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Posts Tagged ‘geistige gesundheit’

(c) Free Press

Deutscher Titel: Feuer im Kopf – Meine Zeit des Wahnsinns

Susannah Cahalan ist mit erst 23 eine vielversprechende Reporterin bei der New York Post, als sie beginnt, merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Sie ist geradezu besessen von der Vorstellung, ihre Wohnung sei von Bettwanzen befallen, wühlt in den Schubladen ihres Freundes, um Hinweise auf einen Betrug zu finden, erscheint unvorbereitet zu Besprechungen mit dem Chef. In Händen und Füßen hat sie Taubheitsgefühle. Verschiedene Theorien entstehen, Hormonstörung durch die Empfängnisverhütung, Pfeiffer’sches Drüsenfieber usw., doch nichts davon bestätigt sich. Als Susannah schließlich einen heftigen epileptischen Anfall erleidet, ist klar: Sie muss zunächst einmal im Krankenhaus bleiben. Der Beginn eines Martyriums für die junge Frau, ihren Freund und ihre Eltern.

Denn auch die zahlreichen möglichen Diagnosen, auf die die Symptome und Befunde hinweisen, erweisen sich als falsch und Susannahs Zustand verschlimmert sich dramatisch. Sie ist inzwischen völlig paranoid, schlägt um sich. Man erwägt eine biopolare Störung oder dissoziative Identitätsstörung (früher als „multiple Persönlichkeitsstörung“ bekannt). Sie ist offenbar geisteskrank. Erst nach Wochen voller Angst und dem Tod nahe erkennt ein Neurologe, was wirklich mit Susannah los ist: Sie leidet an einer sehr seltenen Krankheit, einer Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

Dass Susannah Cahalan Journalistin ist, merkt man recht schnell. Sie schildert ihren Krankheitsverlauf so gekonnt und spannend, dass ich das Buch wie selten ein Sachbuch verschlungen habe. Normalerweise gehört Medizin gar nicht zu meinen Interessensgebieten, aber gut geschriebene Tatsachenberichte wie dieser machen einen medizinischen Fall spannend wie einen Thriller.

Ich habe wenig auszusetzen an dem Buch. Die Verweise auf die Popkultur waren für mich eher uninteressant, da Cahalan einiges jünger ist als ich und ganz andere Musik hört.

Ein Gedanke, der bei mir recht früh aufkam, bezieht sich auf die privilegierte Stellung der jungen Frau aus wohlhabendem, gut vernetztem New Yorker Haus: Wie wäre es einem Mitglied einer niedrigeren sozialen Schicht ergangen, gerade in den USA, wo eine ordentliche Krankenversicherung ja wie wir wissen keine Selbstverständlichkeit ist. Susannah Cahalan wirft diese Frage selbst auf:

„If it took so long for one of the best hospitals in the world to get tot this step, how many other people were going untreated, diagnosed with a mental illness or condemned to a life in a nursing home or a psychiatric ward?“ (Seite 151)

Eine dramatische Vorstellung. Auch sind die Symptome von solcher Natur, dass man an Fälle von Exorzismen denken muss, wie etwa der der Anneliese Michel. So schildert Cahalan folgende Verhaltensweisen:

„Afflicted sons and daughters suddenly became posessed, demonic, like creatures out of our most appalling nightmares. Imagine a young girl who, after several days of full-bodied convulsions that sent her flying into the air and off her bed – and after speaking in a strange, deep baritone – contorted her body and crab-walked down the stair-case, hissing like a snake and spewing blood.“ (Seite 222)

Mit ihrem Buch hilft Susannah Cahalan hoffentlich vielen Menschen mit Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Allein sein Bekanntheitsgrad sollte dazu beitragen, dass die Krankheit in Zukunft schneller (oder überhaupt!) diagnostiziert werden kann, und zwar nicht nur bei Wohlhabenden.

Ein spannendes, lesenswertes Sachbuch.

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(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Ein verborgenes Leben

Irland zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Psychiater Dr. Grene arbeitet in einer psychiatrischen Klinik, die demnächst abgerissen werden sollen, und kümmert sich um den Verbleib der Patienten. Hierzu sucht er unter anderem die einhundert Jahre alte Roseanne McNulty auf, die schon seit vielen Jahrzehnten in der Klinik lebt. Er vermutet, dass sie gar nicht psychisch krank ist, und erwägt, sie zu entlassen. Gleichzeitig schreibt Mrs McNulty ihre Lebensgeschichte in einem geheimen Tagebuch auf. Langsam kommt ans Licht, wie es damals zu ihrer Einlieferung kam. Wir erfahren dies abwechselnd aus Roseannes Aufzeichnungen und aus Dr. Grenes Sicht.

Sebastian Barry ist zweifellos ein großartiger Autor, seine Formulierungen sind wunderbar, stellenweise poetisch, es macht Spaß, seinen Text zu lesen. Gut gefallen hat mir an dem Buch außerdem die kluge Diskussion der Unzuverlässigkeit von Geschichte und Erinnerung, ein Thema, auf das ich immer häufiger in Büchern stoße und das ich sehr interessant und wichtig finde.

Sätze wie diesen finde ich fabelhaft:

„For history as far as I can see is not the arrangement of what happens, in sequence and in truth, but a fabulous arrangement of surmises and guesses held up as a banner against the assault of withering truth“. (Seite 55)

In diesem Zusammenhang erleben wir Roseanne als unzuverlässige Erzählerin, ihren Erinnerungen ist nicht zu trauen:

„I have to be very careful with these ‚memories‘ because I realise there are a few vivid remembrances from this troubled time that I know in my heart cannot have happened.“ (Seite 242).

Weitere Themen, die Barry in seinem Buch behutsam behandelt, sind Liebe und Tod sowie die Ungerechtigkeiten und rigiden Moralvorstellungen, unter denen im katholischen Irland vor allem Frauen zu leiden hatten. Selbstverständlich spielen in den Rückblicken auf Roseannes Leben auch der irische Bürgerkrieg sowie die Weltkriege eine wichtige Rolle.

Trotz all dieser positiven Aspekte konnte ich nicht mehr als 3 von 5 Sternen für das Buch vergeben. Vielleicht habe ich zu viele „Familiengeheimnis-Romane“ gelesen, jedenfalls konnte ich schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Auflösung des Geheimnisses vorhersagen. Eine Zeit lang hoffte ich noch, dass es einen Twist geben würde, der mir nicht klar war, aber tatsächlich endete das Buch genau so, wie ich es vermutet hatte. Und ich muss sagen, diese Auflösung war mir zu weit hergeholt und auch zu kitschig. Die Sprache des Romans ist sicherlich von einer Qualität, die das Buch für Buchpreise qualifiziert (Sieger Costa Book Award 2008, Shortlist Man Booker Prize 2008).

Der Plot kann da jedoch meiner Meinung nach nicht mithalten. Ein schön geschriebenes, aber vorhersehbares Buch.

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