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(c) Canongate

Deutscher Titel: Was vom Tage übrigblieb

Sprecher: Dominic West

Dauer: 7 h 9 min

Achtung: Ich gehe in dieser Rezension auch auf das Ende des Buches ein, wer das Werk (etwa durch die Verfilmung) noch gar nicht kennt und sich das Ende offenhalten möchte, sollte den betreffenden Abschnitt (ist markiert) nicht lesen.

Großbritannien in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der alternde Butler James Stevens hat sein ganzes Leben seinem Beruf und seinem Dienstherren Lord Darlington gewidmet. Nach dessen Tod wurde das Anwesen Darlington Hall von dem Amerikaner Mr Farraday erworben, dieser ist somit Stevens‘ neuer Dienstherr. Doch nicht nur der Besitzer hat sich geändert – die Zeit der großen Häuser mit großem Personal ist vorbei, Stevens arbeitet mit stark reduzierter Belegschaft. Als er von der früheren Hausdame Ms Kenton, nunmehr Mrs Benn, einen Brief erhält, in dem sie andeutet, dass ihre Ehe zu Ende ist, scheint Stevens die Lösung für seine Personalprobleme klar: Seine frühere Kollegin, mit der ihn eine enge professionelle Beziehung verband, soll als Hausdame nach Darlington Hall zurückkehren. Stevens macht sich mit dem Auto auf den Weg nach Cornwall, wo Mrs Benn heute lebt. Den Weg dahin verbindet er mit einer Art Kurzurlaub, der ihm viel Zeit gibt, seinen Werdegang und seine Beziehung zu Ms Kenton bzw. Mrs Benn Revue passieren zu lassen.

Kazuo Ishiguro führt uns anhand eines Berichts in der ersten Person im Tagebuch- oder eher Stream-of-Conciousness-Stil vor Augen, was einen britischen Butler zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausmachte. Ein zentraler Begriff, den Stevens dem Leser ausführlich erklärt, ist der der professionellen Würde: das höchste Maß für einen wirklich „großartigen“ Butler und die Grundlage für seinen Stolz. Wie sehr dieses Streben nach Würde Mr Stevens jedoch die Menschlichkeit entzieht, ist ihm nicht bewusst, er erzählt von Ereignissen, etwa vom Tod seines Vaters, von seinem professionellen Standpunkt aus, der sein ganzes Dasein bestimmt. Von einem britischen Butler wurde eine bedingungslose Loyalität gegenüber seinem Dienstherren erwartet, er wurde quasi zu einer Art Roboter oder Android, der jegliche Gefühle, Zorn und Wut, Trauer und – vor allem – Liebe unterdrückt. Ein bisschen erinnert Stevens an einen Mr Data oder Mr Spock, der immer rational handelt ohne Berücksichtigung von Gefühlen. Im Gegensatz zu Mr Data ist er sich jedoch nicht darüber im Klaren, dass ihm die Menschlichkeit abhanden gekommen ist. Am frappierendsten zeigt sich das an der Beziehung zu Ms Kenton, die offensichtlich Gefühle für ihn hegt, jedoch aus schierer Professionalität bei jeder Andeutung immer wieder von Stevens zurückgewiesen wird.

Ishiguro bedient sich wie bei einem altehrwürdigen Butler angemessen eines tadellosen und akzentfreien Renounced English, das vom hervorragenden Hörbuchsprecher Dominic West ebenso perfekt umgesetzt wird. Dieses Englisch ist leicht antiquiert, wirkt teilweise nahezu bizarr, vor allem der Gebrauch von „one“ als Personalpronomen. (Ein Englischdozent warnte uns während des Studiums eindringlich vor dem Gebrauch dieses Pronomens, denn „you will sound like Prince Charles!“ ;-).)

Demgemäß ist das Hörbuch besonders leicht verständlich, abgesehen vielleicht von den Passagen der Bewohner von Devon und Cornwall, deren Akzent Dominic West wiederum sehr glaubwürdig einsetzt.

Ein großartig geschriebenes Buch über verpasste Chancen und das Ende einer Ära.

 

Spoilergefahr!

 

Erst bei der Konfrontation mit seiner ehemaligen Kollegin wird Stevens klar, dass er sein eigenes Leben an seinen Beruf und einen Dienstherren verschwendet hat, der dies als zeitweiser Nazisympathisant womöglich gar nicht verdiente. Er hat jede Chance auf persönliches Glück verschenkt. Diese Erkenntnis trifft ihn hart und wirkt auf den Leser schier herzzerreißend. So bleibt dem Butler nur noch, das Beste aus dem Rest seines Lebens zu machen. Doch was setzt er sich als Ziel? Er will seine Schlagfertigkeit in Gesprächen verbessern, da sein neuer Chef dies offenbar erwartet. Also wieder ein Ziel, das auf seinen Beruf ausgerichtet ist. Mr Stevens wird wohl auch seine letzte Chance verschenken, was der Traurigkeit des Romans die Krone aufsetzt.

 

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(c) Knaus Verlag

Hertfordshire, zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Familie Bennet lebt auf dem bescheidenen Anwesen Longbourn. Die Situation der Familie ist nicht einfach, da es keinen männlichen Erben, aber fünf Töchter gibt, die versorgt werden wollen. Das spärliche Hauspersonal arbeitet unterdessen hart, um den Herrschaften das Leben anngenehm zu machen. Neben der Haushälterin und Köchin und ihrem Mann gibt es noch zwei junge Hausmädchen. Als zusätzlich ein Diener engagiert wird, kommt in Sarah, der älteren der beiden, der Verdacht auf, das der junge Mann etwas vor ihnen verheimlicht.

Wer kennt und liebt nicht die Geschichte von Elizabeth Bennet und Mr Darcy? „Pride and Predudice“ bzw. „Stolz und Vorurteil“? Das Buch ist mein Lieblingsroman von Jane Austen und ich könnte es immer wieder lesen. Mittlerweile gibt es unzählige Werke in Literatur und Film, die die Geschichte in irgendeiner Form verarbeiten oder weiterführen. Normalerweise halte ich mich von solchen Werken eher fern – ich habe immer die Angst, dass die weitergesponnene Geschichte nicht dem entspricht, was ich mir selbst ausmale. Jo Bakers Roman nimmt jedoch eine Sonderstellung unter diesen Werken ein, denn die Handlung aus „Stolz und Vorurteil“ läuft eher am Rande ab, während die Dienerschaft im Vordergrund steht. Da ich mich – spätestens seit Downton Abbey – sehr für das Leben „downstairs“ in englischen Adelshäusern interessiere, hat mich dieses Buch gleich gereizt, als ich davon gehört habe.

Und tatsächlich gelingt es Jo Baker, gleichzeitig unsere „Gier“ nach Ergänzungen der Geschichte der geliebten Charaktere zu stillen, als auch eine völlig eigenständige Handlung zu entwickeln, in der das Hausmädchen Sarah die Hauptrolle spielt. Zu Beginn bin ich nicht recht warm geworden mit ihr, doch im Laufe des Buches hat sich dies gebessert. James, der Hausdiener, sorgt für einen zusätzlichen Spannungsbogen, da wir ahnen, dass er Schlimmes erlebt hat. Seine Geschichte führt uns sogar an andere Schauplätze als England. Völlig überraschend kommt noch ein Twist dazu, aber jede weitere Erläuterung würde an dieser Stelle zu viel verraten.

Was Jo Bakers Recherchearbeit angeht, war ich gleich zu beginnt etwas erstaunt, dass Mr und Mrs Bennet sich ein Schlafzimmer teilen, was mir recht ungewöhnlich erscheint. Das hat in mir leichte Bedenken geweckt, ob das Buch denn auch richtig gut recherchiert ist. Diese Bedenken haben sich dann aber schnell gegeben, denn die Beschreibungen der Lebensweise zu der Zeit und der Arbeit der Bediensteten wird sehr gut und glaubwürdig dargestellt. Ich hatte mir Longbourn wohl einfach doch etwas größer vorgestellt, als Jo Baker es gemacht hat, meine Sichtweise ist da zugegebenermaßen auch sehr durch die BBC-Verfilmung von 1995 geprägt. Es ist interessant, vor Augen geführt zu bekommen, welche Arbeiten damals in einem solchen Hausarbeit mit welch bescheidenen Mitteln verrichtet werden mussten – Dinge, über die man sich bei der Lektüre von Jane Austens Romanen gar keine Gedanken macht. Jo Baker zeigt uns auf diese Weise auch, dass auch unsere Heldin Elizabeth nicht gänzlich perfekt ist: Sie und ihre Schwestern denken doch herzlich wenig darüber nach, welche Mühen sie den Mädchen in der Waschküche verursachen und welche Arbeit mit Dingen verbunden ist, die für sie völlig selbstverständlich sind. Eine wirklich interessante Sichtweise, die Jo Baker uns da eröffnet. Generell ist das Buch etwas rauer als Jane Austens Werk, was es aber umso interessanter macht, da eben Dinge angesprochen werden, die Jane Austen natürlich nicht erwähnt.

Nicht hundertprozentig gefallen hat mir das Ende des Buchs, wobei ich zugeben muss, dass es schon stimmig ist. Das Ende geht sogar noch ein bisschen über das Ende von „Stolz und Vorurteil“ hinaus, bleibt dabei aber voll im Rahmen.

Jo Bakers Buch ist eigenständig, spannend, unterhaltsam und treibt keinerlei Schindluder mit der Vorlage – eine  Empfehlung für alle Jane Austen-Fans!

Herzlichen Dank an den Knaus Verlag für das Rezensionsexemplar!

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(c) Diana Verlag

England 1911: Die junge Cat tritt Ihre neue Arbeitstelle auf dem Land als Dienstmädchen bei einem Pfarrerehepaar an. Wir erfahren gleich, dass es in ihrer Vergangenheit ein dunkles Kapitel gibt: Cat hat in London eine Haftstrafe abgesessen. Die junge Pfarrersfrau Hester Canning will ihr eine Chance geben. Dabei hat die etwas naive Hester selbst ein Problem, denn sie wünscht sich Kinder und versteht nicht, warum ihr Mann Probleme mit körperlicher Nähe hat. Und dann kommt auch noch ein Hausgast hinzu, der ihren Mann mit seinen theosophischen Theorien in seinen Bann zieht.

Genau 100 Jahre später wird die freischaffende Journalistin Leah Hickson von ihrem Ex-Freund nach Belgien eingeladen, denn dort wurde die Leiche eines Soldaten aus dem 1. Weltkrieg gefunden, der zwei mysteriöse Briefe bei sich trug. Er schlägt Leah vor, den Fall zu recherchieren und eine Story daraus zu machen. Leah willigt ein.

Ich liebe Familiengeschichten, in denen es ein dunkles Geheimnis gibt, und, nicht ganz unbeeinflusst von Downton Abbey, finde ich momentan den Zeitraum rund um den 1. Weltkrieg ganz besonders spannend. Da kam mir diese sehr gut lesbare Geschichte von Katherine Webb gerade recht. Langsam erfahren wir mehr über Cat und ihren Hintergrund. Der überwiegende Teil des Buchs spielt sich 1911 ab, die Geschichte um Leah und ihre Recherchen wird immer wieder in etwas kürzeren Episoden eingespielt. Spannung wird natürlich durch das Wissen des Lesers erzeugt, dass sich etwas Schlimmes ereignen wird, denn die Ereignisse von 1911 und Leahs Nachforschungen hängen natürlich zusammen. Das Buch ist für meinen Geschmack nicht nur sehr unterhaltsam, es behandelt auch auf spannende Weise die Themen „Suffragetten“ und „Theosophie“. Auch hier erfährt der Leser stückweise mehr, über die Behandlung von Suffragetten durch die Staatsgewalt und die Theorien der Theosophen, inbesondere, was Elementarwesen angeht. Die Autorin schafft es, über das Buch hinaus Interesse an diesen Themen beim Leser zu wecken. Ich habe nach Abschluss meiner Lektüre gleich im Internet geforscht, habe mir z. B. die in dieser Zeit entstandenen angeblichen Fotos der Feen von Cottingley angesehen. Zum Thema Suffragetten waren mir Details über furchtbare Behandlung inhaftierter Frauen schon aus „Upstairs, downstairs“ bekannt.

Ein weiteres Thema des Buchs ist die Quasi-Leibeigenschaft der Dienerschaft, zumindestens eines einfachen Hausmädchens wie Cat oder einer Küchenhilfe wie ihrer Freundin Tess. Eine Prise Romantik fehlt natürlich auch nicht.

All dies verwebt Katherine Webb geschickt zu einem kurzweiligen, fesselnden Roman, der mir richtig gut gefallen hat.

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(c) Carnival Film & Television Ltd.

Die britische Serie „Downton Abbey“ löst weltweit Begeisterung auch. Auch ich konnte mich dem Charme der Upstairs/Downstairs-Geschichten nicht entziehen und bin hoffnungslos süchtig. Klar, dass ich auch das Begleitbuch haben musste. Das Buch erläutert die Hintergründe der Serie, das Leben in einem großen Herrenhaus im zweiten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts am Beispiel der fiktiven Familie Crawley des Earl of Grantham und ihrer Dienerschaft. Wir erfahren zum Beispiel, wie der typische Arbeitstag eines Küchenmädchens aussah, welche Garderobe zu den verschiedenen Tageszeiten für die Herrschaft angebracht war, wie der erste Weltkrieg sich auf das Leben auswirkte und, und, und. Eingeteilt ist das Buch in verschiedene Kapitel, etwa „Family Life“, „Life in Service“ oder „House & Estate“. Auch auf die Produktion der Serie wird eingegangen. Es ist wirklich unglaublich, zu lesen, was für ein Aufwand betrieben wird, um eine Serie zu produzieren, die der damaligen Zeit gerecht wird. Ich fand es besonders interessant zu erfahren, wie Mary, Edith und Sibyl zu ihren wunderschönen Kleidern kamen.

Insgesamt ein toller Überblick über das Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit tollen Fotos von den Darstellern und vom Set. Ein absolutes Muss für jeden Fan!

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