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Archive for the ‘Übersetzte Literatur’ Category

(c) Der Hörverlag

Übersetzung aus dem Französischen: Amelie Thoma

Sprecherin: Constanze Becker

Dauer: 5 h 25 min

Das Baby ist tot. Mit diesem grausamen Satz beginnt Leila Slimanis preisgekrönter Roman, der vergangenes Jahr pünktlich zur Frankfurter Buchmesse mit dem Ehrengast Frankreich auf Deutsch erschien. Das Ende des Buches wird also vorweggenommen, und nicht nur das Baby ist tot, sondern auch die vierjährige Mila ist von ihrer Nanny, die doch eigentlich so perfekt und liebevoll war, getötet worden. Wie konnte es zu der unfassbaren Tat kommen?

Rückblende. Myriam will nach der Geburt ihres zweiten Kindes wieder an ihrer Karriere arbeiten und erhält ein tolles Jobangebot von einem Studienkollegen. Doch Paul und Myriam gehören zu den Eltern, die zu viel verdienen, um ihre Kinder auf Staatskosten versorgen zu lassen, aber zu wenig, um sich eine Nanny leisten zu können. Oder können sie vielleicht doch? Eine Kandidatin sticht heraus: die adrette, fürsorgliche und verantwortungsbewusste Louise. Und kaum beginnt sie mit ihrer Arbeit im Haushalt von Paul und Myriam, ist sie auch schon unentbehrlich für die Familie. Sie kümmert sich nicht nur aufopfernd um die Kinder, sondern übernimmt die gesamte Hausarbeit und kocht täglich – und zwar hervorragend. Schon bald ist es für das Paar undenkbar, wieder ohne Louise auskommen zu können. Sogar mit in den Urlaub nehmen sie sie.

Was den jungen Yuppies, die nun beide extrem viel arbeiten und wenig zu Hause sind, entgeht, ist Louises Seelenleben. Dass sie mit dem Geld, das sie verdient, kaum überleben kann. Dass sie zermürbt wird von Existenzängsten und der Gedankenlosigkeit ihrer Arbeitgeber. Und so entsteht langsam ein Groll in der perfekten Nanny, der sich schließlich in ihrer schrecklichen Tat entlädt.

Slimanis Geschichte ist trotz des bekannten Endes durchweg spannend. Dies liegt unter anderem daran, dass eine Erklärung für die Tötung der Kinder so unvorstellbar scheint, es ist hochinteressant, zu verfolgen, wie Louise immer mehr an den Abgrund gedrängt wird, ohne dass die Eltern der Kinder irgendetwas ahnen. Im Verlauf der Geschichte mehren sich langsam die Konflikte zwischen der Nanny und den Eltern und dennoch sind diese weit entfernt davon, zu ahnen, wie sich die Perle Louise fühlt.

Was mich gestört hat an dem Buch ist die häufige Verwendung des Perfekts, um von der Vergangenheit zu berichten. Das störte mich wesentlich mehr als das ebenfalls häufig gebrauchte Präsens. Ich weiß nicht, ob dies eine Idee der Übersetzerin war oder ob es im französischen Original auch so ist. Eine Erklärung könnte im letzteren Fall sein, dass die Autorin eine möglichst große Nähe zur Gegenwart erzeugen wollte. Dieser Effekt hätte jedoch auch mit dem Einsatz des Präsens erzielt werden können, was ja auch teilweise der Fall ist. Doch beim Perfekt zuckte ich jedesmal ein bisschen zusammen, jedenfalls am Anfang. Das Perfekt gehört für mich nicht in die Schriftsprache, sondern in die gesprochene Sprache. Dieser Effekt wurde möglicherweise durch das Hörbuchformat noch verstärkt.

Abgesehen von dieser Schwäche empfand ich „Dann schlaf auch du“ als gelungene und interessante Charakterstudie. Ein definitiv lesenswertes Buch.

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(c) Rowohlt

Übersetzung aus dem Spanischen: Willi Zurbrüggen

London, Ende des 19. Jahrhunderts: Der junge Andrew Harrington will sich das Leben nehmen. Vor Jahren wurde seine Geliebte Marie Kelly Opfer des berüchtigten Jack the Ripper und er meint, nicht mehr damit leben zu können. Sein engster Freund hat jedoch eine Idee für ihn: Ein Unternehmer bietet Zeitreisen in das Jahr 2000 an, er hat selbst schon an einer solchen teilgenommen und wurde im verwüsteten London Zeuge des furiosen Kampfes des Helden Derek Shackleton gegen die herrschenden Maschinenmenschen. Wenn eine Reise ins Jahr 2000 möglich ist, warum dann nicht auch eine zurück in das Jahr, in dem Jack the Ripper sein Unwesen trieb? Es müsste möglich sein, Marie zu retten, schließlich wurde der Mörder gefasst und man müsste ihn nur rechtzeitig abfangen? Der Zeitreisenanbieter Murray verweist Andrew und seinen Freund an den Schriftsteller, der die Zeitmaschine auf Papier erfunden hat: H. G. Wells

Dass wir es hier mit einer alternativen Geschichte zu tun haben, wird bereits klar, als festgestellt wird, Jack the Ripper sei gefasst worden, denn dies ist, wie wir alle wissen, niemals passiert. Doch in welchem „Ausmaß“ Zeitreisen hier thematisiert werden, hatte ich keinesfalls geahnt. Man braucht etwas Geduld mit diesem Roman und darf keine Probleme mit vielen Figuren haben, die in unterschiedlichen Teilen des Buches im Vordergrund stehen. Es gibt folglich keinen klaren Protagonisten in „Die Landkarte der Zeit“ und der Plot ist, anders kann man es nicht sagen, chaotisch. Doch wer sich darauf einlässt und die Handlung einfach mal auf sich zukommen lässt, wird hier hervorragend unterhalten. Wenn man ordentlich gräbt, findet man sicher Logiklücken, Zeitreisen kommen nicht ohne Paradoxon aus. Doch dieser Herausforderung stellt sich Palma und meistert sie, wenn auch nicht unbedingt mit Bravour. Das unvermeidliche Paradoxon kommt zur Sprache und wird lässig und geschickt umgangen. Das hat mir gefallen.

Sprachlich ist anzumerken, dass es die eine oder andere schwülstige Stelle gibt („das Feuer seiner Geliebten“, „Glut einer unverdienten Leidenschaft“ usw.), aber auch ein paar ganz gefällige Metaphern und Vergleiche:

„… und schaute die Schriftsteller an mit einem Lächeln, das an den abblätternden Putz einer Wand erinnerte.“ (Seite 612)

Das kann ich mir richtig schön vorstellen, finde ich äußerst gelungen. Im Übrigen liest sich das Buch gut.

Gefallen hat mir auch, in diesem Roman wieder auf mein Lieblingssthema, die Unzuverlässigkeit der Erinnerung, zu stoßen, wobei das in einem Buch, in dem sich alles um die Zeit dreht, auch naheliegend ist.

Ich kann gut verstehen, dass manch einer sich von der Verworrenheit des Romans überwältigt fühlt, doch wer ihn so annimmt, wird seinen Spaß daran haben. Ich freue mich darauf, die beiden Fortsetzungen zu lesen und bin gespannt, was Palma uns da auftischt. Außerdem habe ich jetzt Lust, mal wieder H. G. Wells zu lesen.

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