brings out the wildness of our grief and dredges the depths of our dense dark sorrow.“ (Seite 14)

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt eine so eindrückliche Sprache genießen durfte. Thematisch beschäftigen sich die sieben Kurzgeschichten mit dem einfachen Leben auf der Insel, das durch Naturgewalten und den Kreislauf der Jahreszeiten geprägt ist, sowie den Traditionen, die weit in die Vergangenheit in Schottland zurückreichen. Die Geschichten sind dabei vor allem durch zwei zentrale Aspekte gekennzeichnet: Naturgewalten und Sterblichkeit bzw. Tod, letzterer auch im übertragenen Sinne bezogen auf das Aussterben der Traditionen, begleitet von einer wunderbaren Melancholie, die nie wehleidig wirkt, sondern nur bedauernd zur Kenntnis nimmt, dass die Zeiten sich ändern.

In der sprachlich besonders eindrucksvollen ersten Geschichte, „The Closing Down of Summer“, geht es beispielsweise um die Männer, die in der traditionellen Bergbauindustrie der Insel arbeiten und jederzeit mit Tod oder zumindest Verletzungen rechnen müssen, ein Fakt, der die Mentalität der Familien prägt:

„Yet we are not surprised or critical of each other, for she too is from a mining family and grew up largely on funds sent home by an absentee father. Perhaps we are but becoming our previous generation.“ (Seite 18)

Doch auch diese Tradition stirbt aus, auch weil die Väter nicht anders können, als ihren Söhnen von einer solchen Karriere abzuraten:

„And yet because it seems they will follow our advice instead of our lives, we will experience, in any future that is ours, only an increased sense of anguished isolation and an ironic feeling of confused bereavement.“ (Seite 23)

Die Kurzgeschichten von Alistair MacLeod sind ein wunderschönes sprachliches Juwel, das ich euch wärmstens ans Herz legen möchte. Noch nie hat ein Werk dieses Genres mich so beeindruckt zurückgelassen.

 

 

 

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(c) Vintage Classics

Deutscher Titel: Elf Arten der Einsamkeit

Wie entsteht Einsamkeit in der Gesellschaft? Welche Folgen hat Einsamkeit und wie kann es sein, dass man sich ständig unter Menschen befindet und doch einsam ist? Mit solchen Fragen beschäftigt sich dieser Kurzgeschichtenband des renommierten amerikanischen Autors. Das Buch enthält wie der Titel es vermuten lässt elf Kurzgeschichten, in denen das Thema Einsamkeit im Mittelpunkt steht, sei es Einsamkeit aufgrund eines geringen sozialen Status, einer unklug geschlossenen Ehe, Krankheit oder mangelnden Selbstbewusstseins.

Wer Richard Yates‘ großartigen Roman „Revolutionary Road“ (Zeiten des Aufruhrs) kennt, wird mit hohen Erwartungen an diese Kurzgeschichten herangehen. Tatsächlich können sie weder stilistisch noch inhaltlich an dieses Meisterwerk heranreichen, doch alle Geschichten haben mir auf ihre Weise gefallen und passten hervorragend in das gesellschaftskritische Gesamtkonzept des Bandes. Am besten gefallen hat mir wohl die zweite Geschichte, „The Best of Everything“, die frappierend deutlich zeigt, wie der gesellschaftliche und moralische Druck in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts dazu führte, dass Ehen zwischen gar nicht zueinander passenden Personen geschlossen wurden. Ich denke, mich hat diese Geschichte besonders angesprochen, da es sich um meine Elterngeneration handelt und ich unharmonische, aber, ebenfalls aufgrund der drohenden gesellschaftlichen Missbilligung, nie geschiedene Ehen aus dem Umfeld meiner Eltern kenne. Im Alter raufen sich solche Paare meistens wieder zusammen, in jüngeren Jahren konnte es aber zu einer wirklichen Einsamkeit in der Ehe führen, zumal die Frau zu dieser Zeit in der Regel eine reine Hausfrau war. In anderen Geschichten geht es beispielsweise um gesellschaftlich benachteiligte Kinder und von ihnen überforderte Lehrerinnen, kleine Angestellte, die aufgrund mangelnden Talents in der schon damals aufkeimenden Leistungsgesellschaft zum Scheitern verurteilt sind, oder äußerst fähige, sozial jedoch ungeschickte Offiziere der Armee.

Ein nicht großartiger, aber interessanter und stimmiger, gesellschaftskritischer Kurzgeschichtenband aus den USA der Fifties.

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(c) roof music

Gesprochen von: Karen Köhler, Sandra Hüller

Dauer: 4 h 46 min

Ich tue mich ja bekanntermaßen ein wenig schwer mit Kurzgeschichten. Und bei so gefeierten Büchern wie Karen Köhlers Erstling fürchte ich mich bisweilen schon davor, dass mir das Werk „zu hoch“ sein konnte. Das war zugegebenermaßen während der ersten fünf Minuten von Karen Köhlers Lesung am Stand der „Zeit“ auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse auch mein erster Eindruck. Doch als die Geschichte, die Karen Köhler als Beispiel vorlas, sich der Auflösung annäherte, machte es plötzlich *klick* und ich war begeistert. Zumal die Autorin auch noch sehr sympathisch ist.

Aufgrund meines überhohen Stapels ungelesener Bücher greife ich in letzter Zeit vor allem bei aktuelleren Büchern zur Hörbuchversion. Ich wusste, dass das bei diesem Buch funktionieren würde, da ich Karen Köhler ja schon daraus hatte lesen hören.

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Kurzgeschichten des Bandes das Thema „Verlust und Trauer“. Das klingt zunächst einmal für manche vielleicht etwas abschreckend, doch Karen Köhler vermag es, das Thema in unterhaltsame und gar nicht so dramatische Erzählungen zu verpacken. Die Geschichten hinterlassen beim Leser eher eine melancholische Stimmung, es sind keine Geschichten, die einen zum Weinen bringen. Ganz besonders hat auf mich die allerletzte Geschichte gewirkt, die ich sehr schön fand. Auf die Spitze treibt die Autorin es mit einer Reihe von Ultrakurzgeschichten, die erstaunlicherweise auch funktionieren. Ein Problem, das ich häufig bei Kurzgeschichten habe, die versuchen, auf wenigen Seiten eine Botschaft zu verbreiten, ist, dass sie häufig auf mich sehr konstruiert wirken. Auch das war bei „Wir haben Raketen geangelt“ nicht der Fall. Die Sprache würde ich als schnörkellos bezeichnen, wobei sich Karen Köhler dennoch einiger ungewöhnlicher Stilmittel bedient, etwa das Durchnummerieren einzelner Abschnitte, auf die man sich zuerst einmal einlassen muss, die dann aber durchaus funktionieren.

Was speziell das Hörbuch anbelangt, so zahlt es sich natürlich aus, dass die Autorin ausgebildete Schauspielerin ist. Ich muss gestehen, dass ich gar nicht sagen kann, welche Teile Sandra Hüller gelesen hat, die beiden scheinen eine recht ähnliche Stimme und Sprechweise zu haben. Gerade solchen Lesern, die sich wie ich schwer tun mit Kurzgeschichten, kann ich die Hörbuchversion sehr empfehlen.

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(c) Parlando

Sprecher: Christian Brückner

Dauer: 4 h 19 min

Amos Oz hat selbst in einem Kibbuz gelebt und in dieser Kurzgeschichtensammlung vermittelt er uns einen Eindruck davon, wie das Leben in einem Kibbuz in den 50er Jahren aussah. Es handelt sich dabei um einen fiktiven Kibbuz, also nicht um Erinnerungen des Autoren. Die einzelnen Geschichten haben jeweils eine andere Hauptperson, die jedoch in den weiteren Geschichten wieder als Nebenfigur auftauchen kann. Es geht dabei weniger um die Konflikte des noch jungen Staates Israel, obwohl natürlich am Rande durchaus auch Kriegsereignisse und beispielsweise das zerstörte Palästinenserdorf nahe des Kibbuz erwähnt werden, sondern um die ganz individuellen Menschen im Kibbuz, ihre verschiedenen Hintergründe, ihre Probleme, ihre Ansichten. Deutlich wird dabei, dass es im Kibbuz zwei Fraktionen gibt: einmal die Gründergeneration, die die Regeln des Kibbuz streng auslegt und marxistisch geprägt ist. Sie bestehen beispielsweise darauf, dass die Kinder im Kinderhaus schlafen und nicht bei ihren Eltern, und möchten durchsetzen, dass junge Leute, die studieren möchten, zuerst 3 Jahre im Kibbuz arbeiten sollen. Andererseits die meist Jüngeren, die diese Regeln auflockern möchten. Wir erfahren nicht, wie sich der Kibbuz weiter entwickelt, überhaupt können die offenen Enden der jeweiligen Geschichten gerade am Anfang ein wenig befremden, doch man gewöhnt sich daran, wenn man erkennt, dass das Buch ein Panorama des Lebens in einem Kibbuz darstellt und nicht eine abgeschlossene Geschichte.

Oz‘ von Mirjam Pressler wunderbar übersetzte Sprache ist klar, ruhig, sehr angenehm zu lesen bzw. in diesem Fall zu hören. Dazu trägt auch der ebenso ruhige Sprechstil Christian Brückners bei, der das Hörbuch zu einer runden Sache macht.

Ich kann dieses Buch, ob nun in Hörform oder als Printexemplar, auch jenen empfehlen, die sich wie ich selbst bisher nicht an Amos Oz gewagt haben, ich halte es für ein gutes Werk, um den Schriftsteller kennenzulernen. Und natürlich erfährt der Leser einiges über die Siedlungsform Kibbuz.

Mal sehen, ob ich mich als Nächstes an „Judas“ wage 🙂

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