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Archive for the ‘Paläoanthropologie’ Category

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Deutscher Titel: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Ich habe mich selten auf ein Sachbuch so sehr gefreut wie auf dieses, denn ich wusste aufgrund zahlreicher Rezensionen: Dieses Werk des Historikers Yuval Noah Harari, der derzeit mit der  Quasi-Fortsetzung von „Sapiens“ (Homo Deus) Furore macht, ist genau mein Ding. Ihr wisst alle, dass ich mich für Geschichte begeistere, was ihr vielleicht noch nicht wisst: Geschichte interessiert mich umso mehr, je länger in der Vergangenheit sie liegt und am meisten dort, wo es sich noch um Vor- und Frühgeschichte und Paläoanthropologie handelt.

So verschlang ich die ersten Kapitel von „Sapiens“ geradezu. Was dieses Buch von anderen Geschichtsbüchern unterscheidet? Yuval Noah Harari stellt nicht nur wesentliche Aspekte der Menschwerdung heraus, die mir so bisher nicht bewusst waren, sondern setzt sie in einen direkten Bezug zu unserer Gegenwart. Dass die Beherrschung des Feuers von zentraler Bedeutung für die Frühmenschen war, ist klar. Dass das unter anderem daran liegt, dass das Feuer Keime und Parasiten in der Nahrung abtötete, ist logisch, aber ich habe noch nie daran gedacht.

Ganz besonders spannend finde ich Hararis These, dass die Fähigkeit des Menschen, nicht nur Sprache zu entwickeln (er verweist darauf, wie viele Tierarten auf irgendeine Weise miteinander kommunizieren können), sondern damit FIKTION auszudrücken, einen entscheidenden Einfluss darauf hatte, dass der Mensch sich so unglaublich entwickeln konnte. Denn erst hierdurch konnten sich Religionen entwickeln, große Menschenmengen konnten an gemeinsame Werte glauben:

„Large numbers of strangers can cooperate successfully by believing in common myths“ (Seite 30)

Und der Zusammenhang mit unserer Gegenwart? Kurz gesagt: In einer Zeit, in der die klassische Religiosität immer mehr abnimmt, gibt es Ersatzmythen, die viele Menschen miteinander verbindet und die ohne ihre Kooperation unmöglich wären: Unternehmen (die in Zeiten des Raubtierkapitalismus immer mächtiger werden und unser Leben in zunehmendem Maße bestimmen).

„People easily understand that ‚primitives‘ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.“ (Seite 31)

So liefert Harari faszinierende Thesen, die mich beim Lesen wirklich begeistern konnten und mir viele Denkanstöße  boten. So stellt Harari klar, dass die neolithische Revolution keineswegs eine Verbesserung der Lebensqualität darstellte, sondern lediglich mehr Menschen ernähren konnte. Rückgängigmachen war nicht, denn wenn erst einmal mehr Menschen da sind, müssen sie auch ernährt werden. Dabei kam mir der Gedanke: Wie wäre die kulturelle Entwicklung des Menschen ausgefallen, wenn die neolithische und später die industrielle Revolution nie stattgefunden hätten?

Ich bin jedoch nicht mit allem einverstanden, was Harari schreibt. Dass er die Massentierhaltung verurteilt, ist mir sehr wichtig. Was mir jedoch nicht gefällt, ist eine Aussage bzw. eine Spekulation im Zusammenhang mit der Verurteilung des Imperialismus von Seite 422:

„What if it turns out that the subjects of large empires are generally happier than the cititzens of independent states and that, for examples, Ghanians were happier under British colonial rule than under their own homegrown dictators? What would that say about the process of decolonisation and the value of national self-determination?“

Dass die Nachfolgeregierungen der ehemaligen Kolonien oft eine Verschlechterung der Landesentwicklung mitbrachten, war meiner Meinung nach eine Folge des Kolonialismus und kann nicht herangezogen werden, um diesen zu rechtfertigen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Harari das so meinte, aber es ist eine unglückliche Formulierung.

Schließlich gelangt der Autor bis zur Gegenwart und stellt einige Thesen zur Zukunft des Menschen vor. Und diese behagen mir nicht. Er argumentiert, dass der Mensch sich weiterentwickeln wird und dass es sich bei den Personen, die einmal mit Raumschiffen unterwegs sein werden, nicht mehr um den Homo Sapiens handeln wird. Ja, das ist unbequem und ehrlich gesagt, das möchte ich nicht. Denn entbehrt das Wesen, das Harari hier beschreibt, nicht seiner Menschlichkeit? Entwicklung ja, gerne, aber werden wir diese wirklich nicht steuern können? Aus diesem Grund bin ich nicht sicher, ob mir das neuere Werk des Autors, „Homo Deus“, zusagen wird. Ich möchte glauben, dass wir eine solche Entwicklung vermeiden können. Vielleicht ist das zu blauäugig, aber ich höre derzeit ein weiteres Buch, das sich mit der Zukunft befasst („Nächste Ausfahrt Zukunft“ von Ranga Yogeshwar) und auch dieses enthält unbequeme Wahrheiten, aber die Prognosen darin erscheinen mir plausibler. Fortsetzung folgt.

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(c) C. H. Beck

Friedemann Schrenk dürfte allen in Deutschland, die sich für Paläoanthropologie interessieren, ein Begriff sein, vornehmlich wegen seiner Funde in Malawi, um die es in diesem Buch geht. Ich muss gestehen, dass mir der Name seines Kollegen und Freundes Timothy G. Bromage nicht bewusst geläufig war, aber ich bin ja auch nur ein interessierter Laie.

Anders als man zunächst aufgrund des Titels vermuten könnte, handelt es sich hier nicht um ein reines Sachbuch zum Thema Frühmenschen, vielmehr erzählen Schrenk und Bromage in diesem Buch gemeinsam von ihrem Werdegang und ihrem gemeinsamen Projekt, dem „Hominid Corridor Research Project“. Gesucht sind in diesem Projekt Fossilien, die eine Brücke zwischen den ost- und den südafrikanischen Hominidenfunden herstellen. Die Forscher berichten aber natürlich nicht nur von ihren Entdeckungen, sondern auch von dem aus ihnen gewonnenen Wissen über unsere fernen Vorfahren. Interessant sind auch die Erklärungen zu den wissenschaftlichen Methoden, über Zusammenhänge zwischen Hominidenfunden und anderen Fossilien, den geologischen Schichten usw. Das Buch ist durch und durch laientauglich, sehr unterhaltsam und humorvoll geschrieben. Einzig gestört hat mich die Verwendung des Wortes „Anyway“ am Satzanfang. Auch wenn diese im Englischen sehr geläufige Floskel wohl vielen deutschsprachigen Lesern bekannt sein dürfte, hab ich sie als äußerst – ja, nervig – und deplaziert empfunden. Aber nun, die Autoren sind ja schließlich auch keine Schriftsteller, sondern Wissenschaftler.

Den interessantesten und spannendsten Teil des Buchs stellt für mich das Kapiel „Zwei Hominiden und eine Zahnecke – aller guten Dinge sind drei“ dar, in dem es um den „großen“ Fund von Friedemann Schrenk, den berühmten Unterkiefer „UR 501“, geht (nett auch die Anekdote dazu, wie das Stück zu seinem Namen kam). Dieses entpuppte sich als Homo rudolfensis mit einem Alter von 2,4 Millionen und das derzeit älteste bekannte Exemplar der Gattung „Homo“.

Zum Schluss erzählen die Autoren noch von dem Museum, das sie in Malawi für die kostbaren Funde errichten ließen, und somit dem Volk von Malawi die Möglichkeit gaben, sich mit der menschlichen Geschichte insbesondere im eigenen Land auseinanderzusetzen. Womit wir bei einem weiteren sehr schönen Aspekt des Buchs angelangt sind: der Liebeserklärung der Autoren an das Land, das zu ihrer zweiten Heimat wurde, und seinen Menschen. Da werden nicht nur Anekdoten erzählt, sondern auch ernste Themen angesprochen, wie die Benachteiligung des Nordens des Landes.

Ich lege dieses schöne Buch allen ans Herz, die sich wie ich für die Frühgeschichte der Menschheit interessieren und darüber hinaus auch einen unterhaltsamen Einblick in die Arbeit eines Paläoanthropologen erhalten möchten. Und ich bin wahnsinnig gespannt, welche Funde und Erkenntnisse uns die Zukunft noch bringen wird!

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