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(c) Berlin Verlag

England im September 1571. Mary Grey, die kleinwüchsige Schwester der geköpften Neuntagekönigin Jane Grey, steht unter Hausarrest, da sie es gewagt hat, ohne Erlaubnis der nicht ganz so lieben Cousine Elizabeth I. zu heiraten. Schließlich bestünde die Gefahr, dass sie einen Thronanwärter gebären würde. Sie hofft auf Besserung ihrer Situation, doch wer kann ihr helfen?

Zentrales Thema dieses Romans sind die Willkür der Monarchie, der Opportunismus seiner Lakeien (zu denen auch Marys eigene Familienmitglieder gehören) und die Ohnmacht einer Frau am Hofe.

Im Tagebuchstil lässt Inger-Maria Mahlke ihre Heldin von ihrer aktuellen, unbefriedigenden Situation erzählen, unterbrochen durch Aufzeichnungen, die sie über den Aufstieg und den Fall der Familie Grey macht. Die Autorin bedient sich dabei einer Sprache, die einfach nur Spaß macht!

Beispiel von Seite 9 (über die Sätze, die sie schreibt): „Dachte, die Sätze würden aufhören, einander zu jagen, während Ellen am Fußende des Bettes so tief und gleichmäßig atmete, als gäbe es keine Sätze. Die sich auf die vorherigen stürzen, sich ineinander verknäueln, bis ich sie sortiert habe, dann hielten sie still, ordentlich aufgereiht. Nach jedem zerwarteten Tag, wenn Ellen sich nicht mehr regte, wurden sie wieder wild. Jagten einander erneut, und ich musste jeden so lange denken, bis er recht war.“

Wer jetzt denkt, das Buch sei deshalb vielleicht schwer zu lesen, irrt: Die Sprache ist zwar, kreativ, ja innovativ, aber immer problemlos verständlich. Lediglich der Verzicht auf die reguläre direkte Rede mit Anführungszeichen verwirrt ein wenig, aber nicht sehr. Dies passt einfach gut zum Tagebuchstil des Romans.

Auf die Gefahr hin, überschwänglich zu werden: Ich hatte meine pure Freude an diesem Buch. Nicht nur der Sprachstil, auch die wunderbare Hauptperson Mary ist besonders. Und das nicht, weil sie kleinwüchsig ist, sie hat zwar die Nase voll von ihrem Schicksal, nimmt es aber mit einer tüchtigen Portion Galgenhumor, das Buch ist wirklich witzig!

Das Thema und die Hauptperson des Buchs lassen an andere preisgekrönte oder zumindest nominierte Werke denken, nämlich die Cromwell-Trilogie von Hilary Mantel und „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche. Inger-Maria Mahlkes Buch ist aber ein absolut originelles Werk, das den Vergleich mit diesen Titeln nicht scheuen muss. Es steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und ich würde es sehr gern als Siegertitel sehen (wenn ich auch momentan auf ein anderes Buch tippen würde).

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(c) Fourth Estate

Deutscher Titel: Falken

1535. Henry VIII. hat mit Rom gebrochen, seine Scheidung von Katharina von Aragon bewirkt und Anne Boleyn geheiratet. Sie hat ihm auch gleich ein Kind geschenkt – aber nicht den ersehnten Thronerben sondern „nur“ eine Tochter. Es folgt eine Fehlgeburt. Und Henry beginnt schon, an seiner Ehe zu zweifeln… Thomas Cromwell ist unterdessen zum wohl wichtigsten Mann im Staat neben Henry geworden. Doch sein Verhältnis zu Anne Boleyn ist nicht mehr so gut, wie es einmal war. Es wird absehbar, dass er über Leichen gehen muss, um seine Position oder sogar sein Leben zu behalten.

Diesen zweiten Teil der Cromwell-Trilogie von Hilary Mantel zu lesen, war genau so ein Genuss wie bei „Wolf Hall“ (Wölfe). Schon auf den ersten Seiten hat mich die Sprache verzaubert: „Sometime before noon, clouds scudded in from the west and rain fell in big scented drops; but the sun re-emerged with a scorching heat, and now the sky is so clear you can see into Heaven and spy on what the saints are doing“. Ist das nicht wunderbar? Ich habe mich auch auf Mantels Verwendung von Pronomen gewöhnt, dieses Mal wusste ich von Anfang an, dass „he“ in der Regel Cromwell ist. Das erleichtert das Lesen.

Achtung, ab hier leichte Spoiler.

Was die Handlung angeht, wissen wir ja alle, wie die Geschichte Anne Boleyns endet. Doch die Umstände werden immer wieder neu ausgelegt. Ich hatte vor ein paar Wochen „The Lady in the Tower“ von Alison Weir gelesen. In diesem Buch postuliert Weir, dass Thomas Cromwell der Drahtzieher der Verhaftung Annes und ihrer angeblichen Liebhaber war, und zwar, weil Anne ihm langsam gefährlich wurde. Ich war daher besonders gespannt auf Hilary Mantels Interpretation der Dinge. Und tatsächlich hat sie eine eigene Theorie. Thomas Cromwell wandte sich von Anne ab, als er erkannte, dass sie nicht mehr zu halten war. Und er ist skrupellos genug, sie zu opfern. Nach anfänglichen Überlegungen, Anne in einen Konvent zu schicken, zeichnet sich ab, dass es nicht so glimpflich ablaufen wird und dass Köpfe rollen werden. Und nun kommt Mantels geniale Interpretation: Die Männer, die im Rahmen der Verurteilung Annes ihr Leben lassen müssen, sind wahrscheinlich nicht schuldig im Sinne der Anklage. Doch sie haben sich etwas zu Schulden kommen lassen. „All the players gone,‘ Wriothesley says. ‚All four who carried the cardinal to Hell; and also the poor fool Mark who made a ballad of their exploits.'“ Es geht um den Fall Wolseys. Die unbedingte Loyalität Cromwells gegenüber seinem früheren Herrn Cardinal Wolsey ist ungebrochen und hier findet er seine Rache.

In diesem Buch ist es nicht mehr so leicht, Cromwell zu mögen, wie in „Wolf Hall“. Seine skrupellose Seite kommt hier zum Vorschein. Dennoch ist sein Bild auch hier wieder ein ganz anderes als das gängige. In brillanter Sprache erzählt Hilary Mantel uns die Geschichte von Anne Boleyns Untergang aus einer ganz neuen Perspektive. Und völlig verdient hat sie dafür zum zweiten Mal den Booker Prize gewonnen.

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Tanja Kinkel: Im Schatten der Königin: https://nettebuecherkiste.wordpress.com/rezensionen/tanja-kinkel-im-schatten-der-konigin/

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