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Posts Tagged ‘20. jahrhundert’

(c) Schöffling & co.

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Übersetzung aus dem Englischen: Ulla de Herrera

Frankfurt, 1903. Die wohlhabende jüdische Familie Wertheim feiert die Geburt ihres jüngsten Mitglieds. Die kleine Helene wird in einem privilegierten Milieu im Frankfurter Westend aufwachsen. Noch ahnt niemand, dass bald eine schwierige Zeit für Deutschlands und Europas Juden anbrechen wird. So kümmert sich Eduard, der jüngste Sohn des Patriarchen Moritz und Onkel der kleinen Lene, vornehmlich um die Zukunft des Familienunternehmens.

Ich dachte zunächst, bei der Familie Wertheim handelte es sich um die Besitzer der berühmten Warenhäuser, tatsächlich scheint hier jedoch kein Zusammenhang zu bestehen. Unsere Familie Wertheim gehört zu den oberen Zehntausend Frankfurts und wir begleiten sie von der Geburt Lenes, die lose als Hauptfigur fungiert, bis in die unmittelbare Nachkriegszeit des 2. Weltkrieges. Die Handlung konzentriert sich dabei keineswegs auf diesen, sondern schreitet eher langsam voran. Die Kindheit und Jugend Lenes und ihrer Geschwister verläuft noch mehr oder weniger sorgenlos, der „Familienchef“ Eduard beginnt jedoch schon früh zu ahnen, dass sich etwas zusammenbraut in der Weimarer Republik. Zunächst beschäftigen ihn jedoch eher die privaten Sorgen der Familie, gescheiterte Ehen, ein undisziplinierter Bruder, die wilde Ehe eines anderen Bruders und die Homosexualität eines von Lenes Brüdern. Interessant ist die angenehm gelockerte Moral der Weimarer Zeit, die keines dieser „Probleme“ sehr groß werden lässt. Silvia Tennenbaum schafft interessante Charaktere, etwa Onkel Jakob oder die kommunistische Tante Eva, die Charakterisierung hat jedoch ihre Grenzen, richtig nah kamen mir die Personen einschließlich Lene nicht. Das sorgt mitunter für gewisse Längen im Mittelteil des Buchs, die Leserin kann hier angesichts der nahenden Machtergreifung Hitlers etwas Ungeduld entwickeln. Der eindrücklichste der Charaktere war für mich eine der Nebenfiguren, und zwar Lenes Freund Paul, ein Intellektueller, der früh begriffen hat, wohin Deutschland steuert. Seine Aussagen sind ein gutes Beispiel für die Relevanz historischer Romane, denn der Bezug zur aktuellen Weltlage springt ins Auge:

„Da sind die unsagbar Reichen und die unsagbar Armen und sie werden sich zusammentun, um Europa zu erobern und die Juden zu töten … Haß ist ein stärkeres Band als alles andere.“ (S. 350)

„Der Deutsche weiß nichts mit der Freiheit anzufangen. Sie erschreckt ihn. Freiheit bringt Verantwortung mit sich. Er will sich freiwillig in Knechtschaft begeben und jede Verantwortung meiden. … Jeder, der sich so verzweifelt nach vergangenem Ruhm sehnt, muß eine Rückkehr zu vergangenen Freveln fordern.“ (S. 358)

Gibt es jemanden, der bei diesen Zitaten nicht an den neuen US-Präsidenten denken muss? Es sind diese Sätze, die mich beeindruckt haben und das Buch zu einem guten Buch mit ein paar Mängeln machen.

Dass nicht alle der Familienmitglieder den 2. Weltkrieg überleben werden, ist glasklar, weshalb die Leserin dafür gewappnet ist. Der Tenor der letzten Seiten ist jedoch positiv, angesichts der aktuellen Entwicklungen frage ich mich, ob die im letzten Jahr verstorbene Silvia Tennenbaum nicht gar zu optimistisch war.

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Da das Buch leider nur noch antiquarisch erhältlich ist, habe ich leider keine Coverabbildung für euch. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.

„INSANE ASYLUM“. A place where insanity is made.“ (S. 123) So lakonisch umschreibt eine der Patientinnen, die in diesem Sachbuch zu Worte kommen, die Einrichtungen in den USA, in denen sie Monate, manchmal auch viele Jahre, verbringen mussten, häufig ohne echte medizinische Diagnose. Um ein ausgewogenes Bild zu bieten, enthält das Buch auch Berichte von Frauen, denen tatsächlich geholfen wurde. Doch die überwältigende Mehrheit der Patientinnen wurde in der jeweiligen Einrichtung der Willkür der Aufsichtspersonen ausgesetzt, sie wurden menschenunwürdig behandelt, mitunter gequält. Häufig reichten nichtige Gründe, etwa eine unliebsame Meinung, die sich nach der Meinung des Vaters oder des Ehemannes der Frau nicht für eine solche gehörte, um sie für verrückt zu erklären, manchmal wollte der Mann die Frau auch einfach nur loswerden. Es ist schier unerträglich zu lesen, wie ausgeliefert Frauen Männern in vergangenen Zeiten waren. Entsprechend wütend und aufgebracht war ich bei der Lektüre über weite Strecken dieses Buches.

Das Buch beginnt mit einem sehr interessanten Vorwort der amerikanischen Psychologin Phyllis Chesler gefolgt von einer nicht minder interessanten Einführung der Autoren in das Thema. Daraufhin folgen die Augenzeugenberichte der betroffenen Frauen, die zeitlich in vier Abschnitte gegliedert wurden, um das sich in Laufe der Zeit verändernden Frauenbild widerzuspiegeln. Den Berichten aus den verschiedenen Zeitabschnitten sind Erläuterungen eben dieses Frauenbildes sowie Beschreibungen der allgemeinen Zustände in Einrichtungen für Geisteskranke und der jeweilige Stand der Psychologie vorangestellt.

Die Augenzeugenbericht stammen von vielen verschiedenen Frauen, entsprechend unterschiedlich lesen sie sich auch. Die meisten von ihnen stimmen jedoch darin überein, dass der Aufenthalt eine Qual war und es im Grunde ein Wunder ist, dass die Frauen ihren ja häufig völlig gesunden Geisteszustand über lange Zeiträume hinweg bewahren konnten. Die Frauen wurden nach Aussage einer Patientin schlimmer behandelt als Verbrecher:

„Most criminals have some sort of a trial before they are punished; but here, all that is required, is the misrepresentation of an angry attendant, who thus secures to her helpless victim the punishment, which her own conduct justly merits upon herself…“ (Seite 62)

Die Beschreibungen der teilweise gänzlich unwissenschaftlichen Behandlungsmethoden sind kaum zu ertragen:

„Based on the unfounded assumptions that psychiatric illness resulted from gynecological disease, these treatments were directed at women’s reproductive organs… Other women were subject to electrical charges applied to the uterus…“ (Seite 100-101)

Es wird noch schlimmer, aber das möchte ich euch an dieser Stelle ersparen.

Das aufschlussreiche Buch endet mit einem Epilog, in dem die Autoren feststellen, dass die Zustände in psychiatrischen Kliniken heute keineswegs bestens sind und geben entsprechende Beispiele. So schließen die Autoren mit einem Appell an die Gesellschaft, die Stimmen der Betroffenen stärker wahrzunehmen.

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(c) Harper Collins

Deutscher Titel: Der Zug der Waisen

New York, 1929: Die kleine Niamh ist das älteste Kind einer irischen Auswandererfamilie. Nach einem Unglück, bei dem sie ihre Familie verliert, wird sie von einer Hilfsorganisation zusammen mit zahlreichen weiteren Kindern jeden Alters in einen sogenannten Waisenzug gesetzt, der sie zu aufnahmebereiten Familien weiter im Westen des Landes bringen soll. Leider sehen viele potentielle Adoptiveltern die Kinder eher als billige Arbeitskräfte oder gar als Arbeitssklaven. Auch Niamh, deren Name zu unaussprechlich für amerikanische Ohren ist, hat es sehr schwer. Maine 2011: Die sechzehnjährige Molly lebt als Pflegekind bei wenig verständnisvollen Adoptiveltern. Nach einem Vorfall in der Schule wird sie zur Leistung von Sozialstunden verdonnert. Sie soll in einem großen Anwesen einer alten Dame namens Vivian beim Aufräumen des Speichers helfen. Vivian, die einmal Niamh hieß, beginnt Molly ihre Geschichte zu erzählen.

Christina Baker Kline bedient sich in ihrem Roman eines Erzählschemas, das derzeit besonders beliebt ist: dem Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Gut gemacht, mag ich diese Erzählweise. Die Geschichte der jungen Niamh bzw. Vivian ist spannend erzählt und schockierend angesichts der Ausbeutung der Kinder und der schreienden Ungerechtigkeit. Als Vivian schließlich erwachsen ist, schreitet mir die Handlung jedoch zu schnell voran, was auch daran liegt, dass der interessanteste Teil der Geschichte zu diesem Zeitpunkt bereits erzählt ist. Die Autorin hätte sich hier vielleicht ganz auf Vivians Kindheit konzentrieren sollen, dann hätte allerdings eine kleine Liebesgeschichte gefehlt, die eingeflochten ist und vielen Lesern vielleicht wichtig ist.

Die in der Gegenwart ablaufende Geschichte hat mir ebenfalls gefallen, die junge Molly hat ihre Ecken und Kanten, was sie aber erst recht sympathisch macht. Ihr leiblicher Vater ist Angehöriger eines Stammes der nordamerikanischen Ureinwohner und mir hat gefallen, wie Molly in ihrer Schularbeit Vivians Schicksal mit den Traditionen ihres Volkes in Verbindung bringt.

Das Buch ist in einer angenehmen Sprache geschrieben und liest sich sehr flott.

Solide Unterhaltungsliteratur mit spannendem und bisher selten thematisiertem historischem Hintergrund.

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(c) Canongate

Deutscher Titel: Was vom Tage übrigblieb

Sprecher: Dominic West

Dauer: 7 h 9 min

Achtung: Ich gehe in dieser Rezension auch auf das Ende des Buches ein, wer das Werk (etwa durch die Verfilmung) noch gar nicht kennt und sich das Ende offenhalten möchte, sollte den betreffenden Abschnitt (ist markiert) nicht lesen.

Großbritannien in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der alternde Butler James Stevens hat sein ganzes Leben seinem Beruf und seinem Dienstherren Lord Darlington gewidmet. Nach dessen Tod wurde das Anwesen Darlington Hall von dem Amerikaner Mr Farraday erworben, dieser ist somit Stevens‘ neuer Dienstherr. Doch nicht nur der Besitzer hat sich geändert – die Zeit der großen Häuser mit großem Personal ist vorbei, Stevens arbeitet mit stark reduzierter Belegschaft. Als er von der früheren Hausdame Ms Kenton, nunmehr Mrs Benn, einen Brief erhält, in dem sie andeutet, dass ihre Ehe zu Ende ist, scheint Stevens die Lösung für seine Personalprobleme klar: Seine frühere Kollegin, mit der ihn eine enge professionelle Beziehung verband, soll als Hausdame nach Darlington Hall zurückkehren. Stevens macht sich mit dem Auto auf den Weg nach Cornwall, wo Mrs Benn heute lebt. Den Weg dahin verbindet er mit einer Art Kurzurlaub, der ihm viel Zeit gibt, seinen Werdegang und seine Beziehung zu Ms Kenton bzw. Mrs Benn Revue passieren zu lassen.

Kazuo Ishiguro führt uns anhand eines Berichts in der ersten Person im Tagebuch- oder eher Stream-of-Conciousness-Stil vor Augen, was einen britischen Butler zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausmachte. Ein zentraler Begriff, den Stevens dem Leser ausführlich erklärt, ist der der professionellen Würde: das höchste Maß für einen wirklich „großartigen“ Butler und die Grundlage für seinen Stolz. Wie sehr dieses Streben nach Würde Mr Stevens jedoch die Menschlichkeit entzieht, ist ihm nicht bewusst, er erzählt von Ereignissen, etwa vom Tod seines Vaters, von seinem professionellen Standpunkt aus, der sein ganzes Dasein bestimmt. Von einem britischen Butler wurde eine bedingungslose Loyalität gegenüber seinem Dienstherren erwartet, er wurde quasi zu einer Art Roboter oder Android, der jegliche Gefühle, Zorn und Wut, Trauer und – vor allem – Liebe unterdrückt. Ein bisschen erinnert Stevens an einen Mr Data oder Mr Spock, der immer rational handelt ohne Berücksichtigung von Gefühlen. Im Gegensatz zu Mr Data ist er sich jedoch nicht darüber im Klaren, dass ihm die Menschlichkeit abhanden gekommen ist. Am frappierendsten zeigt sich das an der Beziehung zu Ms Kenton, die offensichtlich Gefühle für ihn hegt, jedoch aus schierer Professionalität bei jeder Andeutung immer wieder von Stevens zurückgewiesen wird.

Ishiguro bedient sich wie bei einem altehrwürdigen Butler angemessen eines tadellosen und akzentfreien Renounced English, das vom hervorragenden Hörbuchsprecher Dominic West ebenso perfekt umgesetzt wird. Dieses Englisch ist leicht antiquiert, wirkt teilweise nahezu bizarr, vor allem der Gebrauch von „one“ als Personalpronomen. (Ein Englischdozent warnte uns während des Studiums eindringlich vor dem Gebrauch dieses Pronomens, denn „you will sound like Prince Charles!“ ;-).)

Demgemäß ist das Hörbuch besonders leicht verständlich, abgesehen vielleicht von den Passagen der Bewohner von Devon und Cornwall, deren Akzent Dominic West wiederum sehr glaubwürdig einsetzt.

Ein großartig geschriebenes Buch über verpasste Chancen und das Ende einer Ära.

 

Spoilergefahr!

 

Erst bei der Konfrontation mit seiner ehemaligen Kollegin wird Stevens klar, dass er sein eigenes Leben an seinen Beruf und einen Dienstherren verschwendet hat, der dies als zeitweiser Nazisympathisant womöglich gar nicht verdiente. Er hat jede Chance auf persönliches Glück verschenkt. Diese Erkenntnis trifft ihn hart und wirkt auf den Leser schier herzzerreißend. So bleibt dem Butler nur noch, das Beste aus dem Rest seines Lebens zu machen. Doch was setzt er sich als Ziel? Er will seine Schlagfertigkeit in Gesprächen verbessern, da sein neuer Chef dies offenbar erwartet. Also wieder ein Ziel, das auf seinen Beruf ausgerichtet ist. Mr Stevens wird wohl auch seine letzte Chance verschenken, was der Traurigkeit des Romans die Krone aufsetzt.

 

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(c) Penguin

Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Einwanderer aus aller Herren Länder, die afroamerikanischen Nachfahren ehemaliger Sklaven und eine wohlhabende Oberschicht, die die ersteren beiden Gruppen nur mit scheinheiliger Faszination wahrnimmt – New York ist ein Schmelztiegel. Stellvertretend für die verschiedenen Bevölkerungsschichten lernen wir drei Familien kennen: eine wohlhabende weiße Familie, in New Rochelle ansässig, eine dreiköpfige jüdische Einwandererfamilie aus Osteuropa sowie Sarah, eine junge Schwarze, mit ihrem Neugeborenen und dessen Vater Coalhouse Walker, ein Ragtime-Pianist. Mehr oder weniger zufällig stellt das Schicksal eine Verbindung zwischen diesen Familien her.

Der Roman des im letzten Jahr verstorbenen Autors E. L. Doctorow wird häufig zu den 100 besten englischsprachigen gezählt. Als historischer Roman mit dem Setting New York im frühen 20. Jahrhundert passt das Buch perfekt in mein Beuteschema und ich war sehr gespannt auf die Lektüre.

Das Buch rechnet mit der Einstellung der höheren New Yorker Gesellschaft gegenüber schlechter Gestellten ab, so wird äußerst zynisch darauf verwiesen, dass Kinder ja von den Arbeitgebern keineswegs diskriminiert würden, nein, sie seien besonders beliebt als Arbeitskräfte. Gleichzeitig übte Armut eine Faszination auf die reiche Bevölkerungsschicht aus:

“ At Palaces in New York and Chicago people gave poverty balls. Guests came dressed in rags and ate from tin platzes and drank from chipped mugs. Ballrooms were decorated to look like mines with beams, iron tracks and miner’s lamps …“ (Seite 34)

Das ist einfach ekelhaft und löst beim Leser eine starke emotionale Reaktion aus.

Was mir außerdem gut gefiel war, dass Doctorow historische Figuren in seine Handlung einbindet, etwa die Schauspielerin Evelyn Nesbitt oder den Zauberkünstler Harry Houdini. Allerdings scheinen die Szenen, in denen diese historischen Persönlichkeiten auftreten, sehr episodenhaft und losgelöst vom Rest der Handlung, Wir erfahren etwas über sie und wie sie den Zeitgeist repräsentieren, doch dann verschwinden sie ohne Weiteres wieder von der Bildfläche. Doctorows fiktive Charaktere bleiben seltsam schemenhaft, das zeigt sich alleine schon daran, dass die meisten von ihnen nicht namentlich genannt werden, es gibt nur „Father“, „Mother“, „Mother’s younger brother“ usw. Die Absicht dahinter ist wohl die Zeichnung dieser Charaktere als Stereotypen der damaligen Gesellschaft. Gleichzeitig bewirkt dies allerdings beim Leser, dass keine wirkliche Verbindung zu den Charakteren hergestellt wird – ihr Schicksal bleibt gleichgültig. Einzig Coalhouse Walker sticht als Persönlichkeit heraus, anhand seiner Erlebnisse erfährt der Leser die fürchterliche Scheinheiligkeit der amerikanischen Gesellschaft gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die doch eigentlich dieselben Rechte genießen sollte als die weiße. In der Praxis ist das nicht der Fall: Gerechtigkeit? Nicht für Schwarze. Interessant ist, dass Doctorow die Figur des Coalhouse und seines zum Scheitern verurteilten Kampfes für Gerechtigkeit an die Figur des Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist anlehnt, was sich schon an dem ähnlich klingenden Namen zeigt.

Die ergreifende Geschichte von Coalhouse Walkers ist jedoch nur ein Teil des Buches und kann für mich trotz der bissigen Sozialkritik und des hohen Sprachniveaus nicht die fehlende emotionale Bindung zu den restlichen Charakteren und der übrigen Handlung des Buches wettmachen, weshalb ich dem Buch letztendlich 3,5 von 5 Sternen gebe.

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(c) Manesse

Dada wird 100! Aus diesem Anlass sind in diversen Medien Artikel erschienen, die mich darauf aufmerksam machten und mich die Frage stellen ließen: Dada, was ist das eigentlich? Sicherlich hatte ich schon davon gehört, hatte aber keine genaue Vorstellung dieser Kunstrichtung. Wikipedia sagt dazu: „Im Wesentlichen war es eine Revolte gegen die Kunst von Seiten der Künstler selbst, die die Gesellschaft ihrer Zeit und deren Wertesystem ablehnten. Traditionelle Kunstformen wurden deshalb satirisch und übertrieben verwendet.“

Auch im Bücher-Magazin gab es einen Artikel, der meine Neugier endgültig weckte, sowie mehrere Buchempfehlungen. Offensichtlich handelt es sich um eine Kunstform, der man sich am besten über die Werke selbst nähert, also sollte es für mich der Dada-Almanach sein.

Die Entscheidung für dieses Werk war genau richtig. Ohne Einführung, ohne Theorie, präsentiert es dem Leser die verschiedenen Ausprägungen des textlichen Dada (oder Dadaismus): Laut- und Simultangedichte, Textbilder und Ideogramme, Totentänze und Lamentos, Liebesoden und Couplets, Krippen und Gauklerspiele, Miszellen und Prosa, Aperçus und Annoncen, Manifeste und Standpauken. Lediglich ein kurzer Text ist diesen Kapiteln vorangestellt, nämlich eine „Anleitung“ von Tristan Tzara, wie man ein dadaistisches Gedicht macht. Und das ist die denkbar beste Einleitung, denn hier und in den darauf folgenden Lautgedichten zeigt sich der „Unsinn“ hinter Dada, die Ablehnung des Wortes, der Sprache, der etablierten Kunst. Bekanntestes Beispiel hierfür ist wohl das Gedicht „Karawane/Zug der Elefanten“ von Hugo Ball.

Doch nicht alle Dada-Werke sind sinnfrei, so lautet etwa die letzte Zeile des Gedichts „Totentanz 1916“, ebenfalls von Hugo Ball:

„Wir danken dir, wir danken dir,

Herr Kaiser für die Gnade,

Weil du uns zum Sterben erkoren hast.

Schlafe nur, schlaf sanft und still,

bis dich auferweckt,

Unser armer Leib, der den Rasen deckt.“ (Seite 49)

Das ist natürlich eine eindeutige, zynische Abrechnung mit Kaiser und Militär, die Deutschland in den Krieg geführt haben. So eindeutig ist das mit Dada also wohl doch nicht.

Überhaupt stelle ich fest: Die Werke von Hugo Ball, dem „magischen Dada-Bischof“ (Seite 156), gefallen mir am besten. Über „Ein Krippenspiel. Bruitistisch“ muss ich laut lachen. Humor ist für mich unwiderstehlich.

Auch sinnleere Wortneuschöpfungen anhand bestehender Wörter sind typisch für Dada und bereiten mir großes Vergnügen, etwa in „Röhrensiedlung oder Gotik“ von Johannes Theodor Baargeld:

„Das Institut beabsichtigt mit einer Aufzahl Entwachsungen, abnormer Haarungen, Kotsteinerungen und Perlbildungen am weiblichen Akt den Ornamentalkanon der Röhrenaphrotektur auszukauen.“ (Seite 96″).

Indes bin ich nicht mit allem, wofür Dada steht, einverstanden:

„Es kann nicht hingenommen werden, dass ein Mensch Spuren seines Daseins auf der Erde hinterlässt“ (André Breton: „Geographie Dada“, Seite 139).

Warum denn nicht?

Die „Manifeste und Standpauken“, Texte der Dadaisten zur Erläuterung des Dadaismus, sowie der „Dada-Appendix“, in dem die Herausgeber schließlich den Begriff „Dada“, seine verschiedenen (örtlichen) Ausprägungen sowie die verschiedenen Dada-Persönlichkeiten erläutern, stehen ganz zu Recht am Schluss des Dada-Almanachs und sind kurz gehalten, sodass der Laie keine langen, überkopften Theorien fürchten muss. Sie an den Anfang zu stellen, wäre nicht im Sinne von Dada, den man über die Werke selbst kennenlernen sollte.

Gelungen ist auch die Gestaltung des Almanachs, die Herausgeber haben sich Mühe gegeben, die dadaistischen Texte auch optisch richtig in Szene zu setzen.

Aber was ist denn nun Dada? Theo van Doesburg sagt es so:

„Alles in unserer Zeit ist Dada, nur die Dadaisten nicht. Wenn die Dadaisten Dadaisten wären, dann wären die Dadaisten keine Dadaisten. … Dadai ist undefinierbar. Doch weiß jeder, was Dada ist, weil er in Dada lebt.“ (Seite 143).

Habe ich euch neugierig gemacht? Dann ist der Dada-Almanach genau das Richtige für euch.

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Bloggerportal von Random House für das Rezensionsexemplar!

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(c) Quercus

Übersetzung aus dem Walisischen: Lloyd Jones

Deutscher Titel: Das Leben der Rebecca Jones (die deutsche Übersetzung ist übrigens wiederum eine Übersetzung aus dem Englischen)

Rebeccas Mutter hieß ebenfalls Rebecca und kam einst als junge Braut in das entlegene Tal Maesglasau. 7 Kinder sollte sie haben, von denen jedoch nicht alle überleben würden. Rebecca wird 1905 geboren und ihr Leben wird das gesamt 20. Jahrhundert umspannen.

Angharad Price erzählt uns die Geschichte einer Bauernfamilie, wie sie als typisch für das ländliche Wales angesehen werden kann. Ihre Sprache ist wunderbar poetisch, anrührend, verzaubernd. Man wünscht sich, das Original lesen zu können, denn das Walisische hat eine reiche poetische Tradition, die auch in Rebeccas Familie eine große Rolle spielt. Der Übersetzer merkt im Nachwort beispielsweise an, dass Rebeccas Sprache uns möglicherweise zu „gebildet“ vorkommen könnte, dies aber im Walisischen nicht ungewöhnlich ist. Die wunderbare Sprache weckt die Sehnsucht nach dem märchenhaften Wales und führt uns seine Schönheit vor Augen.

Es ist ein einfaches, einsames Leben, von dem Rebecca berichtet, ein hartes Leben, die Familie ist viel mit Krankheiten und Behinderungen konfrontiert, und doch erreichen einige von Rebeccas Geschwistern einen akademischen Beruf. Ganz unberührt von den Kriegen bleibt die Familie natürlich auch nicht, in Rebeccas Fall sorgt er für eine kurze und unglückliche Liebesgeschichte.

Auch wenn man es in einem solchen Buch nicht vermutet, es gibt einen Twist, der das Buch noch einmal aus anderer Perspektive erscheinen lässt und es für mich umso wertvoller gemacht hat.

Dieser kurze Roman ist ein literarisches Kleinod für Wales und, sofern man dies anhand der Übersetzung beurteilen kann, die walisische Sprache.

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