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Posts Tagged ‘mutterschaft’

(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Damals in Nagasaki

Großbritannien in den Achtzigern. Seitdem die Japanerin Etsuko Japan mit ihrem inzwischen verstorbenen britischen Ehemann verlassen hat, lebt sie in England. Sie bekommt Besuch von ihrer gemeinsamen jüngeren Tochter Niki. Die ältere Tochter Keiko, die aus einer früheren Beziehung mit einem Japaner stammt, hat sich kürzlich das Leben genommen. Vor dem Eindruck ihres Todes und des Besuchs ihrer Schwester beginnt Etsuko, sich an ihre Zeit in Japan zu erinnern.

Damals kam das von der Atombombe erschütterte Nachkriegs-Nagasaki wieder auf die Beine, Etsuko war schwanger, ihr japanischer Mann versuchte, seine Karriere voranzutreiben und ihr Schwiegervater war zu einem längeren Besuch da, als in ein Häuschen gegenüber die rätselhafte Sachiko mit ihrer Tochter Mariko einzieht. Sachiko ist keine Mutter aus dem Bilderbuch, sie lässt Mariko häufig unbeaufsichtigt, um in der Stadt mit ihrem Freund, einem amerikanischen Soldaten, um die Häuser zu ziehen. Etsuko freundet sich mit Sachiko an und achtet auch ein wenig auf Mariko.

Von den drei Büchern, die ich bisher von Kazuo Ishiguro gelesen habe, beeindruckte mich dieses – sein Debütroman – am meisten. Das liegt einmal daran, dass es um ein bevorzugtes Thema von mir geht, die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, andererseits an der meisterhaften Komposition des Romans. Für mich schreibt so ein echter Könner. Es ist sehr schwierig, dieses Buch ohne Spoiler zu besprechen, deshalb folgt unten ein Spoiler-Abschnitt. Der Plot-Twist verbirgt sich tatsächlich hinter einem einzigen Wort, weshalb ich empfehle, das Buch vor allem in der zweiten Hälfte sehr aufmerksam zu lesen. Deshalb muss aber niemand das Buch scheuen, denn es ist, wie es sich für Ishiguro gehört, sehr gut lesbar und angenehm geschrieben. Lasst euch diesen kleinen Geniestreich von Ishiguro nicht entgehen! So bin ich kurz vor Jahresende noch auf ein weiteres Highlight in meinem Lesejahr gestoßen :-)

 

SPOILER!!!

 

 

Es geht also um die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen. Diese machen Etsuko zu einer unzuverlässigen Erzählerin, die ihre eigenen Erinnerungen daran, wie schlecht sie sich selbst als Mutter ihrer älteren Tochter verhalten hat, verdrängt und auf andere Personen überträgt. Denn Mariko ist niemand anderes als Keiko und Sachiko ist eine Figur, auf die Etsuko sich selbst und ihr Verhalten projiziert. Dies erschließt sich in der letzten in der Vergangenheit in Nagasaki spielenden Szene, als Etsuko Mariko nachläuft und sie besänftigen will:

„In any case,“ I went on, „if you don’t like it over there, we’ll come straight back. But we have to try it and see if we like it there. I’m sure we will.“ (Seite 173)

Die plötzliche Verwendung des Pronomens „we“ statt „you“ ist ein entscheidender Hinweis. Ein so feinsinniger und raffinierter Plottwist ist mir noch nicht untergekommen und hat in mir große Begeisterung für das Buch ausgelöst. Ich muss darauf hinweisen, dass es noch eine andere Interpretation gibt, nämlich dass Etsuko eine Kindsmörderin ist, die Mädchen erhängt, was Marikos Entsetzen über das in Etsukos Sandale verfangene Seil erklären würde. Meine erste und bevorzugte Theorie ist die gängigere und ich habe mich entschieden, dabei zu bleiben, es spricht mehr dafür. Aber vielleicht bietet uns Ishiguro, der sich wohl nicht über die richtige Interpretation geäußert hat, seinen Lesern auch beide Interpretationen ermöglichen? In jedem Fall handelt es sich um einen meisterhaft gestalteten Roman.

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(c) Canongate Books

Über eine geplante deutsche Ausgabe konnte ich noch nichts in Erfahrung bringen. Dauert wahrscheinlich noch ein bisschen.

Länge: 8 h 4 min

Sprecherin: Adjoa Andoh

Nigeria in den 80ern. Yejide ist glücklich mit Akin verheiratet, doch die Ehe ist bisher kinderlos geblieben. Vor allem Akins Familie will sich damit nicht abfinden und schlägt ihm vor, sich eine Zweitfrau zu nehmen. Er stimmt dem schließlich zu, obwohl er vor der Heirat mit Yejide vereinbart hatte, dass Polygamie für sie nicht in Frage kommt. Yejide leidet unter diesem Entschluss und ihrer Kinderlosigkeit und setzt alles daran, doch noch ein Kind zu bekommen.

Für einen realistischen Gegenwartsroman ist der Debütroman der jungen nigerianischen Autorin Ayobami Adebayo eine echte Wundertüte. Das Buch schlägt Haken in seinem Verlauf, mehrmals und unerwartet. Das Muttersein ist sicherlich ein wichtiges Thema des Romans, doch bei Weitem nicht das einzige. Erzählt wird das Buch abwechselnd aus der Sicht von Yejide und der ihres Ehemannes. Dabei muss man ein wenig aufpassen, wer gerade dran ist, das ist aber nicht wirklich ein Problem. In dem Roman steckt viel Symbolismus, der am deutlichsten in der Bedeutung der Namen wird. „Yejide“ heißt beispielsweise in etwa „Spiegelbild der Mutter“, was schon insofern wichtig ist, dass Yejides Mutter bei ihrer Geburt starb, sie von den Zweitfrauen ihres Vaters nie richtig anerkannt wurde und dass es für sie umso wichtiger ist, selbst Mutter zu werden. Auch der Titel des Buches hat mehr zu bedeuten, als man zunächst annimmt, und stellt ein cleveres Detail dar.

Eine wichtige Rolle spielen auch die traditionellen Geschichten bzw. Märchen, denen Yejide als Kind lauschte, während sie ihren Geschwistern erzählt wurden. Wir erhalten interessante Einblicke in die nigerianische Kultur, beim Hörbuch ergänzt dadurch, dass die Sprecherin die Figuren in unterschiedlichem Maße mit nigerianischem Akzent sprechen lässt. Als Zugabe erfährt der Leser schließlich auch noch einiges über den nigerianischen Staat in den 80ern, da findet der eine oder andere Putsch statt und mafiöse Banden erpressen Schutzgeld in der Nachbarschaft.

Rund wird das Ganze durch glaubwürdige, interessante Charaktere, vor allem zu Yejide konnte ich eine echte Verbindung aufbauen. Nicht umsonst stand das Buch auf der Shortlist des Baileys Women’s Prize for Fiction. Ein unterhaltsames, anspruchsvolles, doch gut lesbares und überraschendes Buch.

Die Sprecherin Adjoa Andoh macht ihre Sache gut, trägt mit unterschiedlicher Stimmfärbung zur Unterscheidung der Charaktere bei und weiß, wie bereits erwähnt, die verschiedenen Nuancen der nigerianischen Aussprache anzuwenden, was mich noch besser in die nigerianische Kultur eintauchen ließ.

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