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Archive for the ‘Umwelt’ Category

(c) Piper

Übersetzung aus dem Russischen: Ingeborg Kolinko

In der Nähe der nordukrainischen Städte Prypjat und Tschernobyl geschieht im April 1986 das Undenkbare, der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall: Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodiert nach einem misslungenen Experiment. Die Feuerwehrleute, die noch in der Unglücksnacht ohne jede Schutzkleidung auf dem Reaktordach arbeiteten, überlebten keine 2 Wochen – der Auftakt eines Jahre und Jahrzehnte andauernden Sterbens der Bewohner des Katastrophengebiets und der Helfer, der sogenannten Liquidatoren. 30 Jahre später ist der Sarkophag, der den Unglücksreaktor umhüllt, marode, ein neuer Sarkophag ist in Arbeit. Doch die Umgebung des Reaktors ist nach wie vor verseucht, Prypjat ist eine Geisterstadt.

Die weißrussische Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat sich darauf spezialisiert, ihren Lesern historische Katastrophen nahezubringen, indem sie Betroffene interviewt und ihre Berichte literarisch umsetzt. Die Erfahrungsberichte aus „Tschernobyl“ stammen aus dem Jahr 1996, als das Unglück erst 10 Jahre her war, aber die Langzeitfolgen schon deutlich sichtbar. Zunächst nennt die Autorin einige Fakten, mir war tatsächlich nicht bewusst, wie nahe Tschernobyl an der weißrussischen Grenze liegt und dass 70 % der verseuchten Gebiete auf weißrussischem Boden liegen. Dieser Teil des Buches ist jedoch kurz gehalten, es geht hier um die Menschen, und diese kommen nun zu Wort. Gleich der erste, lange Erfahrungsbericht hat mich, so schrecklich wie er ist, absolut gefesselt, ihn zu lesen, ist wie das Unglück und die unmittelbare Zeit danach hautnah mitzuerleben. Die Stimme gehört der Frau eines Feuerwehrmannes, die trotz Schwangerschaft bis zuletzt ihrem tödlich verstrahlten Mann beistand.

„Er veränderte sich. Jeden Tag traf ich auf einen anderen Mann … Die Verbrennungen traten zutage … Im Mund, auf der Zunge, auf den Wangen … Zuerst kleine Bläschen, die größer wurden … Die Schleimhaut löste sich in Schichten ab … in weißen Häutchen (S. 27/28)

„Er ist kein Mensch mehr, sondern ein Reaktor. Ihr verbrennt noch zusammen.“ (S. 31)

Es folgen weitere Erfahrungsberichte, die Alexijewitsch als „Monologe“, im Falle mehrerer Personen als „Chöre“ bezeichnet. Alle Typen von Betroffenen kommen zu Wort, Eltern verstrahlter, verstorbener Kinder, Liquidatoren, Politiker, Wissenschaftler, Kinder, Rückkehrer.

Die Schilderungen machen viel mehr als betroffen, sie sind unfassbar, etwa wenn man erfährt, dass das Unglück in Weißrussland von vielen Seiten vertuscht wurde, während in der Ukraine längst evakuiert wurde. Dass viele Liquidatoren ohne annähernd ausreichende Schutzkleidung ins Unglücksgebiet geschickt wurden. Wie fatalistisch deren Einstellung oft war, sich einerseits einer unheimlichen Gefahr bewusst, andererseits diese völlig ignorierend. Wie viele Rückkehrer der Meinung sind, bei ihnen sei alles in Ordnung. Man kann die Radioaktivität ja nicht sehen.

„Man kann nicht ständig in Angst leben, das hält der Mensch nicht aus, nach einer gewissen Zeit lebt er normal weiter.“

Wir erfahren, wie sehr der sowjetische Geist zur Vertuschung des Unglücks beitrug – sowjetische Technik war die beste der Welt, so ein Unglück durfte nicht geschehen sein! Wie sehr die Verhältnisse nach dem Unglück an Kriegszeiten erinnerten.

Das Reaktorunglück von Tschernobyl ist das beste Argument gegen die Nutzung der Atomkraft und darf nie in Vergessenheit geraten. Vor allem jüngere Menschen, die 1986 noch nicht geboren waren oder zu jung, können anhand dieses Buches erfahren, was damals mit den Menschen passierte, was nicht heißen soll, dass alle älteren es nicht lesen sollten!

Nie ist Geschichte so eindringlich, als wenn wir sie aus der Sicht des Einzelnen, des Betroffenen erleben. In Swetlana Alexijewitschs Worten:

„Schicksal ist das Leben des einzelnen, Geschichte – das Leben von uns allen. Ich möchte Geschichte so erzählen, daß dabei das Schicksal nicht aus dem Blickfeld gerät …  der einzelne …“ (Seite 50)

Das macht Swetlana Alexijewitschs Bücher so wertvoll. Es ist ihre Leistung, die verschiedenen Stimmen aus der Bevölkerung zusammenzubringen, sie zu formulieren und zusammenzusetzen wie eine Komposition, die beim Leser den größtmöglichen Eindruck erweckt. Ihr Werk hat es vollkommen verdient, durch den Literaturnobelpreis möglichst viel Aufmerksamkeit zu erfahren.

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(c) Kiepenheuer & Witsch

Es fängt leise und kaum bemerkt an: Vor Peru verschwindet ein Fischer. Einige Zeit darauf beginnen verschiedene Tierarten, sich merkwürdig zu verhalten. Wale scheinen plötzlich aggressiv und attackieren Boote. Vor Norwegen finden Exploratoren eines Ölkonzerns Massen von Würmern, die nicht nur nicht dorthin gehören, sondern auch seltsame Mutationen aufweisen. Doch das alles ist erst der Anfang…

Mit „Der Schwarm“ hat Frank Schätzing wohl das Werk seines Lebens geschrieben. Ich kann gar nicht genug betonen, welchen Respekt ich vor der enormen Rechercheleistung habe, die für dieses Buch nötig gewesen sein muss. Aber der Roman ist nicht nur in dieser Hinsicht bemerkenswert. Auf 1000 Seiten erschafft Schätzing einen Ökothriller, der seinesgleich sucht, eine unglaubliche, originelle Geschichte. Die Länge des Romans mag abschrecken, ist jedoch nötig, um den verschiedenen Charakteren neben der komplexen Hauptstory und den wissenschaftlichen, jedoch absolut laientauglichen Erläuterungen (die den verschiedenen Wissenschaftlern unter den Charakteren geschickt in den Mund gelegt werden)  genug Raum zur Entwicklung zu lassen. Lediglich Leons Trip in seine Heimat Nunavut hatte für mich ein paar Längen. Damit habe ich schon vorweggenommen, dass mir die Ausarbeitung der Charaktere wirklich gut gefallen hat. Dass nicht alle von ihnen das Ende erleben werden, kann man sich angesichts der Entwicklung der Geschichte denken.

Wie sich die ganze Katastrophe im Meer entwickelt, habe ich als ungeheuer spannend empfunden. Da braucht es nicht viel Action, wobei die angesichts von Walattacken auf Schiffe ja durchaus vorhanden ist. Gegen Ende hin wurde es mir sogar eher zu viel Action, aber sie passt dort auch einfach hin. Die ganze Theorie der Intelligenz aus der Tiefsee ist schlicht genial und faszinierend. Die sicherlich vorhandene Kritik an den USA sehe ich nicht als pauschal – schließlich sind ja auch unter den „Guten“ US-Amerikaner zu finden. Vielmehr richtet sie sich gegen Institutionen (CIA) und Einzelpersonen. Viele sehen in der rabiaten Judith Li Ähnlichkeiten zur Ex-Sicherheitsberaterin und -Außenministerin Condoleeza Rice. Hinter dem Präsidenten, mit dem sie eng verbunden scheint, sehe ich durchaus auch George W. Bush.

Schätzings Buch ist jedoch nicht nur ein unterhaltsamer Roman, es steht selbstverständlich auch eine Botschaft dahinter: Wenn die Menschheit die Ozeane und den Planeten allgemein weiterhin so behandelt wie bisher, wird sie untergehen. Mit dem Ende des Buchs war ich einverstanden, obwohl ich es mir auch hätte anders vorstellen können. Um nicht zu spoilern, schreibe ich meine Meinung dazu unten in weißer Schrift, wer es lesen möchte, kann es markieren.

 

Ich finde, das Ende hätte durchaus auch düsterer ausfallen können, obwohl es ja schon nicht gerade rosig ist. Angesichts der ungeheuerlichen Umweltsünden der Menschheit hätte sich meiner Meinung nach ruhig abzeichnen können, dass sie nicht überleben wird. Vielleicht wäre das aber für einen Roman zu negativ und würde zu der Schlussfolgerung „Ist eh zu spät“ führen. Ich bin persönlich nicht sehr optimistisch. Ich bin jetzt nicht so fatalistisch zu sagen, die Menschheit wird auf jeden Fall untergehen, aber ich bin alles andere als sicher, dass sie eine Zukunft hat.

 

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