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(c) Random House

Deutscher Titel: Erwachen in Mississippi (antiquarisch erhältlich)

Anne Moody wird 1940 als Essie May Moody in Centreville, Mississippi geboren. Ihre Kindheit ist geprägt von tiefer Armut und der langsamen Erkenntnis, was es heißt, Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine Schwarzafrikanerin im Süden der USA zu sein. Wie viele Schwarze muss Moody früh Geld verdienen, um überhaupt zur Schule gehen zu können, was die meisten Weißen gnadenlos ausnutzen, die die Schwarzen für wenig Geld hart arbeiten lassen. Die Ausnahmen lässt Moody jedoch keineswegs unerwähnt, sie soll während ihrer Ausbildungszeit auch viel Unterstützung durch wohlwollende Weiße erfahren.

Moodys Autobiografie ist in vier Teile gegliedert, „Kindheit“, „High-School“, „College“ und „Die Bewegung“. Im ersten Teil erzählt Moody von prägenden Ereignissen, der Erkenntnis, dass Weiße anders sind, anders essen können als die Schwarzen, oder die Begegnung mit zwei Onkeln im Kindesalter, die eine weiße Hautfarbe und einen weißen Vater haben, aber dennoch niemals als Weiße „anerkannt“ werden können, und die Absurdität des Rassismus verdeutlicht:

„Now I was more confused than before. If it wasn’t the straight hair and the white skin that made you white, then what was it?“ (Seite 35)

Besonders bitter ist die Erfahrung, die Essie May bzw. Anne mit der Familie des neuen Freundes ihrer Mutter machen muss, mit dem Rassismus unter Farbigen:

„Then I began to think about Miss Pearl and Raymond’s people and how they hated Mama and for no reason at all than the fact that she was a couple of shades darker than the other members of their family. Yet they were Negroes and we were also Negroes. I just didn’t see Negroes hating each other so much“. (S. 59)

Vor allem dieser erste Teil des Buchs liest sich flüssig wie ein Roman.

Anne Moody erweist sich als begabte Schülerin und geht nach der Grundschule zur High-School, wo sie weiterhin große schulische Erfolg erzielt, auch im Sport. Mit ihrem Eintritt in die High-School und ihrer zunehmenden Erfahrung mit weißen Arbeitgebern beginnt sie, sich für die Bürgerrechtsbewegung zu interessieren. Harte Arbeit bringt sie aufs College, und nun beginnt Moody ernsthaft, sich für die Rechte schwarzer Bürger zu engagieren. Dies bleibt in ihrer Heimatstadt nicht unbemerkt, was so weit geht, dass es zu gefährlich für sie wird, ihre Familie zu besuchen, die sie eindringlich bittet, ihre Arbeit für die Bürgerrechtsorganisation einzustellen. Auch wenn ich mich schon ein wenig mit der Bürgerrechtsbewegung beschäftigt habe, war es mir vor der Lektüre dieses Buchs nicht klar, wie gefährlich nicht nur ein solches Engagement für die Rechte schwarzer Bürger, sondern schon die bloße Existenz als Afroamerikaner in den Südstaaten war. Dies führte auch zu Konflikten innerhalb der schwarzen Bevölkerung, was sich in folgender Aussage Moodys spiegelt:

„I think I had a stronger resentment toward Negroes for letting the whites kill them than toward the whites.“ (S. 136)

Anne Moodys Autobiografie ist ein eindrucksvolles und sehr zugängliches Zeugnis über das Leben als Afroamerikaner im Süden der USA. Das Buch ist angesichts der Übergriffe der US-Polizei auf schwarze Bürger, die Schwarze grundsätzlich für verdächtig zu halten scheint, aktueller denn je. Anne Moody ist leider 2015 verstorben, trotz aller Erfolge der Bürgerrechtsbewegung hat sie es nicht mehr erleben dürfen, dass Afroamerikaner nicht mehr diskriminiert werden.

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(c) Penguin

Deutscher Titel: Heimkehren

Erscheinungstermin: 22.08.2017 bei DuMont

Ghana im 18. Jahrhundert. Die Asante-Frau Mamee wurde von den Fante entführt, schafft es jedoch, nach der Geburt ihrer Tochter Effia zu fliehen – ohne diese. Effia wächst im Glauben auf, eine andere, kaltherzige Frau sei ihre Mutter. Diese schafft es, Effia mit dem britischen Gouverneur von Cape Coast zu verheiraten. Sie lebt mit ihm im Cape Coast Castle, in dessen Kellern auch die vielen entführten Menschen untergebracht sind, die als Sklaven nach Amerika verkauft werden sollen. Unterdessen hat die in ihr Dorf zurückgekehrte Mamee den Dorfobersten geheiratet und mit ihm eine Tochter, Esi bekommen. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihr – sie wird ebenfalls entführt und wartet im Kerker des Cape Coast Castle unter unerträglichen Umständen auf die Überfahrt nach Amerika.

Yaa Gyasis Debütroman wurde im Vorfeld extrem gehypt, gehört aber zu den Büchern, bei denen der Hype absolut gerechtfertigt ist. Sie widmet den Schwestern Effia und Esi, deren Schicksal so unterschiedlich ist und die sich nicht einmal kennen, und jeweils einem Nachkommen über sieben Generationen hinweg je ein Kapitel. Nun ist das Buch nur knappe 300 Seiten lang, sodass man mit jedem der Charaktere jeweils nur etwa 20 Seiten verbringt. Doch diese 20 Seiten sind so intensiv, dass dennoch eine große Nähe des Lesers zum jeweiligen Charakter entsteht. Gyasi schafft es, mit wenigen Worten die Geschichte von zwei Zweigen einer Familie eindringlich zu schildern. Die Kapitel, die in Amerika spielen, sind schwer zu ertragen angesichts der Grausamkeit der Sklaverei und der himmelschreienden Ungerechtigkeit gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die sich auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei fortsetzt. Die Autorin zeigt anhand ihrer Charaktere darüber hinaus, wie es dazu kam, dass Afroamerikaner auch heute noch stark benachteiligt sind und den Großteil der Gefängnisbevölkerung der USA darstellen. Gyasis Sprache steht der inhaltlichen Stärke des Buchs in nichts nach:

„Once they were inside, Willie’s eyes met those of the store clerk, and she felt a cold wind travel that sight line, from his eyes to hers, then all the way down to the coalpit of her stomach.“ (S. 206)

Dieser Satz ist auch ein gutes Beispiel für den das Buch durchziehenden Symbolismus, repräsentiert vor allem durch die Elemente (Feuer, Wasser) und die Kohlengruben, in denen viele Schwarze nach ihrer „Befreiung“ als Häftlinge arbeiten mussten.

Der afrikanische Zweig der Familie lebt indessen in Freiheit und privilegiert, jedoch nicht frei von seiner Geschichte, seiner Abstammung von einem britischen Sklavenhändler und in der Folge dem König der Asante, die sich vielfältig auf die Nachfahren von Effia auswirken. In diesen Kapiteln erhalten wir außerdem einen Blick in das afrikanische Leben und die ghanaische Geschichte, die Kriege zwischen den Asante und den Briten sowie die Streitigkeiten zwischen den Stämmen. Ich fühlte mich an die Schauplätze versetzt, meine Entdeckungslust wurde geweckt.

Am Ende läuft alles zusammen – frei von jeglichem Kitsch.

Ein großartiges Buch, mein bisheriges Jahreshighlight, ein für mich persönlich perfektes, wie für mich gemachtes Buch, das aber verdientermaßen allgemein viel Anklang findet und das auch ihr unbedingt lesen solltet.

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(c) Macmillan

(c) Macmillan

„Little Bighorn“ und „Wounded Knee“ sind Begriffe, die die meisten von uns im Zusammenhang mit den nordamerikanischen Ureinwohnern sicherlich schon einmal gehört haben. Wer sich schon einmal ein bisschen näher mit ihnen befasst hat, weiß wahrscheinlich, dass die Schlacht am Little Bighorn die größte Niederlage der US-Armee unter General Custer im Kampf gegen die Indianer war. Und Wounded Knee? Dort haben die amerikanischen Soldaten eines der Massaker gegen die Indianer verübt. Wer den Film „Little Big Man“ mit Dustin Hoffmann gesehen hat, hat vielleicht eine genauere Vorstellung von den Grausamkeiten. Und wer es genau wissen will, liest „Bury My Heart at Wounded Knee“, deutsch „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“.

Dee Brown hatte selbst kein indianisches Blut, freundete sich jedoch schon in seiner Jugend mit Indianern an. In diesem seinem bekanntesten Buch schildert er den letzten Widerstand verschiedener Indianerstämme gegen die US-Gewalt aus Sicht der Ureinwohner. Letztlich sollte jeder Widerstand niedergeschlagen und alle überlebenden Indianer in Reservate gesteckt werden – häufig fernab ihres ursprünglichen Stammesgebiets. Die vernichtenden Auswirkungen auf den Geist, das Gemüt der Ureinwohner wird in dem Buch deutlich spürbar.

Was mich wohl an Dee Browns Schilderungen am meisten schockiert hat, war, mit welcher Selbstverständlichkeit die Soldaten Massaker an den Indianern verübten, oft, ohne provoziert worden zu sein. Ein ums andere Mal wurde den Indianern versprochen, dass ihnen nichts geschehen würde, wurden entsprechende Verträge geschlossen, und ein ums andere Mal wurden die Versprechen und die Verträge gebrochen und die Indianer niedergemetzelt. Die Indianer signalisierten häufig umsonst ihre friedvollen Absichten. Beim Sand-Creek-Massaker sandten sie den Soldaten ein kleines Mädchen mit einer weißen Fahne entgegen – niemand glaubte, dass die Soldaten ein kleines Mädchen töten würden. Doch genau das passierte. Die Berichte von den Massakern sind kaum zu ertragen.

Es gab Vorwürfe, Dee Browns Sichtweise sei einseitig indianisch, mit dem Hinweis, die Indianer hätten auch untereinander Grausamkeiten verübt. Dies verschweigt Brown jedoch nicht, stellenweise erwähnt er solche Kämpfe, aber sie sind nicht Thema dieses Buchs. Sie sind wohl kaum eine Rechtfertigung für die verübten Gräueltaten an den Indianern. Sicher töteten die Indianer auch Weiße, aber sie kämpften ums pure Überleben ihrer Kultur. Sie waren größtenteils gewillt, die Weißen in ihrem Land zu akzeptieren, sie wollten nur in ihren Gebieten weiterleben.

Dee Browns Buch ist die Dokumentation dieses Kampfes, den die Indianer nur verlieren konnten. Viele wurden ermordet, obwohl sie sich ergeben hatten. Insofern war die massenhafte Tötung der Indianer nichts anderes als ein Genozid.

Nachbemerkung: Meine eindeutige Stellungnahme für die Seite der Indianer soll selbstverständlich keinen Angriff gegen heutige US-Bürger darstellen!

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(c) Penguin

(c) Penguin

Deutscher Titel: Im Rausch der Freiheit (?, doof, oder?)

Im frühen siebzehnten Jahrhundert gründen niederländische Siedler an der Südspitze der amerikanischen Insel Manna-Hatta eine Siedlung, die sie „Neu-Amsterdam“ nennen. Etwa 50 Jahre später haben sich Kaufleute dort niedergelassen und einen bescheidenen Wohlstand erwirtschaftet. An diesem Punkt setzt Rutherfurds Geschichte mit der ersten einiger fiktiven Familien ein, anhand derer er die Geschichte der späteren Metropole New York von den Anfängen bis zu den schrecklichen Ereignissen des 11. September 2001 erzählt.

Zugegeben, Edward Rutherfurds Bücher sind keine großartige Literatur. Für Geschichtsfreaks wie mich oder Fans der jeweiligen Städte oder Regionen ist sein Konzept jedoch genial – die Geschichte des Ortes wird verpackt in die Erlebnisse mehrerer Familien über zahlreiche Generationen hinweg erzählt. In kaum einen Roman erhält man so geballte Informationen und wird dabei noch bestens unterhalten. So bin ich Edward Rutherfurd seit meiner Jugend treu und lese alle seine Bücher.

„New York“ gehört zu den Werken, die mir besonders gut gefallen haben. Auch wenn ich kein USA-Fan bin, fasziniert mich doch die Geschichte des Landes. Ich war noch nie in New York, aber die Metropole ist aus TV-Bildern, Büchern und anderen Medien doch so vertraut, dass ihre Entstehungsgeschichte richtig spannend für mich war.

Ein Aspekt, der mir sehr gut gefallen hat, war, dass Rutherfurd viele Ereignisse schildert, die weniger bekannt sind und speziell New York betreffen. So wird zwar der Unabhängigkeitskrieg sehr ausführlich behandelt, weil New York hierfür auch ein wichtiger Schauplatz war, aber den Bürgerkrieg erlebt der Leser in dem Buch eher indirekt: Es werden keine der bekannten Schlachten thematisiert, sondern die Draft Riots von 1863, ein Aufstand gegen die Wehrpflicht, bei dem insbesondere Schwarzen nachgestellt wurde, die man für den Krieg verantwortlich machte. Ein weiteres Beispiel ist das verheerende Feuer in der Triangle Shirtwaist Factory, bei dem 146 Arbeiterinnen und Arbeiter ums Leben kam, unter anderem, weil Türen verschlossen waren, um Arbeiter am Müßiggang zu hindern. So bringt Rutherfurd auch viele soziale Themen ein, der Brand war unter anderem der Anlass für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den USA. Weitere Themen sind die High Society von New York, der einem Adelsstand gleichkam, sowie Antisemitismus.

Was mich ein wenig gestört hat, war, dass die Geschichte einiger Familien im Verlauf des Buchs abreißt und nicht mehr weiterverfolgt wird. Insbesondere der schwarzen Familie und den indianischen Nachfahren der ersten Hauptperson hätte mehr Raum gegeben werden können. Auch fand ich es schade, dass nicht wie in den anderen Büchern Rutherfurds ein Stammbaum der Familien angegeben war – zumindest nicht in meinem Arrow Books-Paperback.

Nichtsdestotrotz habe ich die Lektüre von „New York“ fast so genossen wie die von „London“ (aber nur fast!) Ich habe ständig in die Karten geschaut und bei Wikipedia vieles nachgelesen, Bücher, die mich auf diese Art und Weise fesseln, machen mir besonders viel Spaß. Und die letzten 120 Seiten musste ich in einem Rutsch lesen.

Nicht zuletzt hat Rutherfurd noch etwas geschafft: Zum ersten Mal sage auch ich: Ja, ich will New York irgendwann mal sehen.

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(c) Penguin

Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Einwanderer aus aller Herren Länder, die afroamerikanischen Nachfahren ehemaliger Sklaven und eine wohlhabende Oberschicht, die die ersteren beiden Gruppen nur mit scheinheiliger Faszination wahrnimmt – New York ist ein Schmelztiegel. Stellvertretend für die verschiedenen Bevölkerungsschichten lernen wir drei Familien kennen: eine wohlhabende weiße Familie, in New Rochelle ansässig, eine dreiköpfige jüdische Einwandererfamilie aus Osteuropa sowie Sarah, eine junge Schwarze, mit ihrem Neugeborenen und dessen Vater Coalhouse Walker, ein Ragtime-Pianist. Mehr oder weniger zufällig stellt das Schicksal eine Verbindung zwischen diesen Familien her.

Der Roman des im letzten Jahr verstorbenen Autors E. L. Doctorow wird häufig zu den 100 besten englischsprachigen gezählt. Als historischer Roman mit dem Setting New York im frühen 20. Jahrhundert passt das Buch perfekt in mein Beuteschema und ich war sehr gespannt auf die Lektüre.

Das Buch rechnet mit der Einstellung der höheren New Yorker Gesellschaft gegenüber schlechter Gestellten ab, so wird äußerst zynisch darauf verwiesen, dass Kinder ja von den Arbeitgebern keineswegs diskriminiert würden, nein, sie seien besonders beliebt als Arbeitskräfte. Gleichzeitig übte Armut eine Faszination auf die reiche Bevölkerungsschicht aus:

“ At Palaces in New York and Chicago people gave poverty balls. Guests came dressed in rags and ate from tin platzes and drank from chipped mugs. Ballrooms were decorated to look like mines with beams, iron tracks and miner’s lamps …“ (Seite 34)

Das ist einfach ekelhaft und löst beim Leser eine starke emotionale Reaktion aus.

Was mir außerdem gut gefiel war, dass Doctorow historische Figuren in seine Handlung einbindet, etwa die Schauspielerin Evelyn Nesbitt oder den Zauberkünstler Harry Houdini. Allerdings scheinen die Szenen, in denen diese historischen Persönlichkeiten auftreten, sehr episodenhaft und losgelöst vom Rest der Handlung, Wir erfahren etwas über sie und wie sie den Zeitgeist repräsentieren, doch dann verschwinden sie ohne Weiteres wieder von der Bildfläche. Doctorows fiktive Charaktere bleiben seltsam schemenhaft, das zeigt sich alleine schon daran, dass die meisten von ihnen nicht namentlich genannt werden, es gibt nur „Father“, „Mother“, „Mother’s younger brother“ usw. Die Absicht dahinter ist wohl die Zeichnung dieser Charaktere als Stereotypen der damaligen Gesellschaft. Gleichzeitig bewirkt dies allerdings beim Leser, dass keine wirkliche Verbindung zu den Charakteren hergestellt wird – ihr Schicksal bleibt gleichgültig. Einzig Coalhouse Walker sticht als Persönlichkeit heraus, anhand seiner Erlebnisse erfährt der Leser die fürchterliche Scheinheiligkeit der amerikanischen Gesellschaft gegenüber der schwarzen Bevölkerung, die doch eigentlich dieselben Rechte genießen sollte als die weiße. In der Praxis ist das nicht der Fall: Gerechtigkeit? Nicht für Schwarze. Interessant ist, dass Doctorow die Figur des Coalhouse und seines zum Scheitern verurteilten Kampfes für Gerechtigkeit an die Figur des Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist anlehnt, was sich schon an dem ähnlich klingenden Namen zeigt.

Die ergreifende Geschichte von Coalhouse Walkers ist jedoch nur ein Teil des Buches und kann für mich trotz der bissigen Sozialkritik und des hohen Sprachniveaus nicht die fehlende emotionale Bindung zu den restlichen Charakteren und der übrigen Handlung des Buches wettmachen, weshalb ich dem Buch letztendlich 3,5 von 5 Sternen gebe.

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(c) Audible Studios

Deutscher Titel: Tinkers

Sprecher: Christian Rummel

Dauer: 4 h, 55 min

Ein alter Mann liegt im Sterben, in seinem Zuhause, umgeben von seiner Familie. In seinen letzten Tagen kommen viele Erinnerungen hoch, an seine Jugend, sein Leben und an seinen epilepsiekranken Vater, der noch mit dem Pferd und Wagen als fahrender Händler durch Neuengland zog.

Ich sage es gleich vorweg: Ich hätte dieses Buch nicht als Hörbuch hören dürfen. Nicht, weil der Sprecher so schlecht wäre, sondern weil die Sprache so komplex ist. Die rein erzählerischen Passagen konnte ich gut verfolgen, es ist die Geschichte zweier Leben, von Vater und Sohn, von Glück und Entbehrungen und von der eigenen Sterblichkeit. Eine Geschichte aus dem Leben, wie sie mir gefällt. Dabei verfällt Paul Harding jedoch immer wieder in poetische Beschreibungen von Situationen, die in der Hörversion trotz guter Leistung des Sprechers kaum zu erfassen sind – ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich mehr oder weniger abschaltete. Rübergekommen ist dabei die wirklich wunderschöne Sprache Hardings, den Sinn zu erfassen war mir jedoch kaum möglich. Dennoch habe ich nach einer Weile begriffen, dass es dabei um die besondere Wahrnehmung und den besonderen Bewusstheitszustand ging, den Howard, den Vater der Hauptfigur, vor seinen epileptischen Anfällen ereilt. Insbesondere in diesem Zusammenhang sind die entsprechenden Passagen wirklich einzigartig.

Ich muss mir vornehmen, dieses Buch irgendwann noch einmal in der Printform zu lesen, um es richtig nachvollziehen und wertschätzen zu können. In jedem Fall ist dies kein einfach zu lesendes Buch, es verlangt dem Leser sehr viel ab und kann nicht schnell durchgelesen werden. Mit der Bewertung tue ich mich an dieser Stelle natürlich schwer, ich vergebe 4 Sterne, die bei erneuter Lektüre durchaus noch Potenzial nach oben haben.

Der Sprecher Christian Rummel macht seine Sache wie schon erwähnt gut, hat allerdings einen starken amerikanischen Akzent. Gelegentlich hatte ich Schwierigkeiten, neue Abschnitte zu erkennen.

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(c) Hodder

Deutscher Titel: Winters Knochen

Die sechzehnjährige Ree lebt mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Brüdern in bitterster Armut in den Ozarks von Missouri. Der Vater ist seit geraumer Zeit verschwunden. Früh musste Ree Verantwortung übernehmen, sie führt den Haushalt, beschafft Essbares und erzieht die Brüder, denn ihre seelisch kranke Mutter ist dazu nicht mehr in der Lage. Ree erfährt, dass ihr Vater, der Crystal Meth kocht, das Grundstück und das Haus, in dem die Familie seit Generationen lebt, als Sicherheit für einen Gerichtstermin angegeben hat. Erscheint er nicht zu diesem Termin, ist das Anwesen verloren. Verzweifelt macht sich Ree auf die Suche nach dem Vater.

Man kann sich kaum vorstellen, in welch erbärmlichen und rauen Zuständen Menschen mitten in den USA leben. In den Ozarks hat sich eine durch Elend, Kriminalität und Brutalität gekennzeichnete White-Trash-Kultur herausgebildet, die Daniel Woodrell uns in seinem wohl bekanntesten Roman schonungslos beschreibt. Gewalt und Waffengebrauch sind an der Tagesordnung, auch begabte Kinder wie Ree haben kaum eine Chance, ihrem Schicksal zu entrinnen. Der Autor, der selbst aus den Ozarks kommt, verließ sein Zuhause mit 17, um zur Marine zu gehen. Auch Ree wünscht sich, zur Army gehen zu können, doch wer versorgt dann die Mutter und die Brüder? Die größte Stärke des Buchs ist seine zentrale Figur: Die äußerst erwachsene, verantwortungsbewusste und taffe Jugendliche Ree ist eine der stärksten Romanfiguren, die ich bisher kenne. Doch nicht nur dieser tolle Charakter macht dieses Buch so einmalig, Woodrells Schilderungen sind von einer rohen Intensität, der man sich nicht entziehen kann. Die Sprache ist in den Dialogen natürlich stark geprägt vom Slang der Hillbillys, einzelne Wörter sind selbst mithilfe von Wikipedia und LEO nicht ganz einfach zu verstehen. Dennoch ist das Buch gut und schnell lesbar.

Rees Geschichte hat mich von Anfang bis Ende des relativ kurzen Romans gefesselt. Außerdem trägt dieses Buch dazu bei, uns Europäern Einiges zu erklären, was wir an den USA vielleicht nicht ganz verstehen, etwa, warum die Waffenlobby in den USA so viel Macht hat. Eine unbedingte Leseempfehlung!

P.S. Auch die werksgetreue Verfilmung mit Jennifer Lawrence kann ich wärmstens empfehlen.

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