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Posts Tagged ‘fünfziger jahre’

(c) Vintage Classics

Deutscher Titel: Elf Arten der Einsamkeit

Wie entsteht Einsamkeit in der Gesellschaft? Welche Folgen hat Einsamkeit und wie kann es sein, dass man sich ständig unter Menschen befindet und doch einsam ist? Mit solchen Fragen beschäftigt sich dieser Kurzgeschichtenband des renommierten amerikanischen Autors. Das Buch enthält wie der Titel es vermuten lässt elf Kurzgeschichten, in denen das Thema Einsamkeit im Mittelpunkt steht, sei es Einsamkeit aufgrund eines geringen sozialen Status, einer unklug geschlossenen Ehe, Krankheit oder mangelnden Selbstbewusstseins.

Wer Richard Yates‘ großartigen Roman „Revolutionary Road“ (Zeiten des Aufruhrs) kennt, wird mit hohen Erwartungen an diese Kurzgeschichten herangehen. Tatsächlich können sie weder stilistisch noch inhaltlich an dieses Meisterwerk heranreichen, doch alle Geschichten haben mir auf ihre Weise gefallen und passten hervorragend in das gesellschaftskritische Gesamtkonzept des Bandes. Am besten gefallen hat mir wohl die zweite Geschichte, „The Best of Everything“, die frappierend deutlich zeigt, wie der gesellschaftliche und moralische Druck in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts dazu führte, dass Ehen zwischen gar nicht zueinander passenden Personen geschlossen wurden. Ich denke, mich hat diese Geschichte besonders angesprochen, da es sich um meine Elterngeneration handelt und ich unharmonische, aber, ebenfalls aufgrund der drohenden gesellschaftlichen Missbilligung, nie geschiedene Ehen aus dem Umfeld meiner Eltern kenne. Im Alter raufen sich solche Paare meistens wieder zusammen, in jüngeren Jahren konnte es aber zu einer wirklichen Einsamkeit in der Ehe führen, zumal die Frau zu dieser Zeit in der Regel eine reine Hausfrau war. In anderen Geschichten geht es beispielsweise um gesellschaftlich benachteiligte Kinder und von ihnen überforderte Lehrerinnen, kleine Angestellte, die aufgrund mangelnden Talents in der schon damals aufkeimenden Leistungsgesellschaft zum Scheitern verurteilt sind, oder äußerst fähige, sozial jedoch ungeschickte Offiziere der Armee.

Ein nicht großartiger, aber interessanter und stimmiger, gesellschaftskritischer Kurzgeschichtenband aus den USA der Fifties.

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(c) Vintage

Deutscher Titel: Zeiten des Aufruhrs

Ein New Yorker Vorort in den 50ern des letzten Jahrhunderts. Frank und April Wheeler scheinen zunächst ein ganz typisches amerikanisches Vorstadtpaar mit Kindern, ein Mädchen, ein Junge. Frank arbeitet in der Marketingabteilung eines Unternehmens, in dem schon sein Vater gearbeitet hatte, die ausgebildete Schauspielerin April ist Hausfrau. Beide sehen sich jedoch deplaziert in der spießigen Umgebung. Sie sehen sich als Intellektuelle, verachten das sie umgebende Kleinbürgertum, was sie zu gewaltigen Snobs macht, selbst den vermeintlich besten Freunden, den Campbells, gegenüber. Nach einem fürchterlich misslungenen Auftritt in einer fürchterlichen Aufführung eines Theaterstücks auf der Vorortbühne reift in April eine Idee: Amerika verlassen, nach Europa gehen und Frank die Möglichkeit geben, sein ganzes intellektuelles Potenzial auszuschöpfen. Recht früh ahnt der Leser, dass etwas schief laufen wird mit diesem Plan, sich gar eine Katastrophe anbahnt. Denn je näher die Auswanderung rückt, desto mehr häufen sich die Konflikte zwischen den Eheleuten.

Richard Yates erzählt in seinem phänomenalen Debütroman die Geschichte eines amerikanischen Paares, zweier Individuen, jedoch mit eindeutiger Bezugnahme auf die Gesellschaft, die die beiden hervorgebracht hat. Sie sehen sich als Intellektuelle, werden jedoch beide diesem Image nicht gerecht, und zwar weniger, weil sie ein bürgerliches Leben führen, das ihnen selbst als stinklangweilig und oberflächlich erscheint (wie man beispielsweise an den verächtlichen Worten erkennt, mit dem Frank seinen eigenen Job beschreibt), sondern vielmehr, weil sie beide gar nicht die Kraft und den Elan mitbringen, dieses Selbstbild zu erfüllen. Nach außen hin gibt Frank den geistreichen Intellektuellen, doch tatsächlich kann er sich nicht eingestehen, dass er sich in seinem Job und mit seinem Leben gar nicht so unwohl fühlt. Dies wird erst deutlich, als es um die Emigration und einen wichtigen Hinderungsgrund für diese geht.

Beide Hauptcharaktere sind eher unsympathisch, dies gilt besondere für Frank, den man ohne Zögern als Arschloch bezeichnen, stellenweise jedoch aufgrund seiner uneingestandenen Unsicherheit auch bemitleiden kann. Mein einziger Kritikpunkt über große Strecken des Romans war die etwas flach bleibende Charakterisierung von April, es wird nämlich alles größtenteils aus Franks Sicht erzählt. Doch dabei hat Richard Yates sich etwas gedacht, denn erst, als April gegen Ende des Buchs eine fatale Entscheidung trifft, erfahren wir mehr über ihr Innenleben. Etwa zur Hälfte des Buchs führt Yates außerdem in John Givings einen schier genialen Charakter ein, den hochintelligenten, aber verhaltensgestörten Sohn eines Nachbarpaares. Dieser durchschaut Frank und April vom ersten Moment an, und als er offen ausspricht, was er denkt, eskaliert die Situation…

All dies erzählt uns Richard Yates in einer sehr angenehm zu lesenden, schnörkellosen Sprache, die mir von Anfang an sehr gut gefallen hat. Ein komplexer, fesselnder Roman und ein echtes Lesehighlight.

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(c) Parlando

Sprecher: Christian Brückner

Dauer: 4 h 19 min

Amos Oz hat selbst in einem Kibbuz gelebt und in dieser Kurzgeschichtensammlung vermittelt er uns einen Eindruck davon, wie das Leben in einem Kibbuz in den 50er Jahren aussah. Es handelt sich dabei um einen fiktiven Kibbuz, also nicht um Erinnerungen des Autoren. Die einzelnen Geschichten haben jeweils eine andere Hauptperson, die jedoch in den weiteren Geschichten wieder als Nebenfigur auftauchen kann. Es geht dabei weniger um die Konflikte des noch jungen Staates Israel, obwohl natürlich am Rande durchaus auch Kriegsereignisse und beispielsweise das zerstörte Palästinenserdorf nahe des Kibbuz erwähnt werden, sondern um die ganz individuellen Menschen im Kibbuz, ihre verschiedenen Hintergründe, ihre Probleme, ihre Ansichten. Deutlich wird dabei, dass es im Kibbuz zwei Fraktionen gibt: einmal die Gründergeneration, die die Regeln des Kibbuz streng auslegt und marxistisch geprägt ist. Sie bestehen beispielsweise darauf, dass die Kinder im Kinderhaus schlafen und nicht bei ihren Eltern, und möchten durchsetzen, dass junge Leute, die studieren möchten, zuerst 3 Jahre im Kibbuz arbeiten sollen. Andererseits die meist Jüngeren, die diese Regeln auflockern möchten. Wir erfahren nicht, wie sich der Kibbuz weiter entwickelt, überhaupt können die offenen Enden der jeweiligen Geschichten gerade am Anfang ein wenig befremden, doch man gewöhnt sich daran, wenn man erkennt, dass das Buch ein Panorama des Lebens in einem Kibbuz darstellt und nicht eine abgeschlossene Geschichte.

Oz‘ von Mirjam Pressler wunderbar übersetzte Sprache ist klar, ruhig, sehr angenehm zu lesen bzw. in diesem Fall zu hören. Dazu trägt auch der ebenso ruhige Sprechstil Christian Brückners bei, der das Hörbuch zu einer runden Sache macht.

Ich kann dieses Buch, ob nun in Hörform oder als Printexemplar, auch jenen empfehlen, die sich wie ich selbst bisher nicht an Amos Oz gewagt haben, ich halte es für ein gutes Werk, um den Schriftsteller kennenzulernen. Und natürlich erfährt der Leser einiges über die Siedlungsform Kibbuz.

Mal sehen, ob ich mich als Nächstes an „Judas“ wage 🙂

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(c) Orion Books

Deutscher Titel: Call the Midwife – Ruf des Lebens

Ende der Fünfziger Jahre kommt die junge Krankenschwester Jennifer Lee ins Londoner East End, um dort in Nonnatus House, einem kleinen, von Nonnen geleiteten Krankenhaus als Hebamme zu arbeiten. Was sie dort erlebte, sowohl in beruflicher als auch menschlicher Hinsicht, erzählt sie in diesem Buch.

Die Erinnerungen von Jennifer Worth (geb. Lee) haben mich von der ersten Seite an gefesselt. In der Einführung erzählt sie etwas über die allgemeine Situation im Londoner East End und die Geschichte der Hebammen in England im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert. Beides ist erschreckend – unfassbare Sterblichkeitsraten bei gebärenden Frauen und Neugeborenen, die nicht vorhandene Anerkennung des Hebammenberufs, die Unwissenheit, die immer noch herrschte, die Umstände, unter denen Frauen Kinder zur Welt bringen mussten. Und die Zustände, in denen Menschen in den Londoner Slums noch in den 50er Jahren lebten und mit denen sich die inzwischen anerkannten und gut ausgebildeten Hebammen konfrontiert sahen.

Die folgenden Kapitel handeln dann von Episoden, die sich in Nonnatus House zutrugen, und zwar nicht in nüchtern dokumentarischer Erzählweise, sondern voller Humor, Menschlichkeit und Weisheit. Man merkt Jennifer Worth die Liebe zu ihren Kolleginnen und den Nonnen an, etwa Sister Monica Joan, die offenbar wirklich so skurril war, wie sie in der Fernsehserie dargestellt wird. Die Geschichten sind absolut spannend und wunderbar zu lesen, auch wenn einige Kapitel auch schlimme Erlebnisse wiedergeben. Vor allem das Kapitel über einen Eklampsiefall hat mich zutiefst erschüttert. Doch auch diese schlimmen Erlebnisse gehören zum Alltag einer Hebamme. Inzwischen sind natürlich viele Gefahren der Schwangerschaft durch enge Kontollen und verbesserte Medizin sehr selten geworden. Dem gegenüber stehen herzerwärmende Kapitel, etwa über die glückliche Familie mit 24 Kindern (auch das Geheimnis dieser Ehe wird gelüftet ;-)). Was mir auch sehr gefallen hat, war die Darstellung der Menschen, die im East End lebten – einerseits in katastrophalen Zuständen, andererseits aber in einem festen sozialen Gefüge mit einer ausgeprägten Kultur. Am Ende des Buchs findet sich noch ein Anhang über den Cockney-Dialekt, den ich mit größtem Vergnügen gelesen habe. Ich habe dabei sogar die Aussprache der Wörter und meinen „glottal stop“ geübt, was Riesenspaß gemacht hat und mich immer wieder zum Lachen gebracht hat.

Ich empfehle dieses Buch wärmstens weiter, einige Stellen sind nicht leicht zu verdauen, aber es ist einfach ganz wunderbar erzählt. Ich freue mich schon sehr darauf, die Fortsetzungen zu lesen!

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