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Archive for the ‘Literary Fiction’ Category

(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Alles, was wir geben mussten

England, ja, wann? Offenbar in den frühen Achtzigern. Im Internet Hailsham wachsen zahlreiche elternlose Kinder auf. Wir erfahren zunächst viel über unsere drei Protagonisten Kathy, Ruth und Tommy, die bald eine Art Beste-Freunde-Trio bilden. Von Anfang an ist klar, dass es mit dem Schicksal der Internatsschüler irgendwas Besonderes auf sich hat. Unterschwellig wissen dies auch die Kinder, doch sie schütteln es immer gleich wieder ab, es scheint, sie wollen gar nicht wissen, was die Zukunft für sie bereithält. Bis eine engagierte Lehrerin es nicht mehr aushält und die inzwischen zu Jugendlichen gewordenen Schüler aufklärt.

Als im Oktober Kazuo Ishiguro zum Nobelpreisträger für Literatur 2017 gekürt wurde, reagierten viele mit dem Kommentar „Endlich mal ein Nobelpreisträger, von dem ich etwas gelesen habe“! So war es auch bei  mir, ich hatte schon Ishiguros Meisterwerk „The Remains of the Day“ (Was vom Tage übrig blieb) als Hörbuch gehört und sehr genossen. Dass „Never Let Me Go“ ein ganz anderes Buch sein würde, war mir klar. Es handelt sich um einen Roman, der viel, ja sehr viel Diskussionsstoff bietet und bei dem die Sprache weniger bemerkenswert ist als in The Remains of the Day. Es gibt also sehr viel zu sagen über das Buch, gleichzeitig ist es sehr schwer, dies ohne Spoilern zu tun (wobei es von Anfang an viele Hinweise auf den wichtigsten Plot-Point gibt). Da ich durch einen Trailer für den Film (den ich aber noch nicht gesehen habe) gespoilert wurde, möchte ich das an dieser Stelle vermeiden. Ich werde jedoch einen nicht spoilerfreien Abschnitt hinzufügen, den ich entsprechend kennzeichnen werde.

Dass das Buch in der ersten Person verfasst ist (aus Kathys Sicht) ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Erzählerin vielleicht ein wenig unglücklich, doch meiner Ansicht nach gezielt gewählt, um den Leser ganz in die Situation der Protagonisten zu versetzen. Wir wissen im Verlauf des Buches stets genauso viel, wie diese wissen und das halte ich für wichtig, um das Handeln und die Einstellung der drei und ihrer Schulkameraden zu verstehen. Denn dieses könnte durchaus Verständnislosigkeit hervorrufen. Natürlich wird hiermit auch Spannung erzeugt, aber der Punkt ist, dass es dem Leser genauso geht, wie den Protagonisten. Es steckt viel Psychologie in dem Roman, was macht das Halbwissen um ihr Schicksal mit den Schülern und was die Erkenntnis darüber? Inwiefern befindet sich der Leser vielleicht in einer ähnlichen Situation. Es ist ungemein spannend, hierüber und über die moralischen Implikationen zu reflektieren. Allein deswegen ist das Buch schon lesenswert. Ich empfehle es allen und besonders Lesegruppen, denn es gibt viel zu bereden.

 

 

SPOILER-ALARM!

 

 

Im Grunde denke ich, dass die meisten wissen, worin es in dem Buch geht. Die Schüler sind Klone, die einzig erzeugt wurden, um im Erwachsenenalter ihre Organe nacheinander zu spenden bis zum Tod, der mit dem Euphemismus „Completen“ umschrieben wird. Es gibt mehrere Lesarten des Romans. Zunächst einmal kann man da sicher eine Kritik am Klonen, am „Gottspielen“ sehen. Die moralischen Fragen, die durch die Kombination des Klonens von Menschen mit Organspende aufgeworfen werden, sind höchstinteressant: So äußert Ruth an einer Stelle, dass sie wahrscheinlich alle Klone von schlechten Menschen sind, denn gute, erfolgreiche Menschen lassen sich doch nicht klonen! Dies führt zu einer weiteren Frage: Hat man vielleicht tatsächlich Kriminelle geklont, weil dies vielleicht für ein weniger schlechtes Gewissen in der Gesellschaft verursacht? Wie steht die Gesellschaft überhaupt zu dieser schrecklichen Praktik? Dies lässt Ishiguro größtenteils offen. Nur die Existenz und ein Gespräch mit einigen Lehrerinnen, die durch Sammeln der von den Klonen angefertigten Kunststücke auf die Menschlichkeit dieser hinweisen will, zeigt uns, dass die Sache nicht so ganz unumstritten ist. Doch bisher wurde den Klonen wohl jeglicher Wert als Mensch abgesprochen. Warum fügen sich die Schüler in ihr Schicksal, als sie die Wahrheit erfahren? Außer der Hoffnung, dass Paare vielleicht erreichen könnten, ein bisschen länger zu leben, gibt es keine Versuche, gegen die Ungerechtigkeit ihres Schicksals zu rebellieren. Und da kommt dann die zweite Lesart des Romans ins Spiel: Ist die ganze Konstellation möglicherweise eine Metapher für den Menschen im kapitalistischen Zeitalter? Erfüllen nicht die meisten von uns auch widerstandslos die Erwartungen, die bezüglich Bildung und Karriere gestellt werden? Hierzu passt die zunächst etwas merkwürdig erscheinende zeitliche Einordnung in die Achtziger -und Neunzigerjahre, die den Roman offenbar weniger zu einer Dystopie als zu einem Roman mit alternativer Geschichte machen. Oder eben zu einem Roman über unsere eigene Geschichte.

Hierin liegt die Bedeutung des Romans: Er liefert zahlreiche Denkanstöße und fordert uns auf, nichts, das wir nicht gut finden, uns aber normal erscheint, ohne Hinterfragen zu akzeptieren.

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(c) Penguin

Deutscher Titel: Das Herz ist ein einsamer Jäger

Eine kleine Stadt in den amerikanischen Südstaaten in den 30er Jahren. In einer lokalen Kneipe treffen fünf sehr verschiedene Menschen aufeinander. Der Gastwirt Biff verliert unerwartet seine Frau. Sein Kunde und Neuankömmling in der Stadt, Jake Blount, ist überzeugter Kommunist und auf der vergeblichen Suche nach Mitstreitern. Dr. Copeland ist eine Seltenheit in der Stadt, ein schwarzer Intellektueller, der sich durch seine Härte und seine Erwartungshaltung gegenüber seiner Familie von dieser entfremdet hat. Mick ist die jüngste unter den Protagonisten, die Dreizehnjährige muss meistens ihre jüngeren Geschwister hüten, nutzt aber jede freie Minute, um sich ihrer heimlichen Leidenschaft zu widmen: der Musik. Und dann ist da noch John Singer, der Taubstumme, dessen ebenfalls taubstummer Mitbewohner kürzlich aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten in ein Sanatorium gebracht wurde. Sie alle eint ein wesentlicher Zustand: der der Einsamkeit.

Carson McCullers Debütroman aus dem Jahre 1940 beginnt langsam, träge, man meint, die Südstaatenhitze förmlich zu spüren. Sie lässt sich Zeit damit, ihre Hauptpersonen einzuführen, wofür der Leser jedoch mit vielschichtigen, interessanten Charakteren belohnt wird. Von allen diesen Charakteren wird die junge Mick vielleicht am stärksten herausgearbeitet. Die Beschreibung ihrer Sehnsucht nach Musik lässt echtes, großes Talent vermuten, sie bringt sich auf dem Schulklavier selbst das Spielen bei, versucht, sich selbst eine Gitarre zu bauen und scheut sich nicht davor, abends im Dunkeln im Vorgarten der Nachbarn Radiokonzerte, die diese sich anhören, mitzuhören. Carson McCullers bedient sich bei der Beschreibung ihrer Charaktere einer wirklich wunderbaren, mitreißenden Sprache.

Folgender Satz ist bezeichnend:

„Wonderful music like this was the worst hurt there could be. The whole world was this symphony, and there was not enough of her to listen.“ (S. 116/117)

Mick ist wohl der zugänglichste der Charaktere, vor allem für junge Leser. Die Aussichtslosigkeit ihrer Situation, das Wissen, dass sie niemals ihre Liebe zur Musik so ausleben können wird, wie sie sollte, hat mich ganz besonders berührt.

Alle weiteren vier Charaktere sind auf ihre eigene Weise einsam, ich fühlte mich ein bisschen an den Kurzgeschichtenband „Eleven Kinds of Loneliness“ von Richard Yates erinnert, der sich desselben Themas annimmt.

Mick, Biff, Dr. Copeland und Blount besuchen regelmäßig den fünften Protagonisten, Singer, der sich als Taubstummer als besonders guter Zuhörer erweist, bei dem alle auf Verständnis stoßen und der ihnen die Einsamkeit ein wenig nimmt. Dabei vergessen sie jedoch Singers eigenen Kummer, seine Einsamkeit und die Sehnsucht nach dem einen Freund, der wiederum ihn verstand und der ihm genommen wurde. So ist Singer am Ende die einsamste Figur von allen.

Nach dem etwas zähen Beginn habe ich die letzten 100 Seiten des etwa 350 Seiten umfassenden Werks in einem Rutsch heruntergelesen, die Dialoge wurden intensiver, mein persönliches Highlight ist ein Streitgespräch zwischen dem Kommunisten Jake Blount und dem für die Rechte der Schwarzen einstehenden Dr. Copeland. Wie McCullers dies im zarten Alter von 23 Jahren schreiben konnte, fabelhaft.

Nicht gänzlich unerwähnt lassen kann ich, dass es (wenige) Stellen in dem Buch gibt, die auf mich als Schwarzen gegenüber gönnerhaft oder sogar rassistisch gewirkt haben, mir ist jedoch klar, dass diese typisch für ihre Zeit sind und als solche rezipiert werden müssen.

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(c) Penguin Random House

Auf Deutsch unter dem Titel „Underground Railroad“ bei Hanser erschienen

Georgia, Mitte des 19. Jahrhunderts: Cora ist eine Sklavin der dritten Generation und lebt auf einer Plantage mit einem besonders sadistischen Herren. Caesar, ein anderer Sklave, versucht mehrfach, Cora zur Flucht zu überreden, doch Cora musste schon mitansehen, was ihr Master mit geflüchteten und wieder eingefangenen Sklaven macht. Nur ihre eigene Mutter, die vor Jahren geflüchtet ist, konnte nicht wieder eingefangen werden. Als auf der Plantage eine neue Situation eintritt und Caesar von der Underground Railroad hört, einer unterirdischen Eisenbahn, die geflüchtete Sklaven in den Norden bringt, gelingt es ihm, Cora zur Flucht zu bewegen.

Colson Whiteheads mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Roman beruht auf der Annahme, dass es sich bei dem tatsächlich historischen Hilfsnetzwerk für geflüchtete Sklaven, der „Underground Railroad“, deren Name natürlich im übertragenen Sinne zu verstehen ist, wortwörtlich um eine unterirdisch fahrende Eisenbahn gehandelt hat. Ich muss gestehen, dass mich dies ein wenig abschreckte – warum ein solches „unmögliches“, magisches Element einbauen? Das Zeitalter der Sklaverei bietet doch auch ohne Verzerrungen der Geschichte genügend Material und Aufarbeitungsbedarf. Andererseits wurden und werden bereits zahlreiche andere Romane über ebendiese Geschichte geschrieben. Mir war vor Beginn der Lektüre nicht klar, was Colson Whitehead mit seiner alternativen Geschichtsfassung bezweckte, hat man das Buch gelesen, wird dies jedoch deutlich.

Cora landet bei ihrer langwierigen Flucht in die Freiheit an verschiedenen Stationen, South Carolina, North Carolina, Tennessee, Indiana, stets verfolgt von einem eingefleischten Sklavenjäger, dem sie mehrfach nur knapp entkommt. Auch in den anderen Staaten sieht die Situation etwas anders aus, als wir es aus der Geschichte kennen. In South Carolina etwa werden die Sklaven scheinbar wohlwollend aufgenommen, man gibt ihnen ein Bett (wenn auch in einem Schlafsaal) und eine gering bezahlte Arbeit, versorgt sie medizinisch. Wiegen sich die Geflüchteten dort erst einmal in Sicherheit, stellt sich bald heraus, dass die Weißen dort gar nicht primär am Wohlergehen der ehemaligen Sklaven interessiert sind, sondern diese vielmehr kontrollieren und für medizinische Versuche missbrauchen wollen. Der Gedanke an Zwangssterilisationen, Euthanasieprogramme und grausame Experimente durch Mengele und co. im 2. Weltkrieg liegt nicht fern.

Auch in den anderen Staaten findet Cora eine jeweils andere Situation vor – und eine andere Form von Rassismus. Colson Whiteheads Untergrundbahn fährt auf einer Reise durch die verschiedenen Ausprägungen des Rassismus:

„If you want to see what this nation is all about, you have to ride the rails. Look outside as you speed through, and you’ll find the true face of America.“ (Seite 262)

Deshalb die alternative Geschichte. So gesehen ist das eine ziemlich geniale Idee, die Colson Whitehead auch sprachlich ansprechend umgesetzt hat. Lediglich die letzte Begeisterung ist bei mir beim Lesen nicht aufgekommen. Nichtsdestotrotz ein faszinierendes Buch.

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(c) Orion

Ich habe leider keine Informationen zu einer geplanten deutschen Ausgabe gefunden.

Minnesota in den 80ern. Linda ist 14 und lebt mir ihren Eltern an einem See in den Wäldern in einer Hütte, die einmal das Zentrum einer Art Hippie-Community bildete. Nicht nur ihr abgelegener Wohnort macht sie zur Einzelgängerin, an der Schule wird sie schon mal „Freak“ genannt. Als an der gegenüberliegenden Seite des Sees eine kleine Familie einzieht, freundet Linda sich mit der jungen Mutter Patra an und beginnt, den vierjährigen Sohn Paul babyzusitten.

Schon früh in Emily Fridlunds Debütroman erfährt der Leser, dass irgendetwas in Lindas Beziehung zu der Nachbarsfamilie schief gelaufen sein muss. Eine ganze Zeit lang bleibt unklar, was genau passiert ist und was die Ursache dafür war. Es ist von einem Prozess die Rede. Linda berichtet uns als Ich-Erzählerin von den Ereignissen, die etwa 20 Jahre zurückliegen. Zwischendurch springt sie dabei etliche Male in ihre eigene Gegenwart und erzählt von ihrem aktuellen Leben. Und da setzt  mein erster Kritikpunkt an, die in der Gegenwart angesiedelten Passagen empfand ich als unnötig, uninteressant und störend. Mag sein, dass Fridlund herausstellen wollte, dass Linda auch heute noch eine einsame Wölfin ist, dafür hätte aber meiner Meinung nach weniger Text aufgewendet werden müssen. Die einsame Wölfin, die Anschluss an ein Rudel sucht, das ist Linda und sie trifft mit dieser Motivation Entscheidungen, von denen sie im Grunde schon zum jeweiligen Zeitpunkt wusste, dass sie falsch waren. Entsprechend lautet der Untertitel des Buches: „How far would you go to belong“. Etwa in der Hälfte des Buches erfährt der Leser, was in der Familie nicht stimmt. Ich möchte hier nichts dazu sagen, das wäre meiner Ansicht nach ein Spoiler. Ich hatte etwas anderes vermutet. In jedem Fall ist es ein sehr spannendes Thema, das viel Diskussionspotenzial geboten hätte. Ich war nach Abschluss des Buches enttäuscht, dass dieses Potenzial nicht ausgeschöpft wurde. Ich sehe ein, dass Fridlunds zentrales Thema Lindas Einsamkeit war und nicht das, was mit Paul passiert ist. Dennoch hätte ich mir mehr darüber gewünscht und die Enttäuschung besteht nun mal. Mit Lindas Einsamkeit und ihrer Bereitschaft zu ungewöhnlichem Verhalten beschäftigt sich auch ein untergeordneter Handlungsstrang, der sich um eine Mitschülerin und einen Lehrer Lindas dreht. Der Lehrer entpuppt sich als mutmaßlicher Pädophiler, die Mitschülerin als möglicherweise clevere Nutznießerin. Trotzdem sucht Linda den Kontakt mit beiden.

Sehr gelungen an dem Roman ist die Atmosphäre, die Fridlund schafft, ihre Sprache ist gefällig, sodass ich sicher weitere Bücher von der Autorin lesen würde. Dennoch hinterlässt mich das Buch unbefriedigt, da ich mir mehr Fokus auf das erwähnte Thema gewünscht hätte. Natürlich aber muss man Fridlund die Konzentration auf ihren eigenen Schwerpunkt zugestehen, der ja durchaus interessant ist. Daher tue ich mich ein wenig schwer mit der Bewertung des Buches und ziehe nach vielem Überlegen meine „Abwertung“ von 4 auf 3,5 Sterne zurück.

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Penguin Audio

Deutscher Titel: ebenfalls „Swing Time“

Sprecherin: Pippa Bennett-Warner

Dauer: 13 h 44 min

London in den 80ern. Unsere namenlose Protagonistin und ihre beste Freundin Tracey wachsen in einem ärmlichen Londoner Viertel auf, haben aber beide zwar arme, jedoch ganz unterschiedliche Familien. Die Mutter der Protagonistin ist ehrgeizig (sie bildet sich mithilfe der Open University weiter), marxistisch, betont ihre afrikanisch-exotische Schönheit ganz bewusst nicht und wirkt umso eindrucksvoller. Ihr Mann ist im Gegensatz dazu ein Familienmensch, der vor allem gerne für seine Tochter da ist. Traceys weiße Mutter ist liederlich, schmeißt nicht vorhandenes Geld hinaus und ist stolz auf ihre hübsche und talentierte Tochter, sieht in ihr die Chance auf Verwirklichung ihrer Träume. Traceys Vater kümmert sich die meiste Zeit nicht um die Familie und ist angeblich Background-Tänzer bei Michael Jackson. Die beiden Mädchen verbindet vor allem ihre Liebe zum Tanz und der Tanzschule, die sie gemeinsam besuchen. Doch während unsere Protagonistin im Laufe der Zeit erkennen muss, dass Tracey die talentiertere der beiden ist, entwickelt diese zugleich Verhaltensweisen, die ein ungutes Gefühl hinsichtlich ihrer Zukunft hinterlassen.

Mit dieser Inhaltsangabe habe ich mich schwer getan, was daran liegt, dass sie unvollständig ist. Denn während der ganze erste Teil des Romans sich ganz um die Freundschaft und die Entwicklung der Mädchen vor schwierigem sozialen Hintergrund dreht, kommt später plötzlich ein Cut: Die Protagonistin ist erwachsen, arbeitet für einen Madonna-verschnittigen Superstar und Tracey … ja, wo ist Tracey?

Die Geschichte um die beiden Mädchen sog mich problemlos in ihren Bann. Da war viel Potenzial für interessante Entwicklungen: die der Mädchen voneinander weg und der Einfluss ihrer familiären Hintergründe hierauf. Das, was die beiden vereint, der Tanz, hätte auch Möglichkeiten geboten. Leider schöpft Zadie Smith diese nicht aus, sondern baut einen zweiten Handlungsstrang um die Arbeit der Ich-Erzählerin für den Popstar Aimee auf. Und der ist, das muss ich so krass sagen, absolut langweilig, vor allem, solange er sich auf London und Amerika beschränkt. Als Aimee eine Mädchenschule in Afrika bauen lässt und die Ich-Erzählerin sich darum kümmern muss, wird es wieder etwas interessanter, doch auch hier werden Potenziale nicht ausgenutzt, können auch nicht richtig genutzt werden, denn der Leser fragt sich immer wieder, „Ja, aber wie ging das damals weiter mit Tracey?“ Nach einem ganzen Stück, das sich nur um Aimee dreht, springt Smith dann zwischendurch immer wieder zurück in die Jugend der Mädchen, um deren Entwicklung bis zum aktuellen Stand fertigzuerzählen. Ich habe keine Probleme mit Zeitsprüngen, wenn sie gut gemacht sind. Waren sie hier leider nicht. Mir ist klar, wieso Smith dieses Plot-Device einsetzt und was die ganze Afrika-Geschichte bezweckt, die Kritik an der sogenannten „Vanity Charity“ ist deutlich, hinterfragt die Motive der Stars und deckt auf, dass die Hilfsprojekte häufig wenig Effekt haben. Doch erzählerisch gut umgesetzt ist dies leider nicht. Zu stark hallen die guten ersten Kapitel nach, davon will man als Leser mehr, bekommt aber in der Folge nur noch Fetzen davon.

Zadie Smith kann schreiben, hat interessante Themen, doch sie hätte sich in diesem Buch auf eine Sache konzentrieren sollen. Sie wollte da wohl einfach zu viel. Auch das Ende des Buches wirkt eher frustrierend, da es eben mehr mit dem Aimee-Handlungsstrang zu tun hat als mit der Freundschaftsgeschichte.

Pippa-Bennett Warner hat eine angenehme Stimme und macht ihre Sache gut, zeichnet sich aber auch nicht durch irgendwelche Besonderheiten aus.

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Faber & Faber

Die deutsche Ausgabe soll 2018 im Seidl-Verlag erscheinen.

Amerika um 1850: Thomas McNulty und John Cole sind noch Teenager, müssen sich jedoch schon allein durchs Leben schlagen. Sie sind nicht nur Freunde, sondern haben ineinander ihren Seelenpartner gefunden. Zunächst nutzen sie ihre Jugend und ihr gutes Aussehen, um im Saloon einer Bergarbeiterstadt in Frauenkleidern mit den Arbeitern zu tanzen, wofür sie vom Saloonbesitzer bezahlt werden. Später treten beide der Armee bei und kämpfen zunächst in den Indianerkriegen und dann im amerikanischen Bürgerkrieg.

Ich möchte zunächst auf den völlig irreführenden Klappentext des Buches eingehen. Dieser erwähnt mit keinem Wort, dass es sich bei diesem Roman um eine schwule Liebesgeschichte handelt, sondern lässt eher vermuten, dass den Leser ein Liebesdreieck erwartet. Ich habe bereits mehrere Videos von Booktubern gesehen, die diese Vermarktung des Romans monieren, was bezweckt der Verlag damit? Da kommt doch der Verdacht auf, dass man keine Leser verprellen will, die ein Problem mit der homosexuellen Ausrichtung des Buchs haben. Nun denn, ich wusste vorher, worum es in dem Buch geht, auch dass Sebastian Barry sein Buch seinem schwulen Sohn gewidmet hat, der wohl schon Erfahrungen mit Homophobie gemacht hat.

Sebastian Barrys wunderbaren Schreibstil hatte ich schon in The Secret Scripture kennengelernt, das mir lediglich inhaltlich nicht so sehr gefallen hat. Days Without End ist ein ganz anderes Buch. Thomas McNulty, der interessanterweise den gleichen Nachnamen wie die Protagonistin aus The Secret Scripture hat und wie diese aus Sligo stammt, ist der Ich-Erzähler, dessen Sprache seinen geringen Bildungsstand widerspiegelt. Dennoch schafft Barry es, ihm wunderschöne Sätze und Formulierungen in den Mund zu legen:

„The men hunched around, talking with the gaiety of souls about to eat plentifully, with the empty dark country about us, and the strange fabric of frost and frozen wind falling on our shoulders, and the great black sky of stars above us like a huge tray of gems and diamonds.“ (Seite 26)

Sprachlich ist das Buch ein Leckerbissen. Thematisch beschäftigt sich das Buch mit der Willkür und der Grausamkeit des Vorgehens der US-Armee gegen die Indianer sowie des Bürgerkriegs, mit der Unabhängigkeit von echter Liebe von Genderidentität und Abstammung. Thomas und John treffen nicht auf Homophobie, sodass Thomas, der irgendwann feststellt, dass er sich in weiblicher Kleidung wohler fühlt, völlig mühelos zwischen verschiedenen „Rollen“ wechselt. Während er in der Armee ist, trägt er ganz selbstverständlich Soldatenkleidung.

„I feel a woman more than I ever felt a man, though I were a fighting man most of my days.“ (Seite 273)

Ich habe Sebastian Barrys Roman auf goodreads 4 Sterne gegeben und frage mich gerade, warum eigentlich nicht 5? Stellenweise fand ich die Schlachtszenen offen gestanden ein bisschen langweilig, ein anderer Leser hat mich jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass sich Barrys Schlachtszenen im Gegensatz zu heroisierenden Schilderungen den Schwerpunkt ganz auf die Grausamkeit und die Ungerechtigkeit legen.

Days Without End ist poetisch, ohne kitschig zu werden, die erzählte Geschichte ist spannend und Thomas ist eine starke Identifikationsfigur für den Leser. Ich habe bisher nur 3 Bücher von der diesjährigen Longlist des Man Booker Prize gelesen, von diesen war es stärkste. Ich habe keine Kritikpunkte, die den Abzug eines ganzen Sternes rechtfertigen, es fehlte lediglich noch irgendetwas für absolute Begeisterung. Daher vergebe ich 4,5 Sterne für dieses schöne Buch, das ich auf jeden Fall auf der Shortlist sehe.

 

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(c) Bloomsbury

Ich konnte noch keine Informationen zu einer deutschsprachigen Veröffentlichung finden.

Washington im Februar 1862: Willie, der Sohn des Präsidenten der Vereinigten Staaten Abraham Lincoln verstirbt im Alter von 11 Jahren an Typhus. Der Präsident und seine Frau sind untröstlich. Mehrfach begibt Lincoln sich auf den Friedhof, um den kleinen Jungen noch einmal in den Armen zu halten. Doch er ist nicht allein auf dem Friedhof. Die Seelen zahlreicher Verstorbener bewohnen den Friedhof. Sie befinden sich im Bardo, der nach tibetisch-buddhistischer Vorstellung eine Zwischenexistenz zwischen Diesseits und Jenseits darstellt. Sie ahnen im Innersten, dass sie tot sind, weigern sich jedoch, dies anzuerkennen. Als die Seele des kleinen Willie im Bardo eintrifft, beratschlagen sie, was sie für ihn tun können.

Für mich war George Saunders‘ erster Roman auch die erste Lektüre dieses Autors, daher war ich nicht mit seinem experimentellen Stil vertraut. Ich hatte jedoch in einigen Rezensionen gelesen, dass es sich hier um ein höchst ungewöhnliches Werk handelt. Tatsächlich war ich gleich auf der ersten Seite verwirrt: Wer ist denn hier der Erzähler? Irgendwann taucht der Name „hans vollmann“ auf. Die Suchmaschine führte mich zu einem Artikel im New Yorker, in dem das Konzept des Buches erläutert wird. Nach der Lektüre dieses Artikels fand ich mich in dem Buch zurecht. Hans Vollmann ist einer der Verstorbenen, die auf dem Oak Hill Cemetery in Washington im Bardo verweilen. Diese Verstorbenen sind die Erzähler des Romans, ähnlich wie in einem Drama kommen sie abwechselnd zu Wort und wer gerade sprach, wird hinter der jeweiligen Passage angegeben. Diese Kapitel erinnern daher an ein Drama, ja, an ein altgriechisches Drama, denn die Stimmen ergeben zusammen einen Chor. (Von selbst bin ich darauf ehrlich gesagt nicht gekommen, bei diesem Buch lohnt es sich, im Netz ein wenig die Hintergründe zu recherchieren.)  Unterbrochen wird der Chor durch Kapitel, in denen Auszüge aus (fiktiven?) historischen Zeugnissen Lincoln und seine Familie sowie die Krankheit und den Tod des Kindes beschreiben. Erstaunt war ich, auch in diesem Buch wieder auf das Thema der unzuverlässigen Geschichtsschreibung zu stoßen. So wird die Mondphase in der Nacht von Willies Tod einmal als Halbmond, mal als Neumond, mal als Vollmond beschrieben. Auch die Aussagen zum Äußeren von Abraham Lincoln widersprechen sich drastisch, was zeigt, wie stark geschichtliche Zeugnisse von der individuellen Wahrnehmung abhängen.

Die Themen, die Lincolns Leben bestimmten, kommen durch den Chor zur Sprache: die sehr rührend beschriebene Trauer des Präsidenten, der Bürgerkrieg, die Tatsache, dass viele Bürger es Lincoln sehr übel nahmen, dass er ihre Söhne wegen Sklaven in den Tod schickte und natürlich auch die Sklaverei selbst. Interessant ist, dass einer der Schwarzen im Chor die eloquenteste Sprache aufweist.

Die Struktur des Romans macht ihn besonders interessant, die Sprache ist wunderbar und der immer wieder aufblitzende Humor von George Saunders, der sich vor allem in der Weigerung der Seelen äußert, ihren Tod zu akzeptieren, gefiel mir sehr. Nach einer Weile wurde das Lesen jedoch ermüdend für mich, die Begeisterung und der Lesegenuss ließen nach. Obwohl die Seiten nicht eng beschrieben und das Buch daher nicht sehr umfangreich ist, war ich froh, als ich das Ende erreicht hatte. Mein Fazit ist, dass das Buch wahnsinnig interessant gemacht und sprachlich meisterhaft geschrieben ist, jedoch nur begrenzt zugängig.

Aufgrund dieser mangelnden Zugänglichkeit sehe ich das Buch durchaus auf der Shortlist, aber nicht unbedingt als Sieger.

P.S.: Die Hörbuchadaptation des Romans scheint sehr interessant zu sein, da ein ganzes Ensemble von Schauspielern die Rolle des Chors übernimmt.

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