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Posts Tagged ‘Auswanderer’

(c) Penguin

(c) Penguin

Irland in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Wie viele andere junge Frauen lebt Eilis in relativer Armut, hat kaum Aussichten auf eine Anstellung. Doch da der Vater verstorben ist und sie und ihre Mutter vom Gehalt der älteren Schwester leben, sieht Eilis sich in der Pflicht, als sie die Möglichkeit hat, nach New York, genauer gesagt nach Brooklyn, auszuwandern und dort in einem Kaufhaus zu arbeiten. Eilis nimmt die Bürde auf sich, opfert sich. Doch kann sie in New York glücklich werden, als Verkäuferin und weit weg von ihrer Familie?

Colm Tóibíns Roman, der im Jahr 2009 den renommierten Costa Novel Award gewann, ist im Grunde genommen sehr viel länger als 252 Seiten. Denn ich habe selten ein Buch gelesen, in dem so viel unausgesprochen bleibt, wie dieses. Eilis erfüllt ihre Pflicht, ohne sich zu beschweren, dieses Schema zieht sich durch das gesamte Buch. Dass sie damit ihre Freiheit und ihr Glück aufgibt, es steht zwischen den Zeilen, wird deutlich in Bildern. Tóibín erweist seinen Lesern damit viel Vertrauen, dass sie sein Buch richtig lesen werden. So bleibt manche Szene seltsam unbefriedigend, doch im Nachhinein wird klar – das war beabsichtigt. Denn diese Szenen machen die Unzulänglichkeit von Eilis‘ Situation und ihrer Beziehungen deutlich.

Sprachlich liest sich der Roman sehr schön, am besten gefallen haben mir die Schilderungen der Eindrücke, die in Brooklyn auf Eilis einprasseln:

„For each day, she thought, she needed a whole other day to contemplate what had happened and store it away, get it out of her system so that it did not keep her awake at night or fill her dreams with flashes of what had actually happened and other flashes that had nothing to do with anything familiar, but were full of rushes of colour or crowds of people, everything frenzied and fast.“ (Seite 58)

Auch der Multi-Kulti-Faktor Brooklyns wird wunderbar beschrieben, jeder wird dort, unabhängig von der Herkunft, (angeblich) gleich behandelt. Doch dies endet spätestens bei Schwarzamerikanern, der grassierende Rassismus im Amerika der Rassentrennung wird in nur wenigen leisen, jedoch eindrücklichen Bildern geschildert.

Ein Plot-Twist sorgt dafür, dass Eilis für einen Besuch nach Irland zurückkehren muss – und wieder steht sie vor einer schwierigen Entscheidung, die auf den Leser herzzereißend wirken kann.

Colm Tóibín hat ein schönes, einfühlsames Buch geschrieben, das den Leser die Bitternis der Pflichterfüllung schmecken lässt.

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(c) Harper Collins

Deutscher Titel: Der Zug der Waisen

New York, 1929: Die kleine Niamh ist das älteste Kind einer irischen Auswandererfamilie. Nach einem Unglück, bei dem sie ihre Familie verliert, wird sie von einer Hilfsorganisation zusammen mit zahlreichen weiteren Kindern jeden Alters in einen sogenannten Waisenzug gesetzt, der sie zu aufnahmebereiten Familien weiter im Westen des Landes bringen soll. Leider sehen viele potentielle Adoptiveltern die Kinder eher als billige Arbeitskräfte oder gar als Arbeitssklaven. Auch Niamh, deren Name zu unaussprechlich für amerikanische Ohren ist, hat es sehr schwer. Maine 2011: Die sechzehnjährige Molly lebt als Pflegekind bei wenig verständnisvollen Adoptiveltern. Nach einem Vorfall in der Schule wird sie zur Leistung von Sozialstunden verdonnert. Sie soll in einem großen Anwesen einer alten Dame namens Vivian beim Aufräumen des Speichers helfen. Vivian, die einmal Niamh hieß, beginnt Molly ihre Geschichte zu erzählen.

Christina Baker Kline bedient sich in ihrem Roman eines Erzählschemas, das derzeit besonders beliebt ist: dem Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Gut gemacht, mag ich diese Erzählweise. Die Geschichte der jungen Niamh bzw. Vivian ist spannend erzählt und schockierend angesichts der Ausbeutung der Kinder und der schreienden Ungerechtigkeit. Als Vivian schließlich erwachsen ist, schreitet mir die Handlung jedoch zu schnell voran, was auch daran liegt, dass der interessanteste Teil der Geschichte zu diesem Zeitpunkt bereits erzählt ist. Die Autorin hätte sich hier vielleicht ganz auf Vivians Kindheit konzentrieren sollen, dann hätte allerdings eine kleine Liebesgeschichte gefehlt, die eingeflochten ist und vielen Lesern vielleicht wichtig ist.

Die in der Gegenwart ablaufende Geschichte hat mir ebenfalls gefallen, die junge Molly hat ihre Ecken und Kanten, was sie aber erst recht sympathisch macht. Ihr leiblicher Vater ist Angehöriger eines Stammes der nordamerikanischen Ureinwohner und mir hat gefallen, wie Molly in ihrer Schularbeit Vivians Schicksal mit den Traditionen ihres Volkes in Verbindung bringt.

Das Buch ist in einer angenehmen Sprache geschrieben und liest sich sehr flott.

Solide Unterhaltungsliteratur mit spannendem und bisher selten thematisiertem historischem Hintergrund.

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(c) Canongate

Deutscher Titel: Sarahs Traum

New South Wales, Australien, im 19. Jahrhundert. Sarah ist die jüngste Tochter des ehemaligen Sträflings William Thornfield und Protagonisten aus „The Secret River„. Die Familie lebt in einem bescheidenen Wohlstand, doch Sarah ahnt nicht, was ihr Vater getan hat, um diesen Wohlstand zu erreichen. Als Jugendliche verliebt sich Sarah in den Halb-Aborigine Jack, doch die junge Liebe steht unter schlechten Zeichen.

Ich hatte sehr befürchtet, dass diese Fortsetzung von „Secret River“, das mir gut gefallen hat, sich als kitschiger und überdramatisierter Liebesroman entpuppen würde. Doch glücklicherweise ist sie das nicht. Ja, es geht zunächst viel um die Liebe, doch der Schwerpunkt des Romans verlagert sich in seinem Verlauf. Mir gefiel nicht so sehr, dass dieser Roman sich sehr auf seine Protagonistin konzentriert, doch auch diesbezüglich ändert sich das Buch etwa ab der Hälfte – nun wird wie in „Secret River“ das Unrecht thematisiert, das den Aborigines angetan wurde. Kate Grenville gelingt dies allerdings weniger überzeugend als im ersten Roman, auch die Auflösung am Ende ließ mich eher kalt. Sarahs Jammereien um ihre frühere Liebe sind etwas nervig.

Am meisten interessiert haben mich an dem Buch die Beschreibungen von Australien im 19. Jahrhundert, die allerdings nicht so viel Platz einnehmen wie in Buch 1.

Das Buch liest sich sehr gut und schnell, die Sprache ist einfach. Sarah fungiert als Ich-Erzählerin, sie kann weder lesen noch schreiben und drückt sich auch sehr einfach aus. Dies ist ein weiterer Kritikpunkt, den ich habe, eine Erzählweise in der dritten Person mit einer etwas ausgefeilteren Sprache hätte dem Buch sicher gut getan. Den Dialekt bzw. die einfache Sprechweise hätte man immer noch in den Dialogen darstellen können.

Eine Fortsetzung, die sich gut liest, aber nicht an ihren Vorgänger heranreicht. Ganz nett, aber nicht mehr.

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argoncover

Sprecher: Burghart Klaußner

Dauer: 9 h 52 min

 

In einem griechischen Dorf an der albanischen Grenze hält die alte Yiayia Maria ihren Familienclan zusammen. Damit das so bleibt, muss eine ihrer beiden Töchter noch einmal für Nachwuchs sorgen. So wird Eleni geboren, die später ihren Cousin Lefti heiraten soll. Doch wie es das Schicksal will, die Matriarchin hat die Zeichen falsch gedeutet und die Verbindung von Eleni und Lefti steht schon, bevor sie überhaupt eingegangen wird, unter einem schlechten Stern…

Familiengeschichten sind mir von allen Geschichten die liebsten, denn sie führen uns meistens in die Vergangenheit, begleiten uns dann langsam in die Gegenwart und stellen eine Verbindung zwischen beidem her. Dabei gibt es außerdem viel Gelegenheit, geschichtliche Hintergründe aufzugreifen. So erleben wir in Vea Kaisers Roman den griechischen Bürgerkrieg und die Spaltung von Dorf und Familie in Royalisten und Kommunisten sowie die Verhaftungen und Folterungen der Kommunisten in den 60ern. Darüber hinaus zieht es Teile der Familie als Gastarbeiter nach Deutschland, Österreich und in die USA.

Vea Kaiser erzählt die Geschichte der Familie bis in die Generation der Enkel von Eleni und Lefti mit viel Wärme und Humor. Zum Schluss sollen die Familienmitglieder, die es in alle Winde verstreut hat, auf der titelgebenden Insel Makarionissi wieder zusammenkommen.

Eine beinahe epische, moderne Familiensaga zwischen der griechisch-albanischen Grenze und Hildesheim, die mir gut gefallen hat.

Zum Hörbuch: Burghart Klaußner liest hervorragend, es macht Spaß, ihm zuzuhören. Der Roman ist mit seiner leichten Sprache sehr gut für das Hörbuchformat geeignet.

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(c) Insel

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Eike Schönfeld

New York, 1913. Nach einem Pogrom in ihrer russischen Heimatstadt ist die jüdische Familie der kleinen Malka ausgewandert. Ursprünglich sollte es nach Südafrika zu einem Onkel gehen, doch der Vater hat heimlich stattdessen Karten für die Schiffspassage in die USA gekauft. Im neuen, verheißungsvollen Land steht die Familie jedoch ganz am Ende der Gesellschaft – sie muss im Wohnzimmer eines Schneiders zur Untermiete wohnen und die Kinder müssen sich ihren Lebensunterhalt mehr oder weniger selbst verdienen – wie, überlassen die Eltern den Kindern. Zu allem Überdruss entpuppt sich der Familienvater als unverantwortlicher Gauner. Und dann hat Malka auch noch einen verheerenden Unfall…

Wie schon aufgrund dieser Inhaltsbeschreibung ersichtlich: In diesem Buch kommt keinerlei Auswandererromantik auf. Die Familie erfährt auf den Straßen New Yorks das ganze Elend der Unterschicht. Doch Malka zeigt schon als kleines Kind Unternehmergeist und weiß sich durchzuschlagen. Sie leidet, aber beißt sich durch. So ist Susan Jane Gilman einerseits ein klassischer Aufsteigerroman gemäß dem berühmten Bild „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Dabei kommt in ihrem Fall zur Armut noch die nach dem Unfall zurückgebliebene Behinderung hinzu sowie die Tatsache, dass Malka alles andere als eine Schönheit ist. Eine ungewöhnliche Heldin, auf die sich der Leser erst einmal einlassen muss. Denn Malka aka Lillian erzählt uns ihre Geschichte in Rückblicken, zwischen denen sich die längst steinreiche und im ganzen Land bekannte Protagonistin aus den 80er Jahren zu Wort meldet. In diesen Passagen zeigt sich von Anfang an ihre Verschrobenheit und ihre Rücksichtslosigkeit. So handelt der Roman andererseits auch davon, wie der Erfolg einen Menschen korrumpiert. Kein Märchen also, sondern die realistische Geschichte eines Aufstiegs und Falles. Nimmt der Leser die Protagonistin erst einmal so, wie sie ist, macht die Lektüre Spaß, er leidet mit Malka, freut sich über ihr Durchsetzungsvermögen, darf aber auch gerne mal schockiert sein.

Die Übersetzung ist mir nicht großartig aufgefallen, bis auf einen Fehler, bei dem ich dann doch husten musste. Sorry, aber auch wenn es im Englischen „nail polish“ heißt, poliert man sich im Deutschen nicht die Nägel, sondern man lackiert sie…

Eine schöne Zugabe ist das passende Lesezeichen zum Buch, auf dem außerdem auch noch ein kleines Vokabular von in der Lower East Side gängigen jiddischen Begriffen aufgedruckt ist.

Eine wirklich interessante und unterhaltsame Geschichte!

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Sprecher: Dominik Graf

Ungekürzt, 4 h, 57 min

Im heutigen Neuguinea, 1902. Der junge Deutsche August Engelhardt lässt sich auf einer kleinen Insel im damaligen Deutsch-Neuguinea nieder. Er will dort eine Kokosplantage betreiben und sein Ideal einer natürlichen, vegetarischen Lebensweise pflegen. Er begründet einen Sonnenorden, der vor allem darauf beruht, sich ausschließlich von Kokosnüssen zu ernähren: den Kokovorismus. Zunächst klappt auch alles recht gut, doch es stellen sich Krankheit und Differenzen mit den Wenigen ein, die seinem Orden beitreten. Langsam scheint es auch mit Engelhardts Verstand den Bach hinunter zu gehen.

Ich nehme vorweg: Das Buch hat mir wirklich Spaß bereitet. Sprachlich ist es Buch ein Meisterwerk, ein echter Genuss! Ich habe selten so eine anspruchsvolle, schöne Sprache gelesen. Inhaltlich erscheint das Buch recht merkwürdig, was für eine abgefahrene Geschichte, was für ein seltsamer Typ (der, was ich beim Hören nicht wusste, tatsächlich gelebt hat). Man weiß nicht recht, ob man ihn mögen soll. Er hat einerseits, was seine Mitmenschen angeht, durchaus eine gute Einstellung, bei anderen Dingen kann man nur den Kopf schütteln. Ich fand die Geschichte dank Krachts Schreibstil recht komisch, was noch durch den Sprecher Dominik Graf verstärkt wurde, und musste mehrfach laut lachen. Durch das ganze Buch zieht sich Ironie, sowohl Engelhardt als auch die anderen Kolonisten werden fein karakiert. Unter anderem deshalb kann ich die Vorwürfe, die Christian Kracht gemacht werden, das Buch sei rassistisch, nicht nachvollziehen (und ich bin da eigentlich recht empfindlich). Ich weiß nicht viel über Christian Kracht, aber das Buch spielt in einer Kolonie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, natürlich gab es da die Herren und die Einheimischen. Dann dürfte man ja gar kein Buch über diese Zeit schreiben! Und da die sogenannten Herren ja durchweg karikiert werden, kann ich keinerlei Befürwortung dieses Umstandes erkennen.  Man könnte vielleicht noch argumentieren, die dargestellte Schläue einiger Einheimischen sei gönnerhaft, aber das habe ich nicht so empfunden.

Zum Sprecher: Zunächst glaubte ich, ich würde Dominik Grafs Sprechweise nicht mögen. Ich habe mich jedoch schnell daran gewöhnt und würde sogar sagen, dass er mit seiner Art und seinen Betonungen zu meinem Spaß an dem Buch beigetragen hat. Daher alle Daumen hoch für den Sprecher.

Ein skurriler Auswandererroman, dessen Lektüre sich allein wegen der tollen Sprache lohnt!

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Deutscher Titel: Die französische Braut

1704. Die junge Elisabeth Savaret soll nach Louisiana auswandern, um dort einen ihr unbekannten Mann zu heiraten. Die Kolonie braucht dringend Frauen für ihre Männer, und Louisiana wird als eine Art Paradies beschrieben. Die Realität sieht natürlich anders aus, die Einwanderer sind bald gezeichnet von Krankheit, Auseinandersetzungen mit den Ureinwohnern, harter Arbeit und anderen Entbehrungen. Dennoch ist Elisabeth zunächst glücklich, denn sie hat sich tatsächlich leidenschaftlich in ihren Mann verliebt. Wie wird sie in dem neuen Land weiterhin zurechtkommen?

Mit diesem Buch habe ich so meine Probleme. Ich habe die ganze Erzählweise als wirr empfunden. Ganz elementare Dinge, etwa, wie sich Elisabeth und ihr späterer Mann verliebt haben, bleiben außen vor und werden nur in lückenhaften Rückblicken angerissen. Der Leser kann gar nicht richtig nachvollziehen, wie es zu dieser Beziehung gekommen ist. Elisabeth ist sicherlich eine sehr interessante Figur aufgrund ihrer schieren Stärke, doch richtig warm werden konnte ich weder mit ihr noch mit der zweiten Hauptfigur Auguste, einem französischen Jungen, der zeitgleich mit Elisabeth in Louisiana ankommt und vom Kommandanten der kleinen französischen Armee bei einem Indianerstamm zurückgelassen wird, damit er ihre Sprache lernt, um später vermitteln zu können. Zu einem späteren Zeitpunkt verweben sich die Geschichten dieser beiden Personen.

Andererseits hat Clare Clark ganz eindeutig großartige Arbeit bei der Recherche geleistet, die politischen Konstellationen zwischen Franzosen, Engländern und den vielen verschiedenen Indianerstämmen werden wirklich gut geschildert. Aber ich hätte gern mehr darüber erfahren, wie das tägliche Leben denn so aussah, Clark beschreibt zwar viele Probleme wie die hohe Kindersterblichkeit und die Überflutungen der kleinen Stadt Mobile in dem sumpfigen Siedlungsgebiet, der richtige Alltag wird jedoch kaum beschrieben. Sprachlich befindet sich das Buch auf durchaus hohem Niveau, dennoch kann ich das Buch nur mit 3 von 5 Sternen bewerten, während der Rahmen stimmt, konnte ich weder mit der Geschichte noch den zugehörigen Charakteren warm werden.

Amazon-Link: http://www.amazon.de/Savage-Lands-Clare-Clark/dp/0099546647/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1332948592&sr=8-2

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