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Posts Tagged ‘jack the ripper’

(c) Rowohlt

Übersetzung aus dem Spanischen: Willi Zurbrüggen

London, Ende des 19. Jahrhunderts: Der junge Andrew Harrington will sich das Leben nehmen. Vor Jahren wurde seine Geliebte Marie Kelly Opfer des berüchtigten Jack the Ripper und er meint, nicht mehr damit leben zu können. Sein engster Freund hat jedoch eine Idee für ihn: Ein Unternehmer bietet Zeitreisen in das Jahr 2000 an, er hat selbst schon an einer solchen teilgenommen und wurde im verwüsteten London Zeuge des furiosen Kampfes des Helden Derek Shackleton gegen die herrschenden Maschinenmenschen. Wenn eine Reise ins Jahr 2000 möglich ist, warum dann nicht auch eine zurück in das Jahr, in dem Jack the Ripper sein Unwesen trieb? Es müsste möglich sein, Marie zu retten, schließlich wurde der Mörder gefasst und man müsste ihn nur rechtzeitig abfangen? Der Zeitreisenanbieter Murray verweist Andrew und seinen Freund an den Schriftsteller, der die Zeitmaschine auf Papier erfunden hat: H. G. Wells

Dass wir es hier mit einer alternativen Geschichte zu tun haben, wird bereits klar, als festgestellt wird, Jack the Ripper sei gefasst worden, denn dies ist, wie wir alle wissen, niemals passiert. Doch in welchem „Ausmaß“ Zeitreisen hier thematisiert werden, hatte ich keinesfalls geahnt. Man braucht etwas Geduld mit diesem Roman und darf keine Probleme mit vielen Figuren haben, die in unterschiedlichen Teilen des Buches im Vordergrund stehen. Es gibt folglich keinen klaren Protagonisten in „Die Landkarte der Zeit“ und der Plot ist, anders kann man es nicht sagen, chaotisch. Doch wer sich darauf einlässt und die Handlung einfach mal auf sich zukommen lässt, wird hier hervorragend unterhalten. Wenn man ordentlich gräbt, findet man sicher Logiklücken, Zeitreisen kommen nicht ohne Paradoxon aus. Doch dieser Herausforderung stellt sich Palma und meistert sie, wenn auch nicht unbedingt mit Bravour. Das unvermeidliche Paradoxon kommt zur Sprache und wird lässig und geschickt umgangen. Das hat mir gefallen.

Sprachlich ist anzumerken, dass es die eine oder andere schwülstige Stelle gibt („das Feuer seiner Geliebten“, „Glut einer unverdienten Leidenschaft“ usw.), aber auch ein paar ganz gefällige Metaphern und Vergleiche:

„… und schaute die Schriftsteller an mit einem Lächeln, das an den abblätternden Putz einer Wand erinnerte.“ (Seite 612)

Das kann ich mir richtig schön vorstellen, finde ich äußerst gelungen. Im Übrigen liest sich das Buch gut.

Gefallen hat mir auch, in diesem Roman wieder auf mein Lieblingssthema, die Unzuverlässigkeit der Erinnerung, zu stoßen, wobei das in einem Buch, in dem sich alles um die Zeit dreht, auch naheliegend ist.

Ich kann gut verstehen, dass manch einer sich von der Verworrenheit des Romans überwältigt fühlt, doch wer ihn so annimmt, wird seinen Spaß daran haben. Ich freue mich darauf, die beiden Fortsetzungen zu lesen und bin gespannt, was Palma uns da auftischt. Außerdem habe ich jetzt Lust, mal wieder H. G. Wells zu lesen.

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(c) Running Press Books

Whitechapel, London, 1888. Morde sind in den Londoner Slums nichts Ungewöhnliches. Doch solche Morde? Jemand schneidet Prostituierten die Kehle durch und verstümmelt sie anschließend grausam. Vom Täter gibt es keine Spur. So plötzlich, wie die Morde begannen, hören sie auch wieder auf. Und noch mehr als 100 Jahre später lässt uns ein Name erschaudern. Wer war Jack the Ripper?

Dieses Buch habe ich vor einiger Zeit als Kindle-Deal des Tages erworben. Ich kannte zu diesem Zeitpunkt auch die Mammoth-Bücher noch nicht. Eigentlich hab ich es ja gar nicht mit Kriminalgeschichten. Aber diese Geschichte ist anders, der pure Gedanke an die Morde löst Gänsehaut bei mir aus. Wahrscheinlich, weil der Täter nie gefasst wurde und und es so unbegreiflich ist, was jemanden dazu treibt, Frauen regelrecht auszuweiden und… Ich erspare euch die Details. Dieser Mensch muss so krank gewesen sein, dass er faszinierend auf uns wirkt. Was ist im Leben dieses Menschen vorgefallen, was für eine Kindheit hat er erlebt, wie kann es sein, dass jemandem so etwas Befriedigung verschafft?

Das Buch bietet zunächst einen Überblick über die Ereignisse in Stichwortform. Ich habe irgendwo in einer Rezension gelesen, wie schlecht das geschrieben sei, nur kurze Hauptsätze usw. Äh, hallo? Muss ein stichwortartiger Überblick literarisch wertvoll sein? Es geht nur darum, dass der Leser erst einmal die harten Fakten kennt, bevor er sich mit den einzelnen Theorien befasst. Das Buch ist nämlich nicht das Werk eines einzelnen Autors, sondern verschiedene sogenannte „Ripperologists“ stellen ihre Theorien vor. Die zu lesen hat mir wirklich großen Spaß gemacht, falls man bei diesem Thema von Spaß reden kann, ich will mal eher sagen, sie haben mich größtenteils fasziniert. Manche sind weniger glaubhaft, manche mehr. Recht überzeugend fand ich Carl Feigenbaum, William Henry Bury und Aaron Kosminski als Tatverdächtige. (Die Theorie über Feigenbaum kannte ich schon und fand sie vorher bereits ziemlich überzeugend.) Der erste Artikel über Joseph Barnett hat mich nicht überzeugt, da ich sein Motiv nicht ausreichend fand, doch im zweiten Artikel über ihn lief es mir dann eiskalt den Rücken herunter, und zwar wegen eines Details, auf das hier schwerpunktmäßig eingegangen wird: Noch bevor Joseph Barnett aus Mary Jane Kellys Unterkunft auszog, ging der Schlüssel verloren. Barnett und Kelly wussten, wie sie durchs kaputte Fenster greifen konnten, um so die Tür von innen zu öffnen. Und jetzt kommt es: Mary Jane Kellys Leiche wurde zunächst nur durch das Fenster entdeckt. Die Anwesenden konnten nicht direkt in das Zimmer, denn die Tür war abgeschlossen… Uaahhahahhahah! Da war wieder der Schauer!

Insgesamt bietet das Buch einen umfassenden Überblick über die im Laufe der Jahrzehnte aufgestellten Theorien und gibt dem Leser so die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen. Insofern hat das Buch sämtliche Erwartungen, die ich an es gestellt hatte, erfüllt. Ich fand es gerade gut, dass der Autor bzw. Herausgeber sich nicht auf eine Person festlegt, sondern allen Theorien einen Platz einräumt. Es werden lediglich Aussagen darüber gemacht, wie glaubwürdig die jeweilige Theorie insgesamt ist.

Das Buch ist daher eine absolute Empfehlung für alle, die ebenso wie ich vom Fall „Jack the Ripper“ fasziniert sind. Aber eine Warnung vorweg: Das Buch ist keine geeignete Bettlektüre! Ohne Scheiß, schon abends auf der Couch bin ich bei der Lektüre bei jedem Geräusch zusammengeschreckt…

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