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(c) Virago

Der Titel der deutschen Ausgabe ist identisch.

Kanada, 1859. Die Magd Grace Marks ist seit ihrer Verurteilung 1843 wegen des Mordes an ihrem Arbeitgeber und dessen Haushälterin inhaftiert. Ihr Mittäter wurde ebenfalls verurteilt, jedoch hingerichtet. Graces Strafe wurde aufgrund ihrer extremen Jugend – sie war zum Tatzeitpunkt erst 16 Jahre alt – in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt. Der junge Nervenarzt Simon Jordan möchte Grace studieren – und ihr die Wahrheit über die Morde entlocken. Inwiefern hat sie an ihnen mitgewirkt? War sie überhaupt zurechnungsfähig? Kann er sie dazu bringen, ihre Teilamnesie zu überwinden und sich an alles zu erinnern?

Margaret Atwood legt in ihrem psychologisch ungemein interessanten Roman ihre eigene Interpretation des wahren Falles der Dienstmagd Grace Marks vor. Der Leser lernt Grace gleich aus mehreren Perspektiven kennen, einmal aus ihrer eigenen als Ich-Erzählerin, wenn sie Dr. Jordan aus ihrer Vergangenheit erzählt, abwechselnd mit Simon Jordans Perspektive, erzählt in der dritten Person. Zudem sind den einzelnen Kapiteln Ausschnitte aus verschiedenen Zeitdokumenten und Gedichten vorangestellt, darunter Graces Geständnis und Passagen aus Susanna Moodies Buch „Life in the Clearings“. Recht schnell stellt sich Grace als hochintelligent und gebildet heraus (kann sie sich das im Gefängnis durch Lektüre angeeignet haben?), sodass sich auch schnell die Frage stellt, ob sie Dr. Jordan immer die Wahrheit sagt, sie scheint vielmehr ein Spiel mit ihm zu spielen und ihm zu sagen, was er hören möchte. Auffallend ist ihr Sarkasmus in den von ihr erzählten Passagen. Die Beziehung zwischen Grace und Dr. Jordan nimmt im Verlauf des Buches auch eine erotische Komponente an, Jordan fühlt sich eindeutig zu der noch immer sehr attraktiven Frau hingezogen. Spätestens zu dem Zeitpunkt, zu dem es zu einer Hypnose durch den zwielichtigen DuPont  im Beisein mehrerer Personen, darunter natürlich auch Dr. Jordan, kommt, wird klar, welcher Natur Graces Psychose ist, doch ist sie echt oder geschickt vorgetäuscht?

Ein wichtiges Bild des Romans ist der Kontrast Schwarz vs. Weiß, was sich beispielsweise in den häufig erwähnten klassischen amerikanischen Quilt-Mustern äußert. An einer Stelle heißt es sinngemäß etwa, man könne an einem Quilt zwei Seiten betrachten, die dunkle und die helle. Wie wichtig dieses Bild ist, zeigt sich auch an den Kapitelnamen, die sämtlichst Namen solcher Quilt-Muster sind und durch eine stilisierte Abbildung des jeweiligen Musters ergänzt werden. Sie fungieren als Hinweis auf Graces vermeintliche Schizophrenie.

Mir hat die Lektüre dieses Romans großes Vergnügen bereitet, auch die längeren Passagen, in denen das Leben einer Magd oder die Auswanderung von Irland nach Kanada beschrieben wird, habe ich mit Genuss gelesen. Es ist wahr, dass die Männer in dem Buch nicht sehr gut wegkommen, ich habe dies jedoch nicht als sehr dramatisch empfunden und sehe den feministischen Aspekt als eher untergeordnet.

Ich freue mich darauf, weitere Bücher von Margaret Atwood zu lesen!

 

 

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(c) Recorded Books

Deutscher Titel: Die uns lieben

Dauer: 15 Std. 56 Min.

Sprecherin: Suzanne Toren

Die Mittfünzigerin Trudy ist Geschichtsprofessorin in Minneapolis. Nach dem Tod ihres Stiefvaters muss sie sich um ihre Mutter Anna kümmern, die nicht mehr ganz zurechnungsfähig scheint. Im Farmhaus der Eltern findet sie ein altes Foto aus der Zeit, bevor Anna in die USA auswanderte. Darauf: Trudy als kleines Mädchen, ihre junge Mutter und – ein Nazioffizier. Trudys Erinnerung ist dunkel, doch sie hält diesen Mann für ihren Vater. Ihre Mutter verweigert jedes Wort zu ihrer Vergangenheit. Dass sie das Kind eines Nazis ist, hat Trudy ihr Leben lang gequält und sie kann nicht verstehen, wie ihre Mutter sich mit ihm einlassen konnte. Kann sie doch mehr herausfinden?

So beginnt Jenna Blums Roman, der inzwischen wohl sogar verfilmt wird. Blum bedient sich einer Erzählstruktur, die sich momentan häufig findet: dem Wechsel zwischen (Fast-)Gegenwart und Vergangenheit. Denn nun geht es per Zeitsprung zurück in die späten Dreißigerjahre, nach Weimar, wo Anna Max, den jüdischen tatsächlichen Vater ihrer Tochter kennenlernt.

Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen diesem Roman und manchen ähnlichen Werken über den zweiten Weltkrieg: Dieser ist wirklich vielschichtig und tiefgründig und er hat glaubhafte Hauptpersonen. Trudy beschäftigt ihre Vergangenheit unterbewusst viel mehr, als ihr selbst klar ist, und sie ruft ein Forschungsprojekt ins Leben: Sie interviewt Deutsche in ihrer Region, die den Krieg miterlebt haben und später ausgewandert sind. Mit diesem geschickten Handlungselement schafft Jenna Blum es, die Deutschen sowie ihre Schuld oder Unschuld zu beleuchten und – vor allem, denn das ist zentrale Thema des Buchs – ihr Handeln zu Kriegszeiten zu erklären. Gleich das erste Interview ist eine Katastrophe, denn die Gesprächspartnerin beteuert zwar, keine Wahl gehabt zu haben, dass sie im Grunde jedoch selbst antisemitische Ansichten hat und im Gegensatz zu vielen anderen keine Skrupel hatte, jüdische Mitbürger, wenn auch aus Not, zu verraten, ist offensichtlich. Trudy spielt mit dem Gedanken, das Projekt abzubrechen. Doch weitere Interviews zeigen andere Seiten, wie auch die Geschichte ihrer Mutter Anna, die ein Paradebeispiel für die Interviewreihe wäre, jedoch beharrlich schweigt.

Ein gelungenes Buch, das einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um die Schuld der Deutschen leistet. Es hat ein paar Längen, etwa die kleine eingebaute Liebesgeschichte, die eigentlich überflüssig ist. Andererseits ist es doch schön, dass es auch mal eine nicht mehr junge Protagonistin gibt und auch dieser eine Liebesgeschichte zugestanden wird. Ich bin gespannt auf die Verfilmung!

Zum Hörbuch: Suzanne Toren hatte mich schon als Sprecherin bei „The Romance Reader“ von Pearl Abraham überzeugt. Nicht nur kriegt sie die Aussprache der vielen deutschen Wörter gut hin, sie lebt dieses Buch! Wenn sie die kindliche Trudy spricht, nervt es geradezu und wirkt richtig lebensecht, so sehr versetzt sie sich in das Kind hinein. Eine sehr gute Hörbuchsprecherin!

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Der Roman erzählt die Geschichte von Siggi Jepsen, dessen Vater während des 2. Weltkriegs das Malverbot der Nazis für den Maler Max Ludwig Nansen (für den Emil Nolde als Vorbild diente) durchsetzen muss. Das große Thema des Buches ist die Frage, inwiefern Pflichterfüllung zu Schuld führt. Wo hört die auferlegte Pflicht auf und beginnt die Pflicht, gegen die Pflicht zu handeln?

Es fällt mir nicht leicht, eine Rezension für dieses Buch zu schreiben, denn ich bin nach seiner Lektüre etwas zwiegespalten. Einerseits handelt es sich ganz klar um gute, wichtige Literatur, an der mir auch Vieles gefallen hat, andererseits muss ich feststellen, dass ich mich im vor allem im letzten Drittel eher durchgequält habe. Und zwar vor allem dort, wo Bilder des Malers Max Ludwig Nansen oder expressionistische Malerei allgemein beschrieben werden. Diese Passagen erschließen sich mir einfach nicht. Gut gefällt mir hingegen der ironische Ton insbesondere zu Beginn des Buches. Häufig setzt Lenz als humoristisches Element Übertreibungen ein: „Sie hatten eine sehr große Wohnstube auf Bleekenwarf, einen nicht allzu hohen, aber breiten und vielfenstrigen Raum, in dem mindestens neunhundert Hochzeitsgäste Platz gehabt hätten, und wenn nicht die, dann aber doch sieben Schulklassen einschließlich ihrer Lehrer, …“ (Seite 25)

Die zentralen Themen des Buches, Pflicht und Schuld, ziehen sich durch das gesamte Buch. Siggis Vater, der mit dem Maler aufgewachsen und befreundet ist, setzt das Malverbot rigoros durch und verweist dabei stets auf seine Pflicht, so zu handeln. Er steigert sich regelrecht in diese Aufgabe hinein und setzt sie sogar nach Ende des Krieges noch fort. Die meisten der Mitläufer und Opportunisten und auch viele Täter versteckten sich damals hinter der Ausrede, sie hätten ja nur ihre Pflicht getan. Wichtig finde ich folgenden Satz: „So schnell, sagte der Maler, so schnell kommen sie aus ihren Löchern. Du denkst, sie werden sich verborgen halten für eine Weile, still sein, tot sein, mit ihrer Scham in der Dunkelheit, aber du hast kaum aufgeatmet, da sind sie auch schon wieder da.“ (Seite 357) Die Fragen, die sich dem Leser stellen, sind: „Wie hättest du gehandelt? Wie schuldig hättest du dich gemacht? Und wo endet die Rechtfertigung?“ Gegen Ende scheint dieser Aspekt etwas in den Hintergrund zu treten. Doch dem ist nicht so, denn die Kinder der Kriegsgeneration, wie Siggi, sind es, die für die Handlungen ihrer Eltern oft indirekt einstehen, die ihre Schuld erkennen und aufarbeiten.

Der Roman ist schwere Kost, aber man sollte ihn gelesen haben. Er gehört unbedingt zur deutschen Nachkriegsgeschichte.

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