Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘literaturnobelpreis’ Category

(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Alles, was wir geben mussten

England, ja, wann? Offenbar in den frühen Achtzigern. Im Internet Hailsham wachsen zahlreiche elternlose Kinder auf. Wir erfahren zunächst viel über unsere drei Protagonisten Kathy, Ruth und Tommy, die bald eine Art Beste-Freunde-Trio bilden. Von Anfang an ist klar, dass es mit dem Schicksal der Internatsschüler irgendwas Besonderes auf sich hat. Unterschwellig wissen dies auch die Kinder, doch sie schütteln es immer gleich wieder ab, es scheint, sie wollen gar nicht wissen, was die Zukunft für sie bereithält. Bis eine engagierte Lehrerin es nicht mehr aushält und die inzwischen zu Jugendlichen gewordenen Schüler aufklärt.

Als im Oktober Kazuo Ishiguro zum Nobelpreisträger für Literatur 2017 gekürt wurde, reagierten viele mit dem Kommentar „Endlich mal ein Nobelpreisträger, von dem ich etwas gelesen habe“! So war es auch bei  mir, ich hatte schon Ishiguros Meisterwerk „The Remains of the Day“ (Was vom Tage übrig blieb) als Hörbuch gehört und sehr genossen. Dass „Never Let Me Go“ ein ganz anderes Buch sein würde, war mir klar. Es handelt sich um einen Roman, der viel, ja sehr viel Diskussionsstoff bietet und bei dem die Sprache weniger bemerkenswert ist als in The Remains of the Day. Es gibt also sehr viel zu sagen über das Buch, gleichzeitig ist es sehr schwer, dies ohne Spoilern zu tun (wobei es von Anfang an viele Hinweise auf den wichtigsten Plot-Point gibt). Da ich durch einen Trailer für den Film (den ich aber noch nicht gesehen habe) gespoilert wurde, möchte ich das an dieser Stelle vermeiden. Ich werde jedoch einen nicht spoilerfreien Abschnitt hinzufügen, den ich entsprechend kennzeichnen werde.

Dass das Buch in der ersten Person verfasst ist (aus Kathys Sicht) ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Erzählerin vielleicht ein wenig unglücklich, doch meiner Ansicht nach gezielt gewählt, um den Leser ganz in die Situation der Protagonisten zu versetzen. Wir wissen im Verlauf des Buches stets genauso viel, wie diese wissen und das halte ich für wichtig, um das Handeln und die Einstellung der drei und ihrer Schulkameraden zu verstehen. Denn dieses könnte durchaus Verständnislosigkeit hervorrufen. Natürlich wird hiermit auch Spannung erzeugt, aber der Punkt ist, dass es dem Leser genauso geht, wie den Protagonisten. Es steckt viel Psychologie in dem Roman, was macht das Halbwissen um ihr Schicksal mit den Schülern und was die Erkenntnis darüber? Inwiefern befindet sich der Leser vielleicht in einer ähnlichen Situation. Es ist ungemein spannend, hierüber und über die moralischen Implikationen zu reflektieren. Allein deswegen ist das Buch schon lesenswert. Ich empfehle es allen und besonders Lesegruppen, denn es gibt viel zu bereden.

 

 

SPOILER-ALARM!

 

 

Im Grunde denke ich, dass die meisten wissen, worin es in dem Buch geht. Die Schüler sind Klone, die einzig erzeugt wurden, um im Erwachsenenalter ihre Organe nacheinander zu spenden bis zum Tod, der mit dem Euphemismus „Completen“ umschrieben wird. Es gibt mehrere Lesarten des Romans. Zunächst einmal kann man da sicher eine Kritik am Klonen, am „Gottspielen“ sehen. Die moralischen Fragen, die durch die Kombination des Klonens von Menschen mit Organspende aufgeworfen werden, sind höchstinteressant: So äußert Ruth an einer Stelle, dass sie wahrscheinlich alle Klone von schlechten Menschen sind, denn gute, erfolgreiche Menschen lassen sich doch nicht klonen! Dies führt zu einer weiteren Frage: Hat man vielleicht tatsächlich Kriminelle geklont, weil dies vielleicht für ein weniger schlechtes Gewissen in der Gesellschaft verursacht? Wie steht die Gesellschaft überhaupt zu dieser schrecklichen Praktik? Dies lässt Ishiguro größtenteils offen. Nur die Existenz und ein Gespräch mit einigen Lehrerinnen, die durch Sammeln der von den Klonen angefertigten Kunststücke auf die Menschlichkeit dieser hinweisen will, zeigt uns, dass die Sache nicht so ganz unumstritten ist. Doch bisher wurde den Klonen wohl jeglicher Wert als Mensch abgesprochen. Warum fügen sich die Schüler in ihr Schicksal, als sie die Wahrheit erfahren? Außer der Hoffnung, dass Paare vielleicht erreichen könnten, ein bisschen länger zu leben, gibt es keine Versuche, gegen die Ungerechtigkeit ihres Schicksals zu rebellieren. Und da kommt dann die zweite Lesart des Romans ins Spiel: Ist die ganze Konstellation möglicherweise eine Metapher für den Menschen im kapitalistischen Zeitalter? Erfüllen nicht die meisten von uns auch widerstandslos die Erwartungen, die bezüglich Bildung und Karriere gestellt werden? Hierzu passt die zunächst etwas merkwürdig erscheinende zeitliche Einordnung in die Achtziger -und Neunzigerjahre, die den Roman offenbar weniger zu einer Dystopie als zu einem Roman mit alternativer Geschichte machen. Oder eben zu einem Roman über unsere eigene Geschichte.

Hierin liegt die Bedeutung des Romans: Er liefert zahlreiche Denkanstöße und fordert uns auf, nichts, das wir nicht gut finden, uns aber normal erscheint, ohne Hinterfragen zu akzeptieren.

Advertisements

Read Full Post »

(c) Piper

Übersetzung aus dem Russischen: Ingeborg Kolinko

In der Nähe der nordukrainischen Städte Prypjat und Tschernobyl geschieht im April 1986 das Undenkbare, der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall: Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodiert nach einem misslungenen Experiment. Die Feuerwehrleute, die noch in der Unglücksnacht ohne jede Schutzkleidung auf dem Reaktordach arbeiteten, überlebten keine 2 Wochen – der Auftakt eines Jahre und Jahrzehnte andauernden Sterbens der Bewohner des Katastrophengebiets und der Helfer, der sogenannten Liquidatoren. 30 Jahre später ist der Sarkophag, der den Unglücksreaktor umhüllt, marode, ein neuer Sarkophag ist in Arbeit. Doch die Umgebung des Reaktors ist nach wie vor verseucht, Prypjat ist eine Geisterstadt.

Die weißrussische Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat sich darauf spezialisiert, ihren Lesern historische Katastrophen nahezubringen, indem sie Betroffene interviewt und ihre Berichte literarisch umsetzt. Die Erfahrungsberichte aus „Tschernobyl“ stammen aus dem Jahr 1996, als das Unglück erst 10 Jahre her war, aber die Langzeitfolgen schon deutlich sichtbar. Zunächst nennt die Autorin einige Fakten, mir war tatsächlich nicht bewusst, wie nahe Tschernobyl an der weißrussischen Grenze liegt und dass 70 % der verseuchten Gebiete auf weißrussischem Boden liegen. Dieser Teil des Buches ist jedoch kurz gehalten, es geht hier um die Menschen, und diese kommen nun zu Wort. Gleich der erste, lange Erfahrungsbericht hat mich, so schrecklich wie er ist, absolut gefesselt, ihn zu lesen, ist wie das Unglück und die unmittelbare Zeit danach hautnah mitzuerleben. Die Stimme gehört der Frau eines Feuerwehrmannes, die trotz Schwangerschaft bis zuletzt ihrem tödlich verstrahlten Mann beistand.

„Er veränderte sich. Jeden Tag traf ich auf einen anderen Mann … Die Verbrennungen traten zutage … Im Mund, auf der Zunge, auf den Wangen … Zuerst kleine Bläschen, die größer wurden … Die Schleimhaut löste sich in Schichten ab … in weißen Häutchen (S. 27/28)

„Er ist kein Mensch mehr, sondern ein Reaktor. Ihr verbrennt noch zusammen.“ (S. 31)

Es folgen weitere Erfahrungsberichte, die Alexijewitsch als „Monologe“, im Falle mehrerer Personen als „Chöre“ bezeichnet. Alle Typen von Betroffenen kommen zu Wort, Eltern verstrahlter, verstorbener Kinder, Liquidatoren, Politiker, Wissenschaftler, Kinder, Rückkehrer.

Die Schilderungen machen viel mehr als betroffen, sie sind unfassbar, etwa wenn man erfährt, dass das Unglück in Weißrussland von vielen Seiten vertuscht wurde, während in der Ukraine längst evakuiert wurde. Dass viele Liquidatoren ohne annähernd ausreichende Schutzkleidung ins Unglücksgebiet geschickt wurden. Wie fatalistisch deren Einstellung oft war, sich einerseits einer unheimlichen Gefahr bewusst, andererseits diese völlig ignorierend. Wie viele Rückkehrer der Meinung sind, bei ihnen sei alles in Ordnung. Man kann die Radioaktivität ja nicht sehen.

„Man kann nicht ständig in Angst leben, das hält der Mensch nicht aus, nach einer gewissen Zeit lebt er normal weiter.“

Wir erfahren, wie sehr der sowjetische Geist zur Vertuschung des Unglücks beitrug – sowjetische Technik war die beste der Welt, so ein Unglück durfte nicht geschehen sein! Wie sehr die Verhältnisse nach dem Unglück an Kriegszeiten erinnerten.

Das Reaktorunglück von Tschernobyl ist das beste Argument gegen die Nutzung der Atomkraft und darf nie in Vergessenheit geraten. Vor allem jüngere Menschen, die 1986 noch nicht geboren waren oder zu jung, können anhand dieses Buches erfahren, was damals mit den Menschen passierte, was nicht heißen soll, dass alle älteren es nicht lesen sollten!

Nie ist Geschichte so eindringlich, als wenn wir sie aus der Sicht des Einzelnen, des Betroffenen erleben. In Swetlana Alexijewitschs Worten:

„Schicksal ist das Leben des einzelnen, Geschichte – das Leben von uns allen. Ich möchte Geschichte so erzählen, daß dabei das Schicksal nicht aus dem Blickfeld gerät …  der einzelne …“ (Seite 50)

Das macht Swetlana Alexijewitschs Bücher so wertvoll. Es ist ihre Leistung, die verschiedenen Stimmen aus der Bevölkerung zusammenzubringen, sie zu formulieren und zusammenzusetzen wie eine Komposition, die beim Leser den größtmöglichen Eindruck erweckt. Ihr Werk hat es vollkommen verdient, durch den Literaturnobelpreis möglichst viel Aufmerksamkeit zu erfahren.

Read Full Post »