Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘new york’

(c) Penguin

(c) Penguin

Deutscher Titel: Im Rausch der Freiheit (?, doof, oder?)

Im frühen siebzehnten Jahrhundert gründen niederländische Siedler an der Südspitze der amerikanischen Insel Manna-Hatta eine Siedlung, die sie „Neu-Amsterdam“ nennen. Etwa 50 Jahre später haben sich Kaufleute dort niedergelassen und einen bescheidenen Wohlstand erwirtschaftet. An diesem Punkt setzt Rutherfurds Geschichte mit der ersten einiger fiktiven Familien ein, anhand derer er die Geschichte der späteren Metropole New York von den Anfängen bis zu den schrecklichen Ereignissen des 11. September 2001 erzählt.

Zugegeben, Edward Rutherfurds Bücher sind keine großartige Literatur. Für Geschichtsfreaks wie mich oder Fans der jeweiligen Städte oder Regionen ist sein Konzept jedoch genial – die Geschichte des Ortes wird verpackt in die Erlebnisse mehrerer Familien über zahlreiche Generationen hinweg erzählt. In kaum einen Roman erhält man so geballte Informationen und wird dabei noch bestens unterhalten. So bin ich Edward Rutherfurd seit meiner Jugend treu und lese alle seine Bücher.

„New York“ gehört zu den Werken, die mir besonders gut gefallen haben. Auch wenn ich kein USA-Fan bin, fasziniert mich doch die Geschichte des Landes. Ich war noch nie in New York, aber die Metropole ist aus TV-Bildern, Büchern und anderen Medien doch so vertraut, dass ihre Entstehungsgeschichte richtig spannend für mich war.

Ein Aspekt, der mir sehr gut gefallen hat, war, dass Rutherfurd viele Ereignisse schildert, die weniger bekannt sind und speziell New York betreffen. So wird zwar der Unabhängigkeitskrieg sehr ausführlich behandelt, weil New York hierfür auch ein wichtiger Schauplatz war, aber den Bürgerkrieg erlebt der Leser in dem Buch eher indirekt: Es werden keine der bekannten Schlachten thematisiert, sondern die Draft Riots von 1863, ein Aufstand gegen die Wehrpflicht, bei dem insbesondere Schwarzen nachgestellt wurde, die man für den Krieg verantwortlich machte. Ein weiteres Beispiel ist das verheerende Feuer in der Triangle Shirtwaist Factory, bei dem 146 Arbeiterinnen und Arbeiter ums Leben kam, unter anderem, weil Türen verschlossen waren, um Arbeiter am Müßiggang zu hindern. So bringt Rutherfurd auch viele soziale Themen ein, der Brand war unter anderem der Anlass für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den USA. Weitere Themen sind die High Society von New York, der einem Adelsstand gleichkam, sowie Antisemitismus.

Was mich ein wenig gestört hat, war, dass die Geschichte einiger Familien im Verlauf des Buchs abreißt und nicht mehr weiterverfolgt wird. Insbesondere der schwarzen Familie und den indianischen Nachfahren der ersten Hauptperson hätte mehr Raum gegeben werden können. Auch fand ich es schade, dass nicht wie in den anderen Büchern Rutherfurds ein Stammbaum der Familien angegeben war – zumindest nicht in meinem Arrow Books-Paperback.

Nichtsdestotrotz habe ich die Lektüre von „New York“ fast so genossen wie die von „London“ (aber nur fast!) Ich habe ständig in die Karten geschaut und bei Wikipedia vieles nachgelesen, Bücher, die mich auf diese Art und Weise fesseln, machen mir besonders viel Spaß. Und die letzten 120 Seiten musste ich in einem Rutsch lesen.

Nicht zuletzt hat Rutherfurd noch etwas geschafft: Zum ersten Mal sage auch ich: Ja, ich will New York irgendwann mal sehen.

Advertisements

Read Full Post »

(c) Penguin

(c) Penguin

Irland in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Wie viele andere junge Frauen lebt Eilis in relativer Armut, hat kaum Aussichten auf eine Anstellung. Doch da der Vater verstorben ist und sie und ihre Mutter vom Gehalt der älteren Schwester leben, sieht Eilis sich in der Pflicht, als sie die Möglichkeit hat, nach New York, genauer gesagt nach Brooklyn, auszuwandern und dort in einem Kaufhaus zu arbeiten. Eilis nimmt die Bürde auf sich, opfert sich. Doch kann sie in New York glücklich werden, als Verkäuferin und weit weg von ihrer Familie?

Colm Tóibíns Roman, der im Jahr 2009 den renommierten Costa Novel Award gewann, ist im Grunde genommen sehr viel länger als 252 Seiten. Denn ich habe selten ein Buch gelesen, in dem so viel unausgesprochen bleibt, wie dieses. Eilis erfüllt ihre Pflicht, ohne sich zu beschweren, dieses Schema zieht sich durch das gesamte Buch. Dass sie damit ihre Freiheit und ihr Glück aufgibt, es steht zwischen den Zeilen, wird deutlich in Bildern. Tóibín erweist seinen Lesern damit viel Vertrauen, dass sie sein Buch richtig lesen werden. So bleibt manche Szene seltsam unbefriedigend, doch im Nachhinein wird klar – das war beabsichtigt. Denn diese Szenen machen die Unzulänglichkeit von Eilis‘ Situation und ihrer Beziehungen deutlich.

Sprachlich liest sich der Roman sehr schön, am besten gefallen haben mir die Schilderungen der Eindrücke, die in Brooklyn auf Eilis einprasseln:

„For each day, she thought, she needed a whole other day to contemplate what had happened and store it away, get it out of her system so that it did not keep her awake at night or fill her dreams with flashes of what had actually happened and other flashes that had nothing to do with anything familiar, but were full of rushes of colour or crowds of people, everything frenzied and fast.“ (Seite 58)

Auch der Multi-Kulti-Faktor Brooklyns wird wunderbar beschrieben, jeder wird dort, unabhängig von der Herkunft, (angeblich) gleich behandelt. Doch dies endet spätestens bei Schwarzamerikanern, der grassierende Rassismus im Amerika der Rassentrennung wird in nur wenigen leisen, jedoch eindrücklichen Bildern geschildert.

Ein Plot-Twist sorgt dafür, dass Eilis für einen Besuch nach Irland zurückkehren muss – und wieder steht sie vor einer schwierigen Entscheidung, die auf den Leser herzzereißend wirken kann.

Colm Tóibín hat ein schönes, einfühlsames Buch geschrieben, das den Leser die Bitternis der Pflichterfüllung schmecken lässt.

Read Full Post »

(c) Penguin

Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Einwanderer aus aller Herren Länder, die afroamerikanischen Nachfahren ehemaliger Sklaven und eine wohlhabende Oberschicht, die die ersteren beiden Gruppen nur mit scheinheiliger Faszination wahrnimmt – New York ist ein Schmelztiegel. Stellvertretend für die verschiedenen Bevölkerungsschichten lernen wir drei Familien kennen: eine wohlhabende weiße Familie, in New Rochelle ansässig, eine dreiköpfige jüdische Einwandererfamilie aus Osteuropa sowie Sarah, eine junge Schwarze, mit ihrem Neugeborenen und dessen Vater Coalhouse Walker, ein Ragtime-Pianist. Mehr oder weniger zufällig stellt das Schicksal eine Verbindung zwischen diesen Familien her.

Der Roman des im letzten Jahr verstorbenen Autors E. L. Doctorow wird häufig zu den 100 besten englischsprachigen gezählt. Als historischer Roman mit dem Setting New York im frühen 20. Jahrhundert passt das Buch perfekt in mein Beuteschema und ich war sehr gespannt auf die Lektüre.

Das Buch rechnet mit der Einstellung der höheren New Yorker Gesellschaft gegenüber schlechter Gestellten ab, so wird äußerst zynisch darauf verwiesen, dass Kinder ja von den Arbeitgebern keineswegs diskriminiert würden, nein, sie seien besonders beliebt als Arbeitskräfte. Gleichzeitig übte Armut eine Faszination auf die reiche Bevölkerungsschicht aus:

“ At Palaces in New York and Chicago people gave poverty balls. Guests came dressed in rags and ate from tin platzes and drank from chipped mugs. Ballrooms were decorated to look like mines with beams, iron tracks and miner’s lamps …“ (Seite 34)

Das ist einfach ekelhaft und löst beim Leser eine starke emotionale Reaktion aus.

Was mir außerdem gut gefiel war, dass Doctorow historische Figuren in seine Handlung einbindet, etwa die Schauspielerin Evelyn Nesbitt oder den Zauberkünstler Harry Houdini. Allerdings scheinen die Szenen, in denen diese historischen Persönlichkeiten auftreten, sehr episodenhaft und losgelöst vom Rest der Handlung, Wir erfahren etwas über sie und wie sie den Zeitgeist repräsentieren, doch dann verschwinden sie ohne Weiteres wieder von der Bildfläche. Doctorows fiktive Charaktere bleiben seltsam schemenhaft, das zeigt sich alleine schon daran, dass die meisten von ihnen nicht namentlich genannt werden, es gibt nur „Father“, „Mother“, „Mother’s younger brother“ usw. Die Absicht dahinter ist wohl die Zeichnung dieser Charaktere als Stereotypen der damaligen Gesellschaft. Gleichzeitig bewirkt dies allerdings beim Leser, dass keine wirkliche Verbindung zu den Charakteren hergestellt wird – ihr Schicksal bleibt gleichgültig. Einzig Coalhouse Walker sticht als Persönlichkeit heraus, anhand seiner Erlebnisse erfährt der Leser die fürchterliche Scheinheiligkeit der amerikanischen Gesellschaft gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die doch eigentlich dieselben Rechte genießen sollte als die weiße. In der Praxis ist das nicht der Fall: Gerechtigkeit? Nicht für Schwarze. Interessant ist, dass Doctorow die Figur des Coalhouse und seines zum Scheitern verurteilten Kampfes für Gerechtigkeit an die Figur des Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist anlehnt, was sich schon an dem ähnlich klingenden Namen zeigt.

Die ergreifende Geschichte von Coalhouse Walkers ist jedoch nur ein Teil des Buches und kann für mich trotz der bissigen Sozialkritik und des hohen Sprachniveaus nicht die fehlende emotionale Bindung zu den restlichen Charakteren und der übrigen Handlung des Buches wettmachen, weshalb ich dem Buch letztendlich 3,5 von 5 Sternen gebe.

Read Full Post »

(c) Insel

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Eike Schönfeld

New York, 1913. Nach einem Pogrom in ihrer russischen Heimatstadt ist die jüdische Familie der kleinen Malka ausgewandert. Ursprünglich sollte es nach Südafrika zu einem Onkel gehen, doch der Vater hat heimlich stattdessen Karten für die Schiffspassage in die USA gekauft. Im neuen, verheißungsvollen Land steht die Familie jedoch ganz am Ende der Gesellschaft – sie muss im Wohnzimmer eines Schneiders zur Untermiete wohnen und die Kinder müssen sich ihren Lebensunterhalt mehr oder weniger selbst verdienen – wie, überlassen die Eltern den Kindern. Zu allem Überdruss entpuppt sich der Familienvater als unverantwortlicher Gauner. Und dann hat Malka auch noch einen verheerenden Unfall…

Wie schon aufgrund dieser Inhaltsbeschreibung ersichtlich: In diesem Buch kommt keinerlei Auswandererromantik auf. Die Familie erfährt auf den Straßen New Yorks das ganze Elend der Unterschicht. Doch Malka zeigt schon als kleines Kind Unternehmergeist und weiß sich durchzuschlagen. Sie leidet, aber beißt sich durch. So ist Susan Jane Gilman einerseits ein klassischer Aufsteigerroman gemäß dem berühmten Bild „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Dabei kommt in ihrem Fall zur Armut noch die nach dem Unfall zurückgebliebene Behinderung hinzu sowie die Tatsache, dass Malka alles andere als eine Schönheit ist. Eine ungewöhnliche Heldin, auf die sich der Leser erst einmal einlassen muss. Denn Malka aka Lillian erzählt uns ihre Geschichte in Rückblicken, zwischen denen sich die längst steinreiche und im ganzen Land bekannte Protagonistin aus den 80er Jahren zu Wort meldet. In diesen Passagen zeigt sich von Anfang an ihre Verschrobenheit und ihre Rücksichtslosigkeit. So handelt der Roman andererseits auch davon, wie der Erfolg einen Menschen korrumpiert. Kein Märchen also, sondern die realistische Geschichte eines Aufstiegs und Falles. Nimmt der Leser die Protagonistin erst einmal so, wie sie ist, macht die Lektüre Spaß, er leidet mit Malka, freut sich über ihr Durchsetzungsvermögen, darf aber auch gerne mal schockiert sein.

Die Übersetzung ist mir nicht großartig aufgefallen, bis auf einen Fehler, bei dem ich dann doch husten musste. Sorry, aber auch wenn es im Englischen „nail polish“ heißt, poliert man sich im Deutschen nicht die Nägel, sondern man lackiert sie…

Eine schöne Zugabe ist das passende Lesezeichen zum Buch, auf dem außerdem auch noch ein kleines Vokabular von in der Lower East Side gängigen jiddischen Begriffen aufgedruckt ist.

Eine wirklich interessante und unterhaltsame Geschichte!

Read Full Post »

(c) Riverhead Books

 

Deutscher Titel: Die Romanleserin

Sprecherin: Suzanne Toren

Dauer: 9 h 12 min, ungekürzt

Rachel Benjamin wäre gerne ein ganz normaler Teenager. Doch als älteste Tochter eines chassidischen New Yorker Rabbis bleibt ihr vieles verwehrt. Unter anderem muss sie englischsprachige Literatur heimlich lesen, welch ein Skandal wäre es, wenn die Tochter eines Rabbis englische Bücher lesen würde!

Der Buchtitel ist ein wenig irreführend, Bücher und die Welt in Büchern, die Rachel verwehrt bleiben, spielen zwar eine wichtig Rolle, sind jedoch nur ein Aspekt, der Rachels Leben anders macht als das eines „normalen“ amerikanischen Teenagers. Ihre Kleider müssen die Ellenbogen bedecken, sie muss dicke, undurchsichtige Strumpfhosen unter den Kleidern tragen, sie darf – um Himmels willen – beim Schwimmen keinen Badeanzug tragen. Und wenn sie mit 16 die Schule abschließt, wird von ihr erwartet, dass sie sich möglichst bald verheiraten lässt.

Die erste Hälfte des Buchs hat mir wirklich sehr gut gefallen. Der Einblick in die chassidische Kultur ist sehr interessant, die Charaktere, unter anderem die aufbrausende Mutter und der stoische Vater bringen den Leser häufig zum Schmunzeln. Rachel ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Familie und ihrem Wunsch, den Restriktionen ihrer Herkunft und ihrer Kultur zu entkommen. Sie malt sich alles Mögliche aus, das passieren könnte, doch letztlich findet sie nicht den Mut, wirklich offen zu rebellieren, sie tut es nur heimlich. Was natürlich nicht immer gut geht. Als es Zeit für die Ehe wird, sieht Rachel nur einen Weg, der ihr ein normales Leben ermöglichen könnte…

Und dieser letzte Teil des Romans hat dazu geführt, dass ich das Buch doch nicht so gut bewerten kann. Denn hier habe ich den Kontakt zu Rachel verloren: Ich konnte ihr Handeln nachvollziehen, aber es gefiel mir nicht, sie wurde mir unsympathisch und das Ende des Buchs habe ich dann als unbefriedigend empfunden. Dennoch ein lesenswertes Buch, vor allem, wenn man sich für das Leben orthodoxer Juden in Amerika interessiert.

Die Sprecherin Suzanne Toren liest genau im richtigen Tempo, mit viel Ausdruck und ironischem Unterton.

 

Read Full Post »