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Archive for the ‘Sachbuch’ Category

(c) Argon Hörbuch

Sprecher: Ranga Yogeshwar

Dauer: 12 h 17 min

Ranga Yogeshwar ist uns allen als Wissenschaftsjournalist und  -moderator bekannt, der Jung und Alt die Welt erklärt. Als Diplom-Physiker hat er den entsprechenden Hintergrund. Doch nicht nur seine Ausbildung macht ihn zu einem qualifizierten Autor: Als Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Kunsthistorikern ist er in zwei Welten aufgewachsen und bringt eine gehörige Portion Lebenserfahrung und Sachverstand mit. Seine Arbeit fürs Fernsehen und sein Ansehen sorgten dafür, dass er mit seinem Filmteam Zugang zu zahlreichen Einrichtungen erhält, so durfte sein Team als Erstes nach dem Reaktorunglück in Fukushima drehen. Die notwendige Ausrüstung für das Verfassen eines Buchs über die Zukunft bringt er also mit. Darüber hinaus hat Yogeshwar auch einen künstlerlischen Hintergrund: Er selbst und seine Töchter sind am Klavier ausgebildet, seine Frau ist Sopranistin.

In insgesamt elf Kapiteln mit jeweils drei oder vier Unterkapiteln befasst sich Ranga Yogeshwar mit zukunftsrelevanten Themen, etwa der Digitalisierung und gefährlichen Entwicklungen hinsichtlich des Datenschutzes, des Umweltschutzes, der Schulbildung, Energieversorgung, Frauenrechten, der Terrorangst oder der künstlichen Intelligenz. Die Kapitel sind episodenhaft erzählt, häufig beginnen sie mit Erfahrungen Yogeshwars in der Vergangenheit und schließen mit den Schlussfolgerungen und den Konsequenzen für die Zukunft. Manchmal dauert es ein bisschen, bis er zur Relevanz für die Zukunft kommt, dies bleibt jedoch nie aus. Dabei bietet er konkrete Vorschläge zur Verbesserung an, warnt vor Fehlentwicklungen und deren Auswirkungen. Die anekdotenhafte Gestaltung der Kapitel machen das Buch sehr gut lesbar und absolut zugänglich für ein breites Publikum. Ich fand alle angesprochenen Themen wirklich interessant, sehr aufschlussreich unter anderem das Kapitel über die Terrorangst oder das über (Schul-)bildung. Gut gefallen hat mir auch Yogeshwars Ausblick auf die Zukunft des Homo Sapiens. Hier hatte ich den Eindruck, dass seine Ausführungen teilweise auch eine Antwort auf das Buch „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari sind. Dieses habe ich zwar noch nicht gelesen, aber bereits am Ende von „Sapiens“ deutet sich an, wie Harari die Zukunft des Menschen sieht, er prognostiziert eine Verschmelzung von Mensch und Technik, die Entstehung des gottgleichen, unsterblichen Menschen. Yogeshwar relativiert diese Prognose, verweist auf negative Seiten der Unsterblichkeit. Ich muss sagen, dass seine Prognose mich ein wenig beruhigt hat, aber ich muss erst einmal Hararis Werk lesen, bevor ich mir eine umfassende Meinung bilden kann. Insgesamt bin ich sehr einverstanden mit so ziemlich allen Aussagen, die Yogeshwar macht, ganz besonders wichtig sind mir hierbei der Umweltschutz und die gefährliche Entwicklung der Weltwirtschaft. Ich kenne Herrn Yogeshwar natürlich nicht persönlich, aber die Lektüre des Buches hat ihn mir umso sympathischer gemacht. Dazu trägt natürlich auch bei, dass er das Hörbuch selbst liest, was er als Medienprofi hervorragend macht. Das Hörbuch ist also absolut empfehlenswert, wobei ich die Anschaffung eines Printexemplars erwäge, um Verschiedenes nachlesen zu können, denn dies ist ein Buch, das lange nachhallt und Augen öffnet. Für mich das Sachbuch des Jahres.

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(c) Free Press

Deutscher Titel: Feuer im Kopf – Meine Zeit des Wahnsinns

Susannah Cahalan ist mit erst 23 eine vielversprechende Reporterin bei der New York Post, als sie beginnt, merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Sie ist geradezu besessen von der Vorstellung, ihre Wohnung sei von Bettwanzen befallen, wühlt in den Schubladen ihres Freundes, um Hinweise auf einen Betrug zu finden, erscheint unvorbereitet zu Besprechungen mit dem Chef. In Händen und Füßen hat sie Taubheitsgefühle. Verschiedene Theorien entstehen, Hormonstörung durch die Empfängnisverhütung, Pfeiffer’sches Drüsenfieber usw., doch nichts davon bestätigt sich. Als Susannah schließlich einen heftigen epileptischen Anfall erleidet, ist klar: Sie muss zunächst einmal im Krankenhaus bleiben. Der Beginn eines Martyriums für die junge Frau, ihren Freund und ihre Eltern.

Denn auch die zahlreichen möglichen Diagnosen, auf die die Symptome und Befunde hinweisen, erweisen sich als falsch und Susannahs Zustand verschlimmert sich dramatisch. Sie ist inzwischen völlig paranoid, schlägt um sich. Man erwägt eine biopolare Störung oder dissoziative Identitätsstörung (früher als „multiple Persönlichkeitsstörung“ bekannt). Sie ist offenbar geisteskrank. Erst nach Wochen voller Angst und dem Tod nahe erkennt ein Neurologe, was wirklich mit Susannah los ist: Sie leidet an einer sehr seltenen Krankheit, einer Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

Dass Susannah Cahalan Journalistin ist, merkt man recht schnell. Sie schildert ihren Krankheitsverlauf so gekonnt und spannend, dass ich das Buch wie selten ein Sachbuch verschlungen habe. Normalerweise gehört Medizin gar nicht zu meinen Interessensgebieten, aber gut geschriebene Tatsachenberichte wie dieser machen einen medizinischen Fall spannend wie einen Thriller.

Ich habe wenig auszusetzen an dem Buch. Die Verweise auf die Popkultur waren für mich eher uninteressant, da Cahalan einiges jünger ist als ich und ganz andere Musik hört.

Ein Gedanke, der bei mir recht früh aufkam, bezieht sich auf die privilegierte Stellung der jungen Frau aus wohlhabendem, gut vernetztem New Yorker Haus: Wie wäre es einem Mitglied einer niedrigeren sozialen Schicht ergangen, gerade in den USA, wo eine ordentliche Krankenversicherung ja wie wir wissen keine Selbstverständlichkeit ist. Susannah Cahalan wirft diese Frage selbst auf:

„If it took so long for one of the best hospitals in the world to get tot this step, how many other people were going untreated, diagnosed with a mental illness or condemned to a life in a nursing home or a psychiatric ward?“ (Seite 151)

Eine dramatische Vorstellung. Auch sind die Symptome von solcher Natur, dass man an Fälle von Exorzismen denken muss, wie etwa der der Anneliese Michel. So schildert Cahalan folgende Verhaltensweisen:

„Afflicted sons and daughters suddenly became posessed, demonic, like creatures out of our most appalling nightmares. Imagine a young girl who, after several days of full-bodied convulsions that sent her flying into the air and off her bed – and after speaking in a strange, deep baritone – contorted her body and crab-walked down the stair-case, hissing like a snake and spewing blood.“ (Seite 222)

Mit ihrem Buch hilft Susannah Cahalan hoffentlich vielen Menschen mit Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Allein sein Bekanntheitsgrad sollte dazu beitragen, dass die Krankheit in Zukunft schneller (oder überhaupt!) diagnostiziert werden kann, und zwar nicht nur bei Wohlhabenden.

Ein spannendes, lesenswertes Sachbuch.

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(c) Vintage

Deutscher Titel: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Ich habe mich selten auf ein Sachbuch so sehr gefreut wie auf dieses, denn ich wusste aufgrund zahlreicher Rezensionen: Dieses Werk des Historikers Yuval Noah Harari, der derzeit mit der  Quasi-Fortsetzung von „Sapiens“ (Homo Deus) Furore macht, ist genau mein Ding. Ihr wisst alle, dass ich mich für Geschichte begeistere, was ihr vielleicht noch nicht wisst: Geschichte interessiert mich umso mehr, je länger in der Vergangenheit sie liegt und am meisten dort, wo es sich noch um Vor- und Frühgeschichte und Paläoanthropologie handelt.

So verschlang ich die ersten Kapitel von „Sapiens“ geradezu. Was dieses Buch von anderen Geschichtsbüchern unterscheidet? Yuval Noah Harari stellt nicht nur wesentliche Aspekte der Menschwerdung heraus, die mir so bisher nicht bewusst waren, sondern setzt sie in einen direkten Bezug zu unserer Gegenwart. Dass die Beherrschung des Feuers von zentraler Bedeutung für die Frühmenschen war, ist klar. Dass das unter anderem daran liegt, dass das Feuer Keime und Parasiten in der Nahrung abtötete, ist logisch, aber ich habe noch nie daran gedacht.

Ganz besonders spannend finde ich Hararis These, dass die Fähigkeit des Menschen, nicht nur Sprache zu entwickeln (er verweist darauf, wie viele Tierarten auf irgendeine Weise miteinander kommunizieren können), sondern damit FIKTION auszudrücken, einen entscheidenden Einfluss darauf hatte, dass der Mensch sich so unglaublich entwickeln konnte. Denn erst hierdurch konnten sich Religionen entwickeln, große Menschenmengen konnten an gemeinsame Werte glauben:

„Large numbers of strangers can cooperate successfully by believing in common myths“ (Seite 30)

Und der Zusammenhang mit unserer Gegenwart? Kurz gesagt: In einer Zeit, in der die klassische Religiosität immer mehr abnimmt, gibt es Ersatzmythen, die viele Menschen miteinander verbindet und die ohne ihre Kooperation unmöglich wären: Unternehmen (die in Zeiten des Raubtierkapitalismus immer mächtiger werden und unser Leben in zunehmendem Maße bestimmen).

„People easily understand that ‚primitives‘ cement their social order by believing in ghosts and spirits, and gathering each full moon to dance together around the campfire. What we fail to appreciate is that our modern institutions function on exactly the same basis.“ (Seite 31)

So liefert Harari faszinierende Thesen, die mich beim Lesen wirklich begeistern konnten und mir viele Denkanstöße  boten. So stellt Harari klar, dass die neolithische Revolution keineswegs eine Verbesserung der Lebensqualität darstellte, sondern lediglich mehr Menschen ernähren konnte. Rückgängigmachen war nicht, denn wenn erst einmal mehr Menschen da sind, müssen sie auch ernährt werden. Dabei kam mir der Gedanke: Wie wäre die kulturelle Entwicklung des Menschen ausgefallen, wenn die neolithische und später die industrielle Revolution nie stattgefunden hätten?

Ich bin jedoch nicht mit allem einverstanden, was Harari schreibt. Dass er die Massentierhaltung verurteilt, ist mir sehr wichtig. Was mir jedoch nicht gefällt, ist eine Aussage bzw. eine Spekulation im Zusammenhang mit der Verurteilung des Imperialismus von Seite 422:

„What if it turns out that the subjects of large empires are generally happier than the cititzens of independent states and that, for examples, Ghanians were happier under British colonial rule than under their own homegrown dictators? What would that say about the process of decolonisation and the value of national self-determination?“

Dass die Nachfolgeregierungen der ehemaligen Kolonien oft eine Verschlechterung der Landesentwicklung mitbrachten, war meiner Meinung nach eine Folge des Kolonialismus und kann nicht herangezogen werden, um diesen zu rechtfertigen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Harari das so meinte, aber es ist eine unglückliche Formulierung.

Schließlich gelangt der Autor bis zur Gegenwart und stellt einige Thesen zur Zukunft des Menschen vor. Und diese behagen mir nicht. Er argumentiert, dass der Mensch sich weiterentwickeln wird und dass es sich bei den Personen, die einmal mit Raumschiffen unterwegs sein werden, nicht mehr um den Homo Sapiens handeln wird. Ja, das ist unbequem und ehrlich gesagt, das möchte ich nicht. Denn entbehrt das Wesen, das Harari hier beschreibt, nicht seiner Menschlichkeit? Entwicklung ja, gerne, aber werden wir diese wirklich nicht steuern können? Aus diesem Grund bin ich nicht sicher, ob mir das neuere Werk des Autors, „Homo Deus“, zusagen wird. Ich möchte glauben, dass wir eine solche Entwicklung vermeiden können. Vielleicht ist das zu blauäugig, aber ich höre derzeit ein weiteres Buch, das sich mit der Zukunft befasst („Nächste Ausfahrt Zukunft“ von Ranga Yogeshwar) und auch dieses enthält unbequeme Wahrheiten, aber die Prognosen darin erscheinen mir plausibler. Fortsetzung folgt.

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Der Oktober ist ja für mich der Büchermonat schlechthin – wegen der Frankfurter Buchmesse und des Beginns der kühlen, gemütlichen Jahreszeit. Meistens schaffe ich es aber gerade wegen der Buchmesse im Oktober nicht, viel zu lesen. Dieser Oktober war aber recht gut.

Gelesen: 6

  • Roger Clarke: A Natural History of Ghosts – 500 Years of Hunting for Proof
  • The Queen (of Twitter): Gin o‘ Clock
  • Carson McCullers: The Heart is a Lonely Hunter
  • Jean-Yves Ferri, Didier Conrad: Asterix in Italien
  • Kai Meyer: Drache und Diamant
  • Diane Setterfield: The Thirteenth Tale. Ich bin am 31. eingeschlafen, bevor ich das Buch beenden konnte, aber es waren nur noch 5 Seiten, die ich am 1. November gelesen habe, von daher…

Außerdem:

  • 40 Seiten von Charles Dickens‘ „Our Mutual Friend“

Neuzugänge: 22

  • John Boyne: Haus der Geister (Geschenk)
  • Stefan Bachmann: Palast der Finsternis (Geschenk)
  • Anna Romer: Beyond the Orchard (Geschenk)
  • Yuval Noah Harari: A Brief History of Humankind
  • Tanja Kinkel: Grimms Morde (signiert)
  • John Burnside: Ashland & Vine (signiert)
  • Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann (signiert)
  • Patrick Rothfuss: Der Name des Windes (Geschenk, hab ich letzte Woche ganz vergessen)
  • Walter Benjamin: Berliner Kindheit um 1900
  • Jean-Yves Ferri, Didier Conrad: Asterix in Italien
  • Kazuo Ishiguro: Never Let Me Go
  • Tana French: Broken Harbour
  • Volker Weidermann: Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft
  • Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen
  • Britta Böhler: Der Brief des Zauberers
  • Stefan Bollmann: Frauen und Bücher: Eine Leidenschaft mit Folgen
  • Esther Kinsky: Am Fluss
  • David Mitchell: Slade House
  • Jane Harris: The Observations
  • Ken Follett: World Without End
  • Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst
  • Jennifer Worth: Shadows Of The Workhouse: The Drama Of Life In Postwar London

Heidanei!!!

Gehört: 1

  • Marc-Uwe Kling: Qualityland

Hörbuchneuzugänge: 2

  • Marc-Uwe Kling: Qualityland
  • Philip Pullman: The Amber Spyglass

Stand Roman-SuB: 116 (+13)

Stand Sachbuch-SuB: 50 (+3)

SuB-Abbau: +16. Ähm, ja. Manchmal muss das einfach sein.

Gelesene Seiten: 2429

Seiten pro Tag: 78

Hm. Da könnte noch mehr gehen. Hoffe auf den November, hab mit „Du hättest gehen sollen“ von Daniel Kehlmann schon mein erstes Buch beendet, das hatte aber auch nur 96 Seiten. Ich habe im Oktober sieben Titel geschafft, der Asterix war aber natürlich sehr kurz. Im November stehen zwei Buddy-reads an, witzigerweise beide von Kazuo Ishiguro-Büchern, ansonsten beteilige ich mich locker am NonFictionNovember, einem Readathon, den die Booktuberinnen Olive von abookolive und Gemma von Non Fic Books hosten. Macht noch jemand mit bei der großen Sachbuchleserei? Ich bin mit „Sapiens. A Brief History of Humankind“ von Yuval Noah Harari eingestiegen.

Ich wünsche euch einen sachbuchigen Lesemonat November!

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(c) Penguin

Deutscher Titel: Naturgeschichte der Gespenster: Eine Beweisaufnahme (Naturkunden), erschienen im Verlag Matthes & Seitz Berlin

Dass ich diesen Artikel ausgerechnet heute veröffentliche ist tatsächlich Zufall, aber ein schöner 😉

Kaum jemand kann sich Grusel- und Geistergeschichten wirklich entziehen, selbst wer die Existenz des Übernatürlichen konsequent ablehnt, kennt sicher doch diesen angenehmen Schauer, der uns bei gruseligen Geschichten und Berichten über den Rücken läuft. Nicht umsonst ist die britische Reality-TV-Sendung „Most Haunted“ so beliebt, zumal in dem Land, Großbritannien nämlich, das wohl über die meisten Spukorte weltweit verfügt. Roger Clarke geht so weit, den Geisterglauben als eine Art Ersatzreligion im ansonsten immer stärker säkularisierten Westen, speziell Großbritannien, zu betrachten:

„Belief in the paranormal has become a form of decayed religion in secular times: ghosts are the ghosts of religion itself“. (Seite 291)

Dieser Satz lässt schon ahnen: Roger Clarke ist kein total abgehobener Freak, der seine Leser zum Übersinnlichen bekehren möchte. Vielmehr ist der Journalist seit seiner Jugend ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Geistererscheinungen, der uns mit dem vorliegenden Buch einen Überblick über deren Geschichte liefert, in den geschilderten Fällen kann er auch meistens gleich die Auflösung anbieten (was mancher Leser, durchaus auch ich, manchmal ein bisschen schade finden mag).

Gleich zu Beginn des Werks stellt Clarke dar, um was es in dem Buch nicht geht: um die Frage, ob Geister existieren. Es gibt zu viele belegte Fälle von Geistererscheinungen, um ihre Existenz gänzlich leugnen zu können. Clarke will vielmehr erklären, was hinter solchen Phänomenen steckt. Für diese nennt er einige Beispiele, dir mir wirklich haben die Haare zu Berge stehen lassen und mir eine schlaflose Nacht verschafft haben (ich bin da eventuell ein klitzekleines bisschen empfänglich…)

Das zweite Kapitel, „A Taxonomy of Ghosts“, fand ich ganz besonders interessant und hilfreich, liefert es doch eine genaue Klassifizierung der verschiedenen Geistererscheinungen. Es folgt ein Kapitel über verschiedene berühmte Geisterjäger im Verlauf der Geschichte. Die weiteren Kapitel behandeln einzelne berühmte Fälle von Heimsuchungen, beginnend mit einem klassischen Spukhaus im 18. Jahrhundert.

Ich muss sagen, dass ich diese Kapitel nicht mehr ganz so fesselnd fand wie die Eingangskapitel, was aber schlicht daran liegt, dass mich in diesem Fall ausnahmsweise weniger die Geschichte interessiert als heute existierende Spukvorkommnisse und heimgesuchte Plätze. Dennoch habe ich mich gerade aufgrund des sachlichen Vorgehens des Autors kaum getraut, das Buch im Bett zu lesen. Roger Clarke erscheint sowohl kundig als auch glaubhaft.

Wie bereits erwähnt konnten die meisten der besprochenen Fälle tatsächlich aufgelöst werden, was jedoch nicht bedeutet, dass Roger Clarke die Existenz von Geistern widerlegt. Ich interpretiere das Buch eher so, dass es solche Phänomene gibt und dass wir vielleicht einfach in vielen Fällen noch nicht entdeckt haben, was in wissenschaftlicher Hinsicht dahinter steckt. Im Verlauf der Geschichte gab es immer wieder Entdeckungen und Auflösungen für bis dahin Unerklärbares. Man stelle sich vor, wie ein Mensch aus dem Mittelalter oder aus noch früheren Zeiten auf einen Fernseher oder gar Computer reagieren würde. Eine sehr spannende Frage, wie ich finde, auch in psychologischer Hinsicht. Ein empfehlenswertes Buch.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes Halloween, oder, wie ich persönlich eher nenne, schönes Samhain!

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(c) Penguin

(Eine deutsche Ausgabe scheint nicht zu existieren)

Bill Bryson hat sich als Autor zahlreicher Sachbücher über ein großes Spektrum hinweg einen Namen gemacht und wird von vielen besonders für sein Talent, die witzigsten Geschichten und Fakten ausfindig zu machen, sowie seinen trockenen Humor geliebt. Ich muss gestehen, dass ich bisher außer Notes From a Small Island nichts von ihm gelesen habe – was aber nicht an mangelndem Interesse liegt, sondern an der überwältigenden Anzahl von Büchern, die ich unbedingt bald lesen muss.

Der Titel des Buchs „Made in America“ kann ein wenig irreführen, ich hatte eigentlich ein Buch darüber erwartet, was es heißt, in Amerika geboren und aufgewachsen zu sein. Tatsächlich handelt es sich aber um die Geschichte der Entwicklung der englischen Sprache in Amerika seit der Besiedlung durch britische Auswanderer. Was mir durchaus recht ist, denn ich bin von Haus aus Sprachwissenschaftlerin und interessiere mich brennend vor allem für Sprachentwicklung. Das gilt insbesondere für die ganz frühe Entwicklung der Sprachen aus dem indoeuropäischen Sprachenkreis.

Und dann haut der Mann mich doch schon in der Einführung um, indem er erwähnt, dass der Aufzählreim „Eenie, meenie, minie, mo“ nicht nur älter ist als die römische Besatzung des alten Britanniens, sondern eventuell sogar aus vorkeltischer Zeit stammt. Damit hatte er mich. Gänsehaut pur. Die ersten Kapitel beschäftigen sich mit der Sprache der ersten Siedler, die natürlich noch britisch war. Hochinteressant daran finde ich, dass das damalige Englisch in der Aussprache eher dem heutigen amerikanischen Englisch ähnelt – das britische Englisch ist dasjenige, das sich weiter von der Ausgangssprache wegentwickelt hat. Bryson erklärt anhand zahlreicher Beispiele den damaligen Zustand der englischen Sprache und bleibt dabei immer unterhaltsam. Auch sein berühmter Humor blitzt immer wieder auf. Viele Fakten finde ich absolut faszinierend, so erklärt Bryson beispielsweise in einer Fußnote, dass „you“ ursprünglich die Pluralform von „ye“ („du“) war und dass dieser Plural in der Deklination mit „you are“ erhalten blieb, während es ja eigentlich „you is“ heißen müsste. Überhaupt hatte ich mehrfach den Eindruck, dass die alten Sprachformen häufig in Dialekten überleben, bei den Aussprachebeispielen dachte ich wiederholt „das hört sich ein bisschen an wie Cockney“. Ihr merkt, dieses Thema finde ich hochgradig spannend.

Bryson beschränkt sich allerdings nicht komplett auf die Linguistik, sondern beschäftigt sich auch mit einigen historischen Mythen und Fakten, etwa über die tatsächliche „Entdeckung“ Amerikas, die ja lange vor Kolumbus stattfand. Im weiteren Verlauf des Buches geht Bryson auf die Weiterentwicklung des amerikanischen Englisch in den folgenden Jahrhunderten ein. Stark geprägt ist die amerikanische Sprache natürlich von der Vielzahl der Herkunftsländer der Emigranten. Vor allem Ortsnamen sind vermehrt auf indianische Sprachen zurückzuführen, wobei der Einfluss der Sprachen der Urbevölkerung eher als gering einzustufen ist. Je mehr wir uns der Moderne nähern, umso mehr beeinflussen nichtlinguistische Entwicklungen und Erfindungen die Sprache. Dementsprechend gibt es Kapitel über die Küche, die Elektrifizierung, Baseball und andere Sportarten oder Werbung. Mich persönlich interessieren diese Themen weniger stark als die geschichtlich weiter zurückliegenden Aspekte, weshalb das Buch mich in seinem Verlauf nicht mehr ganz so stark fesseln konnte. Die Themen fächern sich außerdem immer mehr auf, sodass sie einen Hauch von Aufzählcharakter gewinnen.

Was in dem Buch noch fehlt, ist der Einfluss der Cyberwelt und der hochgradigen Vernetzung durch das Internet. Das kann man dem Buch jedoch nicht vorwerfen, denn es ist von 1994 und konnte diese Entwicklungen daher nicht erfassen. In dieser Hinsicht wäre eine Neuauflage mit einem ergänzenden Kapitel interessant.

Ein weiteres unterhaltsames und kompetent verfasstes Sachbuch von Bill Bryson.

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(c) Random House

Deutscher Titel: Erwachen in Mississippi (antiquarisch erhältlich)

Anne Moody wird 1940 als Essie May Moody in Centreville, Mississippi geboren. Ihre Kindheit ist geprägt von tiefer Armut und der langsamen Erkenntnis, was es heißt, Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine Schwarzafrikanerin im Süden der USA zu sein. Wie viele Schwarze muss Moody früh Geld verdienen, um überhaupt zur Schule gehen zu können, was die meisten Weißen gnadenlos ausnutzen, die die Schwarzen für wenig Geld hart arbeiten lassen. Die Ausnahmen lässt Moody jedoch keineswegs unerwähnt, sie soll während ihrer Ausbildungszeit auch viel Unterstützung durch wohlwollende Weiße erfahren.

Moodys Autobiografie ist in vier Teile gegliedert, „Kindheit“, „High-School“, „College“ und „Die Bewegung“. Im ersten Teil erzählt Moody von prägenden Ereignissen, der Erkenntnis, dass Weiße anders sind, anders essen können als die Schwarzen, oder die Begegnung mit zwei Onkeln im Kindesalter, die eine weiße Hautfarbe und einen weißen Vater haben, aber dennoch niemals als Weiße „anerkannt“ werden können, und die Absurdität des Rassismus verdeutlicht:

„Now I was more confused than before. If it wasn’t the straight hair and the white skin that made you white, then what was it?“ (Seite 35)

Besonders bitter ist die Erfahrung, die Essie May bzw. Anne mit der Familie des neuen Freundes ihrer Mutter machen muss, mit dem Rassismus unter Farbigen:

„Then I began to think about Miss Pearl and Raymond’s people and how they hated Mama and for no reason at all than the fact that she was a couple of shades darker than the other members of their family. Yet they were Negroes and we were also Negroes. I just didn’t see Negroes hating each other so much“. (S. 59)

Vor allem dieser erste Teil des Buchs liest sich flüssig wie ein Roman.

Anne Moody erweist sich als begabte Schülerin und geht nach der Grundschule zur High-School, wo sie weiterhin große schulische Erfolg erzielt, auch im Sport. Mit ihrem Eintritt in die High-School und ihrer zunehmenden Erfahrung mit weißen Arbeitgebern beginnt sie, sich für die Bürgerrechtsbewegung zu interessieren. Harte Arbeit bringt sie aufs College, und nun beginnt Moody ernsthaft, sich für die Rechte schwarzer Bürger zu engagieren. Dies bleibt in ihrer Heimatstadt nicht unbemerkt, was so weit geht, dass es zu gefährlich für sie wird, ihre Familie zu besuchen, die sie eindringlich bittet, ihre Arbeit für die Bürgerrechtsorganisation einzustellen. Auch wenn ich mich schon ein wenig mit der Bürgerrechtsbewegung beschäftigt habe, war es mir vor der Lektüre dieses Buchs nicht klar, wie gefährlich nicht nur ein solches Engagement für die Rechte schwarzer Bürger, sondern schon die bloße Existenz als Afroamerikaner in den Südstaaten war. Dies führte auch zu Konflikten innerhalb der schwarzen Bevölkerung, was sich in folgender Aussage Moodys spiegelt:

„I think I had a stronger resentment toward Negroes for letting the whites kill them than toward the whites.“ (S. 136)

Anne Moodys Autobiografie ist ein eindrucksvolles und sehr zugängliches Zeugnis über das Leben als Afroamerikaner im Süden der USA. Das Buch ist angesichts der Übergriffe der US-Polizei auf schwarze Bürger, die Schwarze grundsätzlich für verdächtig zu halten scheint, aktueller denn je. Anne Moody ist leider 2015 verstorben, trotz aller Erfolge der Bürgerrechtsbewegung hat sie es nicht mehr erleben dürfen, dass Afroamerikaner nicht mehr diskriminiert werden.

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