Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘natur’ Category

(c) Penguin

Deutscher Titel: Naturgeschichte der Gespenster: Eine Beweisaufnahme (Naturkunden), erschienen im Verlag Matthes & Seitz Berlin

Dass ich diesen Artikel ausgerechnet heute veröffentliche ist tatsächlich Zufall, aber ein schöner 😉

Kaum jemand kann sich Grusel- und Geistergeschichten wirklich entziehen, selbst wer die Existenz des Übernatürlichen konsequent ablehnt, kennt sicher doch diesen angenehmen Schauer, der uns bei gruseligen Geschichten und Berichten über den Rücken läuft. Nicht umsonst ist die britische Reality-TV-Sendung „Most Haunted“ so beliebt, zumal in dem Land, Großbritannien nämlich, das wohl über die meisten Spukorte weltweit verfügt. Roger Clarke geht so weit, den Geisterglauben als eine Art Ersatzreligion im ansonsten immer stärker säkularisierten Westen, speziell Großbritannien, zu betrachten:

„Belief in the paranormal has become a form of decayed religion in secular times: ghosts are the ghosts of religion itself“. (Seite 291)

Dieser Satz lässt schon ahnen: Roger Clarke ist kein total abgehobener Freak, der seine Leser zum Übersinnlichen bekehren möchte. Vielmehr ist der Journalist seit seiner Jugend ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Geistererscheinungen, der uns mit dem vorliegenden Buch einen Überblick über deren Geschichte liefert, in den geschilderten Fällen kann er auch meistens gleich die Auflösung anbieten (was mancher Leser, durchaus auch ich, manchmal ein bisschen schade finden mag).

Gleich zu Beginn des Werks stellt Clarke dar, um was es in dem Buch nicht geht: um die Frage, ob Geister existieren. Es gibt zu viele belegte Fälle von Geistererscheinungen, um ihre Existenz gänzlich leugnen zu können. Clarke will vielmehr erklären, was hinter solchen Phänomenen steckt. Für diese nennt er einige Beispiele, dir mir wirklich haben die Haare zu Berge stehen lassen und mir eine schlaflose Nacht verschafft haben (ich bin da eventuell ein klitzekleines bisschen empfänglich…)

Das zweite Kapitel, „A Taxonomy of Ghosts“, fand ich ganz besonders interessant und hilfreich, liefert es doch eine genaue Klassifizierung der verschiedenen Geistererscheinungen. Es folgt ein Kapitel über verschiedene berühmte Geisterjäger im Verlauf der Geschichte. Die weiteren Kapitel behandeln einzelne berühmte Fälle von Heimsuchungen, beginnend mit einem klassischen Spukhaus im 18. Jahrhundert.

Ich muss sagen, dass ich diese Kapitel nicht mehr ganz so fesselnd fand wie die Eingangskapitel, was aber schlicht daran liegt, dass mich in diesem Fall ausnahmsweise weniger die Geschichte interessiert als heute existierende Spukvorkommnisse und heimgesuchte Plätze. Dennoch habe ich mich gerade aufgrund des sachlichen Vorgehens des Autors kaum getraut, das Buch im Bett zu lesen. Roger Clarke erscheint sowohl kundig als auch glaubhaft.

Wie bereits erwähnt konnten die meisten der besprochenen Fälle tatsächlich aufgelöst werden, was jedoch nicht bedeutet, dass Roger Clarke die Existenz von Geistern widerlegt. Ich interpretiere das Buch eher so, dass es solche Phänomene gibt und dass wir vielleicht einfach in vielen Fällen noch nicht entdeckt haben, was in wissenschaftlicher Hinsicht dahinter steckt. Im Verlauf der Geschichte gab es immer wieder Entdeckungen und Auflösungen für bis dahin Unerklärbares. Man stelle sich vor, wie ein Mensch aus dem Mittelalter oder aus noch früheren Zeiten auf einen Fernseher oder gar Computer reagieren würde. Eine sehr spannende Frage, wie ich finde, auch in psychologischer Hinsicht. Ein empfehlenswertes Buch.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes Halloween, oder, wie ich persönlich eher nenne, schönes Samhain!

Advertisements

Read Full Post »

(c) Orion

Ich habe leider keine Informationen zu einer geplanten deutschen Ausgabe gefunden.

Minnesota in den 80ern. Linda ist 14 und lebt mir ihren Eltern an einem See in den Wäldern in einer Hütte, die einmal das Zentrum einer Art Hippie-Community bildete. Nicht nur ihr abgelegener Wohnort macht sie zur Einzelgängerin, an der Schule wird sie schon mal „Freak“ genannt. Als an der gegenüberliegenden Seite des Sees eine kleine Familie einzieht, freundet Linda sich mit der jungen Mutter Patra an und beginnt, den vierjährigen Sohn Paul babyzusitten.

Schon früh in Emily Fridlunds Debütroman erfährt der Leser, dass irgendetwas in Lindas Beziehung zu der Nachbarsfamilie schief gelaufen sein muss. Eine ganze Zeit lang bleibt unklar, was genau passiert ist und was die Ursache dafür war. Es ist von einem Prozess die Rede. Linda berichtet uns als Ich-Erzählerin von den Ereignissen, die etwa 20 Jahre zurückliegen. Zwischendurch springt sie dabei etliche Male in ihre eigene Gegenwart und erzählt von ihrem aktuellen Leben. Und da setzt  mein erster Kritikpunkt an, die in der Gegenwart angesiedelten Passagen empfand ich als unnötig, uninteressant und störend. Mag sein, dass Fridlund herausstellen wollte, dass Linda auch heute noch eine einsame Wölfin ist, dafür hätte aber meiner Meinung nach weniger Text aufgewendet werden müssen. Die einsame Wölfin, die Anschluss an ein Rudel sucht, das ist Linda und sie trifft mit dieser Motivation Entscheidungen, von denen sie im Grunde schon zum jeweiligen Zeitpunkt wusste, dass sie falsch waren. Entsprechend lautet der Untertitel des Buches: „How far would you go to belong“. Etwa in der Hälfte des Buches erfährt der Leser, was in der Familie nicht stimmt. Ich möchte hier nichts dazu sagen, das wäre meiner Ansicht nach ein Spoiler. Ich hatte etwas anderes vermutet. In jedem Fall ist es ein sehr spannendes Thema, das viel Diskussionspotenzial geboten hätte. Ich war nach Abschluss des Buches enttäuscht, dass dieses Potenzial nicht ausgeschöpft wurde. Ich sehe ein, dass Fridlunds zentrales Thema Lindas Einsamkeit war und nicht das, was mit Paul passiert ist. Dennoch hätte ich mir mehr darüber gewünscht und die Enttäuschung besteht nun mal. Mit Lindas Einsamkeit und ihrer Bereitschaft zu ungewöhnlichem Verhalten beschäftigt sich auch ein untergeordneter Handlungsstrang, der sich um eine Mitschülerin und einen Lehrer Lindas dreht. Der Lehrer entpuppt sich als mutmaßlicher Pädophiler, die Mitschülerin als möglicherweise clevere Nutznießerin. Trotzdem sucht Linda den Kontakt mit beiden.

Sehr gelungen an dem Roman ist die Atmosphäre, die Fridlund schafft, ihre Sprache ist gefällig, sodass ich sicher weitere Bücher von der Autorin lesen würde. Dennoch hinterlässt mich das Buch unbefriedigt, da ich mir mehr Fokus auf das erwähnte Thema gewünscht hätte. Natürlich aber muss man Fridlund die Konzentration auf ihren eigenen Schwerpunkt zugestehen, der ja durchaus interessant ist. Daher tue ich mich ein wenig schwer mit der Bewertung des Buches und ziehe nach vielem Überlegen meine „Abwertung“ von 4 auf 3,5 Sterne zurück.

Read Full Post »

(c) btb

Übersetzung aus dem Norwegischen: Ursel Allenstein

England, 1852: William hat zu Gunsten seiner großen Familie auf eine große Karriere als Biologe verzichtet und verkauft stattdessen Saatgut. Als sein Mentor ihm sein eigenes Versagen vorführt, verfällt er in Lethargie. Bis er eine Idee hat, die ihn wieder aus dem Bett holt: ein neuartiger Bienenstock.

Ohio, USA, 2007: Georges Familie betätigt sich seit Generationen hauptberuflich als Imker und diese Tradition soll nach seinem Willen fortgeführt werden. Doch sein Sohn Tom scheint andere Interessen verfolgen zu wollen. Derweilen erreichen den Bienenfarmer immer mehr Gerüchte von der seltsamen Erscheinung „Colony Collapse Disorder“: Farmer weiter südlich in den USA finden ihre Bienenstöcke plötzlich fast leer vor – frei sowohl von lebenden als auch von toten Bienen.

Sichuan, China, 2098:

Tao ist eine von unzähligen Bestäuberinnen, die in mühevoller Handarbeit die Arbeit der ausgestorbenen Bienen verrichten. Dennoch reicht die Ernte jährlich kaum zum Überleben. In anderen Regionen wie Europa ist die Lage noch schlimmer. Tao hat mit ihren Mann einen dreijährigen Sohn und erhofft sich für ihn eine weiterführende Ausbildung, damit er nicht wie die anderen Kinder mit acht Jahren mit der Arbeit als Bestäuber beginnen muss. Doch dann stößt der Familie ein Unglück zu, das ihr Leben über den Haufen wirft.

Maja Lundes Roman erzählt jeweils einen entscheidenden Abschnitt im Leben dieser drei Familien, deren Leben sich mehr oder weniger um Bienen dreht – oder eben um deren Fehlen. Lunde wechselt dabei in mit dem Namen des jeweiligen Protagonisten betitelten Kapiteln zwischen den drei Schauplätzen bzw. Zeitstellungen. Der Sprachstil ist recht einfach, was in Kombination mit den kurz gehaltenen Kapiteln für hohe Spannung und ein hohes Lesetempo sorgt.

In einigen Rezensionen wurde geäußert, dass Maja Lunde sich stärker auf die Geschichte der Familien konzentriere als erwartet. Das habe ich nicht so empfunden, ich behaupte, die Bienen sind vielmehr der eigentliche Protagonist des Romans, auch wenn es scheinbar nur indirekt um sie geht. Ich konnte keine Seite des dystopischen Zukunftsszenarios ohne Bienen, das für mich den stärksten der Handlungsstränge darstellt, lesen, ohne daran denken zu müssen, wie wahrscheinlich es ist, dass der Kollaps der Bienenpopulationen tatsächlich eintritt. Und darin liegt auch die eigentliche Motivation, die ich hinter diesem Buch sehe: uns wachzurütteln und vor Augen zu führen, wie es der Welt ergehen kann, wenn wir es nicht schaffen, das Insektensterben aufzuhalten, und die Bienenhaltung in der traditionellen Form infrage zu stellen. Jeder hat wohl schon einmal etwas vom Bienensterben gehört, aber wie viele (außer Imkern und anderen Experten) haben sich deshalb ernsthafte Gedanken gemacht oder sogar etwas dagegen getan? Auch ich war mir des Problems bewusst, wir hatten sogar einen Fall von Colony Collapse Disorder (CCD) in der Familie, die Stieftochter meiner Schwester ist Gärtnerin und hatte im Garten meiner Schwester einen Stock aufgestellt. Eines Tages war er leer. Richtig aufgerüttelt hat mich erst dieses schöne Buch, dem ich möglichst viele Leser wünsche. Ich weiß nicht, ob wir das Bienensterben noch aufhalten können. Ich für meinen Teil habe vor, zum nächsten geeigneten Zeitpunkt bei Wildbiene + Partner ein Beehome zu bestellen und einen kleinen Beitrag zur Verbreitung der Mauerbiene zu leisten.

Ich bedanke mich beim Random House-Bloggerportal für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Read Full Post »