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Posts Tagged ‘frauenrechte’

(c) Vintage

Deutscher Titel: Der Report der Magd

Amerika in unmittelbarer Zukunft: Das Land hat sich drastisch verändert, Teile davon wurden in der neuen Nation „Gilead“ zusammengefasst. Das alte Rechts- und Regierungssystem wurde überworfen, die Regeln des täglichen Lebens werden von einer neuen Staatskirche bestimmt. Die Gesellschaft ist geprägt durch quasistalinistischen Terror, jeder ist angehalten, jeden Funken von Auflehnung gegen das Regime zu melden. Frauen sind unter diesem Regime völlig entrechtet. Es gibt Ehefrauen, Marthas (die Bediensteten) und eben Handmaids, deren einzige Funktion es ist, für die aufgrund der schlechten Umweltbedingungen unfruchtbar gewordenen Ehefrauen Kinder zu gebären. In einer grotesken Zeremonie versuchen die Ehemänner unter Beteiligung ihrer Frauen, die Handmaids zu schwängern. Und dann gibt es noch die „Unwomen“, Frauen, die es wagten, sich zu wehren, und daher in die „Kolonien“ verbannt wurden, wo sie aufgrund harter Arbeit keine lange Lebenserwartung haben.

Eine dieser Handmaids ist Offred, ihr früheres Leben, ihr Mann und ihre Tochter und sogar ihr Name wurde ihr genommen, sie darf sich nur noch über den Herren identifizieren, dem sie zugewiesen wurde: Fred. Offred gehört zur ersten Generation der Handmaids, sie hatte also vor der Entstehung Gileads ein Leben, „umerzogen“ wurde sie in einer Einrichtung, die von sogenannten „Tanten“ (Aunts) geleitet wurde. Nach außen hin gibt sich Offred unterwürfig, doch in ihr rebelliert es, sie will einen Ausweg aus diesem Leben, das kein Leben ist.

„We are two-legged wombs, that’s all: sacred vessels, ambulatory chalices“. (Seite 146)

Eine ihrer Handmaid-Kolleginnen scheint etwas zu wissen und Offred ist bereit, jeden Strohhalm zu ergreifen.

Margaret Atwoods bekanntestes Buch ist bereits jetzt zu einem modernen Klassiker geboren. Dass das Buch in den Achtzigerjahren geschrieben wurde, ändert rein gar nichts an seiner Aktualität, ich würde gar behaupten: Der Roman ist heute relevanter denn je. Beinahe prophetisch erscheint mir Atwoods Zukunftsvision angesichts aktueller populistischer Entwicklungen in den USA und leider auch in Europa. Man denke an die Debatte und die neuen Gesetze zu Schwangerschaftsabbrüchen in den USA. Dies ist nur ein Beispiel für die Rückschritte, die in der Gesellschaft zu beobachten sind.

Und dann diese Sätze, die mich umgehauen haben:

„It was after the catastrophe, when they shot the president and machine-gunned the Congress and the army declared a state of emergency. The blamed it on the Islamic fanatics, at the time“ (Seite 183)

Unglaublich, dass Atwood dies in den Achtzigern geschrieben hat. Angesichts von Meldungen wie jener, dass in Deutschland Angriffe auf türkische Geschäfte zunehmen, lassen mich diese Zeilen erschaudern.

Entsetzlich auch die Vorstellung, NICHTS mehr lesen zu dürfen, wie es für Frauen in Gilead gilt, sich in keiner Weise bilden zu dürfen und den Wissensdurst in keiner Form mehr stillen zu können. Das wäre eine Situation, in der auch ich nicht mehr leben wollte.

Diese starke Geschichte wird in Atwoods großartiger Sprache geschildert, die für mich die kraftvollste literarische Stimme eines derzeit lebenden Autoren ist.

Das i-Tüpfelchen des Romans sind schließlich die Historical Notes am Ende, die mich überraschten und mich endgültig für das Buch begeisterten. Ich wollte zunächst hier schildern, was es mit diesen auf sich hat, habe aber entschieden, dass dies ein Spoiler wäre.

Wenn ich gefragt würde, welches Buch sich auch künftig als Klassiker etablieren, wird, stünde Margaret Atwoods Meisterwerk an erster Stelle. Relevant wie nie zuvor, sollte jeder das Buch lesen und die darin liegende Warnung ernst nehmen.

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(c) Argon Hörbuch

Sprecher: Ranga Yogeshwar

Dauer: 12 h 17 min

Ranga Yogeshwar ist uns allen als Wissenschaftsjournalist und  -moderator bekannt, der Jung und Alt die Welt erklärt. Als Diplom-Physiker hat er den entsprechenden Hintergrund. Doch nicht nur seine Ausbildung macht ihn zu einem qualifizierten Autor: Als Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Kunsthistorikern ist er in zwei Welten aufgewachsen und bringt eine gehörige Portion Lebenserfahrung und Sachverstand mit. Seine Arbeit fürs Fernsehen und sein Ansehen sorgten dafür, dass er mit seinem Filmteam Zugang zu zahlreichen Einrichtungen erhält, so durfte sein Team als Erstes nach dem Reaktorunglück in Fukushima drehen. Die notwendige Ausrüstung für das Verfassen eines Buchs über die Zukunft bringt er also mit. Darüber hinaus hat Yogeshwar auch einen künstlerlischen Hintergrund: Er selbst und seine Töchter sind am Klavier ausgebildet, seine Frau ist Sopranistin.

In insgesamt elf Kapiteln mit jeweils drei oder vier Unterkapiteln befasst sich Ranga Yogeshwar mit zukunftsrelevanten Themen, etwa der Digitalisierung und gefährlichen Entwicklungen hinsichtlich des Datenschutzes, des Umweltschutzes, der Schulbildung, Energieversorgung, Frauenrechten, der Terrorangst oder der künstlichen Intelligenz. Die Kapitel sind episodenhaft erzählt, häufig beginnen sie mit Erfahrungen Yogeshwars in der Vergangenheit und schließen mit den Schlussfolgerungen und den Konsequenzen für die Zukunft. Manchmal dauert es ein bisschen, bis er zur Relevanz für die Zukunft kommt, dies bleibt jedoch nie aus. Dabei bietet er konkrete Vorschläge zur Verbesserung an, warnt vor Fehlentwicklungen und deren Auswirkungen. Die anekdotenhafte Gestaltung der Kapitel machen das Buch sehr gut lesbar und absolut zugänglich für ein breites Publikum. Ich fand alle angesprochenen Themen wirklich interessant, sehr aufschlussreich unter anderem das Kapitel über die Terrorangst oder das über (Schul-)bildung. Gut gefallen hat mir auch Yogeshwars Ausblick auf die Zukunft des Homo Sapiens. Hier hatte ich den Eindruck, dass seine Ausführungen teilweise auch eine Antwort auf das Buch „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari sind. Dieses habe ich zwar noch nicht gelesen, aber bereits am Ende von „Sapiens“ deutet sich an, wie Harari die Zukunft des Menschen sieht, er prognostiziert eine Verschmelzung von Mensch und Technik, die Entstehung des gottgleichen, unsterblichen Menschen. Yogeshwar relativiert diese Prognose, verweist auf negative Seiten der Unsterblichkeit. Ich muss sagen, dass seine Prognose mich ein wenig beruhigt hat, aber ich muss erst einmal Hararis Werk lesen, bevor ich mir eine umfassende Meinung bilden kann. Insgesamt bin ich sehr einverstanden mit so ziemlich allen Aussagen, die Yogeshwar macht, ganz besonders wichtig sind mir hierbei der Umweltschutz und die gefährliche Entwicklung der Weltwirtschaft. Ich kenne Herrn Yogeshwar natürlich nicht persönlich, aber die Lektüre des Buches hat ihn mir umso sympathischer gemacht. Dazu trägt natürlich auch bei, dass er das Hörbuch selbst liest, was er als Medienprofi hervorragend macht. Das Hörbuch ist also absolut empfehlenswert, wobei ich die Anschaffung eines Printexemplars erwäge, um Verschiedenes nachlesen zu können, denn dies ist ein Buch, das lange nachhallt und Augen öffnet. Für mich das Sachbuch des Jahres.

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