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(c) Kiepenheuer & Witsch

(c) Kiepenheuer & Witsch

In einem Grand Hotel im Berlin der Zwanziger Jahre leben unterschiedlichste Gäste: ein versehrter, depressiver Arzt, eine alternde russische Primaballerina, der Generaldirektor einer Textilfirma, der ein gewagtes Spiel treibt, ein gutaussehender Baron, der alle Herzen für sich gewinnt, aber nicht das ist, was er zu sein scheint, ein Hilfsbuchhalter, der nur noch wenige Wochen zu leben hat und seine Ersparnisse draufhauen will, um noch zu erfahren, wie das gute Leben sich anfühlt. Anhand dieser Personenkonstellation kreiert Vicki Baum einen Bildausschnitt der Zwanzigerjahre in Berlin.

Ein Bildausschnitt, muss ich betonen. Trotz des Einsatzes typischer Bilder für das Berlin der Zwanzigerjahre, wie der noch intakten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, muss ich konstatieren, dass bei der Lektüre von Vicki Baums berühmten Roman aus dem Jahr 1929 bei mir weder ein rechtes Zwanzigerjahre-Feeling noch ein richtiges Berlin-Feeling aufkam.

Ähnlich verhält es sich mit den Protagonisten des Romans, ihre jeweilige Sichtweise schildert Vicki Baum durchaus eindringlich, dennoch bleiben sie merkwürdig zweidimensional, einzig der todkranke Kringelein wirkt plastischer angesichts seiner Situation, er ist zweifellos der interessanteste Charakter des Romans. Eine echte Verbindung konnte ich jedoch selbst zu ihm nicht herstellen, sodass ich gestehen muss, dass der Plot mich eher langweilte.

Sprachlich konnte Vicki Baum mich eher überzeugen, stellenweise ist die Sprache kraftvoll und starke Bilder:

„‚Es ist gar nicht so schlimm'“, sagte Kringelein. ‚Man braucht keine Angst zu haben, es ist nicht schlimm.‘ Und damit meint Kringelein nicht nur die teure Schneiderrechnung und nicht nur die Avusfahrt und nicht nur den Flug – sondern all dieses zusammen und dann noch, daß er bald sterben wird, wegsterben von der kleinen Welt, hinaussterben aus der großen Angst, hinaufsterben, wenn es geht, noch höher, als Maschinen fliegen können.“ (Seite 161 meiner Ausgabe)

Insgesamt ist dies ein sprachlich lesenswertes Buch, von dem man jedoch nicht allzu viel Atmosphäre erwarten sollte.

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(c) Berlin Story Verlag

Hinweis: Die folgende Rezension bezieht sich auf eine ältere Ausgabe des Buchs, inzwischen ist eine überarbeitete Auflage verfügbar. (Klick auf das Coverbild führt zur Verlagsseite.)

Berlin in den Zwanzigern, das waren Dada, Bauhaus, Theater und Varieté, Oper und Revue, Cafés und Tanzpaläste – und der Aufstieg der Nazis. Ein widersprüchliches, faszinierendes Jahrzehnt, dessen Spuren, wenn man genauer hinschaut, noch in ganz Berlin präsent sind. Michael Bienert und Elke Linda Buchholz nehmen uns mit auf eine Spurensuche.

Jedes Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hat seine Besonderheiten, seine Geister, seine Schrecken, insbesondere natürlich die Kriegsjahrzehnte. Doch kaum ein Jahrzehnt übt heute noch eine solche Faszination auf uns aus wie die Zwanziger Jahre, als einerseits die Nazis ihre Macht in der schwachen Weimarer Republik ausdehnten und andererseits eine nie gekannte Lebensfreude und Freizügigkeit herrschte – man denkt direkt an Josephine Bakers Auftritte in der Stadt. Auch die Kunst blühte in neuen Formen auf – man denke an die Neue Sachlichkeit.

Dementsprechend geht es im vorliegenden Buch viel um Kunst und Architektur, aber selbstverständlich auch um Politik, Technik und Freizeit. So gibt es etwa Unterkapitel über den Bubikopf, Schulen und Badeanstalten. Bienert und Buchholz erörtern uns ausführlich die Hintergründe und nennen uns – ergänzt durch historische und modern Schwarzweißfotos, die entsprechenden Orte in Berlin, an denen wir die Geschichte der Zwanziger Jahre erfahren können. Auch auf eventuell vorhandene Gedenktafeln wird verwiesen. Alte Städtpläne erleichtern die Orientierung, bei der Lektüre habe ich, die ich mich ein wenig, aber nicht besonders gut in Berlin auskenne, dennoch des Öfteren auf Google Maps zurückgegriffen, um mir einen noch genaueren Eindruck von der Lage eines Ortes zu machen.

Gerade die Hintergrundinformationen fand ich sehr spannend – so wusste ich nicht, dass Berlin damals die flächenmäßig größte Stadt Europas war. Auch sehr interessant sind soziale Aspekte, etwa dass private Vermieter heftigen Widerstand gegen neue Großbauprojekte leisteten, die vor allem den unteren Bevölkerungsschichten in der hoffnungslos überbevölkerten Stadt zugute kamen. Gerade die heute verschmähte Plattenbausiedlung brachte in dieser Hinsicht große Erleichterung.

Besonders interessant ist das Buch für Einwohner oder Besucher Berlins, die Kapitel sind nach Themengebieten gegliedert und der Leser kann je nach Interesse etwa eine Tour durch Berlin mit Blick auf die Geschäftshausarchitektur der Zwanziger oder Künstlerlokale planen. Es werden auch Tipps für solche Touren gegeben.

Es sollte sich jedoch auch niemand abschrecken lassen, der nicht plant, Berlin in näherer Zukunft einen Besuch abzustatten, das Buch eignet sich auch absolut als reines Lesebuch. Für Leser wie mich, die Berlin schon ein wenig kennen, ist das Buch dann umso interessanter.

Ein sehr interessantes, gut lesbares Sachbuch, das darüber hinaus auch die perfekte Vorgängerlektüre für „Berlin 1936“ von Oliver Hilmes ist, das ich zum Zeitpunkt dieser Rezension lese.

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(c) Radioropa Hörbuch

Sprecher: Tobias Dutschke

Dauer: 14 h 54 min

Berlin, 1848. Der junge Hannes lebt im sogenannten Berliner „Feuerland“, dem Industriegebiet in der Oranienburger Vorstadt. Die Zustände dort sind erbärmlich, die Bewohner können sich kaum ernähren, Kinder suchen in der Gosse nach Essbarem oder sterben am Typhus, die Erwachsenen schuften unter unmenschlichen Zuständen in den Fabriken. Doch nicht Hannes. Hannes ist gewieft und verdingt sich damit seinen Lebensunterhalt, dass er wohlhabenden, schaulustigen Bürgern, die sich gerne gruseln möchten, die Armut im Feuerland vorführt. Ganz an die Wahrheit hält er sich dabei nicht. Die Bürgertochter Alice wird von ihren Freundinnen zu einer solchen „Besichtigung“ geschleppt, doch Alice hat einen ebenso wachen Verstand wie Hannes und durchschaut seine Lügen. Dennoch ist Alices Interesse am Feuerland geweckt, sie will helfen. Nach einem weiteren Zusammentreffen mit Hannes entwickelt sich zwischen den beiden eine scheinbar zum Scheitern verurteilte Romanze. Gleichzeitig steigt im Volk die aufrührerische Stimmung und Hannes wird über seinen besten Freund Kutte, der einer der Rädelsführer ist, in die nun beginnende Märzrevolution verwickelt.

Ich weiß zugegebenermaßen nicht allzu viel über Deutschland im 19. Jahrhundert und dieses Hörbuch bot sich an, um auf unterhaltsame Art mehr über die Märzrevolution und die Zustände in den Großstädten zu erfahren. Der Beginn des Romans hat mich überzeugt, ein sehr interessantes Setting zwischen Feuerland (die Rezensentin muss zugeben, dass sie selbst in gewissem Sinne wohl auch eine von den Schaulustigen ist) und Berliner Stadtschloss, wo Alices Vater der Kastellan ist. Mir war schon klar, dass es eine Liebesgeschichte geben würde, aber ich hoffte, dass diese nicht allzu sehr im Vordergrund stehen würde. Neben den fiktiven Charakteren Hannes und Alice werden bald auch einige historische Charaktere eingeführt, etwa der Oberkommandeur der preussischen Truppen Ernst von Pfuel oder der Polizeipräsident Julius von Minutoli. Die facettenreiche Darstellung dieser historischen Persönlichkeiten hat mir sehr gefallen. Leider steht die Liebesgeschichte für meinen Geschmack zeitweise doch etwas zu sehr im Vordergrund, ich halte sie außerdem für äußerst unwahrscheinlich. Die Kampfhandlungen im Rahmen der Revolution scheinen etwas aneinandergereiht, was aber durchaus auch mit ihrem stakkatohaften, unterbrochenen Ablauf zusammenhängt. Gestört hat mich auch die Nebenhandlung um den Spion, dessen Name ich natürlich inzwischen vergessen habe, diese empfand ich als überflüssig. Diese beiden Punkte führen zur Abwertung des Buchs. Ein wenig wettgemacht wurden die Schwächen des Buchs durch den sehr langen, interessanten Anhang mit historischen Erläuterungen. So bekam ich auch die Informationen, die ich normalerweise im Internet recherchiert hätte, gleich in Hörform dazugeliefert. Ich komme damit in meiner Wertung auf knappe 3,5 Sterne.

Zum Hörbuch: Tobias Dutschke macht seine Sache als Sprecher ordentlich, gelegentlich hatte ich allerdings Schwierigkeiten, den Beginn einer neuen Szene und Wechsel des Schauplatzes auszumachen. Sehr schön: Der interessante Anhang wird beim Audio-Download von Audible als PDF mitgeliefert.

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(c) Pan Macmillan

Achtung, Spoiler für alle möglich, die die beiden ersten Teile der Jahrhundertrilogie noch nicht gelesen haben!

Sprecher: John Lee

Dauer: 36 h, 55 min

Deutscher Titel: Kinder der Freiheit

Im dritten Teil von Ken Folletts Jahrhundertrilogie sind wir in den 60er Jahren angekommen. Die nächste Generation der lieb gewonnenen Familien kommt zum Zug. George Jakes, der Sohn von Greg Peshkov und Enkel von Lev Peshkov, arbeitet im Umfeld von John F. Kennedy. Dave und Evie Williams, die Kinder von Daisy Peshkov und Lloyd Williams, haben anderes im Sinn als in die Fußstapfen ihrer Politikereltern und -großeltern zu treten. In Russland haben die Zwillinge Dimitri und Tanya Dvorkin, Enkel von Grigori Peshkov, unterschiedliche Meinungen über den Kommunismus. Während Dimitri ein Apparatschick ist und für Chruschtschow arbeitet, engagiert sich Tanya für Dissidenten. Und in Deutschland müssen die Geschwister Rebecca Hoffmann und Lili und Walli Franck die Teilung ihrer Heimatstadt erleben.

Wie in den Vorgängerromanen bewegen sich Folletts Protagonisten natürlich wieder in höchsten Kreisen im Umfeld der wichtigsten Strippenzieher des Kalten Krieges, von den Kennedy-Brüdern bis Gorbatschow. Denis Scheck hat sich hierüber mit dem Begriff „Whale Watching“ mokiert. Aber mich stört das genauso wenig wie in den bisherigen Teilen, es ist doch faszinierend, anhand der persönlichen und manchmal dramatischen Erlebnisse lieb gewonnener fiktiver Charaktere Geschichte zu erleben. Der Kalte Krieg birgt vielleicht nicht ganz so viel Faszination wie die beiden Weltkriege, die im Zentrum der Vorgängerromane standen, vielleicht fanden deshalb manche Leser dieses Buch weniger gut als die anderen. Doch auch wenn der Krieg ein kalter war, stand zum ersten Mal das Überleben der gesamten Menschheit auf dem Spiel, ich glaube, viele jüngere Leute wissen heute gar nicht, wie haarscharf wir während der Kubakrise an der ultimativen Katastrophe vorbeigeschrammt sind. Dementsprechend viel Raum nimmt diese auch in dem Buch in Anspruch.

Worüber ich in diesem letzten Teil des Öfteren schmunzeln musste, waren die Karrieren von Dave und Walli, die ja doch ein bisschen sehr nahe an die einer gewissen legendären Band angelehnt ist. Die Charaktere fand ich nicht ganz so einnehmend wie in „Fall of Giants“ und „Edge of Eternity“. Ethel Williams wird immer meine Lieblingsheldin der Reihe bleiben.

Neben der Kubakrise erleben unsere Charaktere den Mauerbau, die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die für mich besonders eindrücklich geschildert wird, die politischen Attentate der 60er Jahre, den Vietnamkrieg, den Watergate-Skandal und den Zusammenbruch der DDR.

 Der Roman ist vielleicht nicht ganz so mitreißend wie seine Vorgänger, bildet aber einen würdigen Abschluss der Jahrhunderttrilogie. Ken Follett hat ein für mich wirklich gelungenes Werk geschaffen, dass allen die Geschichte des letzten Jahrhunderts näher bringen kann.

Auch John Lee macht seinen Job wieder superb und wechselt mühelos zwischen allen verschiedenen Akzenten.

Diese Bücher haben mir sehr viel gebracht – Unterhaltung und Geschichte!

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(c) Kiepenheuer & Witsch

Berlin 1810. Die kleinwüchsige Marie und ihr ebenso kleinwüchsiger Bruder Christian leben als Teil des Hofes auf der Pfaueninsel, Marie ist offiziell ein „Schlossfräulein“. Eine Begegnung der beiden mit Königin Luise – und deren Reaktion – wird sie ihr Leben lang prägen. Marie lebt in der Familie des Hofgärtners Fintelmann und verliebt sich in dessen Neffen Gustav. Dieser erwidert ihre Liebe durchaus, doch mit ihrer Kleinwüchsigkeit kommt er nicht zurecht. Während der König die Pfaueninsel in eine Menagerie verwandelt, wird Marie immer mehr bewusst, dass auch sie ein Kuriosum ist, ein Überbleibsel einer vergangenen Epoche, als es noch Hofzwerge gab. Und die Veränderungen um sie herum nehmen kein Ende.

Thomas Hettche ist ein Meisterwerk gelungen, das nehme ich gleich vorweg. Auch wenn ich die anderen Bücher, die für den Deutschen Buchpreis nominiert waren, einschließlich des Siegertitels, nicht gelesen habe, ich kann mir kaum vorstellen, dass sie besser sein sollen. Historische Themen, die sich nicht mit dem 20. Jahrhundert beschäftigen, haben es nicht leicht, auch wenn sie in der wunderbarsten Sprache geschrieben und hochaktuell sind – weil sie uns die Vergänglichkeit und das, was uns zum Menschen macht, gekonnt vor Augen führen. Denn das ist Marie, ein hochempfindsamer Mensch, auch wenn Gustav es nicht schafft, sie als solchen anzuerkennen.

Ich habe dieses Buch sehr genossen, wirklich genossen, die leicht altertümliche Sprache, die an die Zeit angepasst ist, gehört zu dem schönsten, was ich je gelesen habe. Gleichzeitig liest sich diese Sprache jedoch absolut flüssig, ist für mich keineswegs „schwer“. Dazu kommt die wunderbare Ausstattung, der königliche Garten, in dem Alchimisten tätig waren, das Exotische einer Menagerie, in der nicht nur Tiere leben (und leiden) und von den Besuchern bewundert werden, sondern auch Menschen wie eben „Zwerge“, „Riesen“ (wohl Überbleibsel der langen Kerls), „Mohren“ und der Hawaiianer Maitey. Wie Thomas Hettche ganz richtig auf der Buchmesse äußerte, können wir überhaupt wirklich akurat Geschichte erzählen? Die Zeit, die Umstände, das Selbstverständnis, alles war so anders, dass jeder Versuch, über Geschichte zu schreiben, in gewissem Maße immer Fiktion sein muss. Können wir überhaupt einschätzen, wie ein Mensch dieser Epoche eine solche Menagerie und das Kuriosum einer Hofzwergin wahrgenommen haben muss? Der Glaubwürdigkeit der Charaktere des Romans tut dies keinen Abbruch. Insbesondere Marie ist für mich „hundertprozentig“, ich kann glauben, dass sie genau so war und sie ist mir äußerst sympathisch.

Dass die Handlung stellenweise etwas behäbig fortzuschreiten scheint, hat meinen Lesegenuss überhaupt nicht gestört, wie ihr wisst, bin ich keine Freundin von Action. Am Ende des Romans bindet Hettche Maries Schicksal besonders geschickt in das der Pfaueninsel und der historischen Ereignisse ein, tatsächlich ein sehr gelungenes Ende. Marie ist tatsächlich, wie alle anderen Charaktere auch, eine historische Figur, die wirklich auf der Pfaueninsel gelebt hat, von der uns aber außer ihren Lebensdaten nichts bekannt ist.

Auf die Gefahr hin, zu sehr ins Schwärmen zu geraten, dieses Buch ist einfach wunderbar, mein Highlight des Jahres, genau das, was ich lesen möchte.

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