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Archive for the ‘Sachbuch’ Category

(c) Penguin

Eine deutsche Übersetzung liegt leider nicht vor.

Was fasziniert uns so an den Jahren 1837 bis 1901, den Jahren der Herrschaft von Viktoria I. im Vereinigten Königreich? Niemand, der sich für England und seine Kultur interessiert, kommt an dieser Epoche vorbei. Ich persönlich muss feststellen, dass ich viel mehr über Großbritannien während dieser Zeit weiß als über Deutschland im gleichen Zeitraum. Wie kommt das? Vielleicht liegt es daran, dass Großbritannien, das damalige Britische Weltreich, unter Viktoria auf dem Höhepunkt seines Einflusses war, untrennbar verbunden mit dem Imperialismus und dem exotischen Flair der Kolonien. Vielleicht bietet aber auch die Tatsache Diskussionsstoff, dass der Kontrast zwischen Arm und Reich während der industriellen Revolution deutlicher wurde als je zuvor: fantastischer Reichtum und dekadenter Lebensstil der Oberklasse, entsetzliche Arbeitsbedingungen und Hunger am unteren Ende der Gesellschaft. Gleichzeitig ist es das Zeitalter der großen Literaten: Charles Dickens, Elizabeth Gaskell, Thomas Hardy, Anthony Trollope, die Bronte-Schwestern, das Viktorianische Zeitalter hat uns einige der wunderbarsten Werke der Literatur geschenkt, einer Literatur, die sich nicht auf das Leben der oberen Zehntausend konzentrierte, sondern vielmehr begann, die sozialen Strukturen ihres Landes infrage zu stellen.

Geschichte und Geschichtsforschung bedeutet heute nicht mehr nur Beschäftigung mit der Politik eines Landes in einem bestimmten Zeitraum und das Auswendiglernen von Daten. Vor allem im populärwissenschaftlichen Bereich befasst man sich inzwischen viel mehr damit, wie das tatsächliche Alltagsleben von Menschen verschiedener gesellschaftlicher Ebenen aussah. Erfolgreiche Fernsehformate wie „Schwarzwaldhaus 1902“ belegen dies. Auch die Autorin des vorwiegenden Buchs, Ruth Goodman, war Teilnehmerin mehrerer solcher TV-Reihen der BBC, die das Leben beispielsweise auf einem viktorianischen Bauernhof nachstellten.

Die Historikerin wurde so zur Expertin für das Alltagsleben der Menschen in Großbritannien in vergangenen Zeiten. In „How to be a Victorian“ schildert sie detailliert, wie ein Tag im Leben der Menschen verschiedener Schichten aussah, und zwar chronologisch, vom Frühstück bis zum Zubettgehen. Dabei deckt sie alle möglichen Lebensbereiche ab: Kleidung, Hygiene, Sport, Mahlzeiten, Arbeit und Schule, Freizeit (für die unteren Schichten freilich kaum vorhanden) und Sexualität. Sie räumt dabei mit so manchem Vorurteil auf, etwa dass man bei Menschen aus der Vergangenheit grundsätzlich die Nase über mangelnde Körperpflege rümpfen müsste: Es gab funktionierende Alternativen zum Waschen mit Wasser, wie wir es heute kennen. Der Löser stößt auf Überraschendes, etwa den vergessenen Beruf des Aufweckers, der morgens von Haus zu Haus ging, um seine Kunden rechtzeitig vor Arbeitsbeginn zu wecken (einen mechanischen Wecker konnten sich die wenigsten leisten!) Diesen Beruf gab es bis in das 20. Jahrhundert hinein. Ein wenig kurz kommt das Thema Religion – der Tag, von dem die Autorin ausgeht, ist nun mal nicht der Sonntag.

Viele Lebens- und Arbeitsbedingungen lassen uns heute erschaudern: 10 Grad Raumtemperatur im Winter, einseitige Ernährung, Krankheiten, eine schrecklich lange Wochenarbeitszeit, Kinderarbeit. Trotzdem gab es Raum für Dinge wie Sport und Spiel, die Ruth Goodall in ihrem Buch keineswegs vernachlässigt.

„How to be a Victorian“ ist ein unterhaltsames und informatives Geschichtsbuch, das allen Spaß machen wird, die sich für das Leben der einfachen Menschen interessieren. Rundum gelungen.

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(c) Audible Studios

Deutscher Titel: Farbenblind, erschienen im Karl Blessing Verlag

Sprecher: Trevor Noah

Dauer: 8 h 50 min

Trevor Noah wird 1984 in Johannesburg geboren. Seine Geburt und seine bloße Existenz sind ein Verbrechen, denn im Südafrika unter der Apartheid sind sexuelle Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen natürlich verboten. Trevors Mutter setzt sich bewusst darüber hinweg, wie sie auch das Verbot für Schwarze, in Johannesburg zu leben, ignoriert. Trevors Vater ist Schweizer und schert sich überhaupt nicht um Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß. Trevors Leben und seine Persönlichkeit wird geprägt davon sein, dass er nirgends wirklich dazugehörte: Er sah aus wie ein Farbiger („Coloureds“ mit weißen und schwarzen Vorfahren, die in Südafrika einen Zwischenstatus haben), gehörte dieser Gruppe aber nicht an, war natürlich auch kein Weißer, aber auch mit seinem Aussehen kein Schwarzer. Entschieden hat er sich für die Gruppe der Schwarzen. Doch Trevors Besonderheit barg nicht nur Gefahren, sondern auch Möglichkeiten und Ideen, vor allem nach dem Ende der Apartheid. Noah spricht beispielsweise verschiedene Sprachen, sodass er sich überall durchschlagen konnte.

Trevor Noah ist inzwischen ein bekannter Comedian in den USA und moderiert die „Daily Show“. Er hat sich nach oben gekämpft, woran seine Mutter mit ihrer ebenfalls kämpferischen Natur einen großen Anteil hat. Deshalb ist Noahs Autobiografie auch eine Hommage an diese großartige Frau. Noah erzählt episodenhaft von seiner Kindheit, die er teilweise bei seiner Großmutter in Soweto verbrachte, und seiner Jugend sowie seinen ersten Schritten in Richtung Erfolg. Es sind haarsträubende Geschichten dabei, etwa, als seine Mutter ihn aus einem fahrenden Auto stieß, weil der Fahrer sich als Angehöriger eines anderen Stammes entpuppte und Mordabsichten gegenüber Trevor und seiner Mutter zu haben schien. Manche Geschichten sind aber auch wirklich sehr komisch, ich habe sehr viel gelacht beim Hören des Buchs. Noah schafft es, selbst die erwähnten haarsträubenden Geschichten mit einem humorvollen Unterton zu versehen. Er ist ja nicht umsonst ein Comedian. Nichtsdestotrotz spürt man an manchen Stellen, an denen die Gefährlichkeit der puren Existenz, die Gewalt und die Ungerechtigkeit im damaligen Südafrika besonders deutlich wird, einen Kloß im Hals.

Die meisten Anekdoten fand ich absolut interessant. Ich gehöre zu einer Generation, die sich noch an die Apartheid in Südafrika, die Entlassung Nelson Mandelas aus der Haft und das Ende der Apartheid erinnern kann, doch Noahs Geschichten hielten mir vor Augen, wie wenig ich doch über die Apartheid, die Townships und das Leben unter dem Regime wusste. Sehr frustrierend auch zu hören, wie ineffektiv in den rein schwarzen Schulen unterrichtet wurde und wie wenig auch heute die Apartheid in den Schulen aufgearbeitet wird. Noah verweist hier unter anderem auf die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, wobei es da meiner Meinung nach langsam auch einiges zu bemängeln gibt. Vergangenheitsbewältigung findet in Südafrika jedenfalls offenbar nicht statt oder nur sehr eingeschränkt.

Die einzigen Passagen des Buchs, die ich nicht mochte, waren die um die Haustiere der Familie. Ich bin ja bekanntermaßen sehr empfindlich, wenn es um Tiere geht.

Trevor Noahs Buch ist gleichzeitig eine wunderbare Quelle, um mehr über das vergangene und auch das heutige Südafrika zu erfahren, gleichzeitig bietet Noah beste Unterhaltung und eine große Portion Humor, sodass ich das Buch unbedingt weiterempfehle. Das englische Hörbuch liest Noah sehr gekonnt selbst, wer des Englischen mächtig ist, sollte unbedingt zu dieser Version greifen. Viele mit Enthusiasmus gelesene Passagen kommen in Printform sicher weniger mitreißend rüber.

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(c) Audible Studios

Eine deutsche Ausgabe liegt leider (noch) nicht vor.

Sprecherin: Olivia Caffrey

Dauer: 7 h 43 min

Emer O’Toole wurde beileibe nicht als Feministin geboren. Unter anderem in der Theatergruppe ihrer Schule lernte sie wie alle anderen Mädchen, wie ein Mädchen zu sein hat, dass es weiblich ist, hübsch und artig zu sein, und wie man es anstellt, dass man den Jungs gefällt. Im Pub, in dem sie jobbt, macht sie sich allgemein bei der männlichen Stammkundschaft beliebt, in dem sie herausflötet, wie sie sich darauf freut, zu heiraten und Mann und Kinder zu versorgen. Eine überstandene Anorexie später hat Emer jedoch ein Schlüsselerlebnis: Sie geht nicht verkleidet zu einer Halloweenparty, sondern als Mann. Wird von einigen anfangs nicht erkannt, dann doch. Sorgt dadurch für Aufsehen. Und beim Tanzen wird ihr klar: Was tut sie da eigentlich? Sie spielt die Rolle eines Mannes, der sich als Frau ausgibt. Sie braucht nur die Schminke wegzulassen, die Haare kurz zu tragen, sich „männlich“ zu kleiden und sich auf eine bestimmte Art und Weise zu benehmen und schwups – ist sie ein Mann. Schon damals deutet sich die Schlussfolgerung an, die Emer aus ihren Erfahrungen und später aus ihren Studien zieht: Das soziale Geschlecht, das „Gender“, ist eine Rolle, die wir spielen, die uns aufgedrückt wurde. Eine Performance.

Es ist das reine Vergnügen, Emer O’Tooles Worten zu lauschen. Denn sie ist nicht nur eine Akademikerin mit Doktortitel sondern hat auch den nötigen Humor, um ein solches Buch für alle (auch Männer!) äußerst unterhaltsam zu machen. Durchsetzt mit zahlreichen Anekdoten öffnet sie uns die Augen, zeigt uns, wie sexistisch unsere Gesellschaft tatsächlich immer noch ist, wie wir dazu gebracht werden uns so zu verhalten, wie das für Frauen und Männer als angemessen betrachtet wird. Man denke nur an gegenderte Überraschungseier. So müssen Frauen vor allem attraktiv sein. Wir ahnen ja nicht, wie stark der schnöde Mammon, die Schönheitsindustrie, daran beteiligt ist. Körperhaare müssen ab, weil „igitt“! Aber wieso? Vor, sagen wir mal 120, Jahren gab es noch keine Körperrasur für Frauen. Dann brachte eine bestimmte Firma plötzlich einen Damenrasierer auf den Markt. Und hat es über die Jahre hinweg geschafft, die gesamte Gesellschaft nach und nach davon zu überzeugen, dass Körperbehaarung bei Frauen nicht akzeptabel ist. Im Gegensatz zum Pelz der Männer, obwohl es die mittlerweile auch immer mehr erwischt, jedenfalls was Achselhaare angeht. Mir wäre es lieber, die die Scheißbärte würden wieder unmodern und kämen ab! Emer O’Toole hatte ihren bekanntesten Auftritt in der Öffentlichkeit eben zu diesem Thema. Sucht man per Bildersuche nach ihrem Namen, bekommt man gleich die Fotos serviert, die bei ihrem Besuch in einer Morgensendung des britischen Fernsehens entstanden sind. Als sie als Beweis, dass sie sich nicht mehr rasiert (was infrage gestellt wurde, offenbar unvorstellbar), ihre Achseln in die Kamera hielt und ausrief „get your pits out for the lads!“ Dies sei nur ein Beispiel für den Humor, der das Buch durchzieht, der richtig Spaß macht.

Emer O’Toole nennt uns zahlreiche Beispiele und Belege dafür, wie künstlich unsere Gendernormen sind. Wie die kategorische Zuordnung zu einem der beiden Pole Menschen, die eben nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, verzweifeln lassen kann. Dass das Gender nämlich nicht bipolar ist, man ist nicht 100 % Frau und 100 % Mann, sondern jeder birgt mehr oder weniger gegengeschlechtliche Merkmale. Gender ist ein Verlauf.

Ebenso ist es laut Emer O’Toole mit der Sexualität. Sie musste ihre eigene Bisexualität selbst erst entdecken. Auch hier gibt es ihrer Meinung nach keine hundertprozentige Zuordnung zu hetero- der homosexuell, auch hier unterliegen wir den Normen der Gesellschaft, in der wir leben. Als Beispiel führt sie die klassische altgriechische Gesellschaft an, in der eine (durchaus sexuelle) Beziehung eines reiferen zu einem jüngeren Mann als normal angesehen wurde. Was die Griechen jedoch keineswegs davon abhielt, Frauen zu heiraten und Kinder zu bekommen.

Emer O’Toole konnte mich mit fast allen ihren Aussagen und Theorien überzeugen. Lediglich bei der Aussage, die Bevorzugung des jeweils anderen Geschlechts sei auch ausschließlich gesellschaftlich bestimmt, bin ich mir nicht so sicher, da spielen meiner Meinung nach schon noch Veranlagung und Instinkte mit. Im Tierreich überwiegt ja schließlich auch die Hinwendung zum anderen Geschlecht (obwohl es im Tierreich selbstverständlich Homosexualität gibt!). Was aber selbstverständlich in keiner Weise heißen soll, dass an Homosexualität irgendetwas falsch ist.

Ein Augen öffnendes, großartiges Buch, das ich euch unbedingt empfehlen möchte, auch möchte ich euch besonders das Hörbuch ans Herz legen, Emer O’Toole liest es zwar nicht selbst, aber die Sprecherin Olivia Caffrey macht das vorzüglich.

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(c) Argon Hörbuch

Sprecher: Ranga Yogeshwar

Dauer: 12 h 17 min

Ranga Yogeshwar ist uns allen als Wissenschaftsjournalist und  -moderator bekannt, der Jung und Alt die Welt erklärt. Als Diplom-Physiker hat er den entsprechenden Hintergrund. Doch nicht nur seine Ausbildung macht ihn zu einem qualifizierten Autor: Als Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Kunsthistorikern ist er in zwei Welten aufgewachsen und bringt eine gehörige Portion Lebenserfahrung und Sachverstand mit. Seine Arbeit fürs Fernsehen und sein Ansehen sorgten dafür, dass er mit seinem Filmteam Zugang zu zahlreichen Einrichtungen erhält, so durfte sein Team als Erstes nach dem Reaktorunglück in Fukushima drehen. Die notwendige Ausrüstung für das Verfassen eines Buchs über die Zukunft bringt er also mit. Darüber hinaus hat Yogeshwar auch einen künstlerlischen Hintergrund: Er selbst und seine Töchter sind am Klavier ausgebildet, seine Frau ist Sopranistin.

In insgesamt elf Kapiteln mit jeweils drei oder vier Unterkapiteln befasst sich Ranga Yogeshwar mit zukunftsrelevanten Themen, etwa der Digitalisierung und gefährlichen Entwicklungen hinsichtlich des Datenschutzes, des Umweltschutzes, der Schulbildung, Energieversorgung, Frauenrechten, der Terrorangst oder der künstlichen Intelligenz. Die Kapitel sind episodenhaft erzählt, häufig beginnen sie mit Erfahrungen Yogeshwars in der Vergangenheit und schließen mit den Schlussfolgerungen und den Konsequenzen für die Zukunft. Manchmal dauert es ein bisschen, bis er zur Relevanz für die Zukunft kommt, dies bleibt jedoch nie aus. Dabei bietet er konkrete Vorschläge zur Verbesserung an, warnt vor Fehlentwicklungen und deren Auswirkungen. Die anekdotenhafte Gestaltung der Kapitel machen das Buch sehr gut lesbar und absolut zugänglich für ein breites Publikum. Ich fand alle angesprochenen Themen wirklich interessant, sehr aufschlussreich unter anderem das Kapitel über die Terrorangst oder das über (Schul-)bildung. Gut gefallen hat mir auch Yogeshwars Ausblick auf die Zukunft des Homo Sapiens. Hier hatte ich den Eindruck, dass seine Ausführungen teilweise auch eine Antwort auf das Buch „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari sind. Dieses habe ich zwar noch nicht gelesen, aber bereits am Ende von „Sapiens“ deutet sich an, wie Harari die Zukunft des Menschen sieht, er prognostiziert eine Verschmelzung von Mensch und Technik, die Entstehung des gottgleichen, unsterblichen Menschen. Yogeshwar relativiert diese Prognose, verweist auf negative Seiten der Unsterblichkeit. Ich muss sagen, dass seine Prognose mich ein wenig beruhigt hat, aber ich muss erst einmal Hararis Werk lesen, bevor ich mir eine umfassende Meinung bilden kann. Insgesamt bin ich sehr einverstanden mit so ziemlich allen Aussagen, die Yogeshwar macht, ganz besonders wichtig sind mir hierbei der Umweltschutz und die gefährliche Entwicklung der Weltwirtschaft. Ich kenne Herrn Yogeshwar natürlich nicht persönlich, aber die Lektüre des Buches hat ihn mir umso sympathischer gemacht. Dazu trägt natürlich auch bei, dass er das Hörbuch selbst liest, was er als Medienprofi hervorragend macht. Das Hörbuch ist also absolut empfehlenswert, wobei ich die Anschaffung eines Printexemplars erwäge, um Verschiedenes nachlesen zu können, denn dies ist ein Buch, das lange nachhallt und Augen öffnet. Für mich das Sachbuch des Jahres.

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(c) Free Press

Deutscher Titel: Feuer im Kopf – Meine Zeit des Wahnsinns

Susannah Cahalan ist mit erst 23 eine vielversprechende Reporterin bei der New York Post, als sie beginnt, merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Sie ist geradezu besessen von der Vorstellung, ihre Wohnung sei von Bettwanzen befallen, wühlt in den Schubladen ihres Freundes, um Hinweise auf einen Betrug zu finden, erscheint unvorbereitet zu Besprechungen mit dem Chef. In Händen und Füßen hat sie Taubheitsgefühle. Verschiedene Theorien entstehen, Hormonstörung durch die Empfängnisverhütung, Pfeiffer’sches Drüsenfieber usw., doch nichts davon bestätigt sich. Als Susannah schließlich einen heftigen epileptischen Anfall erleidet, ist klar: Sie muss zunächst einmal im Krankenhaus bleiben. Der Beginn eines Martyriums für die junge Frau, ihren Freund und ihre Eltern.

Denn auch die zahlreichen möglichen Diagnosen, auf die die Symptome und Befunde hinweisen, erweisen sich als falsch und Susannahs Zustand verschlimmert sich dramatisch. Sie ist inzwischen völlig paranoid, schlägt um sich. Man erwägt eine biopolare Störung oder dissoziative Identitätsstörung (früher als „multiple Persönlichkeitsstörung“ bekannt). Sie ist offenbar geisteskrank. Erst nach Wochen voller Angst und dem Tod nahe erkennt ein Neurologe, was wirklich mit Susannah los ist: Sie leidet an einer sehr seltenen Krankheit, einer Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

Dass Susannah Cahalan Journalistin ist, merkt man recht schnell. Sie schildert ihren Krankheitsverlauf so gekonnt und spannend, dass ich das Buch wie selten ein Sachbuch verschlungen habe. Normalerweise gehört Medizin gar nicht zu meinen Interessensgebieten, aber gut geschriebene Tatsachenberichte wie dieser machen einen medizinischen Fall spannend wie einen Thriller.

Ich habe wenig auszusetzen an dem Buch. Die Verweise auf die Popkultur waren für mich eher uninteressant, da Cahalan einiges jünger ist als ich und ganz andere Musik hört.

Ein Gedanke, der bei mir recht früh aufkam, bezieht sich auf die privilegierte Stellung der jungen Frau aus wohlhabendem, gut vernetztem New Yorker Haus: Wie wäre es einem Mitglied einer niedrigeren sozialen Schicht ergangen, gerade in den USA, wo eine ordentliche Krankenversicherung ja wie wir wissen keine Selbstverständlichkeit ist. Susannah Cahalan wirft diese Frage selbst auf:

„If it took so long for one of the best hospitals in the world to get tot this step, how many other people were going untreated, diagnosed with a mental illness or condemned to a life in a nursing home or a psychiatric ward?“ (Seite 151)

Eine dramatische Vorstellung. Auch sind die Symptome von solcher Natur, dass man an Fälle von Exorzismen denken muss, wie etwa der der Anneliese Michel. So schildert Cahalan folgende Verhaltensweisen:

„Afflicted sons and daughters suddenly became posessed, demonic, like creatures out of our most appalling nightmares. Imagine a young girl who, after several days of full-bodied convulsions that sent her flying into the air and off her bed – and after speaking in a strange, deep baritone – contorted her body and crab-walked down the stair-case, hissing like a snake and spewing blood.“ (Seite 222)

Mit ihrem Buch hilft Susannah Cahalan hoffentlich vielen Menschen mit Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Allein sein Bekanntheitsgrad sollte dazu beitragen, dass die Krankheit in Zukunft schneller (oder überhaupt!) diagnostiziert werden kann, und zwar nicht nur bei Wohlhabenden.

Ein spannendes, lesenswertes Sachbuch.

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(c) Vintage

Deutscher Titel: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Ich habe mich selten auf ein Sachbuch so sehr gefreut wie auf dieses, denn ich wusste aufgrund zahlreicher Rezensionen: Dieses Werk des Historikers Yuval Noah Harari, der derzeit mit der  Quasi-Fortsetzung von „Sapiens“ (Homo Deus) Furore macht, ist genau mein Ding. Ihr wisst alle, dass ich mich für Geschichte begeistere, was ihr vielleicht noch nicht wisst: Geschichte interessiert mich umso mehr, je länger in der Vergangenheit sie liegt und am meisten dort, wo es sich noch um Vor- und Frühgeschichte und Paläoanthropologie handelt.

So verschlang ich die ersten Kapitel von „Sapiens“ geradezu. Was dieses Buch von anderen Geschichtsbüchern unterscheidet? Yuval Noah Harari stellt nicht nur wesentliche Aspekte der Menschwerdung heraus, die mir so bisher nicht bewusst waren, sondern setzt sie in einen direkten Bezug zu unserer Gegenwart. Dass die Beherrschung des Feuers von zentraler Bedeutung für die Frühmenschen war, ist klar. Dass das unter anderem daran liegt, dass das Feuer Keime und Parasiten in der Nahrung abtötete, ist logisch, aber ich habe noch nie daran gedacht.

Ganz besonders spannend finde ich Hararis These, dass die Fähigkeit des Menschen, nicht nur Sprache zu entwickeln (er verweist darauf, wie viele Tierarten auf irgendeine Weise miteinander kommunizieren können), sondern damit FIKTION auszudrücken, einen entscheidenden Einfluss darauf hatte, dass der Mensch sich so unglaublich entwickeln konnte. Denn erst hierdurch konnten sich Religionen entwickeln, große Menschenmengen konnten an gemeinsame Werte glauben:

„Large numbers of strangers can cooperate successfully by believing in common myths“ (Seite 30)

Und der Zusammenhang mit unserer Gegenwart? Kurz gesagt: In einer Zeit, in der die klassische Religiosität immer mehr abnimmt, gibt es Ersatzmythen, die viele Menschen miteinander verbindet und die ohne ihre Kooperation unmöglich wären: Unternehmen (die in Zeiten des Raubtierkapitalismus immer mächtiger werden und unser Leben in zunehmendem Maße bestimmen).

„People easily understand that ‚primitives‘ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.“ (Seite 31)

So liefert Harari faszinierende Thesen, die mich beim Lesen wirklich begeistern konnten und mir viele Denkanstöße  boten. So stellt Harari klar, dass die neolithische Revolution keineswegs eine Verbesserung der Lebensqualität darstellte, sondern lediglich mehr Menschen ernähren konnte. Rückgängigmachen war nicht, denn wenn erst einmal mehr Menschen da sind, müssen sie auch ernährt werden. Dabei kam mir der Gedanke: Wie wäre die kulturelle Entwicklung des Menschen ausgefallen, wenn die neolithische und später die industrielle Revolution nie stattgefunden hätten?

Ich bin jedoch nicht mit allem einverstanden, was Harari schreibt. Dass er die Massentierhaltung verurteilt, ist mir sehr wichtig. Was mir jedoch nicht gefällt, ist eine Aussage bzw. eine Spekulation im Zusammenhang mit der Verurteilung des Imperialismus von Seite 422:

„What if it turns out that the subjects of large empires are generally happier than the cititzens of independent states and that, for examples, Ghanians were happier under British colonial rule than under their own homegrown dictators? What would that say about the process of decolonisation and the value of national self-determination?“

Dass die Nachfolgeregierungen der ehemaligen Kolonien oft eine Verschlechterung der Landesentwicklung mitbrachten, war meiner Meinung nach eine Folge des Kolonialismus und kann nicht herangezogen werden, um diesen zu rechtfertigen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Harari das so meinte, aber es ist eine unglückliche Formulierung.

Schließlich gelangt der Autor bis zur Gegenwart und stellt einige Thesen zur Zukunft des Menschen vor. Und diese behagen mir nicht. Er argumentiert, dass der Mensch sich weiterentwickeln wird und dass es sich bei den Personen, die einmal mit Raumschiffen unterwegs sein werden, nicht mehr um den Homo Sapiens handeln wird. Ja, das ist unbequem und ehrlich gesagt, das möchte ich nicht. Denn entbehrt das Wesen, das Harari hier beschreibt, nicht seiner Menschlichkeit? Entwicklung ja, gerne, aber werden wir diese wirklich nicht steuern können? Aus diesem Grund bin ich nicht sicher, ob mir das neuere Werk des Autors, „Homo Deus“, zusagen wird. Ich möchte glauben, dass wir eine solche Entwicklung vermeiden können. Vielleicht ist das zu blauäugig, aber ich höre derzeit ein weiteres Buch, das sich mit der Zukunft befasst („Nächste Ausfahrt Zukunft“ von Ranga Yogeshwar) und auch dieses enthält unbequeme Wahrheiten, aber die Prognosen darin erscheinen mir plausibler. Fortsetzung folgt.

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Der Oktober ist ja für mich der Büchermonat schlechthin – wegen der Frankfurter Buchmesse und des Beginns der kühlen, gemütlichen Jahreszeit. Meistens schaffe ich es aber gerade wegen der Buchmesse im Oktober nicht, viel zu lesen. Dieser Oktober war aber recht gut.

Gelesen: 6

  • Roger Clarke: A Natural History of Ghosts – 500 Years of Hunting for Proof
  • The Queen (of Twitter): Gin o‘ Clock
  • Carson McCullers: The Heart is a Lonely Hunter
  • Jean-Yves Ferri, Didier Conrad: Asterix in Italien
  • Kai Meyer: Drache und Diamant
  • Diane Setterfield: The Thirteenth Tale. Ich bin am 31. eingeschlafen, bevor ich das Buch beenden konnte, aber es waren nur noch 5 Seiten, die ich am 1. November gelesen habe, von daher…

Außerdem:

  • 40 Seiten von Charles Dickens‘ „Our Mutual Friend“

Neuzugänge: 22

  • John Boyne: Haus der Geister (Geschenk)
  • Stefan Bachmann: Palast der Finsternis (Geschenk)
  • Anna Romer: Beyond the Orchard (Geschenk)
  • Yuval Noah Harari: A Brief History of Humankind
  • Tanja Kinkel: Grimms Morde (signiert)
  • John Burnside: Ashland & Vine (signiert)
  • Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann (signiert)
  • Patrick Rothfuss: Der Name des Windes (Geschenk, hab ich letzte Woche ganz vergessen)
  • Walter Benjamin: Berliner Kindheit um 1900
  • Jean-Yves Ferri, Didier Conrad: Asterix in Italien
  • Kazuo Ishiguro: Never Let Me Go
  • Tana French: Broken Harbour
  • Volker Weidermann: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft
  • Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen
  • Britta Böhler: Der Brief des Zauberers
  • Stefan Bollmann: Frauen und Bücher: Eine Leidenschaft mit Folgen
  • Esther Kinsky: Am Fluss
  • David Mitchell: Slade House
  • Jane Harris: The Observations
  • Ken Follett: World Without End
  • Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst
  • Jennifer Worth: Shadows Of The Workhouse: The Drama Of Life In Postwar London

Heidanei!!!

Gehört: 1

  • Marc-Uwe Kling: Qualityland

Hörbuchneuzugänge: 2

  • Marc-Uwe Kling: Qualityland
  • Philip Pullman: The Amber Spyglass

Stand Roman-SuB: 116 (+13)

Stand Sachbuch-SuB: 50 (+3)

SuB-Abbau: +16. Ähm, ja. Manchmal muss das einfach sein.

Gelesene Seiten: 2429

Seiten pro Tag: 78

Hm. Da könnte noch mehr gehen. Hoffe auf den November, hab mit „Du hättest gehen sollen“ von Daniel Kehlmann schon mein erstes Buch beendet, das hatte aber auch nur 96 Seiten. Ich habe im Oktober sieben Titel geschafft, der Asterix war aber natürlich sehr kurz. Im November stehen zwei Buddy-reads an, witzigerweise beide von Kazuo Ishiguro-Büchern, ansonsten beteilige ich mich locker am NonFictionNovember, einem Readathon, den die Booktuberinnen Olive von abookolive und Gemma von Non Fic Books hosten. Macht noch jemand mit bei der großen Sachbuchleserei? Ich bin mit „Sapiens. A Brief History of Humankind“ von Yuval Noah Harari eingestiegen.

Ich wünsche euch einen sachbuchigen Lesemonat November!

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