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(c) Penguin

(Eine deutsche Ausgabe scheint nicht zu existieren)

Bill Bryson hat sich als Autor zahlreicher Sachbücher über ein großes Spektrum hinweg einen Namen gemacht und wird von vielen besonders für sein Talent, die witzigsten Geschichten und Fakten ausfindig zu machen, sowie seinen trockenen Humor geliebt. Ich muss gestehen, dass ich bisher außer Notes From a Small Island nichts von ihm gelesen habe – was aber nicht an mangelndem Interesse liegt, sondern an der überwältigenden Anzahl von Büchern, die ich unbedingt bald lesen muss.

Der Titel des Buchs „Made in America“ kann ein wenig irreführen, ich hatte eigentlich ein Buch darüber erwartet, was es heißt, in Amerika geboren und aufgewachsen zu sein. Tatsächlich handelt es sich aber um die Geschichte der Entwicklung der englischen Sprache in Amerika seit der Besiedlung durch britische Auswanderer. Was mir durchaus recht ist, denn ich bin von Haus aus Sprachwissenschaftlerin und interessiere mich brennend vor allem für Sprachentwicklung. Das gilt insbesondere für die ganz frühe Entwicklung der Sprachen aus dem indoeuropäischen Sprachenkreis.

Und dann haut der Mann mich doch schon in der Einführung um, indem er erwähnt, dass der Aufzählreim „Eenie, meenie, minie, mo“ nicht nur älter ist als die römische Besatzung des alten Britanniens, sondern eventuell sogar aus vorkeltischer Zeit stammt. Damit hatte er mich. Gänsehaut pur. Die ersten Kapitel beschäftigen sich mit der Sprache der ersten Siedler, die natürlich noch britisch war. Hochinteressant daran finde ich, dass das damalige Englisch in der Aussprache eher dem heutigen amerikanischen Englisch ähnelt – das britische Englisch ist dasjenige, das sich weiter von der Ausgangssprache wegentwickelt hat. Bryson erklärt anhand zahlreicher Beispiele den damaligen Zustand der englischen Sprache und bleibt dabei immer unterhaltsam. Auch sein berühmter Humor blitzt immer wieder auf. Viele Fakten finde ich absolut faszinierend, so erklärt Bryson beispielsweise in einer Fußnote, dass „you“ ursprünglich die Pluralform von „ye“ („du“) war und dass dieser Plural in der Deklination mit „you are“ erhalten blieb, während es ja eigentlich „you is“ heißen müsste. Überhaupt hatte ich mehrfach den Eindruck, dass die alten Sprachformen häufig in Dialekten überleben, bei den Aussprachebeispielen dachte ich wiederholt „das hört sich ein bisschen an wie Cockney“. Ihr merkt, dieses Thema finde ich hochgradig spannend.

Bryson beschränkt sich allerdings nicht komplett auf die Linguistik, sondern beschäftigt sich auch mit einigen historischen Mythen und Fakten, etwa über die tatsächliche „Entdeckung“ Amerikas, die ja lange vor Kolumbus stattfand. Im weiteren Verlauf des Buches geht Bryson auf die Weiterentwicklung des amerikanischen Englisch in den folgenden Jahrhunderten ein. Stark geprägt ist die amerikanische Sprache natürlich von der Vielzahl der Herkunftsländer der Emigranten. Vor allem Ortsnamen sind vermehrt auf indianische Sprachen zurückzuführen, wobei der Einfluss der Sprachen der Urbevölkerung eher als gering einzustufen ist. Je mehr wir uns der Moderne nähern, umso mehr beeinflussen nichtlinguistische Entwicklungen und Erfindungen die Sprache. Dementsprechend gibt es Kapitel über die Küche, die Elektrifizierung, Baseball und andere Sportarten oder Werbung. Mich persönlich interessieren diese Themen weniger stark als die geschichtlich weiter zurückliegenden Aspekte, weshalb das Buch mich in seinem Verlauf nicht mehr ganz so stark fesseln konnte. Die Themen fächern sich außerdem immer mehr auf, sodass sie einen Hauch von Aufzählcharakter gewinnen.

Was in dem Buch noch fehlt, ist der Einfluss der Cyberwelt und der hochgradigen Vernetzung durch das Internet. Das kann man dem Buch jedoch nicht vorwerfen, denn es ist von 1994 und konnte diese Entwicklungen daher nicht erfassen. In dieser Hinsicht wäre eine Neuauflage mit einem ergänzenden Kapitel interessant.

Ein weiteres unterhaltsames und kompetent verfasstes Sachbuch von Bill Bryson.

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