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(c) Penguin Random House

Auf Deutsch unter dem Titel „Underground Railroad“ bei Hanser erschienen

Georgia, Mitte des 19. Jahrhunderts: Cora ist eine Sklavin der dritten Generation und lebt auf einer Plantage mit einem besonders sadistischen Herren. Caesar, ein anderer Sklave, versucht mehrfach, Cora zur Flucht zu überreden, doch Cora musste schon mitansehen, was ihr Master mit geflüchteten und wieder eingefangenen Sklaven macht. Nur ihre eigene Mutter, die vor Jahren geflüchtet ist, konnte nicht wieder eingefangen werden. Als auf der Plantage eine neue Situation eintritt und Caesar von der Underground Railroad hört, einer unterirdischen Eisenbahn, die geflüchtete Sklaven in den Norden bringt, gelingt es ihm, Cora zur Flucht zu bewegen.

Colson Whiteheads mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Roman beruht auf der Annahme, dass es sich bei dem tatsächlich historischen Hilfsnetzwerk für geflüchtete Sklaven, der „Underground Railroad“, deren Name natürlich im übertragenen Sinne zu verstehen ist, wortwörtlich um eine unterirdisch fahrende Eisenbahn gehandelt hat. Ich muss gestehen, dass mich dies ein wenig abschreckte – warum ein solches „unmögliches“, magisches Element einbauen? Das Zeitalter der Sklaverei bietet doch auch ohne Verzerrungen der Geschichte genügend Material und Aufarbeitungsbedarf. Andererseits wurden und werden bereits zahlreiche andere Romane über ebendiese Geschichte geschrieben. Mir war vor Beginn der Lektüre nicht klar, was Colson Whitehead mit seiner alternativen Geschichtsfassung bezweckte, hat man das Buch gelesen, wird dies jedoch deutlich.

Cora landet bei ihrer langwierigen Flucht in die Freiheit an verschiedenen Stationen, South Carolina, North Carolina, Tennessee, Indiana, stets verfolgt von einem eingefleischten Sklavenjäger, dem sie mehrfach nur knapp entkommt. Auch in den anderen Staaten sieht die Situation etwas anders aus, als wir es aus der Geschichte kennen. In South Carolina etwa werden die Sklaven scheinbar wohlwollend aufgenommen, man gibt ihnen ein Bett (wenn auch in einem Schlafsaal) und eine gering bezahlte Arbeit, versorgt sie medizinisch. Wiegen sich die Geflüchteten dort erst einmal in Sicherheit, stellt sich bald heraus, dass die Weißen dort gar nicht primär am Wohlergehen der ehemaligen Sklaven interessiert sind, sondern diese vielmehr kontrollieren und für medizinische Versuche missbrauchen wollen. Der Gedanke an Zwangssterilisationen, Euthanasieprogramme und grausame Experimente durch Mengele und co. im 2. Weltkrieg liegt nicht fern.

Auch in den anderen Staaten findet Cora eine jeweils andere Situation vor – und eine andere Form von Rassismus. Colson Whiteheads Untergrundbahn fährt auf einer Reise durch die verschiedenen Ausprägungen des Rassismus:

„If you want to see what this nation is all about, you have to ride the rails. Look outside as you speed through, and you’ll find the true face of America.“ (Seite 262)

Deshalb die alternative Geschichte. So gesehen ist das eine ziemlich geniale Idee, die Colson Whitehead auch sprachlich ansprechend umgesetzt hat. Lediglich die letzte Begeisterung ist bei mir beim Lesen nicht aufgekommen. Nichtsdestotrotz ein faszinierendes Buch.

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(c) Penguin

Deutscher Titel: Heimkehren

Erscheinungstermin: 22.08.2017 bei DuMont

Ghana im 18. Jahrhundert. Die Asante-Frau Mamee wurde von den Fante entführt, schafft es jedoch, nach der Geburt ihrer Tochter Effia zu fliehen – ohne diese. Effia wächst im Glauben auf, eine andere, kaltherzige Frau sei ihre Mutter. Diese schafft es, Effia mit dem britischen Gouverneur von Cape Coast zu verheiraten. Sie lebt mit ihm im Cape Coast Castle, in dessen Kellern auch die vielen entführten Menschen untergebracht sind, die als Sklaven nach Amerika verkauft werden sollen. Unterdessen hat die in ihr Dorf zurückgekehrte Mamee den Dorfobersten geheiratet und mit ihm eine Tochter, Esi bekommen. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihr – sie wird ebenfalls entführt und wartet im Kerker des Cape Coast Castle unter unerträglichen Umständen auf die Überfahrt nach Amerika.

Yaa Gyasis Debütroman wurde im Vorfeld extrem gehypt, gehört aber zu den Büchern, bei denen der Hype absolut gerechtfertigt ist. Sie widmet den Schwestern Effia und Esi, deren Schicksal so unterschiedlich ist und die sich nicht einmal kennen, und jeweils einem Nachkommen über sieben Generationen hinweg je ein Kapitel. Nun ist das Buch nur knappe 300 Seiten lang, sodass man mit jedem der Charaktere jeweils nur etwa 20 Seiten verbringt. Doch diese 20 Seiten sind so intensiv, dass dennoch eine große Nähe des Lesers zum jeweiligen Charakter entsteht. Gyasi schafft es, mit wenigen Worten die Geschichte von zwei Zweigen einer Familie eindringlich zu schildern. Die Kapitel, die in Amerika spielen, sind schwer zu ertragen angesichts der Grausamkeit der Sklaverei und der himmelschreienden Ungerechtigkeit gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die sich auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei fortsetzt. Die Autorin zeigt anhand ihrer Charaktere darüber hinaus, wie es dazu kam, dass Afroamerikaner auch heute noch stark benachteiligt sind und den Großteil der Gefängnisbevölkerung der USA darstellen. Gyasis Sprache steht der inhaltlichen Stärke des Buchs in nichts nach:

„Once they were inside, Willie’s eyes met those of the store clerk, and she felt a cold wind travel that sight line, from his eyes to hers, then all the way down to the coalpit of her stomach.“ (S. 206)

Dieser Satz ist auch ein gutes Beispiel für den das Buch durchziehenden Symbolismus, repräsentiert vor allem durch die Elemente (Feuer, Wasser) und die Kohlengruben, in denen viele Schwarze nach ihrer „Befreiung“ als Häftlinge arbeiten mussten.

Der afrikanische Zweig der Familie lebt indessen in Freiheit und privilegiert, jedoch nicht frei von seiner Geschichte, seiner Abstammung von einem britischen Sklavenhändler und in der Folge dem König der Asante, die sich vielfältig auf die Nachfahren von Effia auswirken. In diesen Kapiteln erhalten wir außerdem einen Blick in das afrikanische Leben und die ghanaische Geschichte, die Kriege zwischen den Asante und den Briten sowie die Streitigkeiten zwischen den Stämmen. Ich fühlte mich an die Schauplätze versetzt, meine Entdeckungslust wurde geweckt.

Am Ende läuft alles zusammen – frei von jeglichem Kitsch.

Ein großartiges Buch, mein bisheriges Jahreshighlight, ein für mich persönlich perfektes, wie für mich gemachtes Buch, das aber verdientermaßen allgemein viel Anklang findet und das auch ihr unbedingt lesen solltet.

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(c) Droemer Knaur

Rom, um Christi Geburt. Die Tage der alten Republik sind vorbei, Augustus ist der Alleinherrscher. Die junge, kleinwüchsige Tertia wird von Ihren Eltern in die Sklaverei verkauft. Das ist ihr gar nicht einmal so unrecht, denn sie sieht dies als einzigen Weg, dem Elend der zwar freien, aber völlig mittelosen Bauern zu entkommen. In der Hauptstadt wird sie zunächst an einen Freigelassenen verkauft, der sie in einer Gauklertruppe einsetzt. Doch es dauert nicht lange und Tertia, die sich nun Andromeda nennt, erregt die Aufmerksamkeit von Julilla, der Enkelin von Augustus…

Tanja Kinkel entführt uns in diesem historischen Roman in ein Zeitalter, das, wie ihr wisst, zu meinen Favoriten zählt – in die beginnende Kaiserzeit. Mir ist aufgefallen, dass das Buch auf den gängigen Portalen etwas schlechter bewertet wird als die anderen Bücher von Tanja Kinkel. Ich glaube, ich weiß auch, woran das liegt: Die Handlung spielt sich größtenteils auf der Gesprächs- und Gedankenebene ab. Wer also temporeiche Action erwartet, ist bei diesem Buch falsch. Allerdings muss man feststellen, dass das Thema etwas anderes auch gar nicht zulässt – und dass es auch Leser wie mich gibt, die das gar nicht brauchen oder möchten. Der Roman ist mehr ein Kammerspiel und hat mich durchaus öfter an die BBC-Serie „I, Claudius“ denken lassen, obwohl diese natürlich aus einer komplett unterschiedlichen Perspektive erzählt wird. Die Geschichte der Julier – Augustus‘ Familie – ist ein Gespinst von Intrigen und Verrat. Tanja Kinkel hat sich die Ereignisse um Augustus‘ Enkelin Julilla herausgegriffen und erzählt sie uns aus der Perspektive ihrer kleinwüchsigen Sklavin Andromeda, einer ungewöhnlichen, aber sehr gewitzten Protagonistin, die schnell erkennt, welche Gefahr die politische Situation um Julilla, ihre Mutter Julia und ihren Bruder Postumus (die beide in der Verbannung leben) für sie selbst und den gesamten restlichen Haushalt birgt: Wenn Julilla sich nicht brav aus der Politik heraushalten und wie ihre Mutter unter einem Vorwand angeklagt werden sollte, würde das bedeuten, dass alle Sklaven gefoltert würden, denn – so grausam war das Alte Rom – die Aussage eines Sklaven war nur gültig, wenn er zuvor gefoltert wurde. Und hochrangige Personen wie Julilla nehmen auf diese Tatsache bei ihren Aktionen natürlich keine Rücksicht.

Auch wenn ich wusste, welches Schicksal Julilla erwartet, war ich sehr gespannt darauf, was Andromeda unternehmen würde, um sich und die anderen Sklaven, darunter den zwielichtigen Conopas, der andere kleinwüchsige Sklave Julillas, vor dem befürchteten Schicksal zu retten, und ob ihr das gelingen würde. Eingebaut ist die Handlung in ein buntes Panorama des alten Rom, das mich völlig in die Stadt und die Zeit abtauchen ließ, sämtliche Schilderungen der Bräuche, etwa des Thermen- oder Zirkusbesuchs haben mich völlig überzeugt, die Auflösung ist schlüssig, die Charaktere, insbesondere natürlich Andromeda, vielschichtig, das Leben der Sklaven ungeschönt. Kurz, das Buch ist nicht unbedingt mein Lieblingsbuch von Tanja Kinkel (das ist immer noch „Die Söhne der Wölfin“!), aber es hat mir sehr gut gefallen und ich habe es mit Genuss gelesen.

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