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Posts Tagged ‘ungerechtigkeit’

Ich habe noch keine Informationen zu einer deutschen Ausgabe gefunden.

Nordengland in der Jetztzeit. Die Teenager Daniel und Cathy leben mit ihrem Vater in einer selbstgebauten Hütte auf dem Land. Sie haben nur wenige Nachbarn, haben die Einsamkeit und Zurückgezogenheit gezielt gesucht. Sie sind zufrieden, bis der größte Grundbesitzer der Region Rechte an ihrem Grundstück bekundet und die Vergangenheit und die Gegebenheiten der Region beginnen, die Familie einzuholen.

Mehr als einmal kam mir bei der Lektüre von Fiona Mozleys Debütroman der Gedanke, dass die Gegend, in der er angesiedelt ist, und die rauen Sitten, die dort herrschen, mich an die Ozarks und an Daniel Woodrells „Winter’s Bone“ erinnern. Das Gesetz, die Staatsgewalt scheinen nicht vorhanden, niemand bemängelt, dass Daniel, der Ich-Erzähler des Romans, und seine Schwester nicht mehr zur Schule gehen. Stattdessen schickt der Vater sie zu einer etwas besser gebildeten Nachbarin, um ihnen eine Art Unterricht zukommen zu lassen. Und Grundbesitzer Price nimmt die Rolle eines Königs ein, der das Sagen hat und gegen den niemand ankommt, die Polizei hinzuzuziehen, ist nicht denkbar oder die Polizisten stehen ebenfalls unter seiner Fuchtel. Daniel ist das Gegenstück seines grobschlächtigen Vaters, der früher als Boxer sein Geld verdient hat, er ist zierlich, feminin und scheint sich auch so zu fühlen. In seiner Familie und seinem Umfeld ist dies überhaupt kein Thema, er ist jedoch auf den Schutz seines Vaters und auch seiner nur wenig älteren Schwester angewiesen. Diese ist eher burschikos und trägt stark fatalistische Züge, sie nimmt vieles, was man ihr angetan hat, als gegeben hin, kann sich jedoch durchaus wehren. Umgehauen hat mich dieser Satz aus ihrem Mund:

„We all grow into our coffins, Danny. And I saw myself growing into mine.“

Für mich war es schwer erträglich, mitzuerleben, wie die Ungerechtigkeit und die Selbstjustiz sich in Mozleys Geschichte ihren Weg bahnen. Man möchte eine Polizeitruppe hinschicken, erkennt aber, das dies aus der Sicht der Charaktere unsinnig ist. Was den Leser wiederum ohnmächtig, verzweifelt hinterlässt. Es ist kaum vorstellbar, dass herrisches Gebaren wie das von Price heute noch durchgeht, doch, halt, wie lautet der Titel des Buchs? „Elmet“: eine Gegend in Nordengland, die im frühen Mittelalter, in den „Dark Ages“, ein eigenständiges keltisches Königreich war. Und so scheinen die alten Kräfte, die totalitären Strukturen in Elmet weiterzubestehen, unbeirrt von der modernen Zeit.

Elmet ist ein erstaunliches Debüt, ein kraftvolles, aufwühlendes und sprachlich starkes Buch, das ich durchaus gern als Gewinner des Booker Prize sehen würde, auch wenn ich wie die meisten vermute, dass „Autumn“ von Ali Smith gewinnen wird.

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(c) Faber & Faber

Deutscher Titel: Ein verborgenes Leben

Irland zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Psychiater Dr. Grene arbeitet in einer psychiatrischen Klinik, die demnächst abgerissen werden sollen, und kümmert sich um den Verbleib der Patienten. Hierzu sucht er unter anderem die einhundert Jahre alte Roseanne McNulty auf, die schon seit vielen Jahrzehnten in der Klinik lebt. Er vermutet, dass sie gar nicht psychisch krank ist, und erwägt, sie zu entlassen. Gleichzeitig schreibt Mrs McNulty ihre Lebensgeschichte in einem geheimen Tagebuch auf. Langsam kommt ans Licht, wie es damals zu ihrer Einlieferung kam. Wir erfahren dies abwechselnd aus Roseannes Aufzeichnungen und aus Dr. Grenes Sicht.

Sebastian Barry ist zweifellos ein großartiger Autor, seine Formulierungen sind wunderbar, stellenweise poetisch, es macht Spaß, seinen Text zu lesen. Gut gefallen hat mir an dem Buch außerdem die kluge Diskussion der Unzuverlässigkeit von Geschichte und Erinnerung, ein Thema, auf das ich immer häufiger in Büchern stoße und das ich sehr interessant und wichtig finde.

Sätze wie diesen finde ich fabelhaft:

„For history as far as I can see is not the arrangement of what happens, in sequence and in truth, but a fabulous arrangement of surmises and guesses held up as a banner against the assault of withering truth“. (Seite 55)

In diesem Zusammenhang erleben wir Roseanne als unzuverlässige Erzählerin, ihren Erinnerungen ist nicht zu trauen:

„I have to be very careful with these ‚memories‘ because I realise there are a few vivid remembrances from this troubled time that I know in my heart cannot have happened.“ (Seite 242).

Weitere Themen, die Barry in seinem Buch behutsam behandelt, sind Liebe und Tod sowie die Ungerechtigkeiten und rigiden Moralvorstellungen, unter denen im katholischen Irland vor allem Frauen zu leiden hatten. Selbstverständlich spielen in den Rückblicken auf Roseannes Leben auch der irische Bürgerkrieg sowie die Weltkriege eine wichtige Rolle.

Trotz all dieser positiven Aspekte konnte ich nicht mehr als 3 von 5 Sternen für das Buch vergeben. Vielleicht habe ich zu viele „Familiengeheimnis-Romane“ gelesen, jedenfalls konnte ich schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Auflösung des Geheimnisses vorhersagen. Eine Zeit lang hoffte ich noch, dass es einen Twist geben würde, der mir nicht klar war, aber tatsächlich endete das Buch genau so, wie ich es vermutet hatte. Und ich muss sagen, diese Auflösung war mir zu weit hergeholt und auch zu kitschig. Die Sprache des Romans ist sicherlich von einer Qualität, die das Buch für Buchpreise qualifiziert (Sieger Costa Book Award 2008, Shortlist Man Booker Prize 2008).

Der Plot kann da jedoch meiner Meinung nach nicht mithalten. Ein schön geschriebenes, aber vorhersehbares Buch.

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(c) Audible Studios

(c) Audible Studios

Sprecher: Peter Firth

Dauer: 14 h 23 min

England im 19. Jahrhundert. Die junge Tess ist die älteste Tochter einer in lange vergangenen Zeiten wohlsituierten, heute aber verarmten Familie. Ohne eigenes Verschulden verliert sie ihre Unschuld und ist damit eine gefallene Frau. Dass der Akt nichts anderes als eine Vergewaltigung war, wird nicht gewertet. Thomas Hardy erzählt in einem seiner bekanntesten Wessex-Romane ein Frauenschicksal, das geprägt ist von der himmelschreienden Ungerechtigkeit, mit der insbesondere Frauen aus der armen Bevölkerungsschicht behandelt wurden.

Mein Verhältnis zum Werk Thomas Hardys Werk ist gespalten. Einerseits bin ich begeistert davon, wie er soziale Themen anspricht und die rigide Sexualmoral des viktorianischen Zeitalters anprangert, andererseits sind mir seine Geschichten oft einfach zu dramatisch, die Figuren häufig etwas überzeichnet. Bei Dickens komme ich damit besser klar, denn seine Figuren sind satirisch überzeichnet. Aber Tess – sie ist trotz der verlorenen Jungfräulichkeit so rein, so gut, dass sie geradezu ein Idealbild darstellt. Dennoch verliert sie aufgrund ihrer Behandlung durch die Gesellschaft den Glauben an Gott und die Menschen, was sie den den Roman durchziehenden heidnischen Bildern näherbringt. Bei Wikipedia ist zu lesen, dass Tess eine Art Naturgöttin und ein Opfer personifiziert – das leuchtet mir ein und passt sehr gut zu Hardys eindringlichen und ausführlichen Naturbeschreibungen. Der Opferaspekt wird vor allem gegen Ende des Buches durch einen bekannten Schauplatz verdeutlicht.

„Tess of the D’Urbervilles“ ist ein hervorragend geschriebener, gesellschaftskritischer Roman, der mich jedoch ebenso wie andere Hardy-Romane nicht durchgängig fesseln konnte, die Handlung hätte für mein Dafürhalten etwas gerafft werden können. Ich vergebe daher 3,5 Sterne.

Peter Firth, der mir als Hörbuchsprecher bisher nicht bekannt war, liest sehr ansprechend und zeichnet sich durch eine besonders klare Aussprache auch bei der Wiedergabe von Dialekten aus.

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(c) Fischer

Übersetzung aus dem Indonesischen: Peter Sternagel

Indonesien in den 1970ern. Der kleine Ikal lebt auf der kleinen Insel Belitung. Die Insel ist reich an Bodenschätzen, doch der gesamte Erlös geht an die Bergbaugesellschaft. Kinder von einfachen Fischern oder Arbeitern, wie Ikal, haben kaum eine Chance auf Bildung. Doch eine junge, idealistische Lehrerin kämpft ums Überleben der kleinen Dorfschule, in die Ikal nun eingeschult werden soll. Mit Bangen warten die Lehrerin und ihre Schützlinge am ersten Schultag darauf, dass ein zehnter ABC-Schütze erscheint. Sonst wird die Schule geschlossen. Und siehe da, Nummer 10 findet sich! Die zehn Schüler, neun Jungs und ein Mädchen, werden von ihrer Lehrerin bald die „Regenbogentruppe“ genannt. Sie alle werden auch in den folgenden Jahren für ihre Schulbildung kämpfen müssen.

Bekanntermaßen war Indonesien das Gastland der letztjährigen Frankfurter Buchmesse. Daher wollte ich natürlich auch ein Buch von einem indonesischen Autor mitnehmen. Von den Büchern, die das Gastland vorstellte, interessierte mich Andrea Hiratas autobiografischer Roman über eine Dorfjugend in Indonesien am meisten.

Es ist eine Freude, Hiratas episodenhafte Geschichte zu lesen. Sein Sprachstil ist sehr schön, mitunter fast blumig, gelegentlich aber auch bissig. Die Kinder werden anhand der verschiedenen Episoden alle wunderbar charakterisiert, sodass der Leser eine echte Verbindung zu den Charakteren herstellen kann. Andrea Hirata erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Entschlossenheit und Mut und zeigt, was  man mit diesen Eigenschaften erreichen kann. Wir erfahren, wie Kinder in Entwicklungsländern um ein Recht kämpfen müssen, das für reiche Länder eine Selbstverständlichkeit ist: Bildung. Trotz der wirklich bemerkenswerten Leistungen der Lehrer und Schüler bietet der Roman keine reine Wohlfühlgeschichte: Nicht alles gelingt, das Schicksal spielt mit, tragische Ereignisse vernichten manche Zukunftshoffnung. Stark ist Hiratas mutige Kritik an der Politik, die es zulässt, dass eine eigentlich reiche Insel in keiner Weise von ihrem Reichtum profitiert, und die Armut aufrechterhält, während die Mitarbeiter der staatlichen Bergbaugesellschaft in Saus und Braus leben:

„Das Gedong (hier: Siedlung der Bergbaugesellschaft, Anmerkung der Rezensentin) war das Wahrzeichen Belitungs, gebaut, um den kolonialen Albtraum fortzusetzen. Ziel der Regierung war es, einer Handvoll Leuten Macht und Bildung zu verschaffen und eine Mehrheit zu unterdrücken, sie fügsam zu machen, indem man ihnen das Recht auf Bildung verweigerte.“ (Seite 25)

Wir begleiten die Regenbogentruppe während ihrer gesamten Schulzeit und erfahren auch, was aus den Schülern wurde. Gegen Ende des Buchs schildert Hirata schließlich noch seinen eigenen, bemerkenswerten Werdegang nach dem Ende der Schulzeit. Ein sehr lesenswertes, schön geschriebenes Buch, das ich euch sehr empfehle.

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