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Posts Tagged ‘einsamkeit’

(c) Penguin

Deutscher Titel: Das Herz ist ein einsamer Jäger

Eine kleine Stadt in den amerikanischen Südstaaten in den 30er Jahren. In einer lokalen Kneipe treffen fünf sehr verschiedene Menschen aufeinander. Der Gastwirt Biff verliert unerwartet seine Frau. Sein Kunde und Neuankömmling in der Stadt, Jake Blount, ist überzeugter Kommunist und auf der vergeblichen Suche nach Mitstreitern. Dr. Copeland ist eine Seltenheit in der Stadt, ein schwarzer Intellektueller, der sich durch seine Härte und seine Erwartungshaltung gegenüber seiner Familie von dieser entfremdet hat. Mick ist die jüngste unter den Protagonisten, die Dreizehnjährige muss meistens ihre jüngeren Geschwister hüten, nutzt aber jede freie Minute, um sich ihrer heimlichen Leidenschaft zu widmen: der Musik. Und dann ist da noch John Singer, der Taubstumme, dessen ebenfalls taubstummer Mitbewohner kürzlich aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten in ein Sanatorium gebracht wurde. Sie alle eint ein wesentlicher Zustand: der der Einsamkeit.

Carson McCullers Debütroman aus dem Jahre 1940 beginnt langsam, träge, man meint, die Südstaatenhitze förmlich zu spüren. Sie lässt sich Zeit damit, ihre Hauptpersonen einzuführen, wofür der Leser jedoch mit vielschichtigen, interessanten Charakteren belohnt wird. Von allen diesen Charakteren wird die junge Mick vielleicht am stärksten herausgearbeitet. Die Beschreibung ihrer Sehnsucht nach Musik lässt echtes, großes Talent vermuten, sie bringt sich auf dem Schulklavier selbst das Spielen bei, versucht, sich selbst eine Gitarre zu bauen und scheut sich nicht davor, abends im Dunkeln im Vorgarten der Nachbarn Radiokonzerte, die diese sich anhören, mitzuhören. Carson McCullers bedient sich bei der Beschreibung ihrer Charaktere einer wirklich wunderbaren, mitreißenden Sprache.

Folgender Satz ist bezeichnend:

„Wonderful music like this was the worst hurt there could be. The whole world was this symphony, and there was not enough of her to listen.“ (S. 116/117)

Mick ist wohl der zugänglichste der Charaktere, vor allem für junge Leser. Die Aussichtslosigkeit ihrer Situation, das Wissen, dass sie niemals ihre Liebe zur Musik so ausleben können wird, wie sie sollte, hat mich ganz besonders berührt.

Alle weiteren vier Charaktere sind auf ihre eigene Weise einsam, ich fühlte mich ein bisschen an den Kurzgeschichtenband „Eleven Kinds of Loneliness“ von Richard Yates erinnert, der sich desselben Themas annimmt.

Mick, Biff, Dr. Copeland und Blount besuchen regelmäßig den fünften Protagonisten, Singer, der sich als Taubstummer als besonders guter Zuhörer erweist, bei dem alle auf Verständnis stoßen und der ihnen die Einsamkeit ein wenig nimmt. Dabei vergessen sie jedoch Singers eigenen Kummer, seine Einsamkeit und die Sehnsucht nach dem einen Freund, der wiederum ihn verstand und der ihm genommen wurde. So ist Singer am Ende die einsamste Figur von allen.

Nach dem etwas zähen Beginn habe ich die letzten 100 Seiten des etwa 350 Seiten umfassenden Werks in einem Rutsch heruntergelesen, die Dialoge wurden intensiver, mein persönliches Highlight ist ein Streitgespräch zwischen dem Kommunisten Jake Blount und dem für die Rechte der Schwarzen einstehenden Dr. Copeland. Wie McCullers dies im zarten Alter von 23 Jahren schreiben konnte, fabelhaft.

Nicht gänzlich unerwähnt lassen kann ich, dass es (wenige) Stellen in dem Buch gibt, die auf mich als Schwarzen gegenüber gönnerhaft oder sogar rassistisch gewirkt haben, mir ist jedoch klar, dass diese typisch für ihre Zeit sind und als solche rezipiert werden müssen.

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(c) Orion

Ich habe leider keine Informationen zu einer geplanten deutschen Ausgabe gefunden.

Minnesota in den 80ern. Linda ist 14 und lebt mir ihren Eltern an einem See in den Wäldern in einer Hütte, die einmal das Zentrum einer Art Hippie-Community bildete. Nicht nur ihr abgelegener Wohnort macht sie zur Einzelgängerin, an der Schule wird sie schon mal „Freak“ genannt. Als an der gegenüberliegenden Seite des Sees eine kleine Familie einzieht, freundet Linda sich mit der jungen Mutter Patra an und beginnt, den vierjährigen Sohn Paul babyzusitten.

Schon früh in Emily Fridlunds Debütroman erfährt der Leser, dass irgendetwas in Lindas Beziehung zu der Nachbarsfamilie schief gelaufen sein muss. Eine ganze Zeit lang bleibt unklar, was genau passiert ist und was die Ursache dafür war. Es ist von einem Prozess die Rede. Linda berichtet uns als Ich-Erzählerin von den Ereignissen, die etwa 20 Jahre zurückliegen. Zwischendurch springt sie dabei etliche Male in ihre eigene Gegenwart und erzählt von ihrem aktuellen Leben. Und da setzt  mein erster Kritikpunkt an, die in der Gegenwart angesiedelten Passagen empfand ich als unnötig, uninteressant und störend. Mag sein, dass Fridlund herausstellen wollte, dass Linda auch heute noch eine einsame Wölfin ist, dafür hätte aber meiner Meinung nach weniger Text aufgewendet werden müssen. Die einsame Wölfin, die Anschluss an ein Rudel sucht, das ist Linda und sie trifft mit dieser Motivation Entscheidungen, von denen sie im Grunde schon zum jeweiligen Zeitpunkt wusste, dass sie falsch waren. Entsprechend lautet der Untertitel des Buches: „How far would you go to belong“. Etwa in der Hälfte des Buches erfährt der Leser, was in der Familie nicht stimmt. Ich möchte hier nichts dazu sagen, das wäre meiner Ansicht nach ein Spoiler. Ich hatte etwas anderes vermutet. In jedem Fall ist es ein sehr spannendes Thema, das viel Diskussionspotenzial geboten hätte. Ich war nach Abschluss des Buches enttäuscht, dass dieses Potenzial nicht ausgeschöpft wurde. Ich sehe ein, dass Fridlunds zentrales Thema Lindas Einsamkeit war und nicht das, was mit Paul passiert ist. Dennoch hätte ich mir mehr darüber gewünscht und die Enttäuschung besteht nun mal. Mit Lindas Einsamkeit und ihrer Bereitschaft zu ungewöhnlichem Verhalten beschäftigt sich auch ein untergeordneter Handlungsstrang, der sich um eine Mitschülerin und einen Lehrer Lindas dreht. Der Lehrer entpuppt sich als mutmaßlicher Pädophiler, die Mitschülerin als möglicherweise clevere Nutznießerin. Trotzdem sucht Linda den Kontakt mit beiden.

Sehr gelungen an dem Roman ist die Atmosphäre, die Fridlund schafft, ihre Sprache ist gefällig, sodass ich sicher weitere Bücher von der Autorin lesen würde. Dennoch hinterlässt mich das Buch unbefriedigt, da ich mir mehr Fokus auf das erwähnte Thema gewünscht hätte. Natürlich aber muss man Fridlund die Konzentration auf ihren eigenen Schwerpunkt zugestehen, der ja durchaus interessant ist. Daher tue ich mich ein wenig schwer mit der Bewertung des Buches und ziehe nach vielem Überlegen meine „Abwertung“ von 4 auf 3,5 Sterne zurück.

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(c) Vintage Classics

Deutscher Titel: Elf Arten der Einsamkeit

Wie entsteht Einsamkeit in der Gesellschaft? Welche Folgen hat Einsamkeit und wie kann es sein, dass man sich ständig unter Menschen befindet und doch einsam ist? Mit solchen Fragen beschäftigt sich dieser Kurzgeschichtenband des renommierten amerikanischen Autors. Das Buch enthält wie der Titel es vermuten lässt elf Kurzgeschichten, in denen das Thema Einsamkeit im Mittelpunkt steht, sei es Einsamkeit aufgrund eines geringen sozialen Status, einer unklug geschlossenen Ehe, Krankheit oder mangelnden Selbstbewusstseins.

Wer Richard Yates‘ großartigen Roman „Revolutionary Road“ (Zeiten des Aufruhrs) kennt, wird mit hohen Erwartungen an diese Kurzgeschichten herangehen. Tatsächlich können sie weder stilistisch noch inhaltlich an dieses Meisterwerk heranreichen, doch alle Geschichten haben mir auf ihre Weise gefallen und passten hervorragend in das gesellschaftskritische Gesamtkonzept des Bandes. Am besten gefallen hat mir wohl die zweite Geschichte, „The Best of Everything“, die frappierend deutlich zeigt, wie der gesellschaftliche und moralische Druck in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts dazu führte, dass Ehen zwischen gar nicht zueinander passenden Personen geschlossen wurden. Ich denke, mich hat diese Geschichte besonders angesprochen, da es sich um meine Elterngeneration handelt und ich unharmonische, aber, ebenfalls aufgrund der drohenden gesellschaftlichen Missbilligung, nie geschiedene Ehen aus dem Umfeld meiner Eltern kenne. Im Alter raufen sich solche Paare meistens wieder zusammen, in jüngeren Jahren konnte es aber zu einer wirklichen Einsamkeit in der Ehe führen, zumal die Frau zu dieser Zeit in der Regel eine reine Hausfrau war. In anderen Geschichten geht es beispielsweise um gesellschaftlich benachteiligte Kinder und von ihnen überforderte Lehrerinnen, kleine Angestellte, die aufgrund mangelnden Talents in der schon damals aufkeimenden Leistungsgesellschaft zum Scheitern verurteilt sind, oder äußerst fähige, sozial jedoch ungeschickte Offiziere der Armee.

Ein nicht großartiger, aber interessanter und stimmiger, gesellschaftskritischer Kurzgeschichtenband aus den USA der Fifties.

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