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Posts Tagged ‘judenverfolgung’

(c) Schöffling & co.

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Übersetzung aus dem Englischen: Ulla de Herrera

Frankfurt, 1903. Die wohlhabende jüdische Familie Wertheim feiert die Geburt ihres jüngsten Mitglieds. Die kleine Helene wird in einem privilegierten Milieu im Frankfurter Westend aufwachsen. Noch ahnt niemand, dass bald eine schwierige Zeit für Deutschlands und Europas Juden anbrechen wird. So kümmert sich Eduard, der jüngste Sohn des Patriarchen Moritz und Onkel der kleinen Lene, vornehmlich um die Zukunft des Familienunternehmens.

Ich dachte zunächst, bei der Familie Wertheim handelte es sich um die Besitzer der berühmten Warenhäuser, tatsächlich scheint hier jedoch kein Zusammenhang zu bestehen. Unsere Familie Wertheim gehört zu den oberen Zehntausend Frankfurts und wir begleiten sie von der Geburt Lenes, die lose als Hauptfigur fungiert, bis in die unmittelbare Nachkriegszeit des 2. Weltkrieges. Die Handlung konzentriert sich dabei keineswegs auf diesen, sondern schreitet eher langsam voran. Die Kindheit und Jugend Lenes und ihrer Geschwister verläuft noch mehr oder weniger sorgenlos, der „Familienchef“ Eduard beginnt jedoch schon früh zu ahnen, dass sich etwas zusammenbraut in der Weimarer Republik. Zunächst beschäftigen ihn jedoch eher die privaten Sorgen der Familie, gescheiterte Ehen, ein undisziplinierter Bruder, die wilde Ehe eines anderen Bruders und die Homosexualität eines von Lenes Brüdern. Interessant ist die angenehm gelockerte Moral der Weimarer Zeit, die keines dieser „Probleme“ sehr groß werden lässt. Silvia Tennenbaum schafft interessante Charaktere, etwa Onkel Jakob oder die kommunistische Tante Eva, die Charakterisierung hat jedoch ihre Grenzen, richtig nah kamen mir die Personen einschließlich Lene nicht. Das sorgt mitunter für gewisse Längen im Mittelteil des Buchs, die Leserin kann hier angesichts der nahenden Machtergreifung Hitlers etwas Ungeduld entwickeln. Der eindrücklichste der Charaktere war für mich eine der Nebenfiguren, und zwar Lenes Freund Paul, ein Intellektueller, der früh begriffen hat, wohin Deutschland steuert. Seine Aussagen sind ein gutes Beispiel für die Relevanz historischer Romane, denn der Bezug zur aktuellen Weltlage springt ins Auge:

„Da sind die unsagbar Reichen und die unsagbar Armen und sie werden sich zusammentun, um Europa zu erobern und die Juden zu töten … Haß ist ein stärkeres Band als alles andere.“ (S. 350)

„Der Deutsche weiß nichts mit der Freiheit anzufangen. Sie erschreckt ihn. Freiheit bringt Verantwortung mit sich. Er will sich freiwillig in Knechtschaft begeben und jede Verantwortung meiden. … Jeder, der sich so verzweifelt nach vergangenem Ruhm sehnt, muß eine Rückkehr zu vergangenen Freveln fordern.“ (S. 358)

Gibt es jemanden, der bei diesen Zitaten nicht an den neuen US-Präsidenten denken muss? Es sind diese Sätze, die mich beeindruckt haben und das Buch zu einem guten Buch mit ein paar Mängeln machen.

Dass nicht alle der Familienmitglieder den 2. Weltkrieg überleben werden, ist glasklar, weshalb die Leserin dafür gewappnet ist. Der Tenor der letzten Seiten ist jedoch positiv, angesichts der aktuellen Entwicklungen frage ich mich, ob die im letzten Jahr verstorbene Silvia Tennenbaum nicht gar zu optimistisch war.

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(c) Der Audio Verlag

(c) Der Audio Verlag

Vorbemerkung: Nach den Nachrichten am heutigen Tag habe ich überlegt, heute statt einer Rezension einen Statement-Artikel zur US-Wahl zu veröffentlichen. Und entschlossen, dass das Unsinn wäre, denn ich kann eines der wertvollsten Tondokumente gegen das Vergessen und zur Bewahrung der Erinnerung vorstellen. Welcher Tag würde besser passen als dieser 9. November, an dem wir uns an die Reichspogromnacht 1938 erinnern und an dem ein rassistischer Demagoge zum Staatsoberhaupt der einflussreichsten Nation der Welt gewählt wurde. Bleibt nur, an die künftige US-Regierung zu appellieren, sich bei allem „Wiedergroßmachen“ von Amerika die Menschlichkeit zu bewahren und aus 2016 kein neues 1933 zu machen.

Der ehemalige KZ-Häftlich Hermann Langbein interviewte nur wenige Jahre nach Kriegsende weitere Auschwitz-Überlebende, darunter den Künstler Jehuda Bacon und die Tänzerin Grete Salus. In Zusammenarbeit mit dem Journalisten H. G. Adler, der ebenfalls in Auschwitz war, entstand aus diesen Interviews 1961 das vorliegende Feature, das der Audio Verlag im vergangenen Jahr in Hörbuchform veröffentlichte.

Dabei kommen nicht nur sowohl jüdische als auch politische Häftlinge und Angehörige weiterer Minderheiten wie der Sinti & Roma zu Wort. Auch Rudolf Höß, der Lagerkommandant von Auschwitz war, berichtet unfassbar nüchtern von der systematischen Vernichtung europäischer Juden.

Es ist kaum zu glauben, wie gefasst die meisten Überlebenden von den Gräueltaten der Nazis und den unerträglichen Zuständen im Lager berichten, sind die Schilderungen doch für den Hörer kaum zu ertragen. Trotzdem sollte jeder dieses Tondokument gehört haben, es ist noch einmal etwas anderes, ob man einen Bericht in schriftlicher Form liest oder ob man die Stimme der Betroffenen hört. Es bringt den Leser bzw. Hörer einfach näher an das Opfer heran. Lediglich eine Frau, eine „Zigeunerin“, wie sie ihr Volk auch selbst nennt, bricht bei ihrer Aussage hörbar in Tränen aus. An dieser Stelle brachen dann auch bei mir die Dämme und ich brach ebenfalls in Tränen aus, als sie vom Tod ihrer gesamten Familie berichtete.

Der Name „Mengele“ fällt besonders oft, zu den Interviewten zählen unter anderem Frauen, die von ihm gequält wurden, und Zwillinge, für die sich der gefürchtete Lagerarzt besonders interessierte. Eine jüdische Krankenschwester erzählt von den Seuchen im Lager. Es habe nicht eine denkbare Krankheit gegeben, mit der sie im Lager nicht konfrontiert worden wäre. Und da die Kranken praktisch wie Sardinen auf den Lagern liegen mussten und weder die spärlichen Decken ausgetauscht noch sonst irgendwelche Hygienemaßnahmen angewandt wurden, bekam jeder Kranke die Krankheit seines verstorbenen Vorgängers auf dem Lagerplatz gleich noch dazu.

Auch wird deutlich, dass die Insassen keineswegs in Unkenntnis über ihr Schicksal waren und genau wussten, wozu die Gaskammern und Krematorien da waren.

Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig dieses Tondokument ist. Hört es euch alle an. Ihr findet es auch bei Audible.

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(c) Diogenes Hörbuch

(c) Diogenes Hörbuch

Dauer: 9 h 42 min

Sprecher: Stefan Kaminski

Prag in den Dreißigerjahren: Der junge Mosche Goldenhirsch, Sohn eines Rabbiners, sieht eine Vorstellung des „Zauberzirkus“ mit dem geheimnisvollen Halbmondmann und seiner ebenso geheimnisvollen und schönen Assistentin. Anschließend weiß er, was er will: ein großer Zauberer werden.

Los Angeles in den 2000ern: Der neunjährige Max Cohn ist verzweifelt, als er erfährt, dass seine Eltern sich scheiden lassen wollen. Beim Auszug seines Vaters fällt ihm eine alte Schallplatte mit Aufnahmen des großen Zauberers Zabbatini in die Hände. Begeistert stellt Max fest, dass es auf der Platte auch einen Liebeszauber gibt. Könnte der nicht helfen, seine Eltern wieder zusammenzuführen? Doch Max muss feststellen, dass die Platte an der entscheidenden Stelle einen Kratzer hat. Also beschließt er, den alten Zauberer zu suchen.

Es ist keine großartige, keine brillante Geschichte, die Emanuel Bergmann dem Leser auf zwei verschiedenen Zeitebenen fällt, doch sie ist gewitzt, amüsant, traurig und berührend. Sie bringt den Leser zum Schmunzeln und macht neugierig darauf, ob Max mit dem Liebeszauber am Ende etwa Erfolg hat. Die Geschichte der Erfahrungen eines Juden im zweiten Weltkrieg, die die Zeitebene in der Vergangenheit schildert, ist sicher keine Neuerfindung des Rads, interessant wird sie im Zusammenspiel mit der zweiten Zeitebene. Dies gilt auch für Mosche als Protagonisten, anders als in vielen anderen Romanen mit zwei Zeitebenen ist seine Charakterisierung auch in der Jetztzeit detailliert, so wird der Vergleich des jungen und des verschrobenen alten Mannes interessant. Der zweite Protagonist Max erscheint mitunter zu naiv für sein Alter. Abgesehen davon durchläuft er die typischen Krisen eines Scheidungskindes und sticht ansonsten nicht sonderlich hervor als Charakter.

Das Ende des Buches ist gleichzeitig überraschend und vorhersehbar, denn das absehbare Ende wird durch einen sehr spät neu eingeführten Aspekt ergänzt.

Großartig wird dieses Hörbuch durch seinen Sprecher Stefan Kaminski. Das war für mich die bisher beste Leistung eines Hörbuchsprechers, die ich gehört habe, vielleicht mit Ausnahme von Stephen Fry als Sprecher der Harry Potter-Reihe. Vor allem der alte Zabbatini mit seinem jiddischen Akzent wurde beim Hören vor meinen Augen lebendig. Ich suche Hörbücher in der Regel nicht nach dem Sprecher aus, aber bei Stefan Kaminski werde ich das in Zukunft erwägen.

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(c) dtv

Übersetzung aus dem Französischen: Elisabeth Edl

In einer Zeitungsausgabe aus dem 2. Weltkrieg stößt der Literat Patrick Modiano auf eine Suchanzeige, die von einem jüdischen Ehepaar in Paris geschaltet wurde. Sie suchten ihre fünfzehnjährige Tochter Dora. Dora Bruder. Wer war Dora Bruder und was ist aus ihr geworden? Modiano, den die Besatzungszeit auch im Zusammenhang mit den Erlebnissen seines eigenen, jüdischen Vaters umtreibt, begibt sich auf die Suche.

Als während der Frankfurter Buchmesse 2014 der Literaturnobelpreis an den französischen Schriftsteller Patrick Modiano vergeben wurde, schaute ich mir am dtv-Stand gleich einmal an, was es so von ihm gibt. Meine Wahl fiel letzten Endes auf dieses Buch, das sich für mich besonders interessant anhörte. Entgangen war mir dabei, dass es sich gar nicht um eine Umsetzung des Themas in Romanform handelt, sondern vielmehr um die Schilderung seiner Spurensuche. Das störte mich jedoch auch nicht, es erschwert höchstens ein wenig die Einordnung des Werkes in eine bestimmte Kategorie.

Schon auf den ersten Seiten fiel mir ein Aspekt auf, der mich etwas verwirrte: Modiano wechselt scheinbar beliebig zwischen verschiedenen Zeitformen, verwendet in einem Satz das Präteritum, wechselt dann plötzlich in das Präsens, dann in das Perfekt. Während der weiteren Lektüre konnte ich mir eine Theorie aufstellen, was Modiano damit bezweckt, denn sein großes Thema ist die Erinnerung. Ich interpretiere den Wechsel zwischen den Zeiten so, dass Modiano aufzeigen möchte, dass die Vergangenheit in der Gegenwart fortbesteht. So unternimmt er beispielsweise viele Spaziergänge in dem Viertel, in dem Dora Bruder wohnte, und erzählt dabei nicht nur, was er über sie herausgefunden hat, sondern auch, wie er selbst das Viertel in Erinnerung hat, welche Erfahrungen seine Familie in dem Viertel gemacht hat und wie er das Viertel heute wahrnimmt.

Modiano bestreitet einen Kampf, den Kampf gegen das Vergessen, jedoch in einer so wunderbaren Sprache, dass das Wort „Kampf“ fehl am Platze scheint:

Ich habe den Eindruck, der einzige zu sein, der die Verbindung herstellt zwischen dem damaligen Paris und dem heutigen, der einzige, der sich an all diese Einzelheiten erinnert. Mitunter wird dieses Band schwächer und läuft Gefahr abzureißen, an anderen Abenden erscheint mir hinter der Stadt von heute in flüchtigen Spiegelbildern jene von gestern.“ (Seite 52)

Und gleich auf der nächsten Seite:

Dieses Gefühl des Unheimlichen gleicht dem, das einen überfällt, wenn man im Traum durch ein unbekanntes Stadtviertel streift. Beim Erwachen wird einem allmählich bewußt, daß die Straßen dieses Viertels von jenen abgepaust waren, die einem im Tageslicht vertraut sind.

Gegen das Vergessen ankämpfen, die Erinnerung aufrechterhalten, das erscheint mir heute wichtiger denn je. Insofern reicht mir dieses eine Buch, um zu begreifen, warum Modiano mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. (Trotzdem werde ich natürlich weitere Bücher von ihm lesen.)

In „Dora Bruder“ bietet er ein besonderes, ungewöhnliches Leseerlebnis, das mir sehr gefallen hat.

 

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(c) Recorded Books

Deutscher Titel: Die uns lieben

Dauer: 15 Std. 56 Min.

Sprecherin: Suzanne Toren

Die Mittfünzigerin Trudy ist Geschichtsprofessorin in Minneapolis. Nach dem Tod ihres Stiefvaters muss sie sich um ihre Mutter Anna kümmern, die nicht mehr ganz zurechnungsfähig scheint. Im Farmhaus der Eltern findet sie ein altes Foto aus der Zeit, bevor Anna in die USA auswanderte. Darauf: Trudy als kleines Mädchen, ihre junge Mutter und – ein Nazioffizier. Trudys Erinnerung ist dunkel, doch sie hält diesen Mann für ihren Vater. Ihre Mutter verweigert jedes Wort zu ihrer Vergangenheit. Dass sie das Kind eines Nazis ist, hat Trudy ihr Leben lang gequält und sie kann nicht verstehen, wie ihre Mutter sich mit ihm einlassen konnte. Kann sie doch mehr herausfinden?

So beginnt Jenna Blums Roman, der inzwischen wohl sogar verfilmt wird. Blum bedient sich einer Erzählstruktur, die sich momentan häufig findet: dem Wechsel zwischen (Fast-)Gegenwart und Vergangenheit. Denn nun geht es per Zeitsprung zurück in die späten Dreißigerjahre, nach Weimar, wo Anna Max, den jüdischen tatsächlichen Vater ihrer Tochter kennenlernt.

Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen diesem Roman und manchen ähnlichen Werken über den zweiten Weltkrieg: Dieser ist wirklich vielschichtig und tiefgründig und er hat glaubhafte Hauptpersonen. Trudy beschäftigt ihre Vergangenheit unterbewusst viel mehr, als ihr selbst klar ist, und sie ruft ein Forschungsprojekt ins Leben: Sie interviewt Deutsche in ihrer Region, die den Krieg miterlebt haben und später ausgewandert sind. Mit diesem geschickten Handlungselement schafft Jenna Blum es, die Deutschen sowie ihre Schuld oder Unschuld zu beleuchten und – vor allem, denn das ist zentrale Thema des Buchs – ihr Handeln zu Kriegszeiten zu erklären. Gleich das erste Interview ist eine Katastrophe, denn die Gesprächspartnerin beteuert zwar, keine Wahl gehabt zu haben, dass sie im Grunde jedoch selbst antisemitische Ansichten hat und im Gegensatz zu vielen anderen keine Skrupel hatte, jüdische Mitbürger, wenn auch aus Not, zu verraten, ist offensichtlich. Trudy spielt mit dem Gedanken, das Projekt abzubrechen. Doch weitere Interviews zeigen andere Seiten, wie auch die Geschichte ihrer Mutter Anna, die ein Paradebeispiel für die Interviewreihe wäre, jedoch beharrlich schweigt.

Ein gelungenes Buch, das einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um die Schuld der Deutschen leistet. Es hat ein paar Längen, etwa die kleine eingebaute Liebesgeschichte, die eigentlich überflüssig ist. Andererseits ist es doch schön, dass es auch mal eine nicht mehr junge Protagonistin gibt und auch dieser eine Liebesgeschichte zugestanden wird. Ich bin gespannt auf die Verfilmung!

Zum Hörbuch: Suzanne Toren hatte mich schon als Sprecherin bei „The Romance Reader“ von Pearl Abraham überzeugt. Nicht nur kriegt sie die Aussprache der vielen deutschen Wörter gut hin, sie lebt dieses Buch! Wenn sie die kindliche Trudy spricht, nervt es geradezu und wirkt richtig lebensecht, so sehr versetzt sie sich in das Kind hinein. Eine sehr gute Hörbuchsprecherin!

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(c) Piper

Die junge Amerikanerin Felicity reist ihrer Mutter nach Rom nach, nachdem diese völlig überstürzt nach dem Tod ihrer Mutter dorthin abgereist ist. Offenbar hat sie einen Brief ihrer Mutter gefunden, demgemäß diese die wahre Geschichte ihrer Familie immer verschwiegen hat. In Rom finden sie gemeinsam mit einem jungen Pater mehr heraus. Alles fing in München an, in den 20er Jahren.

Soweit die Rahmenhandlung dieses Romans, der von der Inhaltsbeschreibung genau in mein Beuteschema passt. Hanni Münzer geleitet den Leser nun nach Deutschland, wo Hitlers Putschversuch gerade gescheitert ist. Die Sopranistin Elisabeth ist glücklich mit dem jüdischen Arzt verheiratet. Beide ahnen nicht, dass auf Hitlers Verhaftung schon bald sein Aufstieg folgen wird.

Die erste Hälfte des Romans hat mir ganz gut gefallen. Ich mochte die Figuren, war betroffen von ihrem Schicksal und man lernt auch etwas über die geschichtlichen Hintergründe. Das ganze historische Setting in München fand ich spannend. Schön ist auch die historische Karte von München.

Der Bruch kam für mich in dem Moment, als Elisabeths Tochter Deborah zur Hauptperson wurde. Das zarte, sensible und traumatisierte Mädchen verwandelt sich für mich nicht nachvollziehbar von einer Minute auf die andere in ein nymphomanisch-masochistisches Teenagermonster. Man könnte argumentieren, dass das von dem Trauma herrührt, das sie erlitten hat, aber der Bruch ist zu krass.

Es ist nicht nur dieser Charakterwandel, der nicht passte, ich hatte plötzlich den Eindruck, ein ganz anderes Buch zu lesen. Der Schicksalsroman wird zu einem Spionageroman und das Niveau lässt deutlich nach. Ich ertappte mich immer häufiger dabei, wie ich die Augen rollte angesichts des Geschehens – und auch angesichts so manchen haarsträubenden Satzes (Beispiel: „Sein verbliebenes Auge bohrte sich in ihres, teilte Netzhaut und Augenmuskel, drang direkt in ihr Gehirn ein und forschte dort nach unlauteren Gedanken“, Seite 370). Vor allem am Beginn der Episode mit Deborah und Jakob musste ich wirklich lachen, das hätte ich eher in einem Groschenroman erwartet, so leid es mir tut, das sagen zu müssen. Die gesamte Hälfte des Buchs, die Deborah als Hauptperson einnimmt, ist gespickt mit Klischees und für mich gar nicht spannend, sondern – im Gegenteil – langweilig. So manches Detail kam mir auch von anderen Quellen her bekannt vor.

Ich habe das Buch zu Ende gelesen, weil ich ohnehin schon so weit war, aber auch das Ende passt in dieses Bild.

Nun sind ja Bücher immer auch Geschmackssache und ich weiß, dass der Roman viele begeisterte LeserInnen gefunden hat. Für mich hat er leider nicht funktioniert.

 

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(c) rororo

Jack (eigentlich Jakob) Rosenblum, seine Frau Sarah und ihre kleine Tochter Elizabeth flüchten Ende der dreißiger Jahre aus Deutschland nach England. Jacks höchstes Ziel ist: voll und ganz Engländer werden. Dazu nutzt er eine Liste typisch englischer Eigenschaften in einem Ratgeber, die er selbst um zahlreiche Punkte ergänzt. Ein Punkt auf der Liste: Mitglied in einem Golfclub werden. Doch er muss feststellen, dass das auch in England für einen Juden, zudem noch einem deutscher Herkunft, gar nicht einfach ist. Also muss ein eigener Golfplatz her. In einem Dorf in Dorset.

Natasha Solomons ist es gelungen, in diesem schönen Roman ein Stück Zeitgeschichte und ein jüdisches Schicksal auf humorvolle Art mit der liebenswürdigen Geschichte einer Ehe zu verbinden. Jack merkt gar nicht, wie er mit seinem krampfhaften Anpassungswillen seiner Frau, die verzweifelt versucht, die Erinnerung an ihre von den Nazis ermordete Familie aufrechtzuerhalten, immer mehr ihrer Identität beraubt. Bis es zu einem dramatischen Ereignis kommt. Jack und Sarah treffen auf Vorurteile und Ablehnung, lassen sich jedoch nicht beirren und werden schließlich auch von den kauzigen Dorfbewohnern ins Herz geschlossen. Und auch eine Aussöhnung mit der Vergangenheit – und ebenso der Zukunft in dem neuen Land – ist möglich.

Ich habe mir bei der Lektüre öfters gewünscht, ich hätte mir auch dieses Buch im Original besorgt, ich fürchte, dass da doch einiges an Humor abhanden gekommen ist, da auch die Sprachbarriere eine gewisse Rolle spielt. Ich muss gestehen, dass ich das Buch stellenweise doch etwas behäbig fand, aber die Geschichte ist wirklich schön und in Zeiten der Flüchtlingsdebatte hochaktuell, denn ein zentrales Motiv ist die Vereinbarung von Integration mit der Vermeidung des gleichzeitigen Verlusts der eigenen Geschichte und Identität.

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