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Posts Tagged ‘gesellschaftsroman’

(c) Roof Music

Dauer: 5 h 48 min

Sprecher: Heinz Strunk

Jürgen Dose ist Anfang 40, wohnt mit seiner pflegebedürftigen Mutter zusammen und verdingt sich als Parkhauswächter. Er ist ganz und gar durchschnittlich, anständig, aber unattraktiv, weiß alles über Frauen und wie man sie für sich gewinnt, findet aber trotzdem keine. Und das, obwohl er doch so viel unternimmt und zum Speed Dating geht. Außer mit seiner Mutter und deren Pflegerinnen setzt er sich nur mit seinem besten Freund Bernd auseinander, mit dem er gerne in sein Stammlokal, den Kamin 21, geht. Bernd sitzt im Rollstuhl, ist übergewichtig und findet genau wie Jürgen nicht die Frau fürs Leben. Da tut sich eine neue Möglichkeit auf: polnische Frauen, vermittelt über die Agentur „Eurolove“, die Fahrten nach Breslau organisiert.

Im Gegensatz zu dem aus Strunks letztem Buch ist der Protagonist seines neuesten Werkes ein Normalo. Seine Ausbildung konnte er aus gesundheitlichen Gründen nicht beenden, er arbeitet im Parkhaus und ist zufrieden. Nur eine Frau möchte er schon gerne haben, er ist umfassend informiert, steckt trotzdem eine Ablehnung nach der anderen weg und denkt sich auch nicht viel dabei, er kann sich stets seinen Optimismus bewahren. Er bemitleidet seine Mitstreiter auf der Suche nach einer Frau als „arme Willis“ und erkennt dabei gar nicht, dass er selbst so ein armer Willi ist.

Strunks Roman karikiert diesen scheiternden Normalbürger, seine Schilderungen sind bis ins Detail gut beobachtet (Strunk merkte in einem Interview mit der „Zeit“ an, dass er sich durchaus auch schon zu den „armen Willis“ gezählt habe), bilden jedoch keine ganze Milieustudie wie “ Der Goldene Handschuh“. Dies bringt mit sich, dass das Buch auch sprachlich kein Extremstück darstellt wie sein Vorgänger.

Strunks „Jürgen“ ist durchaus gelungen und lesenswert aber kein großer Wurf, der den zwangsläufigen Vergleich mit seinem Vorgänger standhalten kann.

Als Hörbuchleser brilliert Strunk erneut, kein anderer könnte Strunks Charaktere so genial interpretieren wie er selbst, die Hörbuchfassung sei daher dringend empfohlen!

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(c) Harper Collins

Deutscher Titel: Die Verfluchten

Princeton, New Jersey, 1905: Während Woodrow Wilson, der Rektor der Elite-Uni, sich mit seinem Stellvertreter bekriegt, geschehen in dem Ort eigenartige Dinge. Es gibt einen Lynchmord, dann wird ein Kind ermordet und ein seltsamer Südstaatler dringt in die gesellschaftliche Elite des Ortes ein. Mit der Hochzeit von Annabel Slade, der Enkeltochter des betagten und angesehenen ehemaligen Universitätsrektors Winslow Slade, mit einem Sprössling einer weiteren angesehenen Familie, steht außerdem ein gesellschaftliches Großereignis an. Und spätestens am Tag dieser Hochzeit steht fest: Princeton wird von einem Fluch heimgesucht.

Was soll ich zu diesem Buch sagen. Zunächst einmal ist das Buch etwas ganz anderes, als die Inhaltsbeschreibung erwarten lässt. Ich hatte es ursprünglich als Gruselbuch für Halloween besorgt, aber gruselig ist das Buch kaum. Ja, es ist eine Gothic Novel, aber die übersinnlichen Elemente sind eher grotesk als gruselig, sie haben etwas Expressionistisches. Außerdem stehen sie in dem Roman eher an untergeordneter Stelle, sie dienen vielmehr als Rahmen für die Diskussion mehrerer gesellschaftlicher Themen, und zwar Rassismus, Feminismus und Sozialismus. Mehrere herausragende Persönlichkeiten der damaligen Zeit treten in dem Buch auf – Woodrow Wilson, Upton Sinclair, Grover Cleveland, Jack London, Mark Twain – und keiner von ihnen kommt dabei gut weg, am ehesten noch der aufrichtige Sozialist Upton Sinclair. Ich weiß nicht, mit welchen Quellen Joyce Carol Oates gearbeitet hat, aber zumindest die äußerst negative Darstellung von Jack London scheint mir nach etwas Internetrecherche überzogen. Aber um hierzu mehr sagen zu können, bedürfte es weiterer Recherche.

Vor allem die Scheinheiligkeit der gesellschaftlichen Elite gegenüber Themen wie Rassismus und Frauenrechten stellt Joyce Carol Oates heraus. Ein Beispiel hierfür sind die Gedankengänge Woodrow Wilsons in dem Buch: „So long as Negroes – darkies, as they were more fondly called, in Woodrow’s childhood – knew their place, and were not derelict as servants and workers, Dr. Wilson had very little prejudice against them, in most respects.“ (Seite 18/19).

Sicherlich ist dies es ein interessanter Ansatz, Gesellschaftskritik mit einer Gothic Novel zu verknüpfen, doch was Joyce Carol Oates daraus macht, ist leider weniger spannend als nervtötend. Denn es gibt keine gute Kohäsion zwischen den Kapiteln des Buchs, Oates erzählt mal hier, mal da, und verliert sich dabei in ellenlangen Abschweifungen, die von der grundlegenden Geschichte unabhängig sind und den Leser in zunehmendem Maße irritieren. Geschuldet ist dies teilweise natürlich auch der gewählten Erzählperspektive, denn Oates‘ Erzähler ist ein Historiker, der die Geschichte des „Fluchs“ von Princeton anhand seiner verschiedenen Quellen schildert und dabei häufig Kapitel als Zwischenbemerkungen einfügt. Diese „Abschweifungen“ mögen der Charakterisierung der jeweiligen Person dienen, beeinträchtigen jedoch den Lesefluss und stellen die Geduld des Lesers auf die Probe.

Sprachlich habe ich an dem Buch nichts auszusetzen, dass Joyce Carol Oates schreiben kann, ist offensichtlich.

Der Schluss des Buchs ist erneut expressionistischer, grotesker Natur und die sich ergebende Schlussfolgerung eine eindeutige Religionskritik.

Ich muss abschließend feststellen, dass ich die Motivation hinter dem Buch anerkenne, jedoch möchte ich ein Buch nicht nur lesen, um es hinterher analysieren zu können oder zu müssen. Ein Buch muss mir schon auch einen gewissen Genuss bieten, und der ist mir aufgrund er oben geschilderten Aspekte mit zunehmendem Lesefortschritt gänzlich abhanden gekommen.

Das Buch ist vieles, ein Lesevergnügen war es für mich nicht.

 

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(c) Vintage

Deutscher Titel: Zeiten des Aufruhrs

Ein New Yorker Vorort in den 50ern des letzten Jahrhunderts. Frank und April Wheeler scheinen zunächst ein ganz typisches amerikanisches Vorstadtpaar mit Kindern, ein Mädchen, ein Junge. Frank arbeitet in der Marketingabteilung eines Unternehmens, in dem schon sein Vater gearbeitet hatte, die ausgebildete Schauspielerin April ist Hausfrau. Beide sehen sich jedoch deplaziert in der spießigen Umgebung. Sie sehen sich als Intellektuelle, verachten das sie umgebende Kleinbürgertum, was sie zu gewaltigen Snobs macht, selbst den vermeintlich besten Freunden, den Campbells, gegenüber. Nach einem fürchterlich misslungenen Auftritt in einer fürchterlichen Aufführung eines Theaterstücks auf der Vorortbühne reift in April eine Idee: Amerika verlassen, nach Europa gehen und Frank die Möglichkeit geben, sein ganzes intellektuelles Potenzial auszuschöpfen. Recht früh ahnt der Leser, dass etwas schief laufen wird mit diesem Plan, sich gar eine Katastrophe anbahnt. Denn je näher die Auswanderung rückt, desto mehr häufen sich die Konflikte zwischen den Eheleuten.

Richard Yates erzählt in seinem phänomenalen Debütroman die Geschichte eines amerikanischen Paares, zweier Individuen, jedoch mit eindeutiger Bezugnahme auf die Gesellschaft, die die beiden hervorgebracht hat. Sie sehen sich als Intellektuelle, werden jedoch beide diesem Image nicht gerecht, und zwar weniger, weil sie ein bürgerliches Leben führen, das ihnen selbst als stinklangweilig und oberflächlich erscheint (wie man beispielsweise an den verächtlichen Worten erkennt, mit dem Frank seinen eigenen Job beschreibt), sondern vielmehr, weil sie beide gar nicht die Kraft und den Elan mitbringen, dieses Selbstbild zu erfüllen. Nach außen hin gibt Frank den geistreichen Intellektuellen, doch tatsächlich kann er sich nicht eingestehen, dass er sich in seinem Job und mit seinem Leben gar nicht so unwohl fühlt. Dies wird erst deutlich, als es um die Emigration und einen wichtigen Hinderungsgrund für diese geht.

Beide Hauptcharaktere sind eher unsympathisch, dies gilt besondere für Frank, den man ohne Zögern als Arschloch bezeichnen, stellenweise jedoch aufgrund seiner uneingestandenen Unsicherheit auch bemitleiden kann. Mein einziger Kritikpunkt über große Strecken des Romans war die etwas flach bleibende Charakterisierung von April, es wird nämlich alles größtenteils aus Franks Sicht erzählt. Doch dabei hat Richard Yates sich etwas gedacht, denn erst, als April gegen Ende des Buchs eine fatale Entscheidung trifft, erfahren wir mehr über ihr Innenleben. Etwa zur Hälfte des Buchs führt Yates außerdem in John Givings einen schier genialen Charakter ein, den hochintelligenten, aber verhaltensgestörten Sohn eines Nachbarpaares. Dieser durchschaut Frank und April vom ersten Moment an, und als er offen ausspricht, was er denkt, eskaliert die Situation…

All dies erzählt uns Richard Yates in einer sehr angenehm zu lesenden, schnörkellosen Sprache, die mir von Anfang an sehr gut gefallen hat. Ein komplexer, fesselnder Roman und ein echtes Lesehighlight.

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(c) Knaus

Frankreich, kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges. Die Industriellenfamilie Hardelot steht an der Spitze der Gesellschaft in Saint-Elme. Der Sohn Pierre ist standesgemäß mit der Tochter einer weiteren wohlhabenden Familie verlobt. Dumm nur, dass er heimlich in Agnès Florent verliebt ist, deren Familie zwar durchaus gut situiert, aber eben nicht standesgemäß ist. Es kommt alles anders als geplant und durch die beiden Weltkriege gerät die heile Welt der Familie gründlich aus den Fugen.

Ich habe mich unerwartet schwer getan mit dem Buch. Mein Interesse an Schicksalen aus der Zeit der Weltkriege ist sehr groß und dieses Buch ist noch während des 2. Weltkrieges entstanden. Die Autorin ist schließlich in Auschwitz gestorben. Das Buch ist zweifellos schön und sehr einfühlsam geschrieben und liest sich flüssig. Auch ein feinsinniger Humor blitzt hie und da durch. Doch das reicht leider nicht, um mich wirklich mitzureißen. Ich habe die Charaktere als eher flach empfunden und konnte mich nicht recht in sie hineinversetzen. Mir persönlich sind die Charaktere allerdings sehr wichtig, deshalb kann ich das Buch nicht unter meine Lesehighlights einordnen.

Ich habe auch den „Verfall“ der Familie als weniger dramatisch empfunden als etwa in „Buddenbrooks“. Der Wandel der Gesellschaft kommt, wie ich finde, nicht so sehr deutlich zum Ausdruck.

Fazit: lesenswert, aber es hat mich nicht umgehauen

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(c) Edition Ebersbach

Frankreich im 19. Jahrhundert. Die junge Denise kommt mit ihren beiden jüngeren Brüdern in Paris an, nachdem die Eltern verstorben sind, um bei ihrem Onkel zu leben. Doch der Besitzer eines Bekleidungsgeschäfts lehnt dies ab. Was nun? Gegenüber befindet sich etwas ganz Neues: Ein großes Kaufhaus! Dieses wird von allen Einzehändlern leidenschaftlich gehasst, da es das Überleben der kleinen Geschäfte bedroht. Doch für Denise ist das „Paradies der Damen“ eine Chance und sie bewirbt sich um eine Stelle als Verkäuferin. Wird die schüchterne junge Frau sich in dem großen Betrieb durchsetzen können?

Auf dieses Buch bin ich durch die BBC-Serie „The Paradise“ gekommen, die auf dem Buch basiert, den Schauplatz aber nach England verlegt. Auch inhaltlich wurde einiges im Vergleich zu der Vorlage geändert – aber an dieser Stelle soll es ja um das Buch gehen.

Die zentrale Figur des Romans, Denise, ist eine äußerst liebenswürdige Person, die jeden Leser sofort für sich gewinnen wird. Ein bisschen naiv und wenig durchsetzungsfähig ist sie zunächst, und der Leser durchleidet mit ihr so einiges. Während des Buches macht sie dann eine Entwicklung durch, die man zunächst kaum für möglich hält, bleibt dabei aber immer sie selbst. Die zweite Hauptfigur, der Kaufhausbesitzer Mouret, ist ein bisschen zwielichtig: ein Frauenheld, ein Dandy, für den seine Affären eine Selbstverständlichkeit sind, aber auch ein geborener Geschäftsmann mit vielen positiven Seiten ist.

Unabhängig von den Charakteren bietet das Buch einen schillernden Einblick in den Beginn einer neuen Ära des Geschäftswesens: Mode von der Stange, Preiskampf und Wettbewerb statt kleiner, spezialisierter Einzelhändler. Sehr interessant ist Denises Einstellung dem gegenüber: Dass sie realisiert, dass es sich hierbei um einen unausweichlichen Prozess handelt, der für die Kunden auch positive Aspekte hat, zeigt, dass sie keineswegs ein unwissendes junges Dummchen ist sondern im Gegenteil ein sehr großes Auffassungsvermögen hat. Herrlich beschrieben auch die obere Gesellschaftsschicht, die Scheinheiligkeit der reichen oder auch nicht mehr reichen Damen. Das Buch bietet also nicht nur einen spannenden Einblick in die Entstehung der Kaufhäuser, sondern ist auch ein Gesellschaftsroman.

Und nicht zuletzt: Das Buch ist herrlich romantisch. Ja, ihr habt richtig gelesen, herrlich romantisch! Bei einer Liebesgeschichte wie in diesem Buch werde auch ich durchaus mal schwach 😉 Geholfen hat natürlich, dass ich auch die Serie so schön fand (die DVD ist eben angekommen…).

Auf Wikipedia habe ich erfahren, dass das Buch zu einer ganzen Reihe von Émile Zola gehört, nämlich zum Zyklus der Rougon-Macquart. Nachdem mir dieses Buch  so gut gefallen hat, werde ich sicher noch mehr davon lesen.

Ein Klassiker, den ich wärmstens empfehlen kann.

 

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